Die Verteidiger des Abendlands

»Die Zeit schreit nach Satire« – nach diesem Tucholsky-Text benennt die Kurt Tucholsky-Gesellschaft ihre neue Anthologie, die im Jubiläumsjahr 2015 erscheinen soll.

Und es ist wirklich so, anders als satirisch ist das alles gar nicht mehr zu ertragen, was sich in Dresden und anderswo abspielt. Wer da so alles bei Spengler reloaded mitspielt – das treibt einem derart die Tränen der Verzweiflung in die Augen, dass sich doch ernsthaft die Frage stellt: Wenn dies Ausdruck des zu verteidigenden Abendlandes ist, wäre dann ein Untergang desselben nicht möglicherweise doch zu begrüßen?

Und doch, es ist auch mein Land, um das es hier geht. Da ist eben nicht egal, wenn hier wieder Leute unterwegs sind, um »der ganzen Welt und sich selbst zu beweisen, dass die Deutschen wieder die Deutschen sind«. Ich bin nur so müde. Meine politische Sozialisation erfolgte in den Neunziger Jahren, in den Jahren von Lichtenhagen, Solingen, Mölln, Hoyerswerda. Irgendwie hatte ich mich der Illusion hingegeben, diese Gesellschaft habe etwas gelernt und das Thema zumindest hätten wir hinter uns. Haben wir aber nicht. Und wenn selbst CSNY die Klampfen wieder in die Hand nehmen, weil sie merken, dass ihre Themen doch noch nicht durch sind – nun, dann werden wir jungen Hüpfer das doch wohl auch hinbekommen. Dann müssen wir wohl wieder raus.

Denn, wie der Hausheilige dieses Blogs 1929 schrieb:

Sie reißen den Mund auf und rufen: »Im Namen Deutschlands … !« Sie rufen: »Wir lieben dieses Land, nur wir lieben es.« Es ist nicht wahr.

Eben. Wir sind auch noch da. Wird Zeit, dies auch wieder zu zeigen:

Und so wie die nationalen Verbände über die Wege trommeln – mit dem gleichen Recht, mit genau demselben Recht nehmen wir, wir, die wir hier geboren sind, wir, die wir besser deutsch schreiben und sprechen als die Mehrzahl der nationalen Esel – mit genau demselben Recht nehmen wir Fluß und Wald in Beschlag, Strand und Haus, Lichtung und Wiese: es ist unser Land.

In diesem Sinne: Nehmen wir die Ratschläge der skeptischen Generationen ernst, hängen wir nicht nur die ganze Zeit vorm Rechner. Gehen wir doch mal wieder draußen spielen.

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Gruß zum 1. Advent

Der Gruß zum ersten Advent stammt heuer vom Hausheiligen dieses Blogs, Dr. iur. Kurt Tucholsky aus dem Jahr 1913, geschrieben als Theobald Tiger:

Großstadt – Weihnachten

Nun senkt sich wieder auf die heim’schen Fluren

die Weihenacht! die Weihenacht!

Was die Mamas bepackt nach Hause fuhren,

wir kriegens jetzo freundlich dargebracht.

Der Asphalt glitscht. Kann Emil das gebrauchen?

Die Braut kramt schämig in dem Portemonnaie.

Sie schenkt ihm, teils zum Schmuck und teils zum Rauchen,

den Aschenbecher aus Emalch glasé.

Das Christkind kommt! Wir jungen Leute lauschen

auf einen stillen heiligen Grammophon.

Das Christkind kommt und ist bereit zu tauschen

den Schlips, die Puppe und das Lexikohn,

Und sitzt der wackre Bürger bei den Seinen,

voll Karpfen, still im Stuhl, um halber zehn,

dann ist er mit sich selbst zufrieden und im reinen:

»Ach ja, son Christfest is doch ooch janz scheen!«

Und frohgelaunt spricht er vom ›Weihnachtswetter‹,

mag es nun regnen oder mag es schnein,

Jovial und schmauchend liest er seine Morgenblätter,

die trächtig sind von süßen Plauderein.

So trifft denn nur auf eitel Glück hienieden

in dieser Residenz Christkindleins Flug?

Mein Gott, sie mimen eben Weihnachtsfrieden …

»Wir spielen alle. Wer es weiß, ist klug.«

(Nachzulesen bei textlog.org)

Eine Woche in ungelesenen Büchern (2)

Auch letzte Woche fielen mir wieder Bücher in die Hand, die ich aus verschiedensten Gründen bemerkenswert fand und ohne die ich die geneigte Leserschaft nicht in die nächste Woche gehen lassen möchte:

Im Marketing gilt ja derzeit Storytelling als Heilsbringer, weil auch die Damen und Herren dort inzwischen mitbekommen haben, dass Menschen gerne Geschichten hören (was passiert, wenn Marketingmenschen Geschichten erzählen, lässt sich ja an der durchaus grenzwertigen Telekom-Kampagne zu Magenta 1 erkennen…).

Wie so oft, so sind auch hier die Gamer schon viel weiter. Einen sehr spannenden Eindruck macht da auf mich der Band

Cover New Level

Thomas Böhm (Hrsg.): New Level, der sich mit dem Verhältnis von literarischem Erzählen und den Erzählstrukturen in Computerspielen beschäftigt – soweit ich das verstanden habe. Die Autorenliste liest sich jedenfalls vielversprechend, und damit meine ich nicht nur die Schriftstellerseite (auch wenn ich da tatsächlich mehr Namen einordnen kann: Wladimir Kaminer, Monika Rinck, Alban Nikolai Herbst, Ulrike Daesner, Sasa Stasinic und und und – die Liste ist durchaus bemerkenswert). Thomas Böhm hat ja das Internationale Literaturfestival Berlin kürzlich verlassen und schon allein dieses Projekt verdeutlicht, welch ein Verlust das ist. Besonders freue ich mich ja auf den Beitrag von Grit Schuster (siehe hierzu auch das Interview im Rahmen der Buchrezensionen auf WDR3). Hier sage ich mal, auch wenn ich noch keine Zeile gelesen habe: Das Buch lohnt sich. Definitiv.

Weit weniger tiefschürfend dürfte es bei

Cover Katze Internetstar

Patricia Carlin: Wie Sie Ihre Katze zum Internet-Star machen zugehen. Ganz im Gegenteil, es dürfte sich wohl alles in allem um einen grandiosen Spaß eher kurzer Haltbarkeitsdauer handeln, aber wer einen Ratgeber mit dem Titel »How to Tell If Your Boyfriend is the Antichrist (And If He Is, Should You Break Up with Him?)« schreibt, verdient Vertrauen.

Das Internet ist ja möglicherweise nicht nur eine Modeerscheinung, die wieder vergeht. Ganz im Gegenteil, mit dem Internet der Dinge scheint eher die nächste Stufe anzustehen (übrigens, und das finde ich an Umbruchszeiten immer sehr spannend, während da draußen Menschen sehr gut ohne Mobiltelefon und bargeldloses Zahlen klar kommen). Cyborgs sind wir vermutlich selbst schon lange und während ich mich noch an diesen Gedanken zu gewöhnen versuche, stolperte ich über dieses Buch (das offiziell erst morgen erscheint):

Cover Pschera Internet der Tiere

Alexander Pschera: Das Internet der Tiere. Da bin ich doch einmal sehr gespannt – zum einen, weil mir die Naturwissenschaften immer etwas fremd sind (faszinierend, aber fremd) – und zum anderen, weil mich interessiert, wie Ausnutzung der Tiere unser Verhältnis zu ihnen inniger werden lässt. Denn der Gedanke, mehr Kenntnis würde zu mehr Achtung führen, scheint mir doch angesichts des momentanen Zustandes der Mensch-Tier-Beziehung etwas zu naiv. Mag mich da aber auch irren.

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Fundstück (1)

Heute gefunden:

Wir stehen vor einem Deutschland voll unerhörter Korruption, voll Schiebern und Schleichern, voll dreimalhunderttausend Teufeln, von denen jeder das Recht in Anspruch nimmt, für seine schwarze Person von der Revolution unangetastet zu bleiben. Wir meinen aber ihn und grade ihn und nur ihn.
Und wir haben die Möglichkeit, zu wählen: bekämpfen wir ihn mit der Liebe, bekämpfen wir ihn mit Haß? Wir wollen kämpfen mit Haß aus Liebe. Mit Haß gegen jeden Burschen, der sich erkühnt hat, das Blut seiner Landsleute zu trinken, wie man Wein trinkt, um damit auf seine Gesundheit und die seiner Freunde anzustoßen. Mit Haß gegen einen Klüngel, dem übermäßig erraffter Besitz und das Elend der Heimarbeiter gottgewollt erscheint, der von erkauften Professoren beweisen läßt, dass dem so sein muß, und der auf gebeugten Rücken vegetierender Menschen freundliche Idyllen feiert. Wir kämpfen allerdings mit Haß. Aber wir kämpfen aus Liebe für die Unterdrückten, die nicht immer notwendigerweise Proletarier sein müssen, und wir lieben in den Menschen den Gedanken an die Menschheit.

Aus dem möglicherweise stärksten Text des Hausheiligen, der unbedingt und in Gänze zur Lektüre empfohlen sei: »Wir Negativen« (1919).

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Eine Woche in ungelesenen Büchern (1)

Wie der geneigten Leserschaft unschwer aufgefallen sein wird, ist das ursprüngliche Kernthema dieses Blogs, die wöchentliche Buchempfehlung, seit langer Zeit zur Ruhe gekommen. Real Life, was willste machen….

Also werde ich mal etwas anderes versuchen. Da die Hauptbeschäftigung von Buchhändlern darin besteht, ungelesene Bücher in den höchsten Tönen zu loben (Schnittmengen zum Feuilleton sind möglich, und ja, wir haben eine eigene Abteilung in der Hölle), werde ich das hier auch mal versuchen. Es soll um Bücher gehen, die mir im Laufe der Woche aus unterschiedlichsten Gründen in die Hände fielen (meist sicher, weil sie neu erschienen sind, es sind aber auch jede Menge andere Gründe denkbar) und deren Lektüre mir lohnenswert erscheint.

Sollte sich jemand in der geneigten Leserschaft animiert fühlen und das eine oder andere Buch tatsächlich lesen: Rückmeldungen sind gern gesehen – und der Vorteil am Virtual Life: Ihr könnt mir die Dinger nicht ohne weiteres an den Kopf werfen. Hehe.

Ist der Feminismus am Ziel?
Maskulisten, PI-Leser und Freunde der »Partei des gesunden Menschenverstands« würden diese Frage wohl nicht nur bejahen, sondern wohl sogar konstatieren, dass dieser über sein Ziel hinausgeschossen sei.
Emma Watson (an deren Rede es durchaus auch Grund zur Kritik gibt) verdeutlich aber zumindest eins: Es geht beim Feminismus gar nicht um Frauen. Verwirrt? Dann sei dringend zu

Cover Anne Wizorek

Anne Wizorek: Weil ein #Aufschrei nicht genügt geraten. Anne Wizorek (@marthadear) zeigt gerade jenen, die bei »Feminismus« bestenfalls Alice Schwarzer und brennende BHs assoziieren, dass Kernthema der aktuellen feministischen Bewegungen keineswegs die aanzustrebende Weltherrschaft der Frauen ist, sondern eher eine gerechte Welt für alle. Ich denke, wenn man schon überall über Feminismus diskutiert, sollten wir doch wenigstens in Grundzügen wissen, worüber wir da sprechen.

Apropos Alice Schwarzer. Deren merkwürdiges Gesellschaftsverständnis (siehe hierzu meine früheren Lektürehinweise) unterscheidet sich strukturell kaum von patriachalen Denkmustern. Besonders deutlich wird dies in ihrem Kreuzzug gegen Pornographie und Prostitution. Und gerade zu letzterem scheint mir Melissa Gira Grant einen wesentlichen Debattenbeitrag in ihrem Buch

Cover Melissa Gira Grant

http://bit.ly/1sHPGYD“ target=“_blank“>Hure spielen. Die Arbeit der Sexarbeit zu leisten. Ich habe jedenfalls schon einmal mit der Lektüre begonnen.

Dann fiel mir noch dieses Buch hier in die Hände:

Cover Niklas Maak

Niklas Maak: Wohnkomplex. Warum wir andere Häuser brauchen. Niklas Maak habe ich bisher nur aus der Ferne wahrgenommen, kann der Beschreibung seitens des Verlages, sein Werk sei witzig, streitbar und bestens recherchiert hier zunächst einmal nur wiedergeben. Das Thema mag nicht besonders massentauglich sein, ist aber nichtsdestotrotz wichtig. Die Frage, warum eigentlich unser Lebensglück an einem Einfamilienhaus hängen soll, ist nicht abwegig. Maaks Lebenslauf macht auf jeden Fall Hoffnung, dass es sich hier nicht um oberflächliches Getue handelt.
Und das Wortspiel des Titels verdient immerhin Vertrauen. 😉

Zu guter Letzt sei noch darauf hingewiesen, dass Sibylle Bergs

Cover Sibylle Berg

Vielen Dank für das Leben nun als Taschenbuch vorliegt. Womit es keine Ausrede mehr gibt.

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Verleger sein

Wie ist das eigentlich, Verleger eines Kleinstverlages zu sein?

Zugegeben, das ist möglicherweise nicht gerade eine Frage, die Millionen hinter dem Ofen vorlocken werden, möglicherweise spielt die winzige Detailfrage einer kleinen Branche im großen Weltenplan gar keine Rolle.
Falls es aber doch jemanden interessiert:
Gesine von Prittwitz war so freundlich, mir einige Fragen zum Verlegersein und dem ganzen Drumherum zu stellen. Das Interview findet ihr in ihrem Blog auf SteglitzMind.

Und ein besonderer Dank geht an Barbara Miklaw vom Mirabilis Verlag, die mich für die Reihe vorschlug.

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Der Ehrgeiz eines Hirnforschers und die Verzweiflung eines Vaters

Die Äußerug, man habe ein autistisches Kind erzielt oft eine merkwürdige Reaktion. Irgendwas zwischen Mitleid und Abscheu.
Und natürlich, das unterscheidet dieses Thema nicht von allen andere Themen, über die man sich unterhalten kann, hat praktisch jeder schon einmal etwas davon gehört und eine festgefügte Meinung, die sich zwar bestenfalls auf ein paar Hollywood-Weisheiten und Wetten-dass?-Erfahrungen stützt, aber nichtsdestotrotz bereits die Summe aller menschlichen Weisheit repräsentiert. Man kennt das.
Weshalb hier dringend dazu geraten sei: Welches Thema auch immer der geneigten Leserschaft wichtig ist – sprecht es bloß nicht auf einer gesellschaftlichen Veranstaltung irgendeiner Art an. Redet lieber übers Wetter (also natürlich nur, falls dies nciht zufällig eure Herzensangelegenheit ist…)

Auf Zeit-Online gibt es einen lesenswerten Artikel (ja, das kommt vor), der zwar leider im ganz typischen unverbindlichen Pseudoreportagenduktus dieser Publikation geschrieben ist, aber nichtsdestotrotz zum einen die Diagnosenirrfahrt als auch die Verzweiflung der Eltern einigermaßen gut einfängt (und das bemerkenswerte Können anderer Generationen, die einfach tun und dabei richtig liegen, das mit der Lebenserfahrung scheint ein Konzept zu sein…)

Vor allem demonstriert er sehr schön, wie wenig wir über Autisten, Gehirne, das Leben, das Universum und ganzen Rest wissen.

Einmal hier entlang bitte.

P.S. Zur Menschenkenntnis von Psychologen hat sich der Hausheilige dieses Blogs in einem hübschen Kabinettstückchen abschließend geäußert: In der Hotelhalle (1930).

Verletzte Gefühle, unbeabsichtigt

»Politiker_innen wollen gar nicht (mehr) gestalten, sie wollen nur wiedergewählt werden.«
Das ist ein Allgemeinplatz und wie jede Pauschalisierung mit äußerster Vorsicht zu genießen, auch wenn ich tatsächlich dazu neige, mich von einer empirischen Bestätigung dieser Aussage nicht überraschen zu lassen. Ein gewisser Grad an Diskursverweigerung freilich scheint durchaus zum Standardverhalten aktiver Politiker_innen zu gehören. Kann man nahezu täglich in einer beliebigen »politischen Talkshow« beobachten – oder beim öffentlichen Ritual »Entschuldigen«, das ähnlich ritualisiert ist wie »Trauern« und »Gedenken«.
Wobei fairerweise gesagt werden muss, dass diese Verhaltensweisen keineswegs auf Politiker_innen beschränkt sind, sondern selbstverständlich von allen Teilnehmer_innen des gesellschaftlichen Diskurses gepflegt werden.

Antje Schrupp schreibt dazu:

Immer wenn ich eine solche „Entschuldigung“ lese, werde ich fast noch ärgerlicher als über den ursprünglichen Sachverhalt. Denn der Verweis auf die angeblich verletzten Gefühle der Kritiker_innen ist keineswegs ein Entgegenkommen, wie es den Anschein erweckt, sondern ganz im Gegenteil die Verweigerung einer ernsthaften Auseinandersetzung. Es wird nämlich so getan, als sei der Grund für die Kritik die subjektive Befindlichkeit derjenigen, die die Kritik vorbringen. So als seien sie irgendwie besonders empfindlich. Großmütig ist man dann bereit, auf diese zart besaiteten Menschen Rücksicht zu nehmen – und konstruiert nebenbei eine Opfergruppe, der man dann gönnerhaft ein bisschen entgegen kommt.

Bei der Kritik an gesellschaftlichen Missständen wie Sexismus oder Rassismus geht es aber nicht um verletzte Gefühle oder „Betroffenheit“ – auch wenn Sexismus oder Rassismus zweifellos Gefühle von Menschen verletzen – sondern um eine Analyse von Strukturen. Wenn ich kritisiere, dass in Werbevideos Gewalt gegen Frauen verharmlosend dargestellt wird, oder wenn ich gegen die Darstellung von Frauen als sexualisierte willenlose Wesen protestiere, dann nicht weil „meine Gefühle als Frau“ dadurch verletzt würden. Sondern weil ich solche kulturellen Muster für schädlich halte – und zwar nicht nur für mich oder für die „Betroffenen“, sondern generell und für alle.

Alles, was dem noch hinzuzufügen wäre, findet sich im ganzen Beitrag, den ich an dieser Stelle zu lesen empfehle.

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Der neue Sarrazin

Thilo Sarrazin, Treuhandmanager, Bahnvorstand, Finanzsenator und zuletzt Vorstandsmitglied der Bundesbank, vor allem aber: professioneller Falsch- und Unverstandener, hat ein neues Buch vorgelegt.
Wahrscheinlich wird sich auch dieses wieder hervorragend verkaufen und wahrscheinlich wird er auch dieses Mal wieder auf unzähligen gut besuchten Pressekonferenzen erzählen, wie sehr er in seiner freien Meinungsäußerung unterdrückt wird.
Für all jene, die noch zögern, ob sich eine Beschäftigung mit seinem neuen Werk lohnt, sei auf diese ausführliche, erschöpfende und das Für und Wider angemessen würdigende Vorabrezension hingewiesen:

Graphitti-Blog

(via Graphitti-Blog)

Das Buch zum Sonntag (113)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Elisabeth Rank: Bist Du noch wach?

[…] alles andere nahm er immer hin, auch Zahnärzte und rohe Zwiebeln und wenn er mit dem Zehl gegen die Tür donnerte. Konrad beschwerte sich nicht, sondern sagte jedes Mal, man müsse bestimmte Dinge halt machen, also könne man sich beschweren oder es eben lassen und es einfach machen, und jedes Mal, wenn Konrad das sagt, wurde ich wütend, weil ich glaubte, dass jeder ein Recht habe auf einen schlechten Tag und vor allen Dingen auch auf eine ordentliche Beschwerde, ma könne doch nicht einfach klaglos den Mund öffnen und sich Geräte in den Mund schieben lassen, man dürfe wenigstens einmal sagen, dass das kein schönes Gefühl sei und man lieber auf einer Dachterrasse säße mit einem Eistee und in netter Begleitung anstatt auf einer Liege und mit Gummihandschuhen im Mund und Menschen, denen das Mitleid ausgegangen war, weil sie das jeden Tag machten, weil sie damit Geld verdienten, man konnte kein Mitleid haben mit Menschen, die einem die Miete bezahlten und das Cordon bleu.

(S. 164)**

Es ist mit dem Erwachsenwerden ganz offenbar so eine Sache. Die zeitgenössische Literatur beschäftigt sich auffallend intensiv mit damit. Daher soll es in dieser und den nächsten Folgen dieser zu einer äußerst losen Empfehlungsreihe mutierten Serie um Bücher gehen, die sich ganz unterschiedlichen Aspekten des Erwachsenwerdens widmen.
Elisabeth Ranks ProtagonistInnen sind dabei keine Teenager auf der Suche nach den Grenzen, die ihnen die Gesellschaft setzt, sondern es handelt sich um junge Menschen um die 30, bei denen Rebellion als Abgrenzung kein Thema mehr ist. Auf der Suche nach einem Lebensentwurf sind sie aber trotzdem – und das ist ein wichtiger Aspekt des Erwachsenseins, wie ich finde.
Eine Gesellschaft, die ihre Mitglieder frei wählen lassen möchte, welche Lebensziele sie zu verfolgen wünschen, erhebt damit allerdings auch gleichzeitig erhebliche Ansprüche – denn dann musse in jede/r auch selbst entscheiden. Wir haben derartig viele Lebensentwürfe im Angebot, dass es tatsächlich eine erhebliche Leistung ist, überhaupt erst einmal herauszufinden, welcher zu uns passt – von den Schwierigkeiten, ihn dann auch noch umzusetzen gar nicht zu reden. Mit dieser Anforderung gehen Menschen naturgemäß sehr unterschiedlich um*. Das reicht von schierer Resignation bis zur kurzentschlossenen, pragmatischen Entscheidung.
Bei Frau Rank begegnen wir also einer Protagonistin, die auf der Suche ist. Sie stellt sich permanent in Frage, lässt sich von ihrer Familie ebenso beeindrucken wie von ihren Mitbewohnern oder KollegInnen. Alle treffen sie einen Nerv ihrer Seele, eine Saite, die zu klingen beginnt und es fällt ihr schwer, eine Melodie zu finden, die sie spielen könnte. Stattdessen wird dort eher unkoordiniert herumgezupft. Mich hat Rea einige Male ganz erheblich geärgert, ich wollte ihr zurufen, »Mensch, Mädel, nun komm mal klar, entscheide Dich endlich einmal für irgendetwas.« Wäre das meine Tochter, sie hätte sich etwas anhören dürfen (à la »Verlaufen ist möglich, aber auch nur, wenn man auch ein Ziel hat. Wer hin und her läuft, verirrt sich nicht, kommt aber auch nicht vorwärts.«).
Was aber Elisbath Rank hervorragend gelingt, worin ihre ganz große Stärke besteht, das ist ihre sehr feinfühlige Figurengestaltung – ich kaufe ihr die Rea ab. Ich halte sie für eine sehr glaubwürdige Figur, ja sogar für eine höchst realistische. Was denn ja auch einiges über meine Wahrnehmung der Welt da draußen aussagen mag.
Diese Suche nach dem, was richtig ist, ihre leichte Verletzbarkeit, die schon durch Kleinigkeiten aus dem Gleichgewicht zu bringende innere Balance, eine permanente Angst vor Zurückweisung – das ist schon sehr überzeugend dargestellt. Und so sehr mich die eine oder andere Eigenschaft dieser doch eigentlich längst im Leben stehenden jungen Frau furchtbar gerärgert hat – sie ist mir nicht egal. Ich habe doch trotzdem mit Rea mitgefühlt und gelitten, denn ihre Fragen, ihr Suchen sind deswegen ja nicht weniger existentiell.
Und wenn es so ist, was ich tatsächlich glaube, dass ein großer Teil der Menschen dieses Alters sich solchen Fragen stellt – dann wird die Lektüre von Elisbath Rank geradezu zur Bürgerpflicht, denn dann müssen wir etwas tun. Egal, wie sehr wir unsere Lebensspanne verlängern: Dreißigjährige, die ziellos durchs Leben wanken – das ist nicht gut.
Wer ddieser Bürgerpflicht nachkommen möchte, sei auf die

lieferbaren Ausgaben

verwiesen.

Mir jedenfalls hat dieser Roman Einblick in eine Gefühls- und Lebenswelt geboten, die mir einigermaßen fremd war – und es ist allein Frau Ranks Talent zu verdanken, dass ich nicht nach 10 Seiten genervt das Buch zur Seit legte, um einen kräftigen Schluck Sartre als Gegengift zu mir nehmen. 😉

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* »So wie alle Lebewesen, jedes nach seinen Fähigkeiten.« Man kann bei Star Trek ja so viel lernen. 😉
** zitiert aus: Rank, Elisabeth: Bist Du noch wach? Berlin Verlag. München 2013.