20 Jahre: In memoriam Frank Böttcher

Am 8. Februar starb Frank Böttcher, nachdem er am Abend zuvor den Fehler begang, als Punk in Magdeburg-Olvenstedt an einer Straßenbahnhaltestelle zu stehen.

Das ist heute 20 Jahre her. 20 Jahre – das sind mehr Jahre als Frank Böttcher zu leben erlaubt wurde.

Für mich und meine politische Sozialisation war dies ein zentrales Ereignis. Seinerzeit leitete ich das Büro der Landesschülervertretung Sachsen-Anhalt, wir hatten Mitglieder, die Frank Böttcher oder sein Umfeld persönlich kannten.

Ich selbst war gerade einmal 19 – und ich war zutiefst erschüttert. Hier gab es nichts zu deuten, nichts zu relativieren: Die Olvenstedter Neonazis fühlten sich sicher genug, um Menschen, deren Aussehen ihnen nicht passte, niederzutreten und abzustechen.

Im Gespräch mit anderen, in der medialen Darstellung, in mehr oder weniger romantischen Generationenrückblicken sehe ich die Neunziger in einer Art und Weise dargestellt, die sich mit meinem Erleben nicht deckt. Für mich waren die Neunziger Jahre keine Zeit unbeschwerter Raves und bunter Disco-Abende. Das war keine bonbonbunte Partyzeit. Das war Mölln, das war Rostock, das war Hoyerswerda (und Bischofferode, aber das ist ein anderes
Thema).
Für mich waren die Neunziger Jahre eine Zeit der Angst, des Flüchtens vor Gewalt – wahlweise vor der von Nazis oder der der Polizei (auch hier stammt mein eindrücklichstes Erlebnis aus Magdeburg: Wie dort schwer gepanzerte und bewaffnete Polizisten einen vollkommen unbewaffneten und nicht aggressiven jungen Mann zu Boden warfen, sich auf ihn setzten und fesselten, schwirrt mir heute noch im Kopf herum – trotz aller anderen Bilder, die es seitdem gegeben hat*). Für mich sind die Neunziger Jahre die Zeit der National Befreiten Zonen (weshalb ich heute nur sehr bitter auflachen kann, wenn man sich wundert, woher die Nazis auf einmal alle kommen). Für mich sind die Neunziger Jahre die Zeit, in der Clubs überfallen und Linke gejagt wurden (und ihr könnt mir erzählen, was ihr wollt, aber wenn man erstmal erlebt hat, wie Leute in Onkelz-T-Shirts Jagd machen, hat man wenig Lust, sich mit deren ach-so-progressiven Werk auseinanderzusetzen).

Mir ging der Tod von Frank Böttcher nicht nur nahe, weil er persönlich so nahe war. Das spielt eine Rolle, dieses psychologische Muster zu leugnen, wäre naiv.

Er beschäftigt mich aber bis heute, weil aus der Tat ein so offener, so blindwütiger Hass spricht. Ein Hass auf alles, was nicht passt. Ein Hass, von dem ich irrigerweise annahm, er sei überwunden. Ein Hass, der jederzeit wieder hervorbrechen kann – aus vielleicht jedem von uns. Ein Hass, der, geschickt gesteuert, zu einer massiven politischen Bewegung werden kann. Und der zuschlägt. Besonders dann, wenn er sich sicher fühlt. So wie die Neonazis 1997 in Olvenstedt.

Oder wie heute. Im Netz und auf der Straße.

Ich habe damals, in einem Akt jugendlicher Hilflosigkeit, einen Tucholsky-Text in meinem Büro angebracht. Und noch heute verknüpfe ich ihn in jeder Lesung mit Frank Böttcher. Wir dürfen nicht vergessen. Und wir dürfen nicht schon wieder Rosen streuen.

Rosen auf den Weg gestreut (Lesung)

P.S. Angst brachte mich in den Neunzigern nicht zum Schweigen. Sie bringt es auch heute nicht.

*Ich bin mir sicher, die zuständigen Beamten und auch alle anderen, die sich mit Polizeitaktik auskennen, werden mir erklären können, warum das so sein muss. Das glaube ich gerne. Ändert aber nichts an der Wirkung. Und die hält an. Ich stand genauso nur da. Was bleibt: Die Angst, nicht zu wissen, ob der Polizist vor mir nicht spontan entscheidet, ich sei eine Gefahr. Das Gefühl, dieser Entscheidung schutzlos ausgeliefert zu sein. Bei aller rationalen Abstraktion, bei allem Verständnis, dass es wahrscheinlich nicht anders sein kann, weil niemand dem anderen in den Kopf schauen kann: Es fühlt sich falsch an.

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20 Jahre: In memoriam Frank Böttcher

Weil es um alles geht

In meinem letzten Schuljahr wurde ich in den Landesschülerrat gewählt, kurz darauf war ich Vorsitzender.

Ämter dieser Art bringen neben einem wohlklingenden Titel (dessen Klang jungen Menschen in der Adoleszenz durchaus zu Kopf steigen kann) und der Illusion von Einfluss (in der Regel hat man ein Anhörungsrecht und das Anhörungsrecht nach SchulG ist keine schärfere Waffe als das nach BetrVG und bedeutet hier wie dort im Wesentlichen: »Prima, wir können das ohne die Störenfriede umsetzen«) jede Menge Arbeit. Denn man will ja seine Sache gut machen und glaubt in jugendlichem Überschwang tatsächlich, die eigenen Elaborate würden wahrgenommen und gelesen. So schreibt man denn also umfangreiche Stellungnahmen zu Rahmenrichtlinien und Gesetzentwürfen, redet sich in Diskussionen heiß, spürend, dass man den Schlüssel zur Lösung aller Probleme im Schulwesen in der Hand hält. Organisiert Konferenzen und Tagungen, erarbeitet Grundsatzpositionen und veröffentlicht gewichtigte Manifeste. Dies alles im festen Glauben daran, allen Beteiligten ginge es bei allen Differenzen doch im Wesentlichen um die Sache.
Stellt dann aber fest:


Denn was man allerdings auch hat: Kontakt mit politischen Entscheidungsträger_innen in mannigfacher Form. Ich nahm an Podiumsdiskussionen teil, hatte Gespräche mit dem Kultusminister und war bei symbolischen Generationsvertragsunterzeichnungen dabei.

Das war für mich nachhaltig. Ich habe damals entschieden, dass diese Sache mit der Parteiendemokratie schon eine okaye Sache ist, man aber fürs Mitmischen schon irgendwie geschaffen sein muss. Das glaube ich auch heute noch. Die hierzulande gewählte Variante der repräsentativen Demokratie hat offenkundige Schwächen und es ist sehr wohl so, dass das System bestimmte Typen bevorzugt, die zudem im Laufe der Jahrzehnte ein sich selbst reproduzierendes System geschaffen haben, in dem andere Typen kaum noch zum Zuge kommen. Und dass Politik noch weniger als vorher als bürgerschaftliches Engagement und stattdessen eher als Karriereoption wahrgenommen wird, macht die Sache nicht besser. Ich wollte niemals in diesem Zirkus mitspielen (und ich hatte die Gelegenheit dazu).

Aber: In diesem Land ist schon einmal eine Republik vor die Hunde gegangen. Eine Republik, die massive, schwerwiegende Mängel hatte. Die ihren Feinden zum Fraß vorgeworfen wurde. Und die doch unstrittig besser war als das, was nach ihr kam.

Es gehört nicht viel politischer Scharfsinn dazu, zu erkennen: Es brennt. Es brennt an allen Orten – und dies nicht nur metaphorisch. Es geht erneut um alles. Gerade heute erst wieder liefen in Dresden Menschen herum, um gegen »entartete Kunst« zu portestieren.

2017. LTI ist zurück. Der Hass spricht wieder. Unverhohlen.

Und erneut macht man sich auf, die Republik mit den Mitteln der Republik abzuschaffen. Ich kann es mir nicht mehr leisten, nur danebenzustehen und von den Repräsentanten der Demokratie zu fordern, sie mögen doch bitte für diese einstehen und dieses und jenes endlich mal einsehen und machen. Es geht um alles. Danebenstehen gilt nicht. Ironische Distanz auch nicht.

Ich will mich ja gern beschimpfen und anklagen lassen, ich will ja gern alles auf mich nehmen – wenn ich nur nicht sehen müßte, wie grauenhaft allein wir stehen.

schrieb Tucholsky in »Prozeß Marloh« 1919. Ich möchte die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen und ich möchte die Zukunft nicht Faschisten überlassen. Das hier ist verdammt nochmal auch mein Land. Ein Land, in dem ich gern lebe und in dem meine Kinder beruhigt aufwachsen sollen.

Ich kann mir eine sehr viel schönere Welt als eine bürgerliche Demokratie vorstellen. Aber jetzt, hier und heute gilt es diese zu verteidigen, für sie einzutreten. Für Freiheit, Offenheit, Respekt. Für ein Mindestmaß an Anstand.

Das ist kein Spaß mehr. Kein „Och, wird schon werden“. Sich an immer unangenehmere Umstände zu gewöhnen, ist keine Qualität der menschlichen Spezies, sondern ihre größte Schwäche.

schreibt Sibylle Berg in ihrer Kolumne »Demokratie in Gefahr: Bewegt euch!«, die überhaupt mal wieder alles viel besser auf den Punkt bringt als ich das kann (aber dafür ist sie ja auch Frau Berg).

Und darum bin ich seit einigen Tagen Mitglied einer politischen Partei. Denn am Rande stehen gilt nicht mehr.

Your ἀγορά needs you.

Weil es um alles geht

Die Verteidiger des Abendlands

»Die Zeit schreit nach Satire« – nach diesem Tucholsky-Text benennt die Kurt Tucholsky-Gesellschaft ihre neue Anthologie, die im Jubiläumsjahr 2015 erscheinen soll.

Und es ist wirklich so, anders als satirisch ist das alles gar nicht mehr zu ertragen, was sich in Dresden und anderswo abspielt. Wer da so alles bei Spengler reloaded mitspielt – das treibt einem derart die Tränen der Verzweiflung in die Augen, dass sich doch ernsthaft die Frage stellt: Wenn dies Ausdruck des zu verteidigenden Abendlandes ist, wäre dann ein Untergang desselben nicht möglicherweise doch zu begrüßen?

Und doch, es ist auch mein Land, um das es hier geht. Da ist eben nicht egal, wenn hier wieder Leute unterwegs sind, um »der ganzen Welt und sich selbst zu beweisen, dass die Deutschen wieder die Deutschen sind«. Ich bin nur so müde. Meine politische Sozialisation erfolgte in den Neunziger Jahren, in den Jahren von Lichtenhagen, Solingen, Mölln, Hoyerswerda. Irgendwie hatte ich mich der Illusion hingegeben, diese Gesellschaft habe etwas gelernt und das Thema zumindest hätten wir hinter uns. Haben wir aber nicht. Und wenn selbst CSNY die Klampfen wieder in die Hand nehmen, weil sie merken, dass ihre Themen doch noch nicht durch sind – nun, dann werden wir jungen Hüpfer das doch wohl auch hinbekommen. Dann müssen wir wohl wieder raus.

Denn, wie der Hausheilige dieses Blogs 1929 schrieb:

Sie reißen den Mund auf und rufen: »Im Namen Deutschlands … !« Sie rufen: »Wir lieben dieses Land, nur wir lieben es.« Es ist nicht wahr.

Eben. Wir sind auch noch da. Wird Zeit, dies auch wieder zu zeigen:

Und so wie die nationalen Verbände über die Wege trommeln – mit dem gleichen Recht, mit genau demselben Recht nehmen wir, wir, die wir hier geboren sind, wir, die wir besser deutsch schreiben und sprechen als die Mehrzahl der nationalen Esel – mit genau demselben Recht nehmen wir Fluß und Wald in Beschlag, Strand und Haus, Lichtung und Wiese: es ist unser Land.

In diesem Sinne: Nehmen wir die Ratschläge der skeptischen Generationen ernst, hängen wir nicht nur die ganze Zeit vorm Rechner. Gehen wir doch mal wieder draußen spielen.

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Die Verteidiger des Abendlands

Gruß zum 1. Advent

Der Gruß zum ersten Advent stammt heuer vom Hausheiligen dieses Blogs, Dr. iur. Kurt Tucholsky aus dem Jahr 1913, geschrieben als Theobald Tiger:

Großstadt – Weihnachten

Nun senkt sich wieder auf die heim’schen Fluren

die Weihenacht! die Weihenacht!

Was die Mamas bepackt nach Hause fuhren,

wir kriegens jetzo freundlich dargebracht.

Der Asphalt glitscht. Kann Emil das gebrauchen?

Die Braut kramt schämig in dem Portemonnaie.

Sie schenkt ihm, teils zum Schmuck und teils zum Rauchen,

den Aschenbecher aus Emalch glasé.

Das Christkind kommt! Wir jungen Leute lauschen

auf einen stillen heiligen Grammophon.

Das Christkind kommt und ist bereit zu tauschen

den Schlips, die Puppe und das Lexikohn,

Und sitzt der wackre Bürger bei den Seinen,

voll Karpfen, still im Stuhl, um halber zehn,

dann ist er mit sich selbst zufrieden und im reinen:

»Ach ja, son Christfest is doch ooch janz scheen!«

Und frohgelaunt spricht er vom ›Weihnachtswetter‹,

mag es nun regnen oder mag es schnein,

Jovial und schmauchend liest er seine Morgenblätter,

die trächtig sind von süßen Plauderein.

So trifft denn nur auf eitel Glück hienieden

in dieser Residenz Christkindleins Flug?

Mein Gott, sie mimen eben Weihnachtsfrieden …

»Wir spielen alle. Wer es weiß, ist klug.«

(Nachzulesen bei textlog.org)

Gruß zum 1. Advent

Fundstück (3)

Inzwischen ist Kriege führen ja wieder ein normales Mittel deutscher Außenpolitik geworden. Die Gründe sind dieselben wie jederzeit, die Etiketten haben sich ein wenig gewandelt.
Und das scheint auch zunehmend gesellschaftlich akzeptiert zu werden, wie die umfassenden Diskussionen um Ukraine, Syrien und andere Krisengebiete zeigen.
Dazu folgendes heutige Fundstück:

Unten, auf dem zugeschütteten Graben, stehen ein paar Kreuze, liegen Kränze und ragen die Bajonette. Drei Mann müssen außerhalb des Grabens postiert gewesen sein; die Läufe ihrer Gewehre ragen ein paar Zentimeter hoch aus dem Boden, man stolpert über sie. Eine Mutter kann ihr Kind hierherführen und sagen: »Siehst du? Da unten steht Papa.«

Den ganzen Text findet die geneigte Leserschaft hier: Kurt Tucholsky, Vor Verdun.

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Fundstück (3)

Fundstück (2)

Der Hausheilige dieses Blogs, Dr. Kurt Tucholsky, schrieb 1924 im Bericht über einen Vortrag Rudolf Steiners:

Was für eine Zeit –! Ein Kerl etwa wie ein armer Schauspieler, der sommerabends zu Warnemünde, wenns regnet, im Kurhaus eine »Réunion« gibt, alles aus zweiter Hand, ärmlich, schlecht stilisiert … und das hat Anhänger –! Wie groß muß die Sehnsucht in den Massen sein, die verlorengegangene Religion zu ersetzen! Welche Zeit –!
Sein »Steinereanum« in der Schweiz haben sie ihm in Brand gesteckt, eine Tat, die durchaus widerwärtig ist. Es soll ein edler, kuppelgekrönter Bau gewesen sein, der wirkte wie aus Stein. Er war aber aus Holz und Gips, wie die ganze Lehre.

»Es soll ein edler, kuppelgekrönter Bau gewesen sein, der wirkte wie aus Stein. Er war aber aus Holz und Gips, wie die ganze Lehre.« Das finde ich doch sehr hübsch.

Den ganzen Text findet die geneigte Leserschaft hier: Rudolf Steiner in Paris.

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Fundstück (2)

Fundstück (1)

Heute gefunden:

Wir stehen vor einem Deutschland voll unerhörter Korruption, voll Schiebern und Schleichern, voll dreimalhunderttausend Teufeln, von denen jeder das Recht in Anspruch nimmt, für seine schwarze Person von der Revolution unangetastet zu bleiben. Wir meinen aber ihn und grade ihn und nur ihn.
Und wir haben die Möglichkeit, zu wählen: bekämpfen wir ihn mit der Liebe, bekämpfen wir ihn mit Haß? Wir wollen kämpfen mit Haß aus Liebe. Mit Haß gegen jeden Burschen, der sich erkühnt hat, das Blut seiner Landsleute zu trinken, wie man Wein trinkt, um damit auf seine Gesundheit und die seiner Freunde anzustoßen. Mit Haß gegen einen Klüngel, dem übermäßig erraffter Besitz und das Elend der Heimarbeiter gottgewollt erscheint, der von erkauften Professoren beweisen läßt, dass dem so sein muß, und der auf gebeugten Rücken vegetierender Menschen freundliche Idyllen feiert. Wir kämpfen allerdings mit Haß. Aber wir kämpfen aus Liebe für die Unterdrückten, die nicht immer notwendigerweise Proletarier sein müssen, und wir lieben in den Menschen den Gedanken an die Menschheit.

Aus dem möglicherweise stärksten Text des Hausheiligen, der unbedingt und in Gänze zur Lektüre empfohlen sei: »Wir Negativen« (1919).

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Fundstück (1)