Fundstück (1)

Heute gefunden:

Wir stehen vor einem Deutschland voll unerhörter Korruption, voll Schiebern und Schleichern, voll dreimalhunderttausend Teufeln, von denen jeder das Recht in Anspruch nimmt, für seine schwarze Person von der Revolution unangetastet zu bleiben. Wir meinen aber ihn und grade ihn und nur ihn.
Und wir haben die Möglichkeit, zu wählen: bekämpfen wir ihn mit der Liebe, bekämpfen wir ihn mit Haß? Wir wollen kämpfen mit Haß aus Liebe. Mit Haß gegen jeden Burschen, der sich erkühnt hat, das Blut seiner Landsleute zu trinken, wie man Wein trinkt, um damit auf seine Gesundheit und die seiner Freunde anzustoßen. Mit Haß gegen einen Klüngel, dem übermäßig erraffter Besitz und das Elend der Heimarbeiter gottgewollt erscheint, der von erkauften Professoren beweisen läßt, dass dem so sein muß, und der auf gebeugten Rücken vegetierender Menschen freundliche Idyllen feiert. Wir kämpfen allerdings mit Haß. Aber wir kämpfen aus Liebe für die Unterdrückten, die nicht immer notwendigerweise Proletarier sein müssen, und wir lieben in den Menschen den Gedanken an die Menschheit.

Aus dem möglicherweise stärksten Text des Hausheiligen, der unbedingt und in Gänze zur Lektüre empfohlen sei: »Wir Negativen« (1919).

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Fundstück (1)

Die schönen Feindbilder

Meine Kindheitssozialisation fand in der DDR statt, deren Ende ziemlich genau mit dem Ende jener Entwicklungsphase zusammenfiel. Eine kritische Auseinandersetzung mit dem existierenden Arbeiter- und Bauernstaat fand für mich daher nicht statt. Was aber nicht weiter dramatisch ist, ich hätte wohl kaum historische Wissenschaften studiert, wäre ich davon überzeugt, man könne nur aus dem eigenen (Er-)Leben wichtige Erkenntnisse ziehen.
Sehr wohl aber wirken einige Dinge nach, wie das bei Kindheitserlebnissen ja häufiger der Fall ist. So habe ich zum Beispiel einen durchaus romantischen Hang zu revolutionären Bewegungen. Wer gegen das System ist (egal welches, Hauptsache System, ein reiner Tyrannenmord umd Kalif anstelle des Kalifen zu werden, langweilt nur und entbehrt außerdem jeglichen revolutionären Flairs), hat erstmal meine Sympathien.
Unglücklicherweise aber scheinen nur wenige Revolutionäre sich intensiv mit den Erkenntnissen der historischen Disziplinen zu beschäftigen – was verständlich ist, so ein Revolutionärsalltag ist ja reichlich gefüllt mit Gedanken über die künftige Ordnung der Welt und wie diese zu erreichen sei, da bleibt kaum Zeit, sich mit längst überwundenen Systemen zu beschäftigen (siehe hierzu das maßgebliche Werk zum Thema) – so wiederholen sich denn auch immer wieder dieselben Muster. Und am Ende ist dann doch meist einfach nur jemand Kalif anstelle des Kalifen. Aber darüber wollte ich gar nicht schreiben, die Revolutionsmetapher kam mir wahrscheinlich auch eher wegen aktueller Ereignisse anderswo in den Sinn. Denn Revoluzzer sind die Kollegen von Anonymous ja wohl kaum, die es für eine gute Idee hielten, Herrn Uhls Website zu übernehmen.
Jean-Paul Sartre wird der Satz Wer die Dummköpfe gegen sich hat, verdient Vertrauen. zugeschrieben* und dem stimme ich durchaus zu. Allein, ich frage mich doch ernsthaft: Kinners, was soll das? „Die schönen Feindbilder“ weiterlesen

Die schönen Feindbilder

Äh, Gypten?

Die Welt konnte in den letzten Tagen und Wochen wieder einmal von Ägypten lernen. Das kommt in der Weltgeschichte immer mal wieder vor, dieses Mal wurde unter anderem ein für alle Mal die Frage „Wofür soll denn dieses Facebook gut sein, ist das nicht nur so eine Spielerei für computersüchtige Exhbitionisten?“ ins Abseits und in Hollywood drehen die Autoren vermutlich gerade frei, weil die Ideen zu „The Social Network 2“ gerade derart sprudeln, daß das Rothaargebirge vor Neid grün wird.
Mubarak ist nun also zurückgetreten und geflohen. Wie sich das für einen Diktator gehört, dahin, wo es schön ist. Auch wenn ich nicht ausschließen möchte, daß er das Hotel nochmal wechselt, glaube ich alles in allem aber, daß unterkommen wird.
Betrachtet man die hiesigen Reaktionen, scheint Ägypten so etwas wie das Gelobte Land geworden zu sein. Das war früher anders, da mußte man um jeden Preis aus Ägypten fliehen, um ins Gelobte Land zu gelangen (insofern verständlich, daß eben dort die Reaktionen etwas verhaltener sind)*. Ich mag ein Schwarzseher, Defaitist oder eine sonstige Spaßbremse sein: Aber kann mir ganz kurz jemand erklären, wieso es jetzt ein zu bejubelnder Durchbruch für Freiheit, Selbstbestimmung und Demokratie ist, wenn Ägypten jetzt von einer Militärregierung beherrscht wird?
Und es sei darauf hingewiesen, welche Freunde unserer Ordnung noch so alles jubeln. Die Offiziellen des Iran haben sich bereits sehr zeitig auf die Seite der Demonstranten gestellt (hier mal ganz kurz Küppersbusch, der aufzeigt, daß Werte an sich gar nichts Wert sind: „Ich bringe es bei aller „Selbstbestimmung“ nicht übers Herz, das Mullahregime Irans toll zu finden“), weil nämlich der Mubarak ja ein Freund des bösen Amerikas ist und nun das ägyptische Volk sich das endlich nicht mehr bieten lassen wolle. Ganz ähnliche Motive dürften wohl die gestern in Jubelfeiern in Gaza zusammengekommen Hamas-Fans haben, auch wenn die in ihrer Mubarak-Bewertung die Prioritäten eher auf den Israel- und, was wahrscheinlich noch schlimmer ist, Abbas-Freund legen.
Womit wir bei dem Grund wären, der mich derzeit wenig in die Jubelei hierzulande einstimmen läßt (den Ägyptern sei ihr Jubel gegönnt, ihnen ist dort wirklich etwas Großartiges gelungen). Es ist doch überhaupt nicht absehbar, was aus deser Revolution wird. Das wiederum könnten die Ägypter sehr gut von der Weltgeschichte lernen. Keine Gesellschaftsänderung ohne Konzept. Und nichts gegen die Idee, Mubarak loszuwerden, aber „Mubarak muß weg.“ ist kein Konzept (so wie „Hussein muß weg“ auch keines ist, aber das ist ein anderes Thema) – denn jetzt ist er weg und wir kommen zur vielleicht welthistorisch bedeutendsten Frage: „Und nu?“
Dem Sturm auf die Bastille folgten solche Freunde der Meinungsfreiheit wie Saint-Just und Robespierre, der Vertreibung Pahlavis der allsets beliebte ARD-Zuschauer Chomeini und ob die den Sturz der DDR-Regierung auslösende Bürgerrechtsbewegung nun tatsächlich Helmut Kohl als Erfüllung ihrer Sehnsüchte sah, wage ich zumindest in Frage zu stellen.
Die Lage in Ägypten ist derzeit noch viel zu unentschieden, um als Außenstehender tatsächlich schon Freude daran empfinden zu können. Was, wenn die Militärs Gefallen am Bestimmen finden (und berufsbedingt besteht da ganz ernsthafte Gefahr)***? Was, wenn die Islamisten mobilisieren, einen Gottesstaat an der Grenze Israels errichten und uns der Nahe Osten (und dann wahrscheinlich nicht nur der) endgültg um die Ohren fliegt? Oder was, wenn sich einfach ein neuer Kollege findet, der möglicherweise die Unterdrückung besser beherrscht? Sprich: Wenn eben die Leute zum Zuge kommen, die ein Konzept haben? So, wie das zu allen Zeiten stets und immer der Fall war, weil Herrschaft immer eine zugrunde liegende Idee braucht?
Hat sich irgendjemand der Jubelnden hier mal die Mühe gemacht, wenigstens ganz kurz die jüngere ägyptische zu rekapitulieren? Daß Nasser als Mitglied eines Offiziersclubs nach dem Sturz des Königs an die Macht kam, diese an einen Kollegen weitergab, woraufhin ein munteres Herrschermorden einsetzte, an dessen bisherigem Ende Mubarak steht? Es gleichzeitig nicht den geringsten Hinweis darauf gibt, daß das ausgerechnet jetzt anders werden soll?

Ich möchte hier nicht mißverstanden werden: Die Demonstranten des Tahrir-Platzes sind zu bewundern und zu beglückwünschen für ihre beeindruckende Leistung, für ihren Mut und für ihre Besonnenheit, allen Provokationen zum Trotz nicht zur Gewalt zu greifen. Und sie haben allen Grund und alles Recht, sich zu feiern.
Doch trotzdem war das erst der leichtere Teil der Aufgabe. Wenn in Ägypten wirklich eine andere Art der Herrschaft aufgebaut werden soll, dann beginnt die wahre Arbeit erst jetzt.
Und für uns hier, die wir bequem von zu Hause beobachteten und mit Hilfe von „Gefällt mir“ und #jan25 uns Revolutionärsattitüden anbastelten, sollte statt Freude Sorge vorherrschen. Denn was dort in Ägypten geschehen wird, ist noch lange nicht ausgemacht und ob es den Ägyptern, ihren Nachbarn und dem Rest der Welt nachher wirklich besser gehen wird, steht bestenfalls in den Sternen.


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Ja, ich weiß, daß das andere Ursachen hat, aber dann funktioniert der Witz nicht.
**Ganz unabhängig davon, daß dieses Muster derart oft vorkam, daß wir schon von einem Regelfall ausgehen dürfen.

Äh, Gypten?

Das Buch zum Sonntag (33)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Nikolai Bucharin: Das letzte Wort des Verurteilten am 12. März 1938

Mein Bild von Bucharin ist im Wesentlichen geprägt von Ilja Ehrenburg, der in seinen Memoiren ein warmes Bild dieses Revolutionärs zeichnet (was nicht zuletzt wohl auch darin begründet liegt, daß für Ehrenburg, der nie im engeren Sinne revolutionär tätig war, Bucharin den Revolutionär verkörperte, der er wohl gerne gewesen wäre – aber das führt jetzt zu weit). Nun bin ich keine 14 mehr und inzwischen durchaus in der Lage, Quellen kritisch zu hinterfragen. Aber eine emotionale Grundsympathie für diese letztlich tragische Gestalt der sowjetischen Revolution bleibt.
Die Biographie Bucharins, insbesondere aber sein Verhältnis zu Stalin, kann als exemplarisch gelten für die Methode der Unberechenbarkeit, der Willkürlichkeit, die Stalin anhaftete. Jenem gelang es ganz hervorragend, die Rolle des guten und weisen Zaren zu spielen, der nur durch schlechte Berater davon abgehalten wird, allen die Glückseligkeit zu bringen. Dies zeigt sich immer wieder an den Briefen, die Stalin insbesodnere von alten Weggenossen geschickt wurden. Ich halte jedoch eine gezielte Zermürbungstaktik, ein bewußtes Hinhalten – kurz: ein durchaus überlegtes Verhalten, geführt von einem Gespür für Machterhalt für sehr viel wahrscheinlicher. Aber auch das führt hier zu weit.
Bucharin gehörte zur ganz alten Garde der Bolschewiki, nahm bereits an der Revolution von 1905 teil und zählte zu den zentralen Figuren der zwanziger Jahre. Er fiel bei Stalin Ende der zwanziger Jahre in Ungnade und wurde in den folgenden Jahren immer wieder von Posten entfernt, um daraufhin woanders wieder eingesetzt zu werden – Bucharins unverbrüchlichen Ethos des Revolutionärs, der sich immer der großen Sache verpflichtet sieht, ausnutzend.
Im Rahmen der Stalinschen Säuberung wurde auch Bucharin schließlich angeklagt – und im Rahmen der Moskauer Schauprozesse zum Tode verurteilt.
Seine Rede nun ist ein großartiges Dokument, in dem er noch einmal brilliert mit intellektueller Schärfe, mit böser Ironie – er vollbringt hier das Kunststück, Stalin und dessen Handlanger zu entlarven, ohne aber offen Kritik zu üben.
Ganz im Gegenteil, er erkennt das Urteil vollkommen an, gesteht die Taten ein, derer er beschuldigt wurde – und führt dann aus, warum das alles an den Haaren herbeigezogen sein muß. Das ist ganz großes Kino (und zeigt übrigens die fatale Logik des revolutionären Ethos, sobald die Revolution vorbei ist: Die entscheidende Prämisse einer jeden Revolution ist, daß die revolutionäre Bewegung unbedingt richtig ist und alles, was zur Erreichung dieses Ziels notwendig ist, umgesetzt werden muß, egal, welche Opfer dafür nötig sind und ob man persönlich deren Sinn erkennt. Mit dieser Methode lassen sich Umwälzungen herbeiführen – aber einen Staat auf einer permanenten Revolution aufzubauen, muß zwangsläufig zu fundamentalistischer Repression führen. Denn es braucht ja stets jemanden, der zu bekämpfen ist. Aber das führt mal wieder zu weit.)*
Aber lassen wir einmal Bucharin selbst reden. Nachdem er also sich in allen Punkten schuldig bekannt hat, geht er nun Stück für Stück alle Aussagen der Mitangeklagten und Zeugen durch:

Iwanow. Über seine Aussagen muß ich überhaupt folgendes sagen. Die entsprechenden Personen, die in der Vergangenheit mit der Ochrana verbunden waren, sagen aus, daß sie aus Furcht vor einer Entlarvung beschlossen haben, den Kampf gegen die Sowjetmacht zu führen, und deswegen zu den Rechten gingen, zur illegalen Organisation, sich auf den Terror orientierte. Aber wo ist da die Logik? Eine ausgezeichnete Logik, aus Furcht vor einer möglichen Entlarvung in eine terroristische Organisation zu gehen, wo man morgen schon erwischt werden kann. Man kann sich das schwer vorstellen. Ich wenigstens kann mir das nicht vorstellen. Aber der Bürger Staatsanwalt hat ihnen geglaubt, obwohl all dies offenbar nicht überzeugend klingt.
Chodshajew behauptet, daß ich ihm geraten habe, mit dem englischen Residenten in Verbindung zu treten, und Ikramow sagt, daß ich ihm erklärt hätte, Turkestan stelle einen Leckerbissen für England dar. In Wirklichkeit war die Sache durchaus nicht so. Chodshajew sagte ich, daß man die Widersprüche zwischen den imperialistischen Mächten ausnützen muß, und ich unterstützte andeutungsweise den Gedanken der Unabhängigkeit Turkestans. Über irgendwelche Residenten fiel kein einziges Wort. Der Bürger Staatlicher Ankläger fragte – aber haben Sie Chodshajew gesehen? Ich habe ihn gesehen. War das in Taschkent? Das war in Taschkent. Sprachen Sie mit ihm von Politik? Von Politik. Also haben Sie mit ihm vom Residenten gesprochen. Solche Schlußfolgerungen figurierten nicht nur einmal, aber wenn ich gegen solche Schlußfolgerungen protestierte, dann beschuldigte mich der Bürger Staatsanwalt, daß ich die Unwahrheit sage, Finten machte, die Wahrheit zu verheimlichen wünsche usw., und er wurde von einer ganzen Reihe meiner Mitangeklagten unterstützt. Aber mir scheint, daß in diesem Fall die wirkliche Logik vollkommen auf meiner Seite ist.

Lieferbar ist derzeit keine Ausgabe, aber es gibt noch Restposten und gebrauchte Exemplare

dieser Ausgabe,

die mit einem Essay von Stefan Reinecke ergänzt wurde. Das scheint mir besonders für diejenigen unter der geneigten Leserschaft sinnvoll, die nicht mit allen Details der sowjetischen Poltikgeschichte dieser Zeit vertraut sind.

*diese Überlegungen gehören zu einem meiner bevorzugten Themenkreise, der Frage nämlich, wie Menschen im vollen Glauben daran, das Gute und Richtige zu tun, ganz katastrophal Falsches tun. Wobei auch hier zu beachten ist, daß Bucharin vollkommen klar war, wer hier wirklich verantwortlich ist. Nach dem Tode Stalins fand man in dessen Schreibtisch einen Brief Bucharins, den er nach der Verurteilung schrieb und der mit den Worten beginnt: „Koba, wozu brauchst Du meinen Tod?“

Das Buch zum Sonntag (33)