Das Buch zum Sonntag (62)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Ilja Ehrenburg: Menschen. Jahre. Leben.

Passend zur dritten Kulturwoche ist auch das Buch zum Abschluß derselben eine Reminiszenz an meine Jugend (und gerade erst gestern wurde mir vor Augen geführt, daß ich tatsächlich alt genug bin, einen solchen Satz zu formulieren – da war ich bei der Veranstaltung einer jungen Impro-Theater-Gruppe und im ganzen weiten Rund wußte doch tatsächlich niemand, was ein Fluxkompensator ist, die Jugend von heute…)
Meine Eltern hatten die wunderbare Idee, die im Übrigen auch für meine Kinder gilt, mich meine Lektüre selbst auswählen zu lassen. So standen mir also die unzähligen Bücherschränke offen und zu den frühesten Autoren, an deren Wahl ich mich erinnern kann, gehörte Ilja Ehrenburg*.
Ehrenburg (1891-1967) war ein russisch-sowjetischer Journalist und Schriftsteller mit starken Beziehungen nach Westeuropa, insbesondere nach Frankreich, wo er lange und immer wieder lebte – was ihn durchaus zu etwas besonderem macht, denn er war dort, jedenfalls nach 1917, nicht im Exil. Hauptberuflich, wenn man das so sagen darf, war er Journalist. Und seine stärksten Arbeiten sind denn auch journalistischer Natur (so mag es auch wenig überraschen, daß die derzeit einzigen auf deutsch lieferbaren Werke von ihm die Reportage aus dem Saarland im Vorfeld der Volksabstimmung 1935 und das 1948 nach Fertigstellung umgehend eingestampfte und erst 1980 publizierte Schwarzbuch zum Genozid an den sowjetischen Juden sind**) – einen Großteil seiner belletristischen Werke darf man, trotz Einträgen im Kindler, getrost übergehen – es sei denn aus literaturhistorischem Interesse. Viele seiner Romane sind in einem kurzen Zeitraum (nicht selten gerade mal ein Monat) heruntergeschrieben und atmen so zwar sehr unmittelbar den Zeitgeist, sind dadurch aber auch ebenso flüchtig.
Seine Erinnerungen jedoch, und nur um diese soll es heute gehen, sind für mich nicht weniger als großartig. Mein Blick mag durch die Regalmeter schlechter Memoiren, die gedruckt wurden und werden getrübt sein, aber Ehrenburg vermittelt hier ein sehr lebhaftes, mitreißendes, anschauliches Bild seiner Epoche. Nahezu alles, was ich über die Kunst- und Kulturgeschichte der ersten Hälfte des 20. jahrhunderts weiß, weiß ich aus „Menschen. Jahre. Leben.“, dessen Personenregister durchaus als Grundstock für eine Enzyklopädie zu diesem Thema taugt. Was mich die drei Bände auch heute immer wieder zur Hand nehmen läßt und immer wieder zum Festlesen führt, ist sein journalistisches Können. Genaugenommen erinnert Ehrenburg nicht, er portätiert, er berichtet, er erzählt. Daß es sich dabei um sein Leben handelt, scheint eher zufällig, nicht er und seine großen Taten stehen im Mittelpunkt, sondern die Menschen, denen er begegnete, die Ereignisse, an denen er teilnahm, die Epoche, in der er lebte. Sein eigener Lebenslauf ist nicht mehr als ein roter Faden, der durch die gut anderthalbtausend Seiten führt. Ich habe seltenst Memoiren gelesen, die es vermochten, derart plastische Bilder, solch lebhafte Portraits, so nachfühlbare Stimmungsbilder zu zeichnen.
Und auch wenn es durchaus so etwas wie eine Ordnung, eine Gliederung, ein Prinzip zu geben scheint, so fließen hier doch immer wieder die Jahre und Jahrzehnte ineinander, fügen sich Bilder und Erinnerungen assoziativ zusammen, was mir einem Erinnerungswerk auch viel angemessener zu sein scheint als eine strenge Chronologie.
Ehrenburg lebte ein außergewöhnliches Leben, auch wenn er das nicht herausstreicht. Er war im Bürgerkrieg halb verhungert mit Mandelstam auf der Flucht durch den Kaukasus, auf Promotion-Tour für Stalins Sowjetunion in den USA, jedoch genauso verzweifelt und verängstigt im Moskau 1937. Er war Kriegskorrespondent im spanischen Bürgerkrieg (wo er Hemingway kennenlernte – es gibt ein Bild mit den beiden von Frank Capra), ebenso im zweiten Weltkrieg, dessen Beginn er in Frankreich erlebte (und durchaus knapp aus Paris entwich) und anschließend eine der führenden Figuren der Friedensbewegung.
Seit Jugendtagen Bolschewik trat er immer als Verteidiger Westeuropas in der Sowjetunion auf und in Westeuropa als überzeugter Vertreter des sowjetischen Systems, was ihm Beschimpfungen beider Seiten eintrug (Ehrenburg selbst zitiert durchaus süffisant immer wieder aus der großen sowejetischen Enzyklopädie, in deren unterschiedlichen Auflagen sich die Einschätzung seiner Person und seines Werkes immer wieder veränderten.)
Doch gerade das scheint mir seine ungeheure Stärke in diesem Werk zu sein. Auch wenn es sicherlich nicht auszuschließen ist, daß seine Fokussierung auf die Menschen, auf das Erzählende, das Berichtende und ein nur höchst vorsichtiges Werten und Beurteilen, das stets um Ausgewogenheit bemüht ist, den Bedingungen des Systems, in dem er lebte und schrieb zuzuschreiben ist (der aufmerksame Leser, allerdings nur dieser, wird zwischen den Zeilen so einiges finden, für dessen klare Formulierung kein Raum war) – ist es nicht gerade das, was Journalisten wirklich zu leisten vermögen? Mir scheint das in der heutigen Zeit, in der jeder, der mal irgendwo war und sich was angeschaut hat, gleich zum Experten für sämtliche Zusammenhänge und mögen sie noch so komplex sein, hochstilisiert wird, eine abhanden gekommene Kunst zu sein.
Zuhören. Erzählen lassen. Mitgenommen werden.

Die Publikationsgeschichte macht es nicht einfach, die geneigte Leserschaft auf die Suche zu schicken. Ich empfehle ausschließlich die Ausgabe von Volk und Welt, die im Rahmen der Werkausgabe erstmals 1978 in drei Bänden erschien, der 1990 ein vierter Band (soweit ich weiß, mit Fragmenten aus dem Nachlaß – ich hatte den erst einmal in der Hand. Falls noch jemand ein Geschenk sucht…) folgte. Die Ausgabe von Kindler wurde sehr zurechtgestutzt, insbesondere im Hinblick darauf, daß Ehrenburg in der BRD als höchst umstritten galt (da steckt die unsägliche Flugblatt-Geschichte dahinter, genaueres im Wikipedia-Eintrag und bei der Initiative Ilja Ehrenburg)
Antiquarisch sind auch dreibändige Kindler-Ausgaben zu finden, die ich aber nicht kenne und daher auch nicht einzuschätzen vermag.


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*Was mich nebenbei auch etwas aus meiner Generation fallen läßt. Meine bisherigen Erfahrungen legen nahe, daß man heute etwa 50 Jahre alt und auf dem Gebiet der DDR aufgewachsen sein muß, um mit diesem Namen etwas anfangen zu können. Dann allerdings liegt die Quote nahe der 100%-Marke.
**Für die Insider: Ebenfalls lieferbar ist ein Nachdruck seines Paris-Fotobildbandes mit der typographischen Gestaltung von El Lissitzky – sichern, so lange er noch zu haben ist)

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Gachmurets dritte Kulturwoche: Film

Film: König der letzten Tage

Die älteren in der geneigten Leserschaft erinnern sich bestimmt an den Tag, an dem Kurt Cobain starb – und die jüngeren unter den älteren vielleicht daran, wie auf einmal alle ja schon immer Nirvana-Fans gewesen sein wollten.
So ähnlich erging es mir mit Christoph Waltz. Zu der, zugegeben, tiefen inneren Befriedigung, als er mit dem Oscar ausgezeichnet wurde, mischte sich eben dieses merkwürdige Gefühl, als urplötzlich ganz viele „Schon-immer“-Anhänger seiner Schauspielkunst auftauchten. Der „wahre Fan“ empfindet da Ablehnung. Denn wie viele von denen haben ihm wohl die Treue gehalten, als er in „Kommissar Rex“ mitspielte (natürlich großartig, aber der Freiraum in einer solchen Rolle ist ja auch eher begrenzt)? Wer hat denn das fast zwanzigjährige Reden davon, daß Waltz ein hochgradig unterschätzter Schauspieler ist und sich dann mal gezielt Filme mit ihm angeschaut? Mhm? Also.
Meinen ersten Waltz-Film sah ich im Alter von 14 Jahren, den Umstand ausnutzend, seit Kurzem einen Fernsehapparat im Jugendzimmer mein Eigen zu nennen. Insofern mag also mein Blick auf den „König der letzten Tage“ von jugendlichem Erstaunen („Alles so schön bunt hier.“) getrübt sein. Aber neben der für einen ungeübten Teenager* durchaus verwirrenden Fülle von Sinneseindrücken, die dieser Film bietet, gibt es einen bleibenden Wert, der mich auch heute noch die 16 Jahre Wartezeit auf DVD vergessen läßt.
Wie der geneigten Leserschaft gelegentlich bereits mitgeteilt, gehört die Frage, wie und warum Menschen im tiefsten und besten Glauben daran, Gutes und Richtiges zu tun, Falsches, Schlechtes, Grauenhaftes anrichten, zu meinen Lebensthemen. Wann, wie und warum diese Frage zu meinem Lebensthema wurde, weiß ich nicht (auch wenn ich da so ein paar Hypothesen parat hätte). Die Geschichte des Münsteraner Täuferreiches, um die es im heute empfohlenen Film geht, ist freilich geradezu prädestiniert für diese Frage. Zwei Propheten des nahenden Weltendes gründen im Bündnis mit Honoratioren der Stadt einen fundamentalistischen Gottestaat, das Neue Jerusalem, indem alles besser werden wird. Es darf sicher diskutiert werden, ob Jan van Leiden sich tatsächlich und aus voller Überzeugung für den Propheten des Neuen Jerusalem hielt (eine Interpretation, die der Film nicht gerade nahelegt) – wohl aber taten dies etliche Bürger der Stadt. Und die all die geschehenen Grausamkeiten begrüßten, begeistert mitmachten. Warum? Wie kann im Namen eines Glaubens, der Frieden predigt, der fordert, seinen Nächsten und selbst seine Feinde zu lieben, ein jeder „Abweichler“ bis zum äußersten bekämpft werden?
Einfach verführt von einem charismatischen Redner? Kann das so einfach sein? Einer ist Schuld und die armen, hilflosen Massen waren ihm eben ausgeliefert, konnten gar nicht anders?
Ich bin mir natürlich nicht sicher, ob ich da nicht zu viel in diesen Film hineinpretiere und dieser gar nichts dergleichen zu leisten vermag. Das mge die geneigte Leserschaft selbst herausfinden. Auf jeden Fall lohnt es sich aber, der Wandlung zuzuschauen, die Christoph Waltz seine Figur durchmachen läßt. Aus einem durchaus mäßigen Alleinunterhalter, dessen Physiognomie ihn auch nicht gerade zum charismatischen Relegionsführer prädestiniert, wird ein immer überzeugender, ein immer verführerischerer Anführer. Mich jedenfalls hat er am Ende so weit, sein Ende zumindest zu bedauern.

König der letzten Tage in der deutschen IMDb


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*Hey, ich bin DDR-Kind und war auf einmal im Westen, you know.

Gachmurets dritte Kulturwoche: Anime

Anime: Ghost in the Shell

Erzählungen sind in ihrer Struktur und ihren Motiven stark vom kulturellen Hintergrund des Erzählenden geprägt. Das gilt ebenso für das Publikum, das seinerseits in seiner Erwartungshaltung stark geprägt ist und nicht selten irritiert reagiert, wenn eine Erzählung diese nicht bedient. Was freilich für Erzählende einen großen Reiz hat, in dem sie mit diesen Erwartungen spielen (William Goldman macht das beispielsweise in der Brautprinzessin ganz großartig, in dem er eine Geschichte nach Hollywood-Manier erzählt, um sie gleichzeitig nicht so zu erzählen. Ganz hervorragend die Erwartungshaltung zu enttäuschen gelingt auch der vorgestern bereits intensiv empfohlenen SouthPark-Folge „Stanley´s Cup„). Einen großen Reiz macht es allerdings auch für die Rezipienten aus, etwas anderes, neues eine ganz andere Erzählstruktur, andere Motive, andere Themen kennenzulernen. Nicht immer allerdings gelingt das auch. Ich persönlich scheitere zum Beispiel regelmäßig daran, dem Handlungslauf von französischen Filmen zu folgen. Und beim heute empfohlenen Film brauchte ich drei Anläufe, ehe ich meinte, verstanden zu haben, was da eigentlich passiert. Allerdings habe ich den Film jedes Mal bis zum Ende gesehen, womit ein Anhaltspunkt gegeben wäre, warum er auf der Empfehlungsliste steht. Neben „Akira“ ist „Ghost in the Shell“ der hierzulande vielleicht nachhaltig wirkendste Anime und basiert wie dieser auf einem Manga (von Masamune Shirow, erschienen bei, wo auch sonst, Kodansha). Die Themen sind geradezu klassisch japanisch: Im Jahr 2029 jagt eine Cyborg-Agentin ein außer Kontrolle geratenes Regierungsexperiment, dessen Protagonist, der Prototyp eines virtuellen Agenten, auf der Suche nach einem Wirtskörper so allerlei Schaden anrichtet und vor allem eben außer Kontrolle geraten ist, was der Regierung natürlich nicht gefallen kann.
Das Setting ist an sich nicht ungewöhnlich und heute wahrscheinlich noch weit weniger unwahrscheinlich als dies 1989 der Fall der Fall gewesen sein mag.
Die Frage nach der Seele in künstlicher Intelligenz, die Fragen um Kontrollierbarkeit der technischen Errungenschaften, auf die wir einen zunehmenden Teil unseres Lebens aufbauen und welche ethischen Probleme das alles aufwirft, was das letztlich für das Leben auf dieser Welt überhaupt bedeuten mag – drunter machen wir es hier nicht. Der Film ist weit komplexer als das Ausgangssetting das vermuten lassen mag, denn wie auch in „Akira“ gilt hier: Es passiert gar nicht sehr viel, im Sinne eines Plots jedenfalls nicht. Aber es gibt eine derartige Fülle von Neben- und Randgeschehen, von nicht leicht zu durchschauenden (also zumindest ging es mir so, ich weiß nicht, ob dies an der tatsächlichen Komplexität liegt oder an der kulturellen Barriere, meine Zahl hierzu zu befragender JapanerInnen tendiert leider gegen 0, so daß mir die Gegenprobe vorerst verwehrt bleibt) Verbindungen, Gedankenspielen und Andeutungen, daß die 79 Minuten vollkommen ausreichen, um ein komplexes Erlebnis zu verschaffen.

Es ist sicher keine Überraschung, daß die spannendsten künstlerischen Überlegungen zum Mensch-Maschinen-Verhältnis einer Kultur entstammen, in der Technikverliebtheit geradezu pathologisch ist. Einer Kultur, in der der Satz „Da müsste man auch mal was erfinden.“ kein dahingeworfener Witz oder eine sinnierende Träumerei ist, sondern ein Handlungsauftrag.

Der Schlußsatz des Trailers, „You´ll never trust computers again.“ darf zumindest als Gedankenanstoß gesehen werden:

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swfmacmousewheel.registerObject(attributes.id);

Und wem das alles viel zu weit weg ist, noch ein kleiner Gedankenanstoß:

timpritlove


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Gachmurets dritte Kulturwoche: Verlag

Verlag: Hermann Schmidt Mainz

In Urheberrechtsdebatten, Krimis oder anderen Filmen sind Verleger gerne villenbewohnende Zigarreraucher, die herrisch über das Schicksal untertänigst um ihre Gnade bittender Schriftsteller bestimmen.
Keine Ahnung, wo die jeweiligen Autoren ihre Milieustudien betrieben, aber zumindest für Buchverleger, so es sie denn noch gibt, ist dies keineswegs typisch.
Einer der beliebtesten Vorwürfe an Verleger (und Medienhändler) lautet ja, sie würden nur danach schauen, was „geht“, was sich gut verkauft. Besonders abgelehnte Autoren finden sich schnell dazu bereit. Das kann stimmen, es kann aber auch sein, daß das vorgeschlagene Projekt einfach schlecht ist und gar keine Verbreitung verdient. Meist ist es aber so, daß es denjenigen, der die Auswahl zu treffen hat, schlicht nicht überzeugte. „Ich drucke nichts, was mir nicht gefällt.“ ist ein Satz, mit dem Verleger so lange punkten können, bis demjenigen, der diesen Satz bejubelt, auffällt, daß damit nicht zwangsläufig immer die anderen gemeint sind. 😉
Letztlich aber, bei allen Möglichkeiten, die insbesondere Konzernen zur Verfügung stehen, ob ein Buch wirklich funktioniert, weiß man immer erst hinterher. Und das wird schwieriger einzuschätzen, je kreativer, je außergewöhnlicher ein Projekt ist.
Kreative und außergewöhnliche Bücher sind nun eine wahre Spezialität des Verlages Hermann Schmidt Mainz und das ist auch der Grund, warum er heute empfohlen wird. Deren Publikationen gelten für mich als lebhafter Beweis dafür, daß nur Verrückte auf die Idee kommen können, einen Verlag zu gründen (bezieht man jetzt noch ein, daß die ganze Branche als hochinzestiös gilt, macht das sogar richtig Sinn).
Mal ein Beispiel:
Schriftwechsel von Stephanie de Jong und Ralf de Jong
Schrift sehen, verstehen, wählen und vermitteln
mit über 150 Illustrationen und Beispielen, 50 ausführlich dargestellten Textschriften und weiteren 200 Schriften im Vergleich
Mit einem fortlaufenden Blindtext aus Anne Cuneos „Garamonds Lehrmeister“

360 Seiten mit perforiertem Satzpiegel, Format 21 x 29,7 cm
Leinenband mit Siebdruck und Prägung mit zweifarbigem Schutzumschlag
und 2 Lesebändchen
Preis: 89 €

Es ist ein Stück weit verrückt, so etwas zu drucken. Genau genommen, kann man nur darauf hoffen, daß es genug Verrückte da draußen gibt, die ein solches Buch kaufen würden. Und auch wenn 89 € nach einer Menge Geld klingt, es müssen etliche sein. (Also ich habe es 😉 ) – und ihr könnt das auch)
Bücher, die bei Hermann Schmidt produziert werden, sind vor allem eines: Wunderschön. Es sind Kunstwerke, egal zu welchem Thema – immer spürt und sieht man die kreative Arbeit, die in jedem Detail steckt. Daß ein Buch weitaus mehr ist als schwarze Buchstaben auf weißem Grund – hier ist das noch erfahrbar. Es ist ein Genuß für Augen, Nase und Hände. Hier ist das Buch ein Sinneserlebnis, man muß gar nicht lesen, um zu genießen.
Es kommt tatsächlich vor, daß ich bei einem Buch wie Lesetypo, gedacht als Hand-, Arbeits- und Lehrbuch, mithin also als eines mit praktischem Nutzen, blätternd einfach nur die leuchtenden Augen streifen lasse über diese Schönheit – ohne auch nur ein Wort bewußt zu lesen.

Ein Buch möchte ich noch einmal gesondert empfehlen, für all diejenigen in der geneigten Leserschaft, die entweder nicht so genau wissen, wie und vor allem: mit wievielen Menschen ein Buch eigentlich produziert wird oder aber anderen, beispielsweise den eigenen Kindern, eben dies nahebringen wollen.
In Das geheime Leben der Bücher vor dem Erscheinen wird genau das erklärt. Ich bin sicher, selbst etliche Buchmenschen werden darin Neues finden – und vor allem: Das Buch hat ein thermosensitives Cover. Das ist toll. Ich lese das Buch gerade mit meiner Tochter, die sich allerdings weit mehr für den Inhalt als für den coolen Effekt interessiert (verstehe einer die Kinder…), was ich wiederum gar nicht schlecht zu finden vermag. Immerhin weiß sie nun, was ein Illustrator oder ein Typograf ist, kennt Schriftenfamilien und ich freue mich bereits auf das wunderbare Kapitel „Ist ‚Sachen verlegen‘ wirklich ein Beruf?“.

Zum Abschluß bleibt mir nur noch, auf die Webpräsenz des Verlages zu verweisen, bei der sich übrigens unter dem Menüpunkt „Leitbild“ ein jeder schnell daran erinnern kann, daß hier tatsächlich Kaufleute am Werke sind. 😉

Und für alle, die das interessiert: Mein erstes Hermann-Schmidt-Buch war übrigens dieses. Lang, lang ist´s her.


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Gachmurets dritte Kulturwoche: Fernsehserie

Fernsehserie: South Park

Als South Park 1999 in Deutschland anlief, erhob sich allerorten Abendlanduntergangsgeschrei ob der angeblich sinnfreien Zusammenstellung diverser Körperflüssigkeiten und entsprechender Worte. Gar nicht erst zu reden von der furchtbaren Brutalität. Die armen Kinder, wenn die sowas sehen.
Nun, zunächst einmal sei dazu gesagt, daß es ein kulturelles Mißverständnis der hiesigen Kulturbeflissenen ist, alles, was irgendwie bunt und animiert daherkommt automatisch mit „Zielgruppe Kinder“ zu belegen. Dabei ist bereits der anarchische, grobe Zeichenstil der SouthPark-macher ein klarer formaler Hinweis darauf, daß hier nicht Guckmaldassüßekleinebambi-Fans angesprochen werden sollen. Bei Faldbakken, Houellebecq oder Hegemann ist das Feuilleton ja auch nicht so zimperlich.
Im Fernsehen wird SouthPark denn auch mit FSK16-Hinweis ausgestrahlt, wenn auch sicherlich nicht, weil man jüngeren Zuschauern das intellektuelle Niveau der Serie nicht zutraut. Es macht dies allerdings auch nur bedingt Sinn, bedenkt man, daß sämliche Folgen problemlos im Netz anzuschauen sind. 😉
Ich selbst fand erst Jahre später zu SouthPark. Zum Serienstart ließ mich die durchaus typische intellektuelle Arroganz des geisteswissenschaftlichen Studenten im Grundstudium (ihr wißt schon: „Ich war schonmal in einem Seminar und habe ein Buch gelesen!“) nur abschätzig die Nase rümpfen. Einen völlig anderen Blick auf diese Zeichentrickserie verdankte ich Michael Moores „Bowling for Columbine„, in dem auch Matt Stone, einem der beiden Schöpfer von South Park, interviewt wurde (Anlaß war der Fakt, daß Stone in Littleton die High School besuchte). Stone erwähnte dabei, daß ein Ziel seiner Arbeit sei, zu zeigen, was wir eigentlich anrichten mit dem seltsamen Gemisch aus Halbwahrheiten, Lügen und Verschweigen, mit dem wir unseren Kindern die Welt zu erklären meinen (er sagte das bestimmt anders, aber so wirkte es auf mich).
Und das ließ mich nachdenken. Und mir den Unsinn einmal ansehen.
Was Stone und Parker dort schaffen, ist nichts weniger als großartig, auch wenn diese Einschätzung sehr viel eher auf die späteren Staffeln als auf die frühen zutrifft. Aber die Serienjunkies in der geneigten Leserschaft wird ein solcher Satz kaum überraschen. 😉
Im Mittelpunkt der Serie stehen Grundschüler aus einem fiktiven kleinen Ort irgendwo in den Bergen der USA. Wie jede Fernsehserie schafft auch SouthPark sein eigenes Universum um einige zentrale Protagonisten, aber ich möchte hier darauf verzichten, da ins Detail zu gehen, weil das vollkommen unnötig ist und ich außerdem denjenigen, die die Serie noch nicht kennen sollten, die Chance lassen möchte, die Charaktere selbst kennenzulernen.
Mit einem treffsicheren Witz, einer präzisen Beobachtungsgabe und einer Lust am Demontieren auch des letzten Tabus gelingt es dem Duo Stone/Parker gekonnt, die Forderungen des Hausheiligen an die Satire zu erfüllen:

Wenn ich die Folgen der Trunksucht aufzeigen will, also dieses Laster bekämpfe, so kann ich das nicht mit frommen Bibelsprüchen, sondern ich werde es am wirksamsten durch die packende Darstellung eines Mannes tun, der hoffnungslos betrunken ist. Ich hebe den Vorhang auf, der schonend über die Fäulnis gebreitet war, und sage: »Seht!« – In Deutschland nennt man dergleichen ›Kraßheit‹. Aber Trunksucht ist ein böses Ding, sie schädigt das Volk, und nur schonungslose Wahrheit kann da helfen. […]Übertreibt die Satire? Die Satire muß übertreiben und ist ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht. Sie bläst die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird, und sie kann gar nicht anders arbeiten als nach dem Bibelwort: Es leiden die Gerechten mit den Ungerechten.[…]
Was darf die Satire?
Alles.

*

Wer mir bis hierhin nicht glaubte, dem seien nun einige Folgen empfohlen, um sich selbst ein Bild zu machen.
Ich beginne mit einer Episode, die ich für eine der stärksten überhaupt halte. Sie wirkt deshalb besonders intensiv, weil sie exakt auf unsere Erwartungen zielt, wie eine Geschichte zu verlaufen hat.
Stanley´s Cup“ (Staffel 10, Episode 14)

Daß ich Matt Stone vielleicht nicht falsch verstanden habe, mag auch folgende Episode verdeutlichen, die mich bis heute darin bestärkt, im Weihnachtsmann den einzigen Fall stehen zu lassen, in dem ich meinem Kind bewußt die Unwahrheit gesagt habe (und es nagt noch immer, aber es ist andererseits auch nicht leicht, einer Dreijährigen diesen immensen sozialen Druck zumuten zu wollen…)
Zahnfee-Mafia & Co. (Staffel 4, Episode 2)

Das nächste Beispiel zeigt großartig, was passiert, wenn man Kindern irgendwelches Halbwissen präsentiert – die reimen sich den Rest nämlich einfach selbst zusammen. Mit ganz eigenen Ergebnissen. Und einem für meinen Geschmack etwas zu moralinsauren Ende. 😉
Hundemelken (Staffel 5, Episode 7)

Die bösen großen Konzerne machen all die kleinen Läden kaputt. Doch wie sonst gilt auch hier: es gehören immer zwei dazu. Die, die etwas anbieten und diejenigen, die es kaufen. Aber diese Einsicht ist auch nicht so einfach umzusetzen. 😉
Das Böse kommt auf Wall-Marts Sohlen. (Staffel 8, Episode 9)

Eine böse Folge ist diese Episode, in der eine Parabel auf den modernen Popstarrummel erzählt wird.
Britneys neuer Look (Staffel 12, Episode 2)

So, und dann noch ein bißchen Bildungsfernsehen. Ich bin inzwischen der Meinung, daß im Rahmen der 14 Staffeln, die bisher gedreht wurden, wohl alle Themen des postmodernen Lebens abgehandelt wurden. Die vielleicht beste SouthPark-Folge ist die über Scientology.
Schrankgeflüster. (Staffel 9, Episode 12)

Zum Abschluß noch einen kleinen Spaß, meine Lieblingsfolge:
Die Liga der Super Besten Freunde. (Staffel 5, Episode 4) >> Wie ich gerade lese, wurde diese Episode aus absurden Gründen offline gesetzt.

Na gut, dann noch ein paar Tipps in loser Folge:
Ärger mit den Mandeln (S12E01)
Scott Tenorman muss sterben! (S05E01)
Gott ist tot I + II (S10E12+13)

Und noch viele mehr. Mein Favorit ist die Staffel 12, aber auch ansonsten liegt die Fehlgriffquote ab Staffel 5 insgesamt recht niedrig, denn natürlich ist auch bei SouthPark nicht alles perfekt. 😉


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*aus: Was darf die Satire? in: Werke und Briefe: 1919. Tucholsky: Werke, Briefe, Materialien, S. 1193ff. (vgl. Tucholsky-GW Bd. 2, S. 43ff) (c) Rowohlt Verlag http://www.digitale-bibliothek.de/band15.htm

Re: Gachmurets dritte Kulturwoche: Musik

Musik: Zupfgeigenhansel

UPDATE 21.09.2010: Und der zweite Beitrag aus dem Februar (Erstpublikation am 02.02.2010).

Die Sechziger und Siebziger Jahre sind musikalisch von einer großen Folkwelle geprägt, die auch Deutschland erreichte. Hier wurde das Thema „Volkslied“ wieder neu interpretiert, es gab eine Wiederentdeckung alter Schätze, das Genre wurde aus dem Klammergriff von Schlagerindustrie und Schulmusikunterricht befreit. Tatsächlich gab es auf einmal ein breites Publikum, das bereit war, zuzuhören – die Singer-Songwriter hatten hier sozusagen die Schneise geschlagen.
Kurz: Der Zeitgeist war bereit.

Ein kleiner Exkurs noch:
Die Idee, daß es sehr viel mehr kreative Quellen gibt als die öffentliche Wahrnehmung weismachen will, scheint mir gerade heute höchst aktuell. Was dem einen die kanonisierte Volksliedvermittlung, sind dem anderen die Qualitätsmedien. Kreativität breiter Volksschichten gibt es nicht erst seit dem 21. Jahrhundert mit seinen Blogs, Onlinemagazinen und sozialen Plattformen. Die gab es schon immer. Und ebenso wie in allen Jahrhunderten früher wird es auch weiterhin großartige Werke geben, die nie beachtet werden und verschütt gehen, um vielleicht dereinst ausgegraben zu werden – zum Erstaunen späterer Generationen. Gut, back to topic.

Für mich persönlich verbindet sich mit „Volkslied“ zwangsläufig der seltsam harmonische Klang dieses Duos, handelt es sich dabei doch um eine ganz frühe Prägung (ich höre die nun schon seit gut und gerne 20 Jahren). Sie haben eine Frische und ein Einfühlungsvermögen, das ich so nirgenwo sonst wieder gehört habe (und Nein, liebe Liederjan-Fans, auch bei denen nicht 😉 ). Den Revoluzzer von Mühsam, zum Beispiel, könnte ich nicht vorlesen – die Melodie wäre zu prägnant im Kopf. Dabei geht es hier nicht um schönen Gesang im Sinne von technischer Reinheit, denn Volkslieder sind ja Lieder des Volkes. Und das hat keine BelCanto-Ausbildung. Es geht darum, ein Lied zu singen, seine Stimmung zu spüren und auszudrücken. Und das machten Zupfgeigenhansel in meinen Augen perfekt. Eine derart frische, lebendige Interpretation wünschte ich mir bei so etlichen anderen Darbietungen populärer Musik.

Zupfgeigenhansel interpretieren den Begriff „Volkslied“ denn auch etwas weiter als dies der akademische Diskurs tun würde, nicht selten finden sich vertonte Gedichte oder Texte aus dem Untergrund der nationalsozialistischen Zeit darunter. Die Themenvielfalt reicht mithin von den üblichen lüsternen Mönchen und Pfarrern über naive Bauerntöchter und frustrierte Soldaten (hier mal mit Musik) bis zu sehnsüchtigen Kindheitserinnerungen (ganz wunderbare Interpretation übrigens, die Heines großartige Kunst, im romantischen gewande böse zu spotten, hervorragend herüberbringt.) oder dem Suchen nach Hoffnung in dunkler Zeit.

Unglücklicherweise sind nicht allzu viele Tonbeispiele online auffindbar (also, zumindest für mich nicht), so daß einige meiner liebsten Stücke (wie eben das Heine-Lied) hier ungespielt bleiben müssen.
Aber, es genügt doch, um einen Eindruck zu bekommen und die unliebsten Stücke sind es auch nicht, die ich gefunden habe.
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Re: Gachmurets dritte Kulturwoche: Kabarett

Kabarett: Marc-Uwe Kling

UPDATE 20.09.2010 Nachdem ich im Februar (Erstpublikation dieses Beitrages war am 01.02.2010) krankheitsbedingt abbrechen musste, hier nun ein neuer Anlauf. Die beiden Eröffnungsbeiträge sind also reine Republikationen, was aber ja nicht heißt, daß man sie nicht noch einmal lesen kann. 😉

Nun denn, nach einigen Wochen Ruhe im Notizblog, soll es nun wieder einmal Schlag auf Schlag gehen. Ich präsentiere der geneigten Leserschaft: Gachmurets dritte Kulturwoche.
Und traditionsgemäß eröffne ich diese mit einem Kabarettisten.

Marc-Uwe Kling ist aufmerksamen Lesern dieses Blogs ja bereits bekannt. Ich schätze an ihm besonders seine Originalität. Es gelingt ihm, die ja letztlich doch immer gleichen Themen und Muster des politischen Kabaretts so in Szene zu setzen, daß sie neu wirken.
Dabei ist sicherlich hilfreich, daß er äußerst vielfältig unterwegs ist. Er hat eine Radiokolumne (über die noch zu sprechen sein wird), seine Programme sind mindestens zur Hälfte mit Musik gefüllt und er betreibt seit Jahren eine PoetrySlam-Bühne (und tritt natürlich auch selbst bei Slams auf).

Aber vielleicht lasse ich ihn mal lieber selbst wirken.

Was ich bei Kabarettisten besonders wichtig finde, ist, daß sie nicht einfach billige Rundumschläge auf „die da oben“ verteilen, denn das kann die „Bild“ auch, sondern einen klaren Standpunkt beziehen. Und an Klarheit läßt Herr Kling hier zum Beispiel wenig zu wünschen übrig. Politisches Kabarett soll unter anderem ja auch Ventil sein:

Nun noch ein paar Worte zu seiner RadioKolumne bei Radio Fritz, die inzwischen auch in Buchform erhältlich ist. Kling erzählt dort von seinen Erlebnissen mit einem kommunistischen Känguru, das Bestandteil der 2er-WG ist, in der er lebt. Das ergibt durchaus bizarre Situationen, ist aber immer treffend – und wunderbar böse. Hier mal ein Beispiel solcher Ereignisse:

Jörg Dwix*

Zum Abschluß noch der Verweis auf Marc-Uwe Klings Webpräsenz.


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*20.09.10: Der Link ist neu. Was auch immer da ursprünglich verlinkt war, es ist nicht mehr auffindbar.

Das Buch zum Sonntag (22)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Uwe Tellkamp: Der Turm

Zum Abschluß der zweiten Kulturwoche heute ein Buch, das zu den beeindruckendsten Werken gehört, die ich in letzter Zeit gelesen habe.
Tellkamps Buch spielt im Dresden der letzten sieben Jahre der DDR, von Breschnews Tod bis zum Mauerfall am 9. November 1989.
Die Handlung setzt ein mit dem 50. Geburtstag Richard Hoffmanns, Arzt an der Medizinischen Akademie Dresdens. Bei dieser Gelegenheit wird sogleich die Gesellschaft der „Türmer“ vorgestellt, bildungsbürgerliche Bewohner des „Turm“ benannten verfallenden Villenviertels.
Auf den folgenden 1000 Seiten entwirft Tellkamp ein dichtes, genaues und umfassendes Panorama der Spätzeit der DDR. Klar mit dem Focus auf und aus der Perspektive des Ersatzbürgertums (denn die bürgerliche Gesellschaft war ja überwunden, mithin gab es also auch kein Bürgertum mehr – und alles in allem ja blieb auch nur die bürgerlich-intellektuelle Attitüde bestehen, die materiellen Grundlagen, die zum Bürgertum dazugehören, waren gründlich vernichtet), aber die Lebensumstände der Protagonisten bringen es mit sich, daß dem Lesenden weitaus mehr gezeigt wird.
Die Literaturkritik hat sich weitgehend und ausführlich mit dem Roman befaßt, ich beschränke mich also bei der heutigen Empfehlung ganz allein auf meine persönlichen Leseerfahrungen, ohne sie in irgendeinen Kontext zu stellen.
Mir erschien der Roman als ein überzeugendes Bild mit glaubwürdigen Charakteren. Die Mechanismen, mit denen der tägliche Einkauf organisiert werden mußte, die Rücksichten, die im Beruf genommen werden mußten, die komplizierten, verwickelten Netzwerke, die es bedarf, um einen Keilriemen oder ein Ersatzteil für eine Gasheizung zu bekommen – das ist alles drin. Doch ich würde das Buch der geneigten Leserschaft nicht empfehlen, handelte es sich nur um ein Panoptikum heute bizarr anmutender Anektoden. Denn entlang des Lebensweges der Protagonisten zeigt Tellkamp die tiefgehenden Konflikte, die persönlichen Verwerfungen, ja die geradezu schizophrenen Verhaltensweisen in einer Gesellschaft, die permanent von Angst und Vorsicht vor einem übermächtig scheinenen Apparat (eine großartige Konstruktionsidee übrigens, den kompletten Apparat mit all seinen Ebenen an einen einzigen geographischen Ort zu versammeln), von Heimlichkeiten, von Mißtrauen auch dem Nächsten gegenüber beherrscht wurde. Eine Gesellschaft, die ihre Ideale zwar postulierte, aber gar nicht in der Lage war, sie auch zu leben.
„Geschichte aus einem versunkenen Land“ nennt Tellkamp seinen Roman und kaum eine Stadt wäre als Schauplatz geeigneter denn „Dresden – in den Musennestern wohnt die süße Krankheit gestern.“ (ein geradezu leitmotivisch wiederholter Satz), eine Stadt, deren Selbstverliebtheit und deren Schwelgen in der historischen Bedeutung gut zu einer melancholischen Grundstimmung in einem Roman über die Auflösung und den Zerfall einer Welt paßt. Daß es sich aber nichtsdestotrotz auch um eine Liebeserklärung an die Heimatstadt handelt, kam bei den Dresdnern des Jahres 2008 ebenso wenig an, wie 107 Jahre früher bei den Lübecker Bürgern in Sachen Thomas Mann (zu dessen „Buddenbrooks“ übrigens ebenso wie zu Tellkamps „Turm“ Schlüssellisten existieren). Doch dies nur nebenbei.
Die geneigte Leserschaft sei jedoch auf etwas hingewiesen: Die Sprache des Romans ist den handelnden Figuren angepaßt. In Kapiteln, in denen beispielsweise eine hektische, plappernde Tante die Hauptrolle spielt, liest sich auch das Buch deutlich hektischer und schneller, als in Kapiteln, in denen ein schöngeistiger Lektor mit dem Schwerpunkt auf klassischer Literatur im Mittelpunkt steht. Das muß man allerdings auch mögen, sonst wird es sehr anstrengend (ich empfehle in diesem Falle allerdings: Überfliegen, nicht aufgeben).
Es fällt mir schwer, ein paar Stellen zu zitieren, ohne zu viel vom Handlungsstrang zu verraten. Ich versuchs trotzdem mal:

Zunächst einmal eine Stelle, die ich gerne zitiere, um den Unterschied zwischen Geschriebenem und Literatur zu verdeutlichen:

Magie war ein Wort, das Meno nicht liebte. Er hatte Ehrfurcht vor dem, wofür es stand und was es ausdrückte, nur unzulänglich seiner Meinung nach und etwas hilflos, „ein Etikett auf einem Einweckglas, in dem sich die Dinge befinden, wenn wir uns erinnern“, wie er sagte, wenn Christian, empört über seine eigene Wortlosigkeit und gequält von der Anstrengung, Menos Forderung nach beschreibender Präzision zu erfüllen, kurzen Prozeß machen wollte, indem er dieses Wort gebrauchte, um etwas zu charakterisieren, das ihn auf noch unerklärliche Weise faszinierte. „Du gebrauchst es wie eine Fliegenklatsche, denn Totschlag ist natürlich auch eine Methode, etwas zu bannen“, bemerkte Meno dazu, „aber damit umkreist du nur deine Hilflosigkeit, wie es schlechte Schriftsteller tun, die nicht fähig sind, ein Phänomen zu erzeugen – was der eigentlich schöpferische Akt wäre -, sondern nur dazu imstande sind, über das Phänomen zu reden; eben ‚Magie‘ zu sagen, statt aus Worten etwas herzustellen, das sie hat.“

(S. 273)

Dazu noch eine kurze Stelle, die ich bemerkenswert finde, nicht zuletzt auch im Hinblick auf Mielkes legendären „Ich liebe – ich liebe doch alle – alle Menschen.“-Auftritt in der Volkskammer:

(Barsano)“Wir haben geglaubt, daß alle Menschen im Grunde gut sind. Wenn wir ihnen genügend zu essen zu essen geben, Wohnung, Kleidung, dann müßten sie nicht mehr böse sein, es wäre nicht mehr nötig. Ein Irrtum, werch ein Illtum.

(S. 950)

Und zum Schluß noch eine der oben erwähnten anektodenhaften Erzählungen, die nichtsdestotrotz bezeichnend sind:

„Tja, Nachtschicht. Und von den Zahnbürsten nix mehr übrig. Hat sich natürlich wie ´n Lauffeuer verbreitet quer durch die ganze Republik, daß es wahrscheinlich in der nächsten Zeit ´nen Zahnbürstenengpaß geben wird. Wir mußten reagieren! Die Leute haben ja gleich wie die Verrückten Zahnbürsten gehortet, da gab´s dann wirklich ´nen Engpaß. Aber die Japaner haben uns geholfen. Sofort ein Flugzeug mit Zahnbürsten geschickt. Wir haben ihnen dafür Fachwerk gegeben, von ´n paar Häusern in der Braunkohle, die mußten sowieso abgerissen werden. Sind die Samurais ja ganz scharf drauf. Bauen die originalgetreu wieder auf! Und wir hatten Zahnbürsten, made in Hongkong, denn die Japaner importieren das auch.“

(S. 925)

Erschütternd wird der Roman in der Beschreibung dessen, was euphemistisch „Bewährung in der Produktion“ genannt wird. Das Strafsystem der NVA, die psychische Folter, die Versuche, eine Persönlichkeit zu zerstören – es erinnert daran, daß die DDR nicht nur Schnatterinchen und Pittiplatsch war (was Frau Hensel ja kaum vorzuwerfen ist, da ihre Erinnerungen generationenbedingt andere waren). Die Kapitel, in denen beschrieben wird, was es heißt „im Karbid“ zu arbeiten, fand ich nur schwer auszuhalten.

Zum Abschluß noch der Hinweis auf die

lieferbaren Ausgaben.

Gachmurets zweite Kulturwoche: Radio

Radio: Japan-A-Radio

Es gibt Tage, da schalte ich einen ganzen Tag lang obigen Radiosender ein. Bevorzugt, wenn es Dinge zu räumen (zum Beispiel endlich mal die Belletristik nach dem Umzug wieder alphabetisiert werden soll) oder zu packen (für eine längere Reise, zum Beispiel) gilt oder der Frühjahrsputz ansteht.
Die japanische Kultur ist in höchstem Maße hybrid. Ob Schrift (chinesische Schriftzeichen), Religion (Buddhismus), oder HighTech – stets schien das Credo zu gelten: „Oh, feine Sache – aber das können wir noch besser machen.“
Und dieses Prinzip gilt auch für japanische Popmusik. Nicht zuletzt durch die US-amerikanischen Militärbasen und insbesondere deren Insassen kam die japanische Kultur mit westlicher Unterhaltungsmusik in Berührung. Und dachte sich: „Feine Sache das, aber das können wir noch besser machen.“ Das Phänomen, das dabei entstand, betiteln die üblichen Genre-Etiketten-Verteiler als J-Pop. Vereint sind dabei Elemente westlicher Musik (und zwar keineswegs nur hierzulande als U-Musik bezeichneter Werke), insbesondere Rhythmus und Instrumentierung, und fernöstliche Musiktraditionen.
Die Ergebnisse, die das zeitigt, sind vielfältig in Qualität und Ausdrucksformen, insbesondere, da die japanischen Unterhaltungskünstler auch vor anderen Stilrichtungen westlicher Musik nicht Halt machten. So gibt es eben auch J-Ska, J-Rock etc.
Ein Radiosender, der sich dieser Bandbreite annimmt, ist Japan-A-Radio.
Beim Einschalten sollte allerdings bedacht werden, daß Japan in einer Zeitzone liegt, die der unseren ca. 8 Stunden voraus ist. Das macht sich in der Musikauswahl bemerkbar. Abends um sieben gibt es also durchaus mal eher bombastisch-getragenes zu hören, weil dann selbst in Japan mal Ruhezeit ist, schon zwei Stunden später geht es dann aber gerne mal mit erheblich erhöhter Beatzahl zur Sache, weil es gilt, aufzustehen. Tagsüber ist das aber ansonsten kein größeres Problem und man kann prima zuhören. Im Windows-Media-Player zeigt der Stream auch die gespielten Titel an, bei itunes hat er das, zumindest bei mir, nicht.
Um das eine oder andere noch einmal zu verdeutlichen, hier ein paar Musikbeispiele.

Den Anfang macht eine Künstlerin, die, nachdem sie in Fernost bereits höchst etabliert ist, zur Zeit sehr stark in den USA vermarktet wird. Warum, sollte erkennbar sein:

Doch es geht auch anders. Utada Hikaru ist eine meine ausgesprochenen Lieblingskünstlerinnen, und zwar ganz allgemein gesprochen. Ihr Album „Deep River“ werde ich vielleicht gelegentlich noch einmal gesondert vorstellen. Für heute soll dieses Beispiel genügen:

Doch natürlich gibt es auch in Japan Casting-Shows. Allerdings finde ich die Ergebnisse sehr viel amüsanter als die hiesigen. Diese schräge, schrille, durchaus ausgeflippte Musik finde ich höchst erfrischend. Allerdings sei die geneigte Leserschaft gewarnt: Die meisten Menschen dürften es eher enervierend finde. Aber es gibt ja Stopp-Tasten:

(Dieses Video sah ich übrigens zum ersten Mal auf der Leipziger Buchmesse)

Natürlich gibt es auch ruhigere Töne, hier mal ein Beispiel von Ayumi Hamasaki, das problemlos auch in hiesigen Radiostationen laufen könnte:

Es wird Zeit, mal eine etwas andere Note hereinzubringen. Die folgende Band läßt sich unter J-Ska einsortieren. Und klingt großartig.

Yum!Yum!Orange lohnen eine intensivere Beschäftigung, die machen nämlich Riesenspaß:

Wer annahm, Streetpunk sei tot, kennt die umfangreiche japanische RockSzene nicht. Auch wenn die japanischen Spielarten Puristen wohl eher nicht zusagen werden, denn, wie gesagt, die japanische Kultur ist höchst hybrid. Hier mal die Band B-Dash:

Breiten Raum im J-Pop nehmen natürlich Filmmusiken ein. Und die klingen nicht selten so:

(also im Wesentlichen: Nett. Oder, um mal wieder mit dem Hitchhikers Guide zu sprechen: Größtenteils harmlos.)

In Japan wird über alles und jeden gesungen. Es gibt Lieder über Milch, Fisch und natürlich auch zum Kochen. Wer tapfer ist und kein Problem mit extremer Niedlichkeit hat, kann sich gerne mal an diesem Kulturschock versuchen:

UPDATE: 28.03.2010: Leider finde ich keine vollständige Version mehr auf youtube, mußte das Video daher durch eine gekürzte Variante ersetzen. Aber ich denke, man bekommt auch so eine Vorstellung davon. 😉
Durchgehalten? Prima. Dann zum Abschluß noch ein Schmankerl, bei dem nun endgültig Grenzen überschritten werden. Hier vom J-Ska zum (Latin-)Jazz:

Wer mit all dem nichts anfangen kann, dessen Musikgeschmack ist vielleicht nicht passend zur heute vorgestellten Radiostation. Sollte dem ein oder anderen in der geneigten Leserschaft etwas gefallen haben – tune in. Es gilt, einen Musikkosmos zu entdecken. 😉

Gachmurets zweite Kulturwoche: Anime

Anime: Akira

In der ersten Kulturwoche empfahl ich bereits einen Film, der nach Meinung eines Rezensenten dazu geeignet war, das Genre des Animationsfilmes neu zu denken.
Ähnliches ließe sich über „Akira“ sagen. Wenn auch in der westlichen, insbesondere der europäischen Wahrnehmung japanischer Animationsfilme der Paukenschlag, mit dem dieser Film auftrat noch weit höher eingeschätzt werden muß, als in Japan.
Im Gegensatz zu Miyazakis Arbeiten, insbesondere sei hier Prinzessin Mononoke zu nennen, die durchaus Türöffnerfunktion haben, bleibt „Akira“ ein durchweg japanischer Film – wenn auch mit einer Erzählstruktur, die westlicher Gewohnheit eher liegen mag, als sagen wir mal „Ghost in the Shell“, über den bei anderer Gelegenheit noch zu reden sein wird.
„Akira“ ist ein düsterer Film, der klassisch gewordene Themen der Manga- und Anime-Welt aufgreift. Basierend auf seiner gleichnamigen Manga-Serie erzählt Otomo Katsuhiro vom Neo-Tokio des Jahres 2019, einige Jahre nach dem dritten Weltkrieg (eine UrKatastrophe dieser Art ist durchaus gängige Voraussetzung für diverse Zukunftsszenarien, mögen sie nun eher technisch oder eher mythisch motiviert sein). Die Mitglieder einer Motorrad-Gang begegnen dabei einem kleinen Jungen, der wie ein Greis aussieht, jedoch über übernatürliche Fähigkeiten verfügt.
Tetsuo und Kaneda, befreundete Hauptfiguren der Gang, sind anschließend die (offensichtlichen) Protagonisten eines im Hintergrund tobenden Kampfes um „Akira“, in Kälteschlaf versetztes Erbe der Forschung vor dem Krieg.
Die zutiefst ethischen Fragen nach den Grenzen menschlicher Forschung, nach der Verantwortung für die Welt, in der wir leben, sind Grundtopoi japanischer Mangas und der mit ihnen eng verwandten Animes.
Seit Jahrzehnten exerzieren sie dies in allen Facetten durch, ob es offensichtlich und für jeden erkennbar um die Zerstörung der des Gleichgewichts mit der und in der Natur (Prinzessin Mononoke, Miyazaki hat einen stark westlichen Erzählstil, was seine Arbeiten für das hiesige Publikum leichter zugänglich macht) oder ob es verwickelt und kaum durchschaubar um die Abhängigkeit vom Funktionieren technischer Systeme (Ghost in the Shell) oder die Frage nach menschlicher Identität überhaupt geht (Heads) – erst mit Akira begann man außerhalb Japans wahrzunehmen, daß es sich hier nicht nur um Kindergeschichten handelt. Ein Mißverständnis im Übrigen, das auch bis heute nicht völlig ausgeräumt ist.
Viel zu leicht läßt man sich vom grellen, bunten Kostüm oder den natürlich auch existierenden schlichten, tatsächlich für kleine Kinder geschriebenen Geschichten, dazu verleiten, die zeitgenössische Ausdrucksform der Erzählkultur einer uralten Zivilisation leichtfertig abzutun (tut mir Leid, drunter tu ich´s nicht. 😉 ). Das wäre in etwa so sinnvoll wie das deutsche Kulturschaffen nach Prinzessin Lillifee und Benjamin Blümchen zu beurteilen.
Abschließend sei noch auf die hervorragende technische Qualität der Umsetzung hingewiesen. Natürlich geht es hier genretypisch hoch her, was den Einsatz explosiver Mittel angeht, doch ich bitte wirklich eindringlich, nicht zu vergessen, daß nicht alles so ist, wie es auf den ersten Blick zu sein scheint. Entscheidend sollte doch nicht die gewählt Ausdrucksform, sondern immer die künstlerische Aussage sein. Wer sich wirklich darauf einläßt, kann in „Akira“ weit mehr sehen, als ein paar gut gezeichnete Explosionen.

Die Mangas gibt es, leider nur in gespiegelter Leserichtung, hier.
Der Film ist im gut sortierten Fachhandel erhältlich, oder zum Beispiel hier.

Zum Schluß mal noch den offiziellen Trailer zum Blue-Ray-Start, mit einer kurzen Anmerkung: Das im Hintergrund gesungene Lied ist uralt, es kennt jeder, aber keiner weiß mehr, was es bedeutet. Und im Film selbst erzeugt es in der dortigen Version an der passenden Stelle ein sehr unbehagliches Gefühl.