Entscheidend ist auf´m Platz

Mal wieder eine Volksabstimmung. Mal wieder entschied vox populi anders als das Parlament. Haben die Hamburger es „denen da oben“ mal wieder gezeigt. Wobei bei der Sozialstruktur der Initiatoren und besonders der Abstimmenden die Frage erlaubt sein darf, ob es sich im Falle Hamburg nicht eher um eine Abwehrbewegung derer „da oben“ handelt.
Aber dies nur nebenbei. Mit geht es um etwas anders. Weshalb ich auch kein Wort darüber verlieren möchte, daß es ernstzunehmende Hinweise gibt, den Selektionswahn des deutschen Schulystems fragwürdig zu finden. Des weiteren werde ich auch nichts dazu sagen, wie bemerkenswert viele Menschen entschiedene Aussagen zum Bildungssystem geben mit der einzigen Expertise, selbst einmal Schüler gewesen zu sein. Und ein Thema, zu dem ich nun wirklich nichts sagen werde, ist die Frage, ob eine sechsjähige Primarschule besser ist als eine Selektion von 10jährigen oder ob die Hauptschule abgeschafft gehört und ob es nun besser sein könnte, ein ein-, zwei- oder dreigliedriges Schulsystem zu haben. Selbst die Frage nach integrativen Schulmodellen oder nach Ganztagskonzepten berühre ich bestenfalls am Rande.
Ganz kurz möchte ich aber darauf verweisen, daß es recht sinnvoll sein könnte, einmal darüber nachzudenken, worin eigentlich das Ziel schulischer Bildung bestehen soll. Eine Schule, die brave, gehorsame Erfüllungsgehilfen hervorbringen soll, sieht selbstverständlich anders aus als eine Schule, die selbständige, kritische und kreative Menschen ausbilden will.
Meist steht im Bildungsauftrag für die Schulen etwas in dieser Art. Ich freue mich über jede Wortmeldung aus der geneigten Leserschaft, die beinhaltet, eine Schule zu kennen, die einen solchen Bildungsauftrag erkennen läßt.
Doch wie gesagt, dazu kein Wort.
Denn das sind alles Nebenschauplätze. Hervorragend geeignet für Pressekonferenzen, Profilneurosen oder emotionale Wahlkämpfe („Die Kinder, die Kinder!“).

Entscheidend aber ist auf´m Platz. Was in diesem Falle meint: Im Klassenzimmer.

Es gibt die verschiedensten Erklärungen dafür, warum unsere Schulbildung schlecht ist (uneins ist man sich ja, worin genau die mangelnde Qualität besteht, aber schlecht ist sie wohl auf jeden Fall). Und so wird denn auch trefflich darüber gestritten, welche Stellschrauben des Systems anders justiert werden müssten, wer wo wieviele Jahre und wieviele Unterrichtsstunden in welchen Unterrichtsfächern mit welcher Wichtung zueinander mit welcher Anzahl von Klausuren und Leistungskontrollen bei welchem Umfang von Hausaufgaben „beschult“ wird.
Es gibt kein treffenderes Wort für das tiefsitzende Problem unserer Schulbildung als den administrativen Ausdruck dafür, was IN der Schule geschieht: Dort werden Kinder „beschult“ (deshalb gibt es übrigens auch kein Streikrecht für Schüler – strukturell gesehen wäre das in etwa so als würde der Leisten beim Schuhmacher streiken, weil er nicht bespannt werden möchte oder der Käse im Supermarkt, weil er nicht gelagert oder verkauft werden will). Das öffentliche Nachdenken über Schule endet spätestens an der Tür zum Klassenzimmer, was bizarr ist, weil Schule da überhaupt erst beginnt, wirksam zu werden. Die Frage, ob Schüler etwas lernen und was sie lernen entscheidet sich nirgendwo sonst. Wenn daran also etwas geändert werden soll, dann hilft nur ein Blick in den Unterricht selbst und auf diejenigen, die diesen Unterricht gestalten. Dann müsste auch darüber nachgedacht werden, wie die Lehrenden eigentlich aus- und weitergebildet werden und ob sie überhaupt in der Lage sind, dem umfangreichen Bildungsbegriff, der einer modernen Schule zu Grunde liegt, zu erfassen und umzusetzen.
Die zu beobachtenden Lernerfahrungen von Schülern legen den Verdacht nahe, daß dem eher nicht so ist. Das ist auch nicht weiter überraschend, begünstigt die Lehrerausbildung ja auch eher Menschen, die in der Lage sind, administrative Anweisungen präzise umzusetzen – und eben keinen Schritt davon abweichen, geschweige denn darüber hinausgehen (es würde jetzt endlos werden und ich bin da emotional vorbelastet, aber vielleicht hilft hier ja auch die eigene Erinnerung an die Stunden, in denen mehr oder weniger nervöse Studenten vorne an der Tafel waren und unter dem gestrengen Blick der Fachdidakterin hinten in der letzten Reihe versuchten, eine Stunde zu gestalten: Seid versichert, es geht überhaupt nicht darum, ob die Stundengestaltung Sinn macht, welche methodischen Erwägungen gemacht wurden und ob die Schüler dabei etwas lernen, nein, wichtig ist das Schema und dessen Umsetzung. Funktioniert hat das ganze dann, wenn „die Klasse“ nicht unruhig wurde und brav die im Konzept vorgesehenen Antworten liefert – vielleicht erinnert sich der eine oder andere auch noch an die innigen Bitten der Klassenlehrer(in) im Vorfeld, bitte nett zu sein und mitzuarbeiten…)

Die pädagogische Freiheit der Lehrenden ist ein hohes Gut und sie ist eine wunderbare Idee. Sie hilft aber rein gar nichts, wenn die Lehrenden gar nicht in der Lage sind, diese Freiheit auch zu nutzen, sondern sie stattdessen als Abwehrbollwerk nutzen, um lästige Eltern oder lästige Kollegen abzuwehren, die sie mit methodischen Vorschlägen behelligen.
Hierzu mal kurz den Hausheiligen:

Laß dir von keinem Fachmann imponieren, der dir erzählt: »Lieber Freund, das mache ich schon seit zwanzig Jahren so!« – Man kann eine Sache auch zwanzig Jahre lang falsch machen.

*

Was im Übrigen dann besonders dramatisch wird, wenn man überlegt, daß die erfolgreichsten Schulen ausgerechnet die sind, die sich auf ein schlüssiges pädagogisches Gesamtkonzept geeinigt haben (also Schulen wie diese oder jene). Schulen also, die Lehrenden wie Lernenden Freiräume lassen, gleichzeitig aber klare, erkennbare Rahmen setzen. Wenig ist dem Lernen unzuträglicher als Unberechenbarkeit. Wenn alle 45 Minuten eine vollkommene Neuorientierung stattfinden muß, weil urplötzlich wieder ganz andere Dinge wichtig sind, ganz andere Regeln gelten, ein völlig anderer Umgang miteinander herrscht, so ist das nicht eben der ideale Nährboden für gutes Lernen (man denke nur mal an das eigene Lernen und die Ritualisierung der dazugehörigen Vorgänge und Situationen).
Ein solches Vorgehen freilich läßt sich weder auf ein paar griffige Fromeln reduzieren, noch wäre es zu popularisieren (das ginge nur, wäre das Interesse der Eltern tatsächlich so weit gehend und würde nicht bei „Da mußt Du eben lernen/zuhören/aufpassen“ enden), geschweige denn gäbe es einfache Antworten. Es wäre harte, intensive, tägliche Arbeit.

Nein, da wird lieber noch ein neues Schulstrukturkonzept entworfen und heiß diskutiert, anstatt endlich den Schulen den Raum, die Ruhe und das Personal zu geben, die sie bräuchten, um wirklich gut zu werden.

Wirklich traurig ist aber, daß das alles schon längst bekannt ist. Die Bildungskommission NRW hat in ihrem Bericht auf all diese Punkte bereits 1995 hingewiesen. Und sie hat weiterhin Recht. Es bedürfte eines Systemwandels, eines völlig anderen Herangehens an Bildung – ein paar kosmetische Operationen, und das ist alles, was seither in der Schulpolitik passiert, bringen uns nicht weiter.

*aus: Schnipsel. in: Werke und Briefe: 1932, S. 95. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 8811 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 10, S. 49)

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Entscheidend ist auf´m Platz

"Das Kind erfasst und begreift nur, was es sieht."

Mir fällt es sehr schwer, Kinderbücher einzuschätzen.
Die meisten überzeugen mich einfach nicht. Da aber gleichzeitig nicht davon auszugehen ist, daß gefühlte 99% aller Kinderbücher schlicht nicht zu gebrauchen sind, halte ich es für wahrscheinlicher, daß mir da einfach der Zugang fehlt. Daher verlasse ich mich stets auf das Urteil kompetenter KollegInnen und die Bibliothek der Kinder wird liebevoll von ihrer Mutter betreut.
Gleichzeitig versuche ich meinen Kindern zu vermitteln, daß Bücher keine sakralen Gegenstände sind, die nur sonntags mit weißen Handschuhen zu berühren sind, sondern durchaus benutzt werden dürfen (zu den Ausnahmen kommen wir dann später, bis dahin werde ich zum Beispiel diesen Messestand wohl weiterhin allein besuchen ;)).
Nun, beim Aufräumen heute fiel mir nun eine Diogenes-Ausgabe des Struwwelpeter in die Hand, in der auch ein Nachwort des Autors, das dieser im Jahr 1876 anläßlich der 100. Auflage verfaßte, abgedruckt wurde.
Gegen den Struwwelpeter ist sicherlich einiges vorzubringen und das ist ja bereits umfänglich geschehen. Den Anspruch aber, den Heinrich Hoffmann im Nachwort formuliert, halte ich für weiterhin gültig.
Schauen wir doch mal rein:

Trotzdem hat man den Struwwelpeter aber auch großer Sünden beschuldigt, denselben gar als zu märchenhaft, die Bilder als fratzenhaft oft herb genug getadelt. Da hieß es: „Das Buch verdirbt mit seinen Fratzen das ästhetische Gefühl des Kindes.“ Nun gut, so erziehe man die Säuglinge in Gemäldegalerien oder in Kabinetten mit antiken Gipsabrücken! Aber man muss dann auch verhüten, dass das Kind sich selbst nicht kleine menschliche Figuren aus zwei Kreisen und vier geraden Linien in der bekannten Weise zeichne und glücklicher dabei ist, als wenn man ihm den Laokoon zeigt. – Das Buch soll ja märchenhafte, grausige, übertriebene Vorstellungen hervorrufen! Das Kind ist aber nur das Volk, und schwerlich werden diese Erzieher die Geschichte vom Rotkäppchen, das der Wolf verschluckte, vom Schneewittchen, das die böse Stiefmutter vergiftete, aus dem Volksbewusstsein und aus der Kinderstube vertilgen.
Mit der absoluten Wahrheit, mit algebraischen oder geometrischen Sätzen rührt man aber keine Kinderseele, sondern lässt sie elend verkümmern. – Und wie viele Wunder umgeben denn nicht auch den Erwachsenen, selbst den nüchternsten Naturforscher! Dem Kinde ist ja alles noch wunderbar, was es schaut und hört, und im Verhältnis zum immer noch Unerklärten ist überhaupt die Masse des Erkannten doch auch nicht so gewaltig. Der Verstand wird sich sein Recht schon verschaffen, und der Mensch ist glücklich, der sich einen Teil des Kindersinnes aus seinen ersten Dämmerungsjahren in das Leben hinüber zu retten verstand.

Dies sei auch all jenen ins Stammbuch geschrieben, die leichtfertig all die bunten, schrillen, grellen (fratzenhaften? ;)) Comics und Mangas verdammen.
Vielleicht ist es eben gerade die Übertreibung, die Überzeichnung, die besonders eindrücklich wirkt und eben gerade deshalb die größten Lerneffekte erzielt. Die Werbung hat das schon lange verstanden und gute Infographiken erfüllen Hoffmanns im Titel zitierte Forderung nach Anschaulichkeit par excellence.
Irgendwie bin ich gerade sehr gespannt, was meine Tochter aus ihren ersten Schulstunden zu berichten weiß.

Zu einem ganz ähnlichen Schluß kam übrigens der Hausheilige in seinen Betrachtungen zum Wesen der Satire, womit ich diesen Beitrag denn auch schließen möchte:

Übertreibt die Satire? Die Satire muß übertreiben und ist ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht. Sie bläst die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird, und sie kann gar nicht anders arbeiten als nach dem Bibelwort: Es leiden die Gerechten mit den Ungerechten.

aus: Was darf die Satire? in: Werke und Briefe: 1919, S. 84. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 1194 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 2, S. 43)

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"Das Kind erfasst und begreift nur, was es sieht."

Forever young.

Meine Tochter wird in Kürze eingeschult. Das ist ein großer Schritt, zumindest für ihre Eltern.
Zu den üblichen Initiationsritualen für Eltern gehört in solchem Zusammenhang der Einführungselternabend. Solch ein Elternabend ist eine wichtige Sache und ich bin mir sicher, es wird auf Jahre hinaus der bestbesuchte Elternabend sein, an dem ich teilnehme. Dementsprechend gut gefüllt war denn auch der Versammlungsraum, in dem sich die aus Kindergarten-, Spielplatz- oder sonstigen Zusammenhängen bereits vertrauten Eltern nach peer-groups sortiert platzierten.
Faszinierend war aber, was danach geschah. Wahrscheinlich gibt es in den Wänden und Möbeln der Schule energetische Strömungen geben, vielleicht schwirren auch noch die Geister einstiger mit redundanten Schreibübungen und Moralpredigten anläßlich ungespitzter Bleistifte gequälter Schüler dort herum, möglicherweise gibt es auch einfach eine Wasserader, auf jeden Fall verwandelten sich die noch vor der Eingangstür prinzipiell als „erwachsen“ zu bezeichnenenden Gäste nach Betreten des Schulgebäudes unmittelbar in aufgekratzte Grundschüler.
Es spielten sich dramatische Szenen am Tisch der ausliegenden Klassenlisten (doch, natürlich ist es wichtig, ob das Kind in die 1a, b, c oder d kommt, insbesondere, wenn man die Lehrer noch überhaupt nicht kennt und die Liste sich nicht verändert, wenn man 5 Minuten später darauf schaut, aber Menschen sind ja immer sehr aktiv, wenn es um Dinge geht, die gar nicht mehr zu ändern sind) und der Raum, in dem die bahnbrechenden Informationen zum Schulbeginn mitgeteilt werden sollten, war von jenem typischen Geräuschgemisch angefüllt, wie es nur durch präpubertäres Gekicher und Getuschel entsteht.
Ich weiß nicht, ob Lehrer einfach nicht anders können oder ob unser Verhalten keine andere Reaktion ermöglichte, jedenfalls verging der Abend in einer wunderbaren Show typischen (Grundschul-)lehrerverhaltens mit allem, was das Herz begehrt: Das vereinnahmende „wir“ fehlte ebenso wenig wie die erhobene Stimme oder, mein Liebling, die Sprechpause samt ernerviertem Blick in die Klasse, ähm, Runde.
Andererseits: Warum eine erfolgreiche Strategie wechseln? Und in der Tat, der bunte Haufen, der bereits nach 20 Minuten schon kaum noch aufnahmefähig war, ließ sich mit den bewährten Techniken auch einigermaßen kontrollieren, was freilich nicht vor Fragen bewahrte, die ganz offensichtlich machten, daß das Publikum weder willens noch fähig war, den Ausführungen zu folgen. Ich möchte die geneigte Leserschaft nicht mit Deails belasten, aber es wurde tatsächlich ausschließlich nach Dingen gefragt, die gerade eben erst erklärt wurden. Es dürfte also kaum verwundern, daß die Lehrerende mit meiner Anmerkung, das freundliche Angebot der Schule bei der örtlichen Buchhandlung bestellen lassen unter Hinweis auf meine Berufstätigkeit im verbreitenden Buchhandlung, abzulehnen und daher eine Mitnahme des Bücherzettels zur Verwendung der dort verzeichneten bibliographischen Angaben für eine eigene Bestellung zu erbeten, intellektuell zunächst überfordert war. Als sie kurze Zeit später verstand, was ich meinte, unter Hinweis auf die hohen Temperaturen um Verzeihung bat und sich erbot, nach Ende der Veranstaltung eine Photokopie anzufertigen, hatte ich die ISBN und Kurztitel bereits weitgehend in mein Notizbuch übertragen.
Ich fand es höchst bemerkenswert, daß die anwesenden Eltern nicht in der Lage waren, 45 Minuten einfach mal zuzuhören. Offenbar reicht dafür die Aufnahmefähigkeit nicht, was jedenfalls an Nebengesprächen zu beobachten war, machte schlagartig klar, warum es Handyverbote und erzwungene Sitzordnungen gibt.Mit anderen Worten: Wahrscheinlich werden wir zu den ganz wenigen Deppen gehören, die sich an die dringende Bitte, wegen des beschränkten Platzes mit nicht mehr als 4 Personen zur offiziellen Schuleingangsfeier aufzutauchen, halten werden.
Die einzige Frage, die ich noch nicht geklärt habe, ist, ob ich es schlimmer finden soll, wie ein Grundschüler behandelt worden zu sein oder die Tatsache, daß diese Methoden funktionierten (insbesondere dieser Trick mit der Sprechpause – es war sofort Ruhe und die Köpfe senkten schuldbewußt Richtung Tischplatte, also, bis zum nächsten Mal natürlich).

Den Hausheiligen habe ich in letzter Zeit sträflich wenig zu Wort kommen lassen. Dafür soll er heute einmal ausführlich zu Wort kommen. Inspiriert zu dieser Auswahl hat mich der, nennen wir es freundlich, tendenziöse Vortrag der stellvertretenden Schulleiterin zur Frage, ob Ethik oder Religion gewählt wird, der im Wesentlichen darin bestand, die Vorzüge des Ethikunterrichts, dessen Lehrinhalte und all die unüberwindlichen organisatorischen Schwierigkeiten, die mit der Wahl eines Religionsfaches verbunden wären, aufzuzählen – freilich nicht ohne ihre eigene Abneigung gegen jeglichen Glauben zum Ausdruck zu bringen (was ich für höchst problematisch halte, denn gerade in der Ethik geht es weit weniger darum, ob die diversen großen Erzählungen in einem wissenschaftlichen Sinne stimmen, sondern doch wohl eher darum, was sie für das Handeln und Zusammenleben bedeuten). Jedenfalls erinnerte mich die von unverhohlener Verachtung geprägten Äußerungen daran, einmal zu überlegen, inwieweit eigentlich der behauptete gesellschaftliche Wandel der letzten 20 Jahre tatsächlich in der Schule angekommen ist (die geneigte Leserschaft weiß schon: Respekt anderen Weltanschauungen gegenüber und so). Ganz ähnliche Fragen stellte sich auch der Hausheilige.

Die Schule

Wer die Schule hat, hat das Land.
Aber wer hat die bei uns in der Hand!

Du hörst schon von weitem die Schüler
schnarchen.
Da sitzen noch immer die alten Scholarchen,
die alten Pauker mit blinden Brillen,
sie bändigen und töten den Schülerwillen.
Und lesen noch immer die alte Fibel
und lehren noch immer den alten Stiebel:

Wie in den alten Zeiten die wichtigen Schlachten
die großen Völkerentscheidungen brachten,
wie die Fürsten und die Söldnerlanzen
den großen blutigen Contre tanzen,
und ohne die heilige Monarchie
sei die Hölle auf Erden – und schließlich, wie
die Völker nur eigentlich Statisten seien.
Man müßte ihnen die Dumpfheit verzeihen.
Könnten eben nichts weiter dafür . . .

Und sie lernen vom Kupfercyanür.
Und von den braven Kohlehydraten.
Und von den beiden Koordinaten.
Und von der Verbindung mit dem Chrome.

Lernen auch allerhand fremde Idiome.
Ut regiert den Konjunktiv.
Polichinelle ist ein Diminutiv.
Und was so dergleichen an Stoff und an Wissen.

Himmelherrgott! ist die Schule beschmissen!
Seelenmord und Seelenraub!
Unter die Kruste von grauem Staub
drang auch kein Luftzug der neuen Zeit.
Der alte Schulrat im alten Kleid.
Wundert euch nicht! Was kommt aus dem Haus
schließlich nach Oberprima heraus?

Ein nationalistischer langer Lümmel.
Gut genug für den Ämterschimmel.
Gut genug für die alten Karrieren –
als ob die heute noch notwendig wären!

Türen auf und Fenster auf!
Lege deine Hand darauf,
lieber Herr Haenisch, und zeige den Jungen,
wie die alten Griechen sungen –
aber ohne die Philologie
und ohne die Kriegervereinsmelodie!

Wer die Jugend hat, hat das Land.
Unsre Kinder wachsen uns aus der Hand.
Und eh wir uns recht umgesehn,
im Handumdrehn,
sind durch die Schulen im Süden und Norden
aus ihnen rechte Spießbürger geworden.

aus: Werke und Briefe: 1919, S. 288-290. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 1398-1400 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 2, S. 131-132) (c) Rowohlt Verlag

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Forever young.

Hasen sind nicht süß.

Menschen sind seltsam.
In Vechta findet heute ein Prozeß statt, der, zumindest auf den ersten Blick, äußerst skurill wirkt. Eine Lehrerin klagt gegen eine 14jährige Schülerin mit dem Ziel, ihr zu verbieten, Hasen an die Tafel zu malen.
Offenbar leidet die Pädagogin unter einer Hasenphobie. Nicht nur vor real existierenden Hasen, sondern auch vor deren Abbildern oder sogar dem Wort „Hase“. Nach Berichten von Schülern bekommt sie schon bei der Erwähnung des Möhrenfans einen Tobsuchtsanfall oder verläßt fluchtartig den Raum.
Neben der Frage, was die gute Frau eigentlich Ostern macht, bewegen mich da einige andere Dinge. Zum einen wäre mal zu klären, ob da nicht eine Therapie hilfreich wäre, sollte es sich tatsächlich um eine Phobie handeln. Im oben verlinkten Spiegel-Online-Artikel klingt ja bereits an, daß es nicht nur in Hasensituationen schwierig zu sein scheint, mit der guten Frau klar zu kommen.

Der andere Punkt, der mir wirklich nicht in den Kopf will, ist die Klage. Was soll das? Was will sie damit erreichen? Und überhaupt, was ist denn das für eine Art, Konflikte zu lösen?
Zum einen macht die Klage in der Sache überhaupt keinen Sinn. Den Prozeß in Vechta nehmen sämtliche Medien wahr. Von der Aufmerksamkeit vor Ort gar nicht erst zu reden. Mit der Klage wird also eine breite Öffentlichkeit davon informiert, wie die Lehrerin auf Hasen reagiert. Verbieten will sie der Schülerin aber, über genau diese Reaktion zu berichten. Das wird ihr nicht schwer fallen, wenn es ja nun eh jeder weiß.
Mich erinnert das an den seltsamen Prozeß des Herrn Singer, der meinte, gegen eine von Schülern gestaltete Ausstellung in Reichenbach vorzugehen, wo sein Name als der Klarname des IM „Schubert“ genannt wird. Der Prozeß hatte nur einen einzigen Effekt: Nun weiß es wirklich jeder. Was vermutlich nicht passiert wäre, hätte er es bei der Nennung auf einer Tafel irgendwo innerhalb einer Ausstellung im Rathaus belassen. Dieses absurde Verhalten will mir nicht in den Kopf.
Für die Lehrerin hat dieser Prozeß nun die Folge, daß es geradezu egal ist, wo und wen sie in Zukunft unterrichten wird: Ihr Ruf eilt ihr voraus. Kontraproduktiver konnte sie gar nicht handeln.

Unabhängig von diesem Unsinn des Prozesses an sich stellt diese Klage eine umfangreiche pädagogische Bankrotterklärung dar. Selbst wenn sie unter einer solchen Phobie leidet, was noch zu klären wäre, die Psyche geht manchmal seltsame Wege und ich möchte nicht ausschließen, daß hinter ihrem Verhalten etwas ganz anderes steckt, sollte ihr jahrelanges Pädagogik-Studium ihr Methoden an die Hand gegeben haben, mit entsprechendem Schülerverhalten innerhalb der Schule umzugehen oder ihr aber zumindest ermöglichen, durch die unabdingbare Reflexion des eigenen Handelns (diese Reflexion ist Bestandteil des professionellen Verhaltens eines Lehrers, das lernt man schon im Grundstudium) zu erkennen, daß sie in ihrer momentanen Verfassung nicht in der Lage ist, ihren Beruf auszuüben.

Ich möchte damit nicht in Abrede stellen, daß es sehr schwer, geradezu unerträglich sein kann, wenn Schülerinnen und Schüler sich einen Spaß daraus machen, bekannte Schwächen des Lehrenden ausnutzen, um ihn oder sie bloßzustellen. Das ist es. Und solches Verhalten ist auch nicht einfach hinzunehmen.
Aber die eigenen Schüler zu verklagen, weil sie „Hase“ sagen, ist eine reine Selbstdisqualifikation.

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Hasen sind nicht süß.