Nebellichter

Anläßlich der künstlich aufgeplustertern Aufregung zu Google Streetview machte ich hier einige Anmerkungen zu den Nebelwerfern in der Politik und
ihren willfährigen Gehilfen im Hauptstadt-„Journalismus“.
Nun, es gibt glücklicherweise auch im journalistischen Milieu noch denkende Menschen und einigen von diesen verdanken wir nun diesen kleinen Film, der ein paar Dinge mal wieder ins recht Licht rückt.
Nicht Google mit ein paar Fassadenschnappschüssen, deren Veröffentlichung auch noch widersprochen werden kann, ist unser vorrangiges Problem. Im Namen der ach so bedrohten Sicherheit wurden weit problematischere Datensammlungen in Auftrag gegeben. Von denen abzulenken freilich in Berlin reichlich Grund besteht. Hier also der Film von Alexander Lehmann zu Buugle:

Und noch einmal Pispers, der eine bemerkenswerte Frage stellt:


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Nebellichter

Ausgekocht.

Roland Koch tritt also zurück.
Politik sei nicht sein Leben, läßt er verlauten. Das mag man nun glauben, was schwer fällt, bei jemandem, der seit seinem 14. Lebensjahr politisch tätig ist, oder auch nicht.
Roland Koch war sicher einer der übelsten Figuren im Ensemble der deutschen Politik. Er hat offen gelogen, er hat offen gehetzt und so offen gegen Parteichefin Merkel agiert, wie es eine Intrige nur zuließ.
Ist das aber wirklich so?
Zu dieser Einschätzung kann doch nur gelangen, wer annimmt, in der Politik ginge es um Werte, Überzeugungen oder gar das Wohl des Staates, vielleicht sogar der Gesellschaft. Das halte ich aber für eine Illusion.
Die Karriere eines Politikers ist nur eine der Optionen, die zur Auswahl stehen. Und genau das ist das Problem.
Ich halte es für eine fatale Entwicklung, daß „Politiker sein“ ein Beruf geworden ist. Die ursprüngliche Idee eines Parlamentariers ist die eines Staatsbürgers, der Verantwortung für das Gemeinwesen übernehmen möchte und sich deshalb ehrenamtlich engagiert. Da der Umfang dieses Amtes aber die Ausübung einer anderen Tätigkeit geradezu unmöglich macht, haben die Entschädigungen Höhen erreicht, die in der Tat Anreiz sind.
Das wäre vielleicht noch nicht einmal das Schlechteste. Warum auch nicht? Wieso sollten wir es nicht begrüßen, wenn sich Bürger dieses Staates von Anfang dazu entschließen, ihre ganze Kraft dem Amt des Parlamentariers zu widmen?
Aus einem ganz einfachen Grund: In dem Moment, in dem ein politisches Amt zu einer Option unter vielen wird, zu einer reinen Karriereentscheidung, fällt es auch unter die Bewertungskategorien einer Berufsentscheidung. Es werden also Dinge entscheidend wie Höhe des Gehalts, Aufstiegsmöglichkeiten, persönlicher Aufwand und Gestaltungsmöglichkeiten. Und, mal ganz ehrlich: Besonders gut schneidet die politische Laufbahn bei einem solchen Vergleich nicht ab. Wir dürfen also getrost davon ausgehen, daß nicht die tatkräftigsten, klügsten oder originellsten Köpfe „in die Politik gehen“. Im Gegensatz zur Boulevard-Meinung ist das nämlich keineswegs ein reines Vergnügen. Warum für jede Äußerung in der Öffentlichkeit stehen, wenn man ein Vielfaches des Geldes auch im Stillen erarbeiten kann? Wozu sich auf Kaninchenschauen blicken lassen, wenn man sein Wochenende auch auf La Rochelle verbringen kann? Nein, wer wirklich etwas drauf hat, für den ist die politische Laufbahn wahrlich keine lukrative Option.
Das wäre aber ja noch kein Problem, wenn es eine ausreichende Menge junger Menschen gäbe, die andere Kriterien ansetzten. Die vielleicht wirklich etwas verändern wollen, die die welt nicht so hinnehmen wollen, wie sie ist und denen es um mehr geht als für sich selbst einen angenehm scheinenden Platz zu finden. Nun, die gibt es. Und nicht wenige von ihnen versuchen es tatsächlich, getreu dem Motto: „Rin ins System und von innen uffmischen!„. Die aber kommen entweder nicht durch, geben nach kürzer oder längerer Zeit frustriert vom Kampf gegen Stumpfsinn, kleingeistiger Intrigen und armseligen Machtspielchen auf oder aber übernehmen die Denkkategorien des Apparats. Eines Apparates, der Minister nach Landesverbänden auswählt, eines Apparates, der nur noch als selbstreflexiv zu bezeichnen ist, eines Apparetes, der sich selbst klont. „Ausgekocht.“ weiterlesen

Ausgekocht.

30 Jahre grüner Marsch

Die Grünen feiern ihren 30. Geburtstag. Zeit, mal zu resümieren.
Das Geburtstagsständchen hält heute Erich Mühsam, der seinen Text allerdings seinerzeit der deutschen Sozialdemokratie widmete:

Der Revoluzzer

War einmal ein Revoluzzer,
im Zivilstand Lampenputzer;
ging im Revoluzzerschritt
mit den Revoluzzern mit.

Und er schrie: „Ich revolüzze!“
Und die Revoluzzermütze
schob er auf das linke Ohr,
kam sich höchst gefährlich vor.

Doch die Revoluzzer schritten
mitten in der Straßen Mitten,
wo er sonsten unverdrutzt
alle Gaslaternen putzt.

Sie vom Boden zu entfernen,
rupfte man die Gaslaternen
aus dem Straßenpflaster aus,
zwecks des Barrikadenbaus.

Aber unser Revoluzzer
schrie: „Ich bin der Lampenputzer
dieses guten Leuchtelichts.
Bitte, bitte, tut ihm nichts!

Wenn wir ihn´ das Licht ausdrehen,
kann kein Bürger nichts mehr sehen.
Laßt die Lampen stehn, ich bitt! –
Denn sonst spiel ich nicht mehr mit!“

Doch die Revoluzzer lachten,
und die Gaslaternen krachten,
und der Lampenputzer schlich
fort und weinte bitterlich.

Dann ist er zu Haus geblieben
und hat dort ein Buch geschrieben:
nämlich wie man revoluzzt
und dabei doch Lampen putzt.*

Liebe Grünen, ich gratuliere euch wirklich zum 30. Schon allein, wenn man sich anschaut, wer euch seinerzeit nicht mal den 5. Geburtstag zugestehen wollte. Es gibt Leute, die dürfen einfach nicht Recht behalten, will man nicht allen Glauben an die Welt verlieren.
Aber wenn euch der CDU-Generalsekretär persönlich ein Geschenk bringt und auch noch freundlich begrüßt wird – dann gibt euch das nicht zu denken?
Ihr seid einen verdammt weiten Weg gegangen. Zeit, darüber nachzudenken, ob die Richtung stimmt.

Als Anregung sei noch ein Kommentar des bereits an früherer Stelle empfohlenen Volker Pispers angefügt:

*aus: Mühsam, Erich: Sich fügen heißt lügen. Steidl, Göttingen 2003. S. 34f

30 Jahre grüner Marsch

Gachmurets Kulturwoche: Kabarett

Mit dem heutigen Beitrag eröffne ich offiziell Gachmurets erste Kulturwoche.

Beginnen möchte ich mit einem Kabarettisten:

Kabarett: Volker Pispers

Das politische Kabarett hat es heute schwer. Die mächtige Präsenz, gerade im Fernsehen, die ihm noch bis weit in die neunziger Jahre zugebilligt wurde, hat es verloren.
Nicht zuletzt die mit „RTL Samstag-Nacht“ und dem „Quatsch Comedy-Club“ ausgelöste Comedy-Welle, deren Protagonisten sich nicht selten an US-amerikanischen Vorbildern orientieren, scheint die Verantwortlichen davon überzeugt zu haben, daß das politische Kabarett in seiner bekannten Form nicht mehr zeitgemäß sei.

Doch zu diesem Thema an anderer Stelle mehr.

Heute möchte ich auf jemanden verweisen, der in seiner Arbeit zeigt, daß klassisches politisches Kabarett immer noch auf der Höhe der Zeit sein kann – es muß nur gut gemacht werden. Es braucht weiterhin klare Positionen, gestochene Formulierungen und pointierte, bissige Texte.
Ich nahm an, dies sei heute nicht mehr zu finden, doch Volker Pispers hat mir den Glauben an das politische Kabarett zurück gegeben.
Sein Programm erfüllt alle Kriterien, die es zu erfüllen gilt. Er führt die Absurditäten, die Gedankenlosigkeit, die Unsinnigkeiten, die Fehler, die Scheinheiligkeit der politischen Entscheider unerbittlich vor Augen, schärft beim geneigten Publikum den Blick und hilft so in der alltäglichen Berieselung wach und aufmerksam zu bleiben.

Hingehen!

Ansehen!

Gachmurets Kulturwoche: Kabarett