Der Tag, an dem Marianne Fredriksson meine Prinzipien zerstörte

Bei einem der zunehmend sporadischer werdenden Besuchen (»zunehmend sporadisch«? Mhm.) in meiner Twitter-Timeline spülte mir der Algorithmus diese Frage vor die Augen:

Die Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten. Sie ist vor allem deshalb sehr schwer zu beantworten, weil sich die Frage nach der Langeweile durchaus nach der Lesebiographie richtet. Die Binsenweisheit »Leseerfahrungen sind immer individuell.« bezieht sich nämlich durchaus auch auf die eigene Biographie, wie ich bei einer Neulektüre – bzw. beim Versuch derselben – von Karl May schmerzlich feststellen musste. Was für ein grauenhaft langatmiges, moralinsaures Zeug: Und das habe ich mal mit Begeisterung gelesen, ach was, verschlungen.

Will sagen: Es dürfte in meiner Lesebiographie noch etliche Bücher geben, an die ich wunderbare Erinnerungen knüpfe, die ich heute aber wohl grauenhaft langweilig fände. Die herauszufinden bedürfte jedoch eines erheblichen Aufwandes, ich müsste ja meine Lesebiographie wiederholen und ehe ich damit durch wäre, wäre aufgrund der verstrichenen Zeitspanne und der hinzugekommenen Leseerfahrungen eine erneute Lektüre nötig etc. ad infinitum.

Wahrscheinlich war die Frage so aber auch gar nicht gemeint, sondern bezieht sich auf bereits bei der Erstlektüre empfundene Langeweile. Selbst diese Frage ist gar nicht mal so trivial wie sie auf den ersten Blick scheint (wie entscheidet man denn, welches Buch langweiliger war? Gibt es da einen offiziellen Kriterienkatalog? Erstellt man da ein Punktesystem? »Meine Sorgen möchte ich haben.«) und doch gibt es für mich eine klare Antwort:

Marianne Fredriksson, Hannas Töchter.

Marianne Fredriksson gehörte zu den Überflieger-Bestsellerautorinnen der späten Neunziger Jahre und wurde von unglaublich vielen Menschen gelesen. Ganz eng lassen sich die Zielgruppen dementsprechend nicht fassen, aber: Männer Anfang 20 gehörten eher nicht dazu. Ich war allerdings ein Mann Anfang 20, vor allem jedoch noch recht frisch in dem Betätigungsfeld, das tatsächlich mein Beruf werden sollte. Frisch das Studium abgebrochen, gerade die erste Vollzeitstelle im Buchhandel angenommen, war ich hochmotiviert nun mir alles anzueignen, was wichtig sein könnte.

Vor allem jedoch glaubte ich, man müsse als Buchhändler doch alles lesen, was man verkaufen will. Immerhin: Das Buch wurde derartig oft und offenkundig begeistert gelesen: Da musste doch was dran sein.
Und ich brachte das eherne Prinzip mit, kein Buch vor dem Ende abzubrechen. Beides gilt seit »Hannas Töchter« für mich nicht mehr.

Ich habe mich durch dieses Buch gequält, zum ersten Mal bewusst empfindend, was es bedeutet nicht Zielgruppe zu sein. Und ich muss sagen: Es hat sich nicht gelohnt. Weder persönlich noch beruflich. Für keine Sphäre brachte die durchgehaltene Lektüre eine Erkenntnis, die sich nicht bereits nach wenigen Seiten eingestellt hätte. Seitdem beende ich Bücher, wenn ich das Gefühl habe, unnötig Lebenszeit zu verlieren und lasse mir meine Lektüre nicht mehr von der Bestsellerliste diktieren. Im Ergebnis bleibt die bittere Erkenntnis: »Hannas Töchter« hat mein Leseverhalten beeinflusst wie kein anderes Buch. Es schmerzt, diese Zeilen zu schreiben.

Zum Schluss noch ein Exkurs:

Ich glaube andererseits aber, dass beide Prinzipien richtig sind, es gibt nur einfach einen Punkt, an dem man sich davon verabschieden sollte. Es ist vielleicht eine Art des Erwachsenwerdens. Zum einen der berufliche Aspekt: Wer in den Buchhandel einsteigt, zumal noch als tatsächlich junger Azubi, sollte sich tatsächlich auch zu Genreliteratur zwingen. Es ist wichtig, mal gelesen und verstanden zu haben, wie verschiedene Arten von Literatur funktionieren (und das meine ich wirklich so: Die Masse der verkauften Bücher sind Produktionen und nicht der Audruck des Weltschmerzes gequälter Künstlerseelen). Das ist wichtig, um vernünftig beraten zu können. Hat man das aber gelernt, ist es Zeit sich davon frei zu machen und seine Zeit für die Bücher zu verwenden, die tatsächlich gelesen werden müssen, um sie empfehlen zu können.
Zum anderen der persönliche Aspekt: Mein bevorzugtes Beispiel aus der eigenen Lesebiographie ist da  Der Name der Rose: Es lohnt sich, durchzuhalten. Das Fundament, das Eco baut, ist wichtig, um nachher in den vollen Genuss zu kommen. Man muss das nicht ein Leben lang goutieren, aber die Erfahrung, dass es lohnenswert sein kann, auch mal langweilig scheinende Passagen zu akzeptieren und durchzuhalten, halte ich für wichtig. Wichtig deshalb, weil meiner Meinung nach diese Fähigkeit eine Hilfe ist, wenn es darum gehen soll in Lektüre mehr zu sehen als eine nette Unterhaltungstätigkeit. Dann kann es hilfreich sein, dem Autor, der Autorin gegenüber gnädig zu sein und das Buch nicht bei der ersten Passage, die nicht mehr mitreißt, gelangweilt in die Ecke zu hauen. Man könnte was verpassen. Ich glaube freilich, dass dies eine Frage der Erfahrung ist: Irgendwann ist man in der Lage zu erkennen, ob der Autor, ob die Autorin noch mit Überraschungen aufwarten kann (sei es in der Handlung, sei es stilistisch) oder nicht. Aber bis dahin finde ich es einen schönen Anspruch, einem Buch immer noch eine Chance zu geben. Man weiß ja nie…

P.S. Meinem Exkurs folgend, würde das bedeuten, dass Marianne Fredriksson mich zu einem erwachsenen Leser gemacht hat. Das ist ja noch gruseliger. Das wollen wir mal ganz schnell vergessen.

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Der Tag, an dem Marianne Fredriksson meine Prinzipien zerstörte

Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (101)

Für die gestern begonnene Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Frédéric Valin: Randgruppenmitglied

Ich mag es, wenn Literatur Lebensgefühle einzufangen vermag. Das kann in einem großangelegten Panorama geschehen, es können aber auch Miniaturen sein. Solche Miniaturen schrieb Frédéric Valin in dieser Erzählungssammlung. Wie der Titel bereits nahe legt, sind seine Protagonisten nicht unbedingt diejenigen, die im Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens und Interesses stehen. Es sind eher aus den verschiedensten Gründen am Rand stehende, an ihren Ansprüchen, Ideen oder schlicht dem Leben gescheiterte, zweifelnde, ausgestoßene Figuren. Valin ist dabei ein sehr genauer, einfühlsamer Beobachter*, was sich in einer durchaus behutsamen Erzählweise offenbart. Es kracht und scheppert bei Valin nicht, es gibt keine dramatischen Liebesszenen und keinen Streit mit fliegenden Gegenständen mannigfacher Gestalt. Was es aber gibt, ist eine leise Ironie. Und auch wenn ich finde, daß es einen enervierenden Hang der zeitgenössischen Literatur zu einer distanzierenden, alles ironisierenden und damit positionslosen Schreibweise gibt, hier scheint dies nicht zuzutreffen.

Das ist Punk, dachten wir. So wie er, dachten wir. So gut man eben mit vierzehn Punk sein konnte in einer süddeutschen Kleinstadt, also nicht sehr. Ein Freund aus Cottbus hat mir mal erzählt, es hätte bei ihnen nur drei Möglichkeiten gegeben, was man als Teenager hätte sein können: Punk, Nazi oder Hip-Hopper. In einer idyllischen Kleinstadt mit spitzen Kirchtürmen und Lateinleistungskursen, mit den ganzen Audis als Zweitwagen, mit Wäldern und Wiesen, mit Kühen auf der Wide und Ochsen im Rathaus, war das anders. Wir waren so sehr Provinz, wir hatten noch nicht einmal Subkultur.

(S. 77)**

Vielleicht ist eine der nachhaltigsten Wirkungen des Fängers im Roggen, daß es Salinger gelungen ist, aufzuzeigen, welche Verletzlichkeit, welche Berührbarkeit, welche Empfindsamkeit sich hinter einem schnoddrigen Tonfall verbergen kann. Wie wichtig es ist, genau zuzuhören, genau hinzusehen, den gehörten, den gelesenen Worten nachzuspüren. es gibt solche Momente auch bei Valin. So in der Erzählung »Frau Nachtweih wünscht zu sterben«, in der letztlich dem Lesenden zu überlegen bleibt, wen der Protagonisten er alles zur Randgruppe zu zählen gedenkt:

Manche brauchen zwei tage, um zu begreifen, dass das hier das Abstellgleis ist, andere Monate. Je länger einer braucht, desto beschissener geht es ihm. Frau Nachtweih geht es seit drei Monaten sehr beschissen.
Die meisten, die hier ankommen, werden innerhalb eines Monats von ihren Partnern verlassen. Die begreifen viel schneller, dass das hier das Ende der Sackgasse ist. Die haben die Reha mit durchgestanden, weil sie ein schlechtes Gewissen hatten und dachten, das halbe Jahr Zuversicht und Unterstützung sind sie dem anderen schuldig. Die meisten sind allerdings drei Wochen nach der Hirnblutung schon auf irgendwelchen Datingportalen unterwegs. Ist ja auch keine einfache Situation für die Partner, wenn der andere plötzlich statt Hirn nur noch Blutwirst unter der Schädeldecke hat. Das hält man vielleicht ein halbes Jahr aus, und dann ist man froh, wenn man woanders unterkommt.

(S. 16f.)

Frédéric Valin erweist sich als ein Erzähler, der seine Protagonisten kennt, sich einzufühlen vermag und dem Lesenden en passant die eine oder andere Denkaufgabe mit auf den Weg geht. Dieser kleine Band ermöglicht einen Einblick in die Erlebniswelt all jener Figuren modernen urbanen Lebens, die wir in all den Hipster-Trend-Gentrifidingsbums-Diskursen allzu schnell zu vergessen bereit sind und die doch auch Teil genau jener Diskurse sind. Nur eben nicht im Mittelpunkt, sondern eher am Rande – wo sie vielleicht gar nicht hingehören, weil erst Ränder eine Mitte definieren können.

Und ganz unabhängig davon, macht es eben auch einfach Freude, Valin zu lesen. Das sollte eigentlich Grund genug sein, sich umgehend die

lieferbare Ausgabe

zuzulegen.


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*Was sich bemerkenswerter Weise sogar in seinen grandiosen Bundesligaspielberichten widerspiegelt, die er bis 2011 auf Spreeblick veröffentlichte. Auch wenn mich persönlich die Fußball-Bundesliga eher peripher interessiert, die Spielberichte las ich mir immer durch – mit deren Ende flachte das Interesse allerdings auch sofort wieder ab (und meine mühsam erworbene Fachkompetenz gleich mit… 😉 )
**aus: Punk Dead in: Valin, Frédéric: Randgruppenmitglied. Verbrecher Verlag Berlin 2010

Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (101)

Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (82)

Für die gestern begonnene Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Frédéric Valin: Randgruppenmitglied

Ich mag ja Erzählungen. Auch wenn ich für diese Aussage viel zu wenige lese. Womit meine Absicht, die hierzulande um sich greifende Idiotie, auf alles „Roman“ zu schreiben, weil es sich sonst angeblich nicht verkaufen ließe, wohl bereits trefflich torpediert wäre. Wobei: Für einen Verlag ist ja völlig zweitrangig, ob gelesen wird. Entscheidend ist ja eine ganz andere Handlung des menschlichen Aktionsspektrums. Insofern sei es gern noch einmal wiederholt: Ich mag ja Erzählungen.
Und ich mag sie besonders deshalb, wenn sie, nunja, erzählen. Sie sollen mich nicht läutern, mich nicht belehren, mir nichts vorführen. Eine Erzählung, die mir gefällt, zeigt mir Menschen, Begebenheiten, Dinge – völlig voraussetzungslos. Und ohne mir etwas zu erklären. Ich möchte nur mal kurz zuschauen, hineinsehen in die merkwürdige Welt, die sich mir dort bietet. Vielleicht bringt sie mich auf Gedanken, auf die ich vorher nicht gekommen wäre, vielleicht läßt sie mich träumen, vielleicht auch tatsächlich Dinge meines Lebens und meiner Welt in anderem Licht sehen. Vielleicht berührt sie mich auch einfach nur und ich bleibe in diesem Gefühl zurück.
Deshalb mag ich Erzählungen. Sie sind ein Angebot, ein „Komm mal mit, ich möchte Dir was zeigen.“ – und dann schaut man eben.*
Valins Erzählungen nun sind sehr gute Angebote. Seine Protagonisten sind nicht unbedingt die strahlenden Helden des urbanen Alltags, sie sind keine Kristallisationspunkte blühenden Lebens. Sie stehen eher am Rande, wenn auch an unterschiedlichen Rändern und aus unterschiedlichen Gründen.
Ich bin ja in urbanen Zusammenhängen aufgewachsen, daher kann ich Stellen wie diese immer nur mit einer gewssen Faszination lesen, Provinzkindheit scheint jedenfalls kein leichtes Schcksal gewesen zu sein:

In einer idyllischen süddeutschen Kleinstadt mit spitzen Kirchen und Lateinleistungskursen, mit den ganzen Audis als Zweitwagen, mit Wäldern und Wiesen, mit Kühen auf der Weide und Ochsen im Rathausen, war das anders. Wir waren so sehr Provnz, wir hatten noch nicht einmal Subkultur. Der nächste soziale Brennpunkt war ein Asylbewerberheim in vierzig Kilometer Entfernung, München und Stuttgart hielten wir für Großstädte.

(S. 77)**

Ja, ich weiß, auf der Provinz und süddeutschen Städten mit Geltungsdrang herumzuhacken, ist einfach. Aber ich bin mir sicher, die geneigte Leserschaft assoziierte sofort ein gültiges Bild samt Einwohnerschaft. Was kannn man mehr verlangen? Und es sind immer wieder solche Miniaturen, die mich sehr für diesen Band einnahmen.

Anders wurde es irgendwann in der siebten Klasse. Unser allererste Party. Bei einem Lehrerkind. Sie hieß marie, und wir dachten alle, dass sie Jochen sehr gerne mögen musste, denn ihm hatte sie als allererstem von der Party erzählt, mit hochrotem Kopf zwar, doch immerhin. Okay, nachdem sie ihren Freundinnen davon erzählt hatte. Und nachdem ihre Freundinnen davon die gesamte Stufe in Kenntns gesetzt hatten. Aber immerhin.
Wir waren alle eingeladen und bereiteten uns minitiös auf diese Party, oder, wie manche, die man dann am liebsten wieder ausgeladen hätte, es nannten: auf dieses „Feschdle“.

(S. 81f.)

Doch Valin erzählt keineswegs nur von Schwabenprovinzjugend, und auch davon nicht vorrangig. Seine Protagonisten stehen oft an einer Schwelle, in einem Schwebezustand zwischen „noch nicht“, „nicht mehr“ oder „vielleicht doch“. Zumindest gibt es Anlaß, das eigene Leben und Handeln Revue passieren zu lassen und ins Verhältnis zu setzen zu anderen Leben, die auf anderem Handeln beruhen.
In meiner hiermit spontan zur Lieblingsgeschichte erklärten titelgebenden Erzählung „Randgruppenmitglied“ sinniert der Protagonist über sich, sein Verhältnis zu Frauen und Sexualität im allgemeinen und besonderen nach. Ich zitiere einmal einfach zwei Stellen, als Angebot, als Einladung:

(Am Anfang ihrer Beziehung war das noch anders gewesen; Es hatte ihn genervt, wenn sie fünf Minuten von Ameisen und Kirchen sprach, ohne zum Punkt zu kommen. Jetzt aber freute er sich, wenn er merkte, wie sehr sie sich verhaspelte.)
Sie zu mögen war einfach: Denn sie war launisch und unausgeglichen, aufbrausend und gegenwärtig. Sie hatte Charakter. „Ich finde das gut“, sagte er wieder, „sehr gut.“ Sie war eine Person. Sie war nicht handzahm, sondern eigen. Bei ihr fühlte er sich gebraucht: Wenn er unachtsam war oder abwesend, wurde sie knurrig. Sie forderte ihn: Wenn er nicht ganz bei ihr war, dann drohten Krisen. Er empfand das als Herausforderung.

(S. 100)

Eigentlich, das wusste auch er, war die Zeit der Liebesbriefe mit 16 bereits passé, aber er war auf Grund seiner ungewöhnlichen Lektüre und dem Eindruck, den diese bei ihm hinterlassen hatte, unempfindlich gegenüber solchen Moden; wann Liebesbriefe albern wurden und wann sie angebracht waren, hatte er zu entscheiden, und zwar er allein. Es handelte sich schließlich um seine Leidenschaft.

(S. 112)

Wer die Einladung annehmen möchte, kann das mit Hilfe dieser

lieferbaren Ausgabe

bewerkstelligen.

P.S. Dank Hans Ulrich Gumbrecht hat ja nun endgültig die Sportbegeisterung auch den Status der gehobenen Intellektualität erreicht und sei auf die mehr als nur lesenswerten Spielberichte Frédéric Valins bei Spreeblick hingewiesen. Ganz große Kunst.


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*Ein Roman, zum Beispiel, mit seiner viel komplexeren Form, seinen vielen Erzählsträngen, seinen unterschiedlichen Charakteren, die in nicht immer leicht zu durchschauenden Verbindungen zueinander stehen, ist da ganz anders. Da geht es um ein ganz anderes Leseerlebnis.
**zitiert nach: Frédéric Valin: Randgruppenmitglied. Verbrecher Verlag. Berlin 2010.

Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (82)