Gachmuret feat. Der Hausheilige – live und aus der Dose

Es ist mal wieder an der Zeit für eine kultische Handlung, wie sie einer anständigen Heiligenverehrung gebührt.
Nach einigen öffentlichen Zeremonien im vergangenen Jahr wird es in diesem Jahr nun etwas größer.
Damit es der geneigten Jünger-, ähem, Leserschaft künftighin leichter fällt, der täglichen Erbauung wegen Texte des Hausheiligen wahrzunehmen*, habe ich einen Tonträger herstellen lassen, der nunmehr gegen einen kleinen Unkostenbeitrag zu erwerben ist.
Und diese große Tat soll nun freilich auch angemessen gefeiert werden, zu welchem Behufe es gelang, die Leipziger Filiale des Informationshändlers lehmanns media zu einem zeitweiligen Tempel umbauen zu lassen.
Dies soll geschehen am 08. September 2011 ab 20:15 Uhr. Wie es sich für eine Zeremonie, die etwas auf sich hält und zudem Massen bewegen und erreichen möchte, wird es Speis und (alkoholischen) Trank geben.
Karten können hier erworben werden und wer nicht weiß, wo sich der Ort des Geschehens befindet, dem sei mit dieser Karte weitergeholfen:

Und natürlich ist es auch möglich, die CD bereits im Vorfeld zu erwerben (zum Beispiel für Missionszwecke), sei es vor Ort, sei es bei lehmanns.de (mit Hörproben!), einem anderen Buchhändler des Vertrauens oder dem Alleshändler mit dem a.
Wer gerne in Eigenitiative für ein volles Haus sorgen möchte, sei herzlichst eingeladen, dieses Plakat auszudrucken und an geeigneten Stellen aufzuhängen – oder auf sonstige Weise zu verbreiten. Es soll da ja heutzutage ganz erstaunliche Möglichkeiten geben.

Ich freue mich auf jeden Zuhörenden und jede Zuhörende. Machen wir uns einen schönen Abend.

*Und natürlich, um die notwendigen finanziellen Ressourcen für den Aufbau einer funktionierenden Organisation zu sammeln.

Gachmuret feat. Der Hausheilige – live und aus der Dose

Das Buch zum Sonntag (6)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich dem geneigten Lesepublikum zur Lektüre:

Douglas Adams: Per Anhalter durch die Galaxis

Diese „vierbändige Trilogie in fünf Teilen“ gehört zu den einflußreichsten Werken des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts. Ursprünglich verfasst als Hörspielreihe für die BBC überarbeitete Adams (1952-2001) das Original fürs Fernsehen, als Roman und zuletzt auch fürs Kino (auch wenn er, und das merkt man dem Ergebnis an, diese wegen seines plötzlichen Todes nicht beenden konnte). Dabei gibt es immer wieder Abweichungen. Gleichbleibend ist allerdings die Grundkonstruktion: Die Erde wird von einem vogonischen Bautrupp zwecks Bau einer Hyperraum-Umgehungsstraße gesprengt und der Protagonist der Romane, Arthur Dent (dessen Haus in diesem Moment einer Umgehungsstraße auf Erden weichen soll…), samt dessen Freund Ford Prefect entkommen in letzter Minute.
Vollkommen überfordert mit der Tatsache, daß außerirdisches Leben nicht nur existiert, sondern überhaupt das einzige noch existierende Leben im Universum darstellt, bekommt Arthur einen Reiseführer in die Hand gedrückt, über dessen Beschaffenheit ich mal aus dem Buch zitiere:

Wahrscheinlich das bemerkenswerteste Buch, das die großen Verlage von Ursa Minor je herausbrachten – von denen ebenfalls kein Erdenmensch je etwas gehört hat.
Und dieses Buch ist nicht nur außerordenlich bemerkenswert, es ist auch außerordentlich erfolgreich – populärer als Der Himmlische Heimschützer-Almnanach, es verkauft sich besser als Dreiundfünfzig neue Sachen, die man bei Schwerelosigkeit machen kann und ist streitlustiger als Oolon Coluphids drei philosophische Bombenerfolge, Wo Gott sich irrte, Noch ein paar von Gottes größten Fehlern und Wer ist denn dieser Gott überhaupt?
In vielen der etwas lässigeren Zivilisationen am äußersten Ostrand der Galaxis hat der Reiseführer Per Anhalter durch die Galaxis die große Encyclopedia Galactica als Standard-Nachschlagewerk für alle Kenntnisse und Weisheiten inzwischen längst abgelöst. Denn obwohl er viele Lücken hat und viele Dinge enthält, die sehr zweifelhaft oder zumindest wahnsinnig ungenau sind, ist er dem älteren und viel langatmigeren Werk in zweierlei Hinsicht überlegen.
Erstens ist er ein bißchen billiger, und zweitens stehen auf seinem Umschlag in großen, freundlichen Buchstaben die Worte KEINE PANIK.

(S. 14 der Gesamtausgabe 2006).

dem aufmerksamen Leser wird nicht entgangen sein: Es geht in Wirklichkeit gar nicht um Außerirdische, es geht um die absurde Welt der Menschen, deren Unwichtigkeit in Anbetracht der Galaxis übrigens Arthur Dent auch regelmäßig um die Ohren gehauen bekommt.
Diese Pentalogie sprüht vor geistreichen Einfällen und bitterbösen satirischen Rundumschlägen, wie ich sie bisher nur aus britischer Erzähltradition kenne. Adams hat zudem einige derart grandiose Figuren geschaffen, daß es wirklich ein Genuß ist, ihnen durch die 5 Bücher zu folgen.

Allerdings, und dies möchte ich abschließend anmerken, verändert sich der Ton zusehends, insbesondere die beiden letzten Bände (die ja auch ergänzend zur eigentlich abgeschlossenen Trilogie erschienen) lassen die geistreich-spritzige Erzählweise der ersten drei Teile zurücktreten und entwerfen ein deutlich düsteres Bild.

Doch das letzte Wort möge Herr Adams haben:

Es ist eine bedeutende und allgemein verbreitete Tatsache, daß die Dinge nicht immer das sind, was sie zu sein scheinen. Zum Beispiel waren die Menschen auf dem Planeten Erde immer der Meinung, sie seien intelligenter als die Delphine, weil sie so vieles zustandegebracht hatten – das Rad, New York, Kriege und so weiter, während die Delphine doch nichts weiter taten, als im Wasser herumzutoben und sich´s wohl sein zu lassen. Aber umgekehrt waren auch die Delphine der Meinung, sie seien intelligenter als die Menschen, und zwar aus genau den gleichen Gründen.
Komischerweise wußten die Delphine schon lange vorher von der drohenden Zerstörung der Erde und hatten viele Versuche unternommen, die Menschheit auf die Gefahr aufmerksam zu machen, doch wurden die meisten ihrer Botschaften als amüsante Versuche mißdeutet, einen Fußball mit dem Kopf zu treffen oder nach irgendwelchen Leckereien zu pfeifen, so daß sie es schließlich aufgaben und die Erde, kurz bevor die Vogonen kamen, auf ihre ganz persönliche Art und Weise verließen. Die allerletzte Botschaft der Delphine wurde als der erstaunlich kunstfertige Versuch mißverstanden, einen doppelten Salto rückwärts durch einen Reifen zu vollführen und dabei „Heil dir im Siegerkranz“ zu flöten; in Wirklichkeit aber lautete die Botschaft: Macht´s gut und danke für den vielen Fisch.

(S. 129)

Das Buch ist als einbändige Gesamtausgabe bei Zweitausendeins lieferbar.*

Wer an meiner Aussage über die Relevanz der Pentalogie zweifelt, möge folgende Links probieren…

http://tinyurl.com/o6g4z4
http://tinyurl.com/5a593n

Es gäbe noch ein paar andere Dinge, aber ich möchte hier nicht spoilern. 😉

*Heyne hat es nicht geschafft, die Bücher als Reihe ins VLB einzupflegen, was die Suche etwas mühselig macht – und ein sinnvolles Verlinken nahezu unmöglich. 😉
Die Bücher heißen im einzelnen:

Per Anhalter durch die Galaxis
Das Restaurant am Ende des Universums
Das Leben, das Universum und der ganze Rest
Macht´s gut und Danke für den Fisch
Einmal Rupert und zurück

Das Buch zum Sonntag (6)

Gachmurets Kulturwoche: Fernsehshow

Das ganze Fernsehen ist von nichtssagenden, plappernden Idioten besetzt, die den ganzen Tag nur über die korrekte wahl von Kleidungsstücken oder Sexualpartnern reden.
Das ganze Fernsehen? Nein! Einige von unbeugsamen Mitarbeitern bevölkerte Sendungen hören nicht auf, der Verdummungsmaschinerie Widerstand zu leisten.
Um eine dieser Sendungen soll es heute gehen: The Daily Show.

THE SHOW YOU ARE ABOUT
TO WATCH IS A NEWS PARODY.
ITS STORIES ARE NOT FACT
CHECKED. ITS REPORTERS ARE
NOT JOURNALISTS. AND ITS
OPINIONS ARE NOT FULLY
THOUGHT THROUGH.

So ist es vor Beginn einer jeden Sendung zu lesen. Und doch kommt eine US-amerikanische Untersuchung zu dem Ergebnis, die Zuschauer dieser Sendung seien besser informiert als die Konsumenten sämtlicher Nachrichtenmagazine.
Das ist natürlich zum einen dadurch erklärbar, daß Zuschauer politischer Satiresendungen im Schnitt als politikaffiner angesehen werden dürften als andere. Zum anderen liegt es aber natürlich auch an der Sendung selbst.
Ich schrieb gestern über Volker Pispers als Vertreter des hiesigen klassischen politischen Kabaretts. Jon Stewart zeigt, wie es auch gehen kann. Seine Sendung, die bereits unglaubliche 13 Jahre läuft, nimmt mit derselben Akribie und derselben Schärfe Politiker und, ein klarer Schwerpunkt, ihre medialen Helfer („Journalisten“) aufs Korn. Freilich, mit einem ganz anderen Tempo und in einer ganz anderen Form. Aber: Deswegen nicht seichter, nicht weniger hinterfragend, nicht weniger scharf.
Beide Konzepte nebeneinander zeigen aus meiner Sicht sehr schön, daß die gewählte Methode, das Format, die Ausdrucksform recht wenig über die Relevanz einer kulturellen Leistung aussagt.
Doch dazu morgen mehr.
Die Show gibt es in zwei Ausgaben. Beide sind im Internet frei abrufbar.
Zum einen die originale amerikanische Show, die tatsächlich täglich läuft und zum anderen eine „Global Edition“, die für den Rest der Welt zusammengeschnitten wird. Die Original-Show geht, naturgemäß, sehr ins Detail. Wem also die aktuellen Ereignisse in den USA nicht detailliert vertraut sind, dem sei zur „Global Edition“ geraten. Diese läuft, dann auch untertitelt, inzwischen auf dem unsäglichen Sendeplatz Mo., 0:40 auf Comedy Central (als ich die Show entdeckte, lief sie sonntags gegen 22:00 – das ging noch).

Das Original.
Die Ausgabe für den Rest der Welt.
Zum Nachlesen.

Gachmurets Kulturwoche: Fernsehshow

Gachmurets Kulturwoche: Kabarett

Mit dem heutigen Beitrag eröffne ich offiziell Gachmurets erste Kulturwoche.

Beginnen möchte ich mit einem Kabarettisten:

Kabarett: Volker Pispers

Das politische Kabarett hat es heute schwer. Die mächtige Präsenz, gerade im Fernsehen, die ihm noch bis weit in die neunziger Jahre zugebilligt wurde, hat es verloren.
Nicht zuletzt die mit „RTL Samstag-Nacht“ und dem „Quatsch Comedy-Club“ ausgelöste Comedy-Welle, deren Protagonisten sich nicht selten an US-amerikanischen Vorbildern orientieren, scheint die Verantwortlichen davon überzeugt zu haben, daß das politische Kabarett in seiner bekannten Form nicht mehr zeitgemäß sei.

Doch zu diesem Thema an anderer Stelle mehr.

Heute möchte ich auf jemanden verweisen, der in seiner Arbeit zeigt, daß klassisches politisches Kabarett immer noch auf der Höhe der Zeit sein kann – es muß nur gut gemacht werden. Es braucht weiterhin klare Positionen, gestochene Formulierungen und pointierte, bissige Texte.
Ich nahm an, dies sei heute nicht mehr zu finden, doch Volker Pispers hat mir den Glauben an das politische Kabarett zurück gegeben.
Sein Programm erfüllt alle Kriterien, die es zu erfüllen gilt. Er führt die Absurditäten, die Gedankenlosigkeit, die Unsinnigkeiten, die Fehler, die Scheinheiligkeit der politischen Entscheider unerbittlich vor Augen, schärft beim geneigten Publikum den Blick und hilft so in der alltäglichen Berieselung wach und aufmerksam zu bleiben.

Hingehen!

Ansehen!

Gachmurets Kulturwoche: Kabarett

Das Buch zum Sonntag (2)

Für die morgen beginnende Woche möchte ich eines meiner erklärten Lieblingsbücher empfehlen, eines, das bei der berühmten Was-würden-Sie-auf-eine-einsame-Insel-mitnehmen-Frage ganz weit oben auf der Liste steht.

William Goldman: Die Brautprinzessin.

Goldman ist von Hause aus Drehbuchautor (2 Oscars, einer für „Butch Cassidy and Sundance Kid“ und einer für „All the President´s Men“) und hat diesen Roman 1973 veröffentlicht.
Die Geschichte der Brautprinzessin ist eingebettet in eine Rahmengeschichte, in der Goldman von einer offenbarenden Literaturerfahrung aus seiner Kindheit berichtet. Als zehnjähriger Junge liegt er krank im Bett und dort liest ihm sein Vater ein Buch vor. Mit dem Effekt, daß der 10jährige, der sich bisher im wesentlichen für Baseball und vergleichbar populäre Sportarten interessierte, von nun an ein Buch nach dem anderen verschlang.
Inzwischen selbst Vater eines 10jährigen Jungen möchte er diese Erfahrung weitergeben und schenkt seinem Sohn zu dessen 10. Geburtstag „Die Brautprinzessin“. Sein Sohn jedoch legt das Buch im zweiten Kapitel weg. Goldman, der den Text ja nie selbst gelesen hat, ist verständnislos und beschließt, das Buch selbst zu lesen. An dieser Stelle möchte ich mal zitieren:

Ich schlug die Titelseite auf, was komisch war, denn ich hatte es noch nie getan; es war immer mein Vater gewesen, der das Buch in der Hand hatte. Ich mußte lachen, als ich den vollen Titel sah, denn da stand:

DIE BRAUTPRINZESSIN
S. Morgensterns
klassische Erzählung von
wahrer Liebe
und edlen Abenteuern

Einen, der sein eigenes Buch klassisch nannte, noch bevor es erschienen war und irgendwer es hatte lesen können, mußte man schon bewundern.[…] Je mehr ich weiterblätterte, desto mehr wurde mir klar: Morgenstern schrieb gar kein Kinderbuch, er schrieb eine Art satirische Geschichte seines Landes und des Verfalls der Monarchie in der westlichen Zivilisation.
Aber mein Vater hatte mir nur die Kolportage vorgelesen, die spannenden Teile. Um die ernsthaften Teile hatte er sich überhaupt nie gekümmert.

(S. 32f.)

Damit hätten wir also die Ausgangssituation. Goldman beschließt, eine Ausgabe der „spannenden Teile“ zu erstellen. Und die liegt dem geneigten Leser nun vor.
Was jetzt folgt, ist eines der köstlichsten Werke, die ich je gelesen habe. Es ist, natürlich, vordergründig eine klassische Liebes- und Abenteuergeschichte, mit allem was dazugehört („Fechten. Ringkämpfe. Folter. Gift. Wahre Liebe. Haß. Rache. Riesen. Jäger. Böse Menschen. Gute Menschen. Bildschöne Damen. Schlangen. Spinnen. Wilde Tiere jeder Art und in mannigfaltigster Beschreibung. Schmerzen. Tod. Tapfere Männer. Feige Männer. Bärenstarke Männer. Verfolgungsjagden. Entkommen. Lügen. Wahrheiten. Leidenschaften. Wunder.“ (S.12)), aber es ist gleichzeitig ein Spiel mit den Erwartungen des Lesepublikums, voller ironischer Brechungen und permanenter Irreführung des Lesers.
Ich kann dies guten Gewissens hier verraten, ohne zu spoilern – denn ich bin sicher, ihr werdet genauso hereinfallen.

Eine letzte Stelle, für mich persönlich eine der wichtigsten, einer der Gründe, warum ich dieses Buch meinen Kindern zu Lesen geben werde, möchte ich noch zitieren. Goldman erzählt in einem seiner Kommentare als Editor von einer Begegnung mit Edith Neisser.

Und ich weiß noch, einmal, wie wir kalten Tee auf ihrer Veranda tranken, und direkt vor der Veranda war ihr Badminton-Platz, und ich sah zu, wie ein paar Jungen spielten, und Ed hatte mich eben eingekoffert, und als ich vom Platz ging, zu der Veranda, da sagte er, „mach dir nichts draus, das gleicht sich schon noch aus, nächstesmal kriegst du mich klein“, und ich nickte, und dann sagte Ed, „und wenn nicht, dann schlägst du mich eben in irgendwas sonst.“
Ich ging auf die Veranda und trank kalten Tee, und Edith las so ein Buch, das sie gar nicht weglegte, als sie sagt, „das stimmt nicht notwendig, weißt du“. Ich sagte, „wie meinen Sie das?“
Und jetzt erst legte sie ihr Buch hin. Und sah mich an. Und sprach es aus: „Das Leben ist nicht gerecht, Bill. Wir erzählen unseren Kindern, daß es gerecht ist, aber das ist eine Gemeinheit. Es ist nicht bloß eine Lüge, es ist eine grausame Lüge. Das Leben ist nicht gerecht, ist es nie gewesen und wird es nie sein.“

(S. 213f.)

lieferbare Ausgaben:

http://bit.ly/1wPZjdz

P.S.: Das Hörbuch mit Bela B. ist ebenfalls zu empfehlen. 😉

Das Buch zum Sonntag (2)