Verleger sein

Wie ist das eigentlich, Verleger eines Kleinstverlages zu sein?

Zugegeben, das ist möglicherweise nicht gerade eine Frage, die Millionen hinter dem Ofen vorlocken werden, möglicherweise spielt die winzige Detailfrage einer kleinen Branche im großen Weltenplan gar keine Rolle.
Falls es aber doch jemanden interessiert:
Gesine von Prittwitz war so freundlich, mir einige Fragen zum Verlegersein und dem ganzen Drumherum zu stellen. Das Interview findet ihr in ihrem Blog auf SteglitzMind.

Und ein besonderer Dank geht an Barbara Miklaw vom Mirabilis Verlag, die mich für die Reihe vorschlug.

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Verleger sein

Immer auf die Großen

Ich weiß nicht, wie das in anderen Branchen so ist, da ich nur eine sehr aufmerksam verfolge. Aber die Buchbranche befindet sich, folgt man den Aussagen in den üblichen Branchenmagazinen, zumindest in den fast 14 Jahren, die ich sie beobachte, in einem schwerwiegenden Umbruch, Strukturwandel und einem für die Marktteilnehmer permanent zunehmenden Druck.

Wollte man den hyperventilierten BWL-Phrasen folgen, müssten wir inzwischen eigentlich schon Pizza verkaufen oder zumindest doch mit Burnout irgendwo in der Ecke liegen. Man stelle isch das vor: 14 Jahre lang jeden Tag auf Arbeit zu gehen, ohne zu wissen, ob es die eigene Branche morgen noch gibt. Da kann man ja nur verrückt werden.

Inzwischen habe ich ja eh die Überzeugung gewonnen, dass die Wirtschaftswissenschaftler die Rolle der Priesterschaft (im altägyptischen Sinne) übernommen haben. Mit ganz ähnlicher Methodik. Aber das ist ein anderes Feld, mir soll es um etwas anderes gehen.

Richtig ist natürlich, dass der verbreitende Buchhandel heute anders aussieht als vor 30 Jahren. Im Vergleich zur Metamorphose von Bergbaukonzernen, die jetzt Urlaubsreisen verkaufen, finde ich die Branche aber doch recht stabil und Wandel ist ein Kennzeichen der Moderne, wenn nicht überhaupt der ganzen Neuzeit.

Offenbar aber haben die Romantiker ganze Arbeit geleistet und so ist das mittelalterliche Ideal einer gleichbleibenden, unveränderten Weltordnung weiterhin tief verwurzelt. Über jede Veränderung wird geklagt, gejammert, geschimpft oder doch zumindest geseufzt. Und das kommt mir doch zumindest in einer Konsumbranche etwas merkwürdig vor.

Über das merkwürdige Verhalten einiger geschäftsinhabender Buchhändler in der »Umbruchszeit« wird an anderer Stelle zu reden sein*, mir soll es heute um die kognitive Dissonanz der Kunden gehen.

Ganz egal, ob es um den rasanten Filialausbau der Großfilialisten geht (das Umbruchsthema der 90er Jahre und der ersten Jahre nach 2000 – wer meiner Einschätzung von BWLern nicht folgen möchte, lese sich deren Analysen zu dieser Zeit durch und vergleiche sie mit der heutigen Situation. Menschen sollten einfach keine Zukunftsprognosen abgeben…) oder den x-ten Trend zum Versandbuchhandel nebst dessen Monopolisierungstendenz, jedes Mal wird auf die bösen Großen geschimpft.

Thalia mache die kleinen Buchhandlungen kaputt, amazon auch, wenn nicht überhaupt gleich den ganzen Buchhandel. Das ist wohlfeil. Die Großen wollen auch nur spielen, genau so wie alle anderen auch. Aus den verschiedensten Gründen sind sie dabei eben erfolgreicher als andere.

Ignoriert wird dabei nämlich, dass weder Thalia, Hugendubel oder amazon irgendjemanden zerstören – es sind die Kunden, die das tun. Was genau hindert sie denn daran, woanders einzukaufen? Wenn es mir wichtig ist, eine kleine Buchhandlung in der Nähe zu haben, dann kaufe ich da ein. Wenn ich amazon doof finde, lasse ich mein Geld nicht da. Das ist ganz einfach. „Immer auf die Großen“ weiterlesen

Immer auf die Großen

Multi-Tasking

Zum Themenkreis Multi-Tasking, Zeitmanagement und Prokrastination eine kurze Anmerkung des Hausheiligen dieses Blogs, Dr. Kurt Tucholsky:

Da erzählen sich die Leute immer so viel von Organisation (sprich vor lauter Eile: »Orrnisation«). Ich finde das gar nicht so wunderherrlich mit der Orrnisation.
Mir erscheint vielmehr für dieses Gemache bezeichnend, daß die meisten Menschen stets zweierlei Dinge zu gleicher Zeit tun. Wenn einer mit einem spricht, unterschreibt er dabei Briefe. Wenn er Briefe unterschreibt, telefoniert er. Während er telefoniert, dirigiert er mit dem linken Fuß einen Sprit-Konzern (anders sind diese Direktiven auch nicht zu erklären).
Jeder hat vierundfünfzig Ämter. »Sie glauben nicht, was ich alles zu tun habe!« – Ich glaubs auch nicht. Weil das, was sie da formell verrichten, kein Mensch wirklich tun kann. Es ist alles Fassade und dummes Zeug und eine Art Lebensspiel, so wie Kinder Kaufmannsladen spielen. Sie baden in den Formen der Technik, es macht ihnen einen Heidenspaß, das alles zu sagen; zu bedeuten hat es wenig. Sie lassen das Wort ›betriebstechnisch‹ auf der Zunge zergehn, wie ihre Großeltern das Wort ›Nachtigall‹. Die paar vernünftigen Leute, die in Ruhe eine Sache nach der andern erledigen, immer nur eine zu gleicher Zeit, haben viel Erfolg.
Wie ich gelesen habe, wird das vor allem in Amerika so gemacht. Bei uns haben sie einen neuen Typus erfunden: den zappelnden Nichtstuer.

aus: Schnipsel. in: Werke und Briefe: 1932, S. 212. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 8927f. (vgl. Tucholsky-GW Bd. 10, S. 99)


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Multi-Tasking

Ballade über die Unzulänglichkeit des menschlichen Konsumstrebens

Vielleicht gibt es ja in der geneigten Leserschaft ein paar Welterklärer, die mir hier mit einleuchtenden Argumenten weiterhelfen können, bis dahin jedoch verbleibe ich im echauffierten Empörergestus des in seinen Bedürfnissen ignorierten Kunden.

Anläßlich des betrüblichen Nachlassens der Funktionalität meiner Funktionsjacke (an sich eine putzige Sache: Nach einem der zahlreichen Dauerregen der letzten Wochen stellte ich fest, daß die Imprägnierung meiner Jacke hinüber ist und also erneuert werden sollte – als ich dann mit einem Finger an einer Stelle hängenblieb, an der es dafür eigentlich keinen Anlaß gäbe, offenbarten sich mir einige offene Nähte, woraufhin ich die mangelnde Imprägnierung zu einem marginalen Problem zurückstufte) entschloß ich mich, irgendwie die Zeit bis zum Winterschlußverkauf herumzubekommen und dann einen Neuerwerb ernsthaft in Betracht zu ziehen (achja, ich muß nicht erwähnen, daß das Kaufdatum der Jacke exakt 26 Monate zurückliegt, oder?).

Besonders lange muß ich aber wohl nicht warten, denn wie ich feststellen durfte, hat dieser bereits begonnen. Irre ich mich oder rückt der Termin dafür jedes Jahr weiter nach vorn?
Ich meine: Hallo? Eine Woche nach Winterbeginn? Gehts noch?
Meine betriebswirtschaftlichen Kenntnisse im allgemeinen und zur Funktionsweise des Textilhandels im speziellen sind, nun ja, eher knapp. Mir ist es daher schleierhaft, wieso das Sinn macht. Antizyklisches Verhalten war ja eher als Ratschlag an die Finanzpolitik gedacht, aber bitte – wenn es Sinn macht, mitten im Winter Wintersachen zu verramschen habe ich die Handelsspanne wohl bisher falsch eingeschätzt. Seis drum. Krieg ich meine Jacke ja auch billiger.

Was mich aber von Jahr zu Jahr zunehmend ärgert, ist die Tatsache, daß ich Dinge kaufen muß, wenn ich sie nicht brauche, während ich doch annahm, das Erfolgsgeheimnis des Handels läge darin, das zu verkaufen, was die Leute grade brauchen. Habt ihr schon mal versucht, Mitte Januar (also im tiefsten Winter) Winterschuhe für die Kinder zu kaufen, weil die blöderweise grade den ihren entwachsen sind? Vergeßt es.

Und der Knaller ist das Unverständnis im Gesicht einer Verkäuferin, wenn man Mitte August nach Sandaletten fragt. Großartig. Wie kann man nur auf die Idee kommen, bei 30 Grad im Schatten Sandalen kaufen zu wollen, das macht man doch im März beim üblichen Frühlingsregen. Stimmt da mit meinen Synapsen was nicht? Habe ich da eine Fehlfunktion, wenn ich die Assoziation: „Oh, es ist Frühling – ich werde in einem Vierteljahr Sandalen brauchen, let´s go to Gutes Geschäft.“ nicht habe?
Wenn ich die Wachsstumsschübe meiner Kinder nicht exakt in Zeit und Umfang vorhersagen kann, sollte ich dann vielleicht die Supernanny anrufen? Ich frage wirklich: Was soll das?

Allerorten wird darüber geschimpft, daß es bereits im August, spätestens aber im September in sämtlichen Supermärkten und Discountern Weihnachtsgebäck und -schokolade zu kaufen gibt. Aber die gibt es dann wenigstens auch bis Weihnachten. Was die Textilhändler da treiben, ist, das Weihnachtsgebäck im August anzubieten und ab Ende Oktober zu verramschen, so daß pünktlich zum ersten Advent alles alle ist und die Osterhasen ins Regal können.
Warum?
Und was mich noch viel brennender interessiert: Warum funktioniert das? Warum gehen die nicht reihenweise pleite? Stecken die Illuminaten dahinter?
Habe ich da wirklich irgendeinen Denkfehler drin oder ist es tatsächlich abartig, zu erwarten, im Winter Wintersachen kaufen zu können?
Sind die Leute in der DDR vor zwanzig Jahren wirklich auf die Straße gegangen, um jetzt doch wieder alles dann kaufen zu müssen, wenn es denn zufällig grad mal was gibt?

Naja, ich freu mich jedenfalls auf die Bademoden-Kampagne von H&M zu Weihnachten 2020.

Ballade über die Unzulänglichkeit des menschlichen Konsumstrebens

Das Buch zum Sonntag (11)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Karl Marx / Friedrich Engels: Das kommunistische Manifest

In meiner bildungsbürgerlichen Arroganz verweigere ich heute einmal die Autorenvorstellung, einfach annehmend, daß die geneigte Leserschaft die beiden sehr gut einordnen kann.

Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus.

Bis heute einer der bekanntesten Eröffnungssätze. Und ein gerne zitierter dazu – und zwar in so ziemlich allen denkbaren Zusammenhängen. So beginnt das „Manifest der kommunistischen Partei“, erstmals erschienen im Jahr 1848. Das „Manifest“ ist eine politische Kampfschrift. Nicht selten polemisch und nicht ganz ohne leichter Neigung zum Pamphlet.
Aber: Dies alles mit einer ungewöhnlichen analytischen Schärfe und, dies bedingt die Form, einer Prägnanz, die man heute in vergleichbaren Schriften vergeblich sucht.

Warum aber das „Manifest“ heute noch lesen?
Weil es sich lohnt. Weil die Lektüre helfen kann, diese Welt (wieder) klarer zu sehen. In den alltäglichen Nebelwerfern aller Couleur geht eines gerne verloren: Diese so schreckliche Finanzkrise ist kein Unfall, keine Ausgeburt ein paar wildgewordener Spekulanten, kein Grassieren der Gier, kein Heuschreckenbefall. Diese Krise ist Bestandteil des Systems. So logisch, so klar vorherzusagen wie die nächste und wie alle vorher. Das Options- und Derivatenspiel führte auch schon vor knapp 400 Jahren zu einem wunderbaren Crash.
Was den Autoren gelingt, ist, die alltäglichen Nebelschwaden verschwinden zu lassen und klar hervortreten zu lassen, auf welcher Basis unsere Gesellschaft ruht: Auf Geld.
Hören wir mal rein:

Die Bourgeoisie hat in der Geschichte eine höchst revolutionäre Rolle gespielt. Die Bourgeoisie, wo sie zur Herrschaft gekommen, hat alle feudalen, patriarchalischen, idyllischen Verhältnisse zerstört. Sie hat die buntscheckigen Feudalbande, die den Menschen an seinen natürlichen Vorgesetzten knüpften, unbarmherzig zerrissen und kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übriggelassen als das nackte Interesse, als die gefühllose „bare Zahlung“. Sie hat die heiligen Schauer der frommen Schwärmerei, der ritterlichen Begeisterung, der spießbürgerlichen Wehmut in dem eiskalten Wasser egoistischer Berechnung ertränkt. Sie hat die persönliche Würde in den Tauschwert aufgelöst und an die Stelle der zahllosen verbrieften und wohlerworbenen Freiheiten die eine gewissenlose Handelsfreiheit gesetzt.

Ich bitte diese Stelle bei künftigen Äußerungen von Aufsichtsräten, IHK-Präsidenten und FDP-Politikern im Hinterkopf zu behalten.

Ich könnte hier pausenlos zitieren, aber dann wäre der Zweck dieses Blogbeitrages kaum noch erfüllt, daher möchte ich es bei einer Stelle belassen, die vielleicht ganz gut illustriert, daß „Globalisierung“ nur ein neues Etikett für eine schon lange bekannte Entwicklung ist:

Das Bedürfnis nach einem stets ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte jagt die Bourgeoisie über die ganze Erdkugel. Überall muß sie sich einnisten, überall anbauen, überall Verbindungen herstellen.
Die Bourgeoisie hat durch ihre Exploitation des Weltmarkts die Produktion und Konsumption aller Länder kosmopolitisch gestaltet. Sie hat zum großen Bedauern der Reaktionäre den nationalen Boden der Industrie unter den Füßen weggezogen. Die uralten nationalen Industrien sind vernichtet worden und werden noch täglich vernichtet. Sie werden verdrängt durch neue Industrien, deren Einführung eine Lebensfrage für alle zivilisierten Nationen wird, durch Industrien, die nicht mehr einheimische Rohstoffe, sondern den entlegensten Zonen angehörige Rohstoffe verarbeiten und deren Fabrikate nicht nur im Lande selbst, sondern in allen Weltteilen zugleich verbraucht werden.
An die Stelle der alten, durch Landeserzeugnisse befriedigten Bedürfnisse treten neue, welche die Produkte der entferntesten Länder und Klimate zu ihrer Befriedigung erheischen. An die Stelle der alten lokalen und nationalen Selbstgenügsamkeit und Abgeschlossenheit tritt ein allseitiger Verkehr, eine allseitige Abhängigkeit der Nationen voneinander. Und wie in der materiellen, so auch in der geistigen Produktion. Die geistigen Erzeugnisse der einzelnen Nationen werden Gemeingut. Die nationale Einseitigkeit und Beschränktheit wird mehr und mehr unmöglich, und aus den vielen nationalen und lokalen Literaturen bildet sich eine Weltliteratur.
Die Bourgeoisie reißt durch die rasche Verbesserung aller Produktionsinstrumente, durch die unendlich erleichterte Kommunikation alle, auch die barbarischsten Nationen in die Zivilisation. Die wohlfeilen Preise ihrer Waren sind die schwere Artillerie, mit der sie alle chinesischen Mauern in den Grund schießt, mit der sie den hartnäckigsten Fremdenhaß der Barbaren zur Kapitulation zwingt. Sie zwingt alle Nationen, die Produktionsweise der Bourgeoisie sich anzueignen, wenn sie nicht zugrunde gehen wollen; sie zwingt sie, die sogenannte Zivilisation bei sich selbst einzuführen, d.h. Bourgeois zu werden. Mit einem Wort, sie schafft sich eine Welt nach ihrem eigenen Bilde.

Noch Fragen? Marx lesen!

Im Übrigen lohnt sich Marx-Lektüre auch, um sich immer wieder daran zu erinnern, daß die Vorhersage zukünftiger Ereignisse immer Hybris ist. 😉
Als Analyiker des Kapitalismus („Marktwirtschaft“ ist ein Euphemismus und wie gelegentlich angemerkt, versuche ich doch, die Dinge beim Namen zu nennen) schätze ich ihn jedoch sehr. Und im Gegensatz zum „Kapital“ liest sich das „Manifest“ doch ganz hübsch auch mal als Zwischenlektüre.

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Das Buch zum Sonntag (11)

Vive la revolution

In Frankreich, dem europäischen Mutterland der modernen und durchaus auch mordenden Revolution ist mal wieder high life. Die traditionellen Formen des Arbeitskampfes wie Streiks, Betriebsbesetzungen und Großdemonstrationen wurden im Nachbarland in den letzten Jahren ja deutlich erweitert. Geiselnahmen beim Führungspersonal zum Beispiel. Oder eben jetzt neu: Bombendrohungen.
Die Romantiker des proletarischen Kampfes wünschen sich auch hierzulande ein etwas kämpferisches Proletariat, Frau Schwan rechnet sogar mit baldigem Einsetzen der offenen Revolte. Eines allerdings wird dabei gerne vergessen: Die Ergebnisse in Frankreich sind keineswegs besser als die hier erzielten. Noch so große Proteste haben Sarkozys Sozialkürzungen nicht im mindesten verhindert (und man muß hier auch mal deutlich sagen: Wer hat den denn gewählt? Ist ja nicht so, daß er ein Geheimnis aus seinen Plänen gemacht hätte – die weitverbreitete Neigung, Politikern nicht zu glauben, hat auch Nachteile), die Geiselnahmen brachten auch nichts ein – und hüben wie drüben werden Produktionen im selben Ausmaß verlagert. Natürlich sind Generalstreiks im Mehrjahresrhythmus beeindruckender als endlose Tarifverhandlungen mit Schlichtungskommissionen – aber soweit mir bekannt ist, hat trotzdem in Frankreich noch nicht das Paradies Einzug gehalten.
Also, unabhängig davon, daß die Gewerkschaften viele Fehler machen und ihr zurückgehender Einfluß durchaus nicht nur äußere Ursachen hat, es ist keineswegs so, daß lauter Protest zwangsläufig zu besseren Ergebnissen führt. Und den Erfolg sollte man doch an den Ergebnissen messen.
Nichtsdestotrotz sollten wir die Augen offen halten und uns nicht vom Kapital einlullen lassen. Irgendwann ist nämlich mal genug – und eines sollte klar sein: In einem Land, in dem nicht jährlich zum Generalstreik aufgerufen wird, würde ein solcher sehr viel mehr bewirken können. Und nun erteile ich dem Hausheiligen das Wort:

Ruhe und Ordnung

Wenn Millionen arbeiten, ohne zu leben,
wenn Mütter den Kindern nur Milchwasser geben –
das ist Ordnung.
Wenn Werkleute rufen: »Laßt uns ans Licht!
Wer Arbeit stiehlt, der muß vors Gericht!«
Das ist Unordnung.

Wenn Tuberkulöse zur Drehbank rennen,
wenn dreizehn in einer Stube pennen –
das ist Ordnung.
Wenn einer ausbricht mit Gebrüll,
weil er sein Alter sichern will –
das ist Unordnung.

Wenn reiche Erben im schweizer Schnee
jubeln – und sommers am Comer See –
dann herrscht Ruhe.
Wenn Gefahr besteht, daß sich Dinge wandeln,
wenn verboten wird, mit dem Boden zu handeln –
dann herrscht Unordnung.

Die Hauptsache ist: Nicht auf Hungernde hören.
Die Hauptsache ist: Nicht das Straßenbild stören.
Nur nicht schrein.
Mit der Zeit wird das schon.
Alles bringt euch die Evolution.
So hats euer Volksvertreter entdeckt.
Seid ihr bis dahin alle verreckt?
So wird man auf euern Gräbern doch lesen:
sie sind immer ruhig und ordentlich gewesen.

[Ruhe und Ordnung. in: Werke und Briefe: 1925, S. 26. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 3414 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 4, S. 17) (c) Rowohlt Verlag]

Vive la revolution

Die Rede zur aktuellen Krise…

… hält heute der Hausheilige dieses Blogs, Dr. jur. Kurt Tucholsky.

Kapital und Zinsen und Zubehör.
So lassen wir denn unser großes Malheur
nur einen, nur einen entgelten:
Den, der sich nicht mehr wehren kann,
Den Angestellten, den Arbeitsmann;
den Hund, den Moskau verhetzte,
dem nehmen wir nun das Letzte.
Arbeiterblut muß man keltern.
Wir sparen an den Gehältern –
immer runter!

Unsre Inserate sind nur noch ein Hohn.
Was braucht denn auch die deutsche Nation
sich Hemden und Stiefel zu kaufen?
Soll sie doch barfuß laufen!
Wir haben im Schädel nur ein Wort:
Export! Export!

Was braucht ihr eignen Hausstand?
Unsre Kunden wohnen im Ausland!
Für euch gibts keine Waren.
Für euch heißts: sparen! sparen!
Nicht wahr, ein richtiger Kapitalist
hat verdient, als es gut gegangen ist.
Er hat einen guten Magen,
Wir mußten das Risiko tragen . . .
Wir geben das Risiko traurig und schlapp
inzwischen in der Garderobe ab.

Was macht man mit Arbeitermassen?
Entlassen! Entlassen! Entlassen!
Wir haben die Lösung gefunden:
Krieg den eignen Kunden!
Dieweil der deutsche Kapitalist
Gemüt hat und Exportkaufmann ist.
Wußten Sie das nicht schon früher -?
Gott segne die Wirtschaftsverführer!

[Die Lösung. in: Werke und Briefe: 1931, S. 589. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 8568-8569 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 9, S. 269-270) (c) Rowohlt Verlag]

Die Rede zur aktuellen Krise…