Der Brummkreisel in seiner kulturellen Bedeutung, unter besonderer Berücksichtigung entwicklungspsychologischer Fragen seiner Rolle in der frühkindlichen Erziehung

Zu den, aus welchen Gründen auch immer, häufig auftretenden Phänomenen des Elternseins gehört es, eigene Kindheitserlebnisse, die als positiv empfunden wurden, auch den eigenen Kindern zu ermöglichen. In meinen mit Watte versehenen Kindheitserinnerungen spielt auch der Brummkreisel eine Rolle, mit dem ich bei meiner Uroma zu spielen pflegte. Es war dies kein spektakulärer Brummkreisel (außer vielleicht im Rahmen der überreizten Phantasie passionierter Spielzeugsammler, das vermag ich nicht zu beurteilen), aber, er war aus Metall, hatte eine angenehme Größe und ein ebensolches Summen. Leider erinnere ich mich nicht mehr an die Motive, ich bilde mir ein, es handelte sich um ein simples Farbmuster, also abwechselnde Farbstreifen, es mag sich da auch das eine oder andere Bild aus späteren Zeiten über die originalen Erinnerungen schieben. Aber es ist auch nicht überraschend, daß ich die Gestaltung des Kreisels nicht mehr memoriere, denn um die ging es auch gar nicht. Zumindest mir nicht.
Genau genommen gab es zwei entscheidende Motive, den Brummkreisel zu nutzen:

1. Der sportliche Ehrgeiz. Auf welche Geschwindigkeit war der Kreisel zu drehen, mit welcher Methode war diese Höchstgeschwindigkeit am schnellsten zu erzielen und, natürlich, wie gelang es, die Brummphase möglichst lang zu gestalten. Natürlich korrelieren die einzelnen Punkte miteinander, ohne hohe Geschwindigkeit – kein langes Brummen. Doch das ideale Verhältnis zwischen Krafteinsatz, Dauer des Beschleunigens und schließlich der Beachtung aller äußeren Faktoren herauszufinden, bedarf einiger Übung (wenn ich das richtig memoriere, dann gilt folgendes: Glatter, nicht zu glatter, aber gerader Untergrund, gleichmäßig, aber exponentiell steigende Arbeit am Beschleunigungshebel, permanenter Bodenkontakt des Kreisels und vor allem: unbedingtes Geradehalten des Kreisels – nicht nur während der Beschleunigungsphase, sondern gerade in der kritischen Phase des Loslassens. Dann schafft der Kreisel eine lang andauernde Brummphase in aufrechter Haltung und kippt erst um, wenn das Brummen bereits verklungen ist – was besonders wichtig ist, denn die Drillstange beginnt bei abnehmender Kreiselbewegung zunehmend zu rasseln und stört so das Brummen.)

2. Das Genießen des Brummens als meditatives Element. Ich kann mich an lange Phasen erinnern, in denen ich auf dem Teppichboden lag, den Brummkeisel neben mir und ihn immer wieder zum Summen brachte. Ohne weitere Gedanken, einfach da liegen und dem Brummkreisel beim Kreiseln und Brummen beobachten.

So. Um dieses Gefühl nun aber reproduzieren zu können, bedarf es unbedingt eines Kreisels in angemessener Größe. Das ist an sich kein Problem, es gibt die vielfältigsten Kreisel in dieser Kategorie. Was aber haben die Herrsteller gemacht? Sie haben unkippbare Kreisel eingeführt und dies scheinbar derart erfolgreich, daß es geradezu ein Ding der Unmöglichkeit geworden ist, noch einen anständigen Kreisel zu bekommen. Die haben alle so einen gräßlichen Fuß unten dran! Der offenbar auch nicht abzubauen geht. Aber Kreisel stehen nunmal nicht einfach so auf der Spitze. So ist die Welt nun mal. Da möchte man sich schon was einfallen lassen, damit das klappt. Das ist doch der ganze Witz am Brummkreisel. Ich muß etwas tun, damit der Kreisel stehen bleibt und sich dreht und irgendwann wird er unweigerlich fallen. Alles, was ich tun kann, ist, diese Zeit so weit wie möglich zu verlängern.
Was ist da passiert? Wie konnte es dazu kommen, daß wir aus einem Spielzeug, mit dem Kinder sich ausprobieren, an dem sie experimentieren konnten und das noch dazu auf einem lächerlich simplen Prinzip beruht, ein Gerät wurde, dessen Herausforderung knapp über einer Gewinnspielfrage bei der Champions-League-Übertragung durch SAT.1 liegt? Ein Brummkreisel als konsumptives Spielzeug – o tempores, o mores.
Was soll das? Ein Kreisel, der nicht umkippt? Und dann wundern wir uns, daß die heranwachsenden Generationen mit Situationen überfordert sind, in denen nicht alles funktioniert oder denen die Idee, daß zum Erreichen eines Zieles auch Zeit und Kraft investiert werden muß, zunehmend abhanden kommt? Ist ja auch kein Wunder, wenn wir ihnen Kreisel zum Spielen geben, die nicht umfallen.

So, das wollte ich schon lange mal gesagt haben.

Der Brummkreisel in seiner kulturellen Bedeutung, unter besonderer Berücksichtigung entwicklungspsychologischer Fragen seiner Rolle in der frühkindlichen Erziehung

Leipzig-Lübeck 2010 (9) – Was noch zu sagen wär

Location: Lübeck
Gesamtkilometerstand: 530,31 km
Gesamtfahrzeit: 27:53:12 h
Gesamtschnitt: 19,05 km/h
Gesamtreisezeit: 37:45 h

Während draußen vorm Fenster der Wind tobt und die Kühlkompressen ihren Dienst tun, nun also noch ein letztes Resümee (das Wort sieht seltsam aus).

Nicht nur einmal während der Tour fragte ich mich:

Warum? Warum das alles?

Ich könnte jetzt eine ganze Reihe metaphysischer Begründungen finden, aber letztlich wahr ist wohl nur dies: Ich wollte wissen, ob ich das kann. Insbesondere nach dem kläglich gescheiterten Versuch im letzten Jahr, diese schmähliche Niederlage konnte ich ja unmöglich auf mir sitzen lassen. 😉
Man möge dies auf männliches Rollenverhalten schieben und das wäre vermutlich noch nicht einmal falsch. Die Geschichte der bisherigen Suche nach zu überschreitenden Grenzen legt jedenfalls nahe, daß das eher so ein Männlichkeitsding ist. Und so scheint es mir auch kein Zufall, daß der Film, aus dem der folgende Dialog stammt, „The Final Frontier“ heißt:

„Ich klettre, weil es mir Spaß macht. Ganz zu schweigen vom wichtigsten Grund auf einen Berg zu steigen.“
„Und der wäre?“
„Weil er da ist.“

Diese Erkenntnis habe ich zumindest gewonnen: Ich bin hier nur angekommen, weil ich es verdammt noch mal wollte. Eine reine Freude war es jedenfalls eher selten.

Was gibt es sonst noch?

>> Die Suche nach Übernachtungsmöglichkeiten hat mich gelehrt, daß die Welt nicht gleich untergeht, wenn man es gelegentlich auch einfach mal drauf ankommen läßt und nicht alle Details im Voraus geplant hat (nur, falls sich das jemand fragt: Im Vorfeld buchen wollte ich nicht, da ich ja nicht wußte, ob ich das jeweilige Ziel auch erreichte – und die ausgesuchten Pensionen gaben online nie an, keine Einzelbesucher haben zu wollen). Merkwürdige Erfahrung.

>> Durch die Altmark fuhr ich, wie im Text kurz angedeutet, bereits vor 12 Jahren per Rad, wir waren damals unterwegs auf der Nordroute der Straße der Romanik. Neben der Erkenntnis, daß Havelberg seinen Namen vollkommen zu Recht trägt, gab es damals eine bemerkenswerte Dichte von N.P.-Märkten und Volksbanken zu verzeichnen, die ich diesmal nicht wiederfand. Aber möglicherweise liegt das daran, daß es ja diesmal eine etwas andere Streckenführung gab. Wahrscheinlicher scheint mir freilich etwas anderes zu sein. Aber da fehlt mir die empirische Datenbasis.

>> Ich habe eigentlich immer irgendwelche Musik im Kopf, das Konzept eines „Ohrwurms“ ist mir dahingehend fremd, handelt es sich doch eher um einen Normalzustand.
Hier mal mein Kopfradio, so weit ich das memoriere:

Tag 2

und:

Tag 3

Außer dem erwähnten Manne Krug, der ja erst etwas später assoziiert wurde, war es vor allem das hier:

Dazu kann ich nur sagen, das Gehirn assoziiert manchmal sehr dämlich. Kaum ist ein bißchen Wind, naja, lassen wir das.

Tag 4

Tag 5

OK, ist gelogen. Aber wenn ich eine auswählen sollte, wäre es das gewesen. 😉

Tatsächlich spielte der DJ das hier und damit wäre auch die für den Beitragstitel fällige Reminiszenz erbracht:

Zum Schluß noch die beliebte, Jahrzehnte alte Rubrik der Danksagungen a la PHOENIX* und dann soll dieses Kapitel geschlossen sein:

Thanks to: Volkshaus Walternienburg, Familie Pasiciel in Grieben, Haus am Festspielplatz Wittenberge und Familie Bendi in Bleckede für gute und günstige Übernachtungsmöglichkeiten, freundliche Aufnahme sowie ein jeweils hervorragendes und umfangreiches Frühstück.

EXTRA Thanks
to: All jenen, die per SMS, eMail oder Anruf Motivation durch Unterstützungszusagen gaben.

SPECIAL Thanks to: Demjenigen, der die Bananen nach Europa brachte, dem Erfinder des Müsliriegels und des isotonischen Getränkepulvers. Diese drei sicherten meine Verpflegung auf dem Rad.

VERY SPECIAL Thanks to: Jane. Fürs Leihen der Ausrüstung. Auch wenn das mit BASE nicht so funktionierte. Die Gepäcktaschen waren aber ein wahrer Segen (btw: Da ich nun beide Systeme testen konnte: Ich finde das Befestigungs- und das Verschlußsystem bei VAUDE sehr viel überzeugender als bei Ortlieb. Einziger Nachteil: Es fehlt ein Tragegurt. Das wird auf der Rückreise mit der Bahn ein Spaß.)

EXTRA SPECIAL Thanks
to: Jane. Fürs Rücken frei halten und das zweistündliche Backup. Ohne wäre die Tour wohl nicht möglich gewesen.

NO Thanks to: BASE
Ich weiß nicht, wie es ist, wenn man den Surfstick bei BASE kauft, aber die als Möglichkeit angegebene Variante, mit Hilfe eines Handys als Modem zu surfen, erwies sich in meinem Fall als glatter Reinfall. Nicht, weil es technisch unmöglich gewesen wäre, ganz im Gegenteil, das lief vollkommen problemlos. Der Beitrag in Wolfen kostete mich satte 25€ und geht damals als mein teuerster Blogbeitrag in die Geschichte ein.
Denn der Tarif, der auf meinen Kaufunterlagen steht (der mich 3€ pro Tag gekostet hätte, die 25€ waren also als Gesamtbetrag geplant gewesen), war nur nutzbar, wenn man bestimmte Einstellungen vornimmt (die gut versteckt irgendwo in einem Infoflyer stehen). Wo die vorzunehmen wären, konnte mir jedoch weder an der sauteuren Hotline noch im BASE-Laden in Magdeburg jemand erklären. Und zwar nicht einmal bei der von Eplus extra bereitgestellten Software. Ich habe daraufhin alle Varianten, die ich am Mobiltelefon zur Einstellung gefunden habe, ausprobiert. Ohne Erfolg. Was dazu führte, daß meine Kosten glatt verdreifacht wurden, weil ich so ja nicht weitermachen konnte und daher bei O2 den Surfstick teste. Das funktioniert wenigstens ohne unüberschaubare Kosten.

*PHOENIX. The bible of life and animals. The end of print. Die Schülerzeitung, an der ich seinerzeit mitgearbeitet habe. Wie an den Untertiteln unschwer zu erkennen, waren wir unglaublich bescheiden. Ich habe deren, orthographisch freilich anders gestalteten, Danksagungsrubriken später in die Rundschreiben der LSV Sachsen-Anhalt übernommen (die sich seit einiger Zeit wieder Landesschülerrat nennt und deren Auftreten, nun, sagen wir: nicht mit dem Gremium meiner Zeit zu vergleichen ist.)

Leipzig-Lübeck 2010 (9) – Was noch zu sagen wär

Leipzig-Lübeck 2010 (8) – Radfahren als geistige Lebensform

Location: Lübeck (Reiseziel)
Kilometerstand: 97,16 km
Fahrzeit: 5:02:42 h
Reisezeit: 6:45 h
Tagesschnitt: 19,44 km/h

So, nach meinem ersten Kaffee bei der Stadtbäckerei Junge (die machen übrigens einen höchst interessant aussehenden Karamell Latte Macchiato, aber ich genieße Drogen bekanntermaßen bevorzugt pur), deren Kundenorientierung ich übrigens sensationell finde (wie viele Bäcker kennt ihr, bei denen es möglich ist, exakt vier Scheiben eines bestimmten Brotes zu kaufen?), die vor allem aber große Kaffees verkaufen, die diese Bezeichnung auch verdienen, den notwendigen Erledigungen und Einkäufen, hier nun mein letzter Tagesbericht. Ich werde noch einen Abschlußbeitrag schreiben und dann ist aber auch mal wieder gut mit der Nabelschau hier. 😉
Was soll ich sagen? Mein eher pessimistischer Ausblick heute Mittag hat sich als völlig falsch erwiesen. Denn es geschah, zumindest für den Fortgang der Reise, das Beste, was passieren konnte: Ich kam ins Treten. Damit meine ich eben jenes selbstvergessene Fahren, von dem auch schon in Mölln die Rede war. Kein Nachdenken, kein Räsonieren, kein Blick auf die Landschaft (der eh wenig erbaulich war – das Spannendste waren schon die durchaus vielfältigen Entenarten, die am Kanal zu beobachten waren, in allen Größen und Farben und zumindest mir Stadtkind, der ich mit Enten im Wesentlichen die allseits bekannten Stockenten verbinde, wurde etwas klarer, aus welchen Tieren die Entenbraten gewonnen werden), kein weinerliches dem Schmerz nachfühlen – nur Treten. Die letzten 15 km vor Ortsbeginn Lübeck vergingen wie im Fluge, die letzten 5 dabei in knapp unter 10 Minuten.
Wie das geht? Nun, ich wurde angetrieben von starken Emotionen, über deren Ursprung ich mich jetzt nicht weiter auslassen möchte, aber im Idealfall passiert folgendes: Es platzt ein Knoten und plötzlich ist der Kopf frei, läßt los, gibt frei und es bricht sich all die Wut, all der Ärger, all die Verzweiflung – all das, was zurückgehalten wurde, weil es im Moment grad nicht weiterhalf, Bahn. Und dann gilt es nur noch, diese verdammte Strecke zu beenden, das Ziel zu erreichen, den Endgegner zu besiegen. In Hollywood-Filmen wäre dies der Moment, in dem auch der edelmütigste Held erkennt, daß er sich dem Bösen stellen und ihm den Garaus machen muß, weil das alles sonst kein Ende nimmt. Wenn man diesen Punkt erreicht hat, dann braucht man freie Fahrt und eine freie Strecke vor sich – und das ist der Grund, warum ich eine Straßenrennmaschine zu Hause stehen habe (und eben kein Mountainbike). Der Moment, in dem alles egal ist, indem es nur noch ums Treten, als ob es kein Morgen gäbe (gibt es ja auch nicht, bin ja im Ziel 😉 ) geht, für diesen Moment fahre ich Rad.
Nun, wie dem auch sei, entgegen meines ursprünglichen Planes für morgen (Fisch essen in Travemünde) orientiert sich das Motto für morgen eher an dem Lied dieser jungen Dame hier:

Und zwar mit viel Mobilat und einigen Kompressen.

P.S. Ich hoffe, die Tagesausflügler nehmen mir rein grußloses Vorbeirauschen nicht allzu übel, aber andererseits ließen die freundlichen Grüße heute eh sehr zu wünschen übrig. Ich weiß nicht, ob das an den Leuten liegt oder daran, daß ich heute mein Astana-Trikot anhatte – irritierend war es auf jeden Fall.

Leipzig-Lübeck 2010 (8) – Radfahren als geistige Lebensform

Leipzig-Lübeck 2010 (7) – "Quäl Dich, Du Sau"

Location: Mölln
Tagesziel: Lübeck
Kilometerstand: 63,79 km
noch zu fahren: ca. 35 km
Fahrzeit: 3:21:28 h
Reisezeit: 4h

Kann man über Mölln schreiben, ohne auf Tille Eulenspiegel und brennende Häuser hinzuweisen? Offenbar nicht.
Andererseits möchte ich auch gar nicht über Mölln schreiben, die Stadt habe ich links liegen gelassen. Ich sitze hier gerade unter einer Autobrücke und habe bei gelegentlichem Blick in die Landschaft mein Netbook hochfahren lassen und den Surfstick angeschlossen . In einer US-amerikanischen Fernsehserie müssten jetzt in Kürze ein paar bewaffnete Spezialkräfte auftauchen, um mich zu überwältigen.
Also, mal sehen, wie weit ich mit diesem Beitrag hier komme.
Heute morgen erwachte ich mit einem äußerst unguten Gefühl. Mir ging es wirklich miserabel und es deutete sich an. daß dies die härteste Etappe der ganzen Strecke werden würde, einfach aufgrund meiner desolaten körperlichen Verfassung. ich möchte euch nicht mit den Details langweilen, nur so viel: Nach Kilometer 26 ließ der Brechreiz nach.
Einen Kilometer vorher hatte ich endgültig die Elbe verlassen und nach der letzten Überquerung (diesmal allerdings per Brücke – auf die mir ein höchst freundlicher Mann half, den ich unterhalb der Brücke ansprach, um den Weg hinauf zu erfragen, denn die steile Treppe hinauf bot zwar eine Spur für Fahrräder an, aber mit dem erheblichen Gepäck traute ich mir das nicht zu, woraufhin er mir jedoch sofort anbot, beim Hinaufschieben behilflich zu sein, netter Abschied von Niedersachsen, muß ich schon mal sagen) erreichte ich Lauenburg und damit endlich Schleswig-Holstein. Es war sicher sträflich, die Residenz des prestigeträchtigen Herzogtums keines Besuches zu würdigen, aber zu diesem Zeitpunkt lag ich bereits weit hinter der schlechtesten Marschroute zurück und eine Besserung des miserablen 17er-Schnitts war nicht zu erwarten. Im Gegenteil.
Nach einer Fahrt über Strecken, in denen zum einen mein Tourenrad in arge Bedrängnis geriet (sandige Abhänge sind dann doch a bissl zu viel des Guten) und Straßen, deren Zustand ein Fahren in Mountainbike-Manier erforderte (ihr wißt schon: eher niedriger Gang, hohe Trittfrequenz, häufige Lenkmanöver, permanente Konzentration – ich kann die Faszination fürs MountainBiking ja nachvollziehen, aber mir ist das nichts. Da muß man ja ständig aufpassen. Nee, dann lieber eine schöne gerade Asphaltstrecke und den Kopf frei haben für alles oder auch nichts.) erreichte ich jedoch den Elbe-Lübeck-Kanal, der gegenüber der Elbe immerhin den Vorteil hat, weitgehend geradeaus zu verlaufen. Gleichzeitig führt er auch an Ortschaften vorbei, ohne sie unnötig zu queren, kurz: knapp 70 km stures Weiterfahren. genau das, was ich heute brauche und die ersten Tunnelblickfahrten habe ich auch bereits hinter mir. Eine davon sogar mit 28er-Schnitt, was äußerst gut tat (und die Tatsache, daß justament während dieses Abschnitts zwei junge Damen in entgegengesetzter Richtung vorbeifuhren, tat durchaus auch gut. Als kurz darauf der Wind auffrischte und ich das Tempo wieder rausnahm, waren sie ja eh schon außerhalb des Blickfeldes). Kurz: Das spannende für mich an Mölln war, daß es von hier aus laut Wegweiser nur noch 33 km bis Lübeck sind. Die werden sehr hart, nicht zuletzt, weil der Zustand des Radweges „Alte Salzstraße“ miserabel ist (so eine Art festgefahrener Sand mit unmotiviert hingeworfenem Kies und Schotter), aber ich bin zuversichtlich, das auch noch zu schaffen.
Eh ich wieder aufbreche, noch ein kurzer Check:
Die Fußgelenke haben das SchmerzFunken aufgegeben und puckern nur noch mürrisch vor sich hin, das linke Knie droht mit Arbeitskampfmaßnahmen, die „sicher schmerzhaft werden“, die Beinmuskulaturen habe ganz stark unter Fraternisierungsverdacht mit dem Knie, bisher ging ihr Protest aber über ein „Och nö, das ist doch jetzt nicht wahr.“ nicht hinaus. Die in der Literatur behauptete Gewöhnung stellt sich bei der Sitzfläche partout nicht ein (und das ausgleichende im-Stehen-Fahren gefällt Beinen und Handgelenken nicht). Dem linken Oberarm ist die zugeteilte Magnesiumdosis zu niedrig und die Handgelenke wollen nach Hause. Da aber von den Zähnen bisher noch nichts Negatives zu vermelden ist, mache ich mir keine ernsthaften Sorgen.

P.S. Der obige Satz übrigens soll der Legende nach von Udo Bölts stammen, der ihn dem auf einer Überführungsetappe schwächelnden Jan Ullrich zugerufen haben soll.

Leipzig-Lübeck 2010 (7) – "Quäl Dich, Du Sau"

Leipzig-Lübeck 2010 (6) – Einiges über die Elbe

Location: Bleckede (Tagesziel)
Kilometerstand: 114,43 km
Fahrzeit: 5:57:16
Tagesschnitt: 19,33 km/h
Reisezeit: 7:30 h

Viel gibt es vom zweiten Teil der heutigen Etappe nicht zu berichten. Zum einen, weil nicht viel passierte, außer daß ich weitere 60 km auf oder neben dem Deich der Elbe gefahren bin und zum anderen, weil ich auch wenig nach links und rechts geschaut habe.
Eine Sache ist mir aber doch aufgefallen. Kurz nach dem Beitrag heute Mittag verließ ich Mecklenburg-Vorpommern (durch das ich eh nur kurz gefahren bin, denn der Beginn lag kurz vor Dömitz, also es war eher ein Streifen, denn ein Durchfahren) und war seitdem in Niedersachsen. Nun mag es merkwürdig klingen, aber die Gegend sah dort tatsächlich anders aus. Permanent tauchten irgendwelche Drei-Häuser-Dörfer am Rand auf, die umzäunten Flächen nahmen sofort zu (was eine kleinteiligere Landwirtschaft nahelegt) und Wildtiere sah ich kaum noch (während ich vorher in Brandenburg mehrmals über den Deich hüpfenden Rehen, einmal sogar einem Storchenpaar den Vortritt lassen mußte). Mir fehlt die Kenntnis der hiesigen historischen Zusammenhänge (offenbar war die Gegend um Wehningen bis 1993 nicht zu Niedersachsen gehörig, so ganz schlau bin ich aus den Hinweisen zum Deichbau nicht geworden), aber kleinteilige Landwirtschaft bewirkt ein anderes Landschaftsbild – was zudem den Radreisenden entgegenkommt, denn das ist doch erheblich abwechslungsreicher als die endlosen Wiesen und Felder in Brandenburg – und bringt den psychologischen Effekt mit sich, daß man sich von Dörfchen zu Dörfchen durchhangeln kann. Dies gleicht dann auch aus, daß im Gegensatz zu Brandenburg es in Niedersachsen bisher keinerlei Kilometerhinweise zu den nächsten Zielen auf dem Radweg gab. Habe ich sehr vermißt. Es war ein tolles Gefühl, kurz vor Dömitz das Schild mit dem Hinweis auf die 51 km nach Wittenberge zu sehen. 😉
Ein paar Kleinigkeiten gäbe es aber doch noch. Nach Kilometer 80 frischte der Wind wieder erheblich auf (behaupte ich) oder meine zunehmend erlahmenden Kräfte suggerierten mir das (was ich bezweifle). Wenige Kilometer vor Neu Bleckede macht die Elbe wieder einer ihrer enervierenden Schleifen (ich habe mir heute mehrfach gewünscht, dieser Fluß möge doch bitte einfach geradeaus fließen – das kann doch so schwer nicht sein), an deren Ende ich aber Radfahrer sah. Und da während der vorhergehenden Beiträge ja bereits einige Begriffe des Radsportjargons geklärt wurden, heute mal den nächsten. Was nun geschah, nennt man in der Fachsprache: Ansaugen. Ich legte also eine schmucke 25er-Temporunde ein und noch vor Ende der Kurve hatte ich die beiden Fahrerinnen in Identifizierungsgröße (kannte sie aber nicht). Das Problem dabei: Gerade als Solist kann es passieren, daß man die eigenen Kräfte überschätzt und vergißt, daß das Erreichen der vor einem fahrenden Gruppe keineswegs das Ende des Rennens ist. 😉
Hin wie her, nach 106 Tageskilometern erreichte ich die Fähre bei Neu Bleckede, noch in der Annahme, dort eine Übernachtungsmöglichkeit zu finden. Dies stellte sich jedoch als Irrtum heraus, jedenfalls gab es nicht den geringsten Hinweis. Da bisher in jedem Dörfchen ein Werbeschild gut sichtbar aufgestellt war, vermutete ich ganz stark, daß es hier nichts zu holen gab. Falls doch, wissen diejenigen jetzt, warum ich nicht da war. Nach Hinzuziehen das Radreiseführers kam ich zu dem Schluß, morgen eh linkselbisch weiter zufahren und nutzte also die Bleckeder Fähre, womit auch dieser Tag nicht ohne Elbüberquerung verging.
Nach dem ich heute also die Elbe ausgiebig gesehen habe und im Zusammenhang mit den bereits in den vergangenen Tagen gewonnenen Beobachtungen bin ich inzwischen zu folgender Hypothese gelangt: Die Elbe besteht mährschendeils aus Wasser.
Drüben angekommen stellte ich fest, daß meine vorher ausgesuchte Pension auch auf dieser Seite ist, leider war die jedoch schon belegt. Woraufhin ich mich entschloß, einfach weiter in Richtung Lauenburg zu fahren und eine der dann sicher auftauchenden Übernachtungsmöglichkeiten zu nutzen. Beim Blick ins Kartenmaterial fiel mir dann die Anzeige einer Privatzimmervermietung auf. Die hat zwar eine Bleckeder Adresse, aber Bleckeder Moor liegt dann doch sehr j.w.d. Ich hoffe aber, daß zumindest ein Teil der zusätzlichen Kilometer ich morgen sparen kann, denn im Prinzip liegt der Hof auf dem Weg. Schau mer mal.

Leipzig-Lübeck 2010 (6) – Einiges über die Elbe

Leipzig-Lübeck 2010 (5) – Ut mine Festungstid

Location: Kurz hinter Dömitz
Tagesziel: Neu Bleckede
Kilometerstand: 60,16 km
noch zu fahren: ca. 50 km
Fahrzeit: 3:03:07 h
Reisezeit: 3:30 h

Die Etappe heute morgen begann überraschend leichtläufig. Zwar spürte ich bereits nach dem Aufstehen, daß ich heute mit schweren Beinen zu kämpfen haben würde, aber die Schmerzen meldeten sich heute doch überraschend zurückhaltend. Wahrscheinlich haben die Nerven aufgrund von Erfolglosigkeit das hysterische Funken aufgegeben und machen nun nur noch Dienst nach Vorschrift. Ich fand recht schnell den richtigen Gang und den richtigen Tritt und die 55km bis Dömitz gingen ohne Pause zügig von statten. Das brachte mir den schnellsten Eröffnungszehner der bisherigen Tour ein und ein erhebliches Erstaunen darüber, daß ich tatsächlich fast drei Stunden am Stück durchziehen konnte. Hätte ich mir heute morgen nicht zugetraut. Vielleicht war der gestrige Kampftag ja eine Art Durchbruch. Zudem frischt zwar gelegentlich der Wind etwas auf, aber mit den gestrigen Bedingungen ist der strahlend schöne Tag heute nicht zu vergleichen.
Dabei half sicher auch, daß es die ganze Zeit auf dem Deich entlangging und die Handlungsalternativen dort äußerst begrenzt waren. Dömitz hatte ich mir eigentlich als Pausenort ausgesucht, denn ein Freund hatte mir das Werk Fritz Reuters vorgestellt (wenn ich das richtig verstanden habe, dürfte seine Rolle fürs Plattdeutsche in etwa der von Lene Voigt fürs Sächsische entsprechen – sollte ich hier irren, bitte ich um Korrektur) und der hatte in Dömitz auch eine, nun ja, Pause eingelegt. Und nachdem ich gestern bereits Chamisso mit Nichtachtung strafte und heute Turnvater Jahns Gedenkstätte ich Lanz rechts liegen ließ, wollte ich doch wenigstens Herrn Reuter Reminiszenz erweisen.
Leider lag auf meinem Weg jedoch keine freie Sitzgelegenheit, alles, was sich dem suchenden Auge darbot, war eindeutig einer gastronomischen Einrichtung zuzuordnen. Diese aber sind während der Fahrt tabu. So sitze ich hier also am Eingang des Naturschutzgebietes Rüterberg, dessen namensgebender Ort übrigens auch eine kuriose Geschichte hinter sich hat. Ich werde allerdings den Umweg durch die Dorfrepublik nicht nehmen, denn die nächste Stufe nach schweren Beinen sind Muskelkrämpfe und die möchte ich doch vermeiden, zumal 150km vorm Ziel Aufgeben nicht mehr in Frage kommt. Hoffen wir also, daß aus diesem guten Beginn kein Kampf gegen den Krampf wird.

Leipzig-Lübeck 2010 (5) – Ut mine Festungstid