Jedes Jahr auf Neue, bei geradezu jedem mehr oder weniger akzeptierten Anlasstag aufs Neue bricht es heraus:
Der [bitte passenden, individuell abgelehnten Tag einsetzen] ist doch nur eine Erfindung der [passende Branche ergänzen]-Industrie! Entweder, der/die/das bedeutet einem das ganze Jahr über etwas oder so ein Tag ist auch unnütz.

So wie @eimerchen hier wieder anlässlich des VerliebtenFeiertages:

@eimerchen bei TwitterIch hoffe nur all jene, die das empört rufen und begeistert beklatschen, finden dann auch konsequenter Weise »Schlaflos in Seattle« mal total doof (die hätten sich ja auch an jedem anderen Tag in New York treffen können), ebenso wie Dickens Weihnachtsgeschichte (Scrooge ist ja nicht nur Weihnachten ein Arsch, also warum gerade dann?) oder sonstige anlassbezogene Kunstwerke.

Wobei ich dem öffentlich verordneten Gutfinden ja gar nicht das Wort reden möchte, es sei hier nur mit dem Hausheiligen einmal an einen bedenkenswerten Aspekt erinnert, auch wenn dieser ihn im Zusammenhang mit einem anderen Anlasstag äußerte:

Nach dem Kalender fühlen . . . Aber habt ihr einmal geliebt . . . ? Die Damen sehen in ihren Schoß, und die Herren lächeln so unmerklich, daß ich von meiner Kanzel her Mühe habe, es zu erkennen. Also ihr habt geliebt, und ihr – ich sehe keinen an – liebt noch. Nun, ihr Herren, und wenn sie Geburstag hat? Nun, ihr Herren, und wenn der Tag auf dem Kalender steht, an dem ihr sie zum erstenmal geküßt habt –? Nun?
Was im ganzen Jahr künstlich oder zufällig zurückgedämmt war – er bricht – wenns eine richtige Liebe ist – elementar an solchem Tage hervor aus tiefen Quellen. Der Tag, dieser dumme Tag, der doch gleich allen anderen sein sollte, ist geheiligt und festlich und feierlich und freundlich – und ihr denkt und fühlt: sie – und nur sie. Nach dem Kalender… ?
Nicht nach dem Kalender. Ihr tragt alle den Kalender in euch. Es ist ja nicht das Datum oder die bewußte Empfindung, heute müsse man nun . . .
Es ist, wenn ihr überhaupt wißt, was ein Festtag ist, was Weihnachten ist: euer Herz.
[…]
Grüßt, ihr Herren, die Damen, küßt ihnen leise die Hand (bitte in meinem Auftrag) und sagt ihnen, man könne sogar seine Gefühle nach dem Kalender regeln: zum Geburtstag, zum Gedenktag – und zu Weihnachten.

Aber man muß welche haben.

Eben: Man muss welche haben. Und ich wüsste nicht, warum die nicht auch mal am 14.02. hervorbrechen sollten.


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aus: Gefühle nach dem Kalender. in: Werke und Briefe: 1919. Tucholsky: Werke, Briefe, Materialien, S. 1638-40 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 2, S. 230-231) (c) Rowohlt Verlag http://www.digitale-bibliothek.de/band15.htm

De Amore.

Zum intellektuellen Duktus gehört unbedingt das sich als Bescheidenheit tarnende Selbstlob.
Schreibt ein Autor also einen „Versuch über die zweckmäßige Einrichtung des Gemeinwesens“, so meint er eigentlich: „Ich habe den Stein der Weisen gefunden und lasse mich nun herab, euch mal zu erklären, wie das mit dem Staate zu laufen hat, damit das funktioniert. Aber auf mich hört ja keiner.“
Zu großer Meisterschaft brachte dies übrigens olle Cicero, dessen Reden derart von Egomanie strotzen, daß es ein Wunder bleibt, wie Rom ohne ihn nur je existieren konnte. Allerdings verwendet er derart geschickte rhetorische Kniffe, daß es schon geübte Zuhörer braucht, um nicht von ihm eingenommen zu sein.*
Den Titel einer eigenen Publikation also defensiv zu wählen, in dem man Begriffe wie „Versuch über…“, „Einige Gedanken über…“, „Überlegungen zu…“ oder eben einfach lateinisch „De …“ verwendet, soll also die Bescheidenheit des Autors gegenüber seinem Gegenstand zum Ausdruck bringen und ihn natürlich vor böser Kritik schützen (warn ja nur so ein paar Gedanken). Das bedeutet aber eben nicht zwangsläufig, daß der Autor auch tatsächlich seinen Beitrag zur Geistesgeschichte so niedrig einschätzt. 😉
Wie in diesem Lichte also Header des Blogs und Titel des heutigen Beitrages einzuschätzen sind, überlasse ich der geneigten Leserschaft.
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De Amore.