Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (80)

Prolog: Der Editionsplan dieses Blogs sieht eigentlich für Samstag, 22 Uhr die Publikation der Buchempfehlung vor. Davon bin ich derzeit weit entfernt und das wird wahrscheinlich auch noch eine ganze Weile so bleiben. Ich bitte die geneigte Leserschaft, mir dies nachzusehen, doch hat sich in den letzten Wochen einiges ereignet, was zu einer Neubewertung in der ABC-Analyse der diversen Aktivitäten des Schreibers dieser Zeilen führte.

Für die gestern begonnene Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Franz Schuh: Schwere Vorwürfe, schmutzige Wäsche*

Man mag es mir als mangelnden Einfallsreichtum auslegen, daß ich Franz Schuh nach dieser und jener Empfehlung nun bereits zum dritten Mal der geneigten Leserschaft ans Herz lege. Es ist aber eher Groupietum als Mangel an Phantasie. Meiner festen Überzeugung nach kann Franz Schuh gar nicht oft genug empfohlen – und vor allem gelesen werden.
„Schwere Vorwürfe, schmutzige Wäsche“ ist das erste Buch, das ich von ihm gelesen habe, es sind überhaupt die ersten Texte, die ich von ihm las (womit dann wohl auch dem letzten Leser klar sein dürfte, daß es mit meiner intimen Kenntnis des deutschen Feuilletons nicht weit her ist), und zwar nachdem ich ihn 2006 bei der Vorstellung der Nominierten für den Leipziger Buchpreis erlebte. Er wirkte dort auf dem Podium derart mißmutig, daß er schnell meine Aufmerksamkeit auf sich zog und ich erst nachdem er angesprochen wurde, begriff, daß er als Kandidat dort saß und nicht als ein aus nicht näher zu benennenden Gründen dorthin abgeordneter Befehlsempfänger. Doch selbst die Luzidität seiner Antworten ließ den einmal gewonnenen Eindruck erheblichen Widerwillens nicht völlig verfliegen. Es braucht dann der Leser auch nur bis zum dritten Satz zu warten, um auf „Widerwillen“ zu stoßen:

Ja, ich kann es nicht leugnen: Ich habe ein Werk in der Mangel, mein Hauptwerk, das aus lauter Nebensachen besteht. Mein Hauptwerk heißt „Schwere Vorwürfe, schmutzige Wäsche“. Es sind Aufzeichnungen, die dem Durcheinander in meinem Kopf entsprechen – sie entsprechen auch meinem Widerwillen gegen die Hauptsachen, die Hauptsachen des Lebens, dieser immerwährenden, glückversprechenden Folter; ich hege den Widerwillen gegen die niederschmetternden Auskünfte der Weltgeschichte, gegen das nicht auszusparende Elend, das aus den lokalen und globalen Überheblichkeiten resultiert.

(S. 5)**

Es gehört einige Kunstfertigkeit dazu, Bilder von Herrn Schuh aufzutreiben, auf denen seine Mundwinkel nicht die zu dieser Textstelle erwartbare Richtung nehmen. Ich sehe mich völlig außer Stande, auf den Punkt zu bringen, was denn nun eigentlich meine Faszination für Franz Schuh ausmacht. Es scheint mir aber seine sehr eigenwillige Mischung aus Absurditäten, Ironie und einer Abneigung gegen die Welt, die ihn auch vor drastischer Wortwahl nicht zurückschrecken läßt, gepaart mit einer intellektuellen Schärfe ganz ohne jegliche erkennbare Missionsidee zu sein, die mich immer wieder mit Vergnügen seine Texte lesen läßt.

Alles käme, sagt jemand gereizt und entschieden (als ob er die Vollmacht hätte) über seinen Vorgesetztem, der offenkundig, aber selbstsicher wie stets, etwas falsch gemacht hat, alles käme von diesem „Pseudowissen“: „Er denkt, weil er es immer so und nicht anders gemacht hat, wird es auch immer so gehen, immer so weitergehen.“ Der Triumph, daß es diesmal nicht gegangen ist, erhält schnell den Anstrich eigener Vorzüglichkeit, und dabei fällt der Satz: „Ich behaupte nur das, was ich weiß.“ Ich will mich da nicht einmischen, mir leuchtet nur sehr grell ein, daß das auftrumpfende Pseudowissen und das risikolose Bescheidwissen einander verdienen.

(S. 297)

Es sind solche Beobachtungen der Merkwürdigkeit menschlicher Verhaltensweisen, die er aufgreift, weiterdenkt und ihrer Attitüde entkleidet, die diesen Band füllen. Schuh scheint mir kein Misanthrop zu sein, auch wenn ich nicht gerade behaupten würde, daß er Menschen mag. Aber er hat einen sehr genauen Blick, mir ist nicht eine Stelle untergekommen, bei der ich nicht hätte zugeben müssen, daß sie trifft. Er beobachtet unverklärt, aber ohne Häme, er analysiert schonungslos, aber ohne Überheblichkeit. Das ist eine hohe Kunst und Franz Schuh beherrscht sie – ich kenne keinen, der es besser kann.

„A little bit of awareness“ heißt es in einem Gedicht von Allen Ginsberg; es ist ein gedicht, um über den Mord an John Lennon zu trauern. A little bit of awareness, also nur eine Spur von geistesgegenwart – schlicht, um zu sehen, was los ist, was geschieht und wer tötet. Das Gegengewicht zur Dumpfheit ist dieses Hängen am Leben, die Wertschätzung des Lebendigen in seinen verschiedenen Ausprägungen, für die man sich interessiert, Sensibilität bewahrt. Der Dumpfe ist gleichgültig, un daraus resultiert, im verwandten Gegensatz zu den harmlosen Formen des Dumpfseins, die Zerstörungskraft der Dumpfheit: Die Welt will der Dumpfe der eigenen inneren Dumpfheit gleichmachen, sie einebnen, also sie zerstören; und hier springt einem zum Schluß eine Übereinstimmung der Gegensätze, eine Solidargemeinschaft ins Auge: Der aufgeladene, hochemotionalisierte Fanatiker und der dumpfe, gefühllose Schläger – sie stehen seit eh und je auf demselben Programm.

(S. 100f.)

Menschen dieser Welt, lest Franz Schuh!
Und damit dem auch kein Mangel an Lektüremöglichkeiten entgegensteht, sei auch heute auf die

lieferbaren Ausgaben

verwiesen.


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*Nein, die Titelauswahl soll keinen Bezug zu aktuellen Debatten herstellen.
**zitiert nach: Schuh, Franz: Schwere Vorwürfe, schmutzige Wäsche. Paul Zsolnay Wien. 2006

Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (80)

Das Buch zum Sonntag (55)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Franz Schuh: Hilfe! Ein Versuch zur Güte

Franz Schuh, der in diesem Blog bereits empfohlen wurde, ist ein glänzender Essayist*. Was meine Aufgabe hier nicht eben leichter macht, denn beim Herangehen an die heutige Empfehlungsaufgabe las ich mich an jeder aufgeschlagenen Stelle sofort fest und folgte den Gedankengängen des Autors über viele Seiten, während derer er immer mal wieder vom Wege abging, links und rechts ein paar Blümen pflückte, einen pittoresken Strauß band, nur um ganz unvermittelt wieder auf dem Pfade des Grundgedankens aufzutauchen, ihm einige Schritte zu folgen, ehe eine verführerisch duftende Pflanze ihn wieder in Wiese, Wald oder Lichtung driften ließ. So, wie das im Essay auch sein sollen. Und als wahrer Könner seines Faches entläßt er den Lesenden denn auch aus keinem Text, ohne tatsächlich am Ausgangspunkt anzuknüpfen.
Im heute empfohlenen Band arbeitet sich Franz Schuh am vieldeutigen Begriff der Güte ab. Denn „gut“ vermag nun so einiges sein.
So geht er beispielsweise der Frage nach, was denn von der medial aufwändig inszenierten Güte begüterter Gesellschaftsmitglieder zu halten sei:
„Das Buch zum Sonntag (55)“ weiterlesen

Das Buch zum Sonntag (55)

Das Buch zum Sonntag (8)

Ich empfehle der geneigten Leserschaft für die heute beginnende Woche zur Lektüre:

Franz Schuh: Memoiren

Franz Schuh, geboren 1947, ist Lehrbeauftragter an der Universität für Angewandte Kunst in Wien, einem breiteren Publikum aber wohl eher bekannt mit seinen Arbeiten als Essayist (etwa in der Zeit). Auf ihn aufmerksam geworden bin ich 2006, als er den Preis der Leipziger Buchmesse für Sachbuch und Essayistik erhielt (der so bedachte Sammelband unklaren Genres heißt „Schwere Vorwürfe, schmutzige Wäsche„) und ich das Vergnügen hatte, einen großartig misanthropischen Österreicher auf dem Podium zu erleben.
Neben dieser Konstante österreichischer Gedankenwelt gibt es bei Franz Schuh, den ich, da ich aus einem nicht näher zu beschreibenden inneren Zwang heraus eine Kategorie finden muß, als Kulturphilosoph bezeichnen möchte, einige erhellende Ansichten über den Zustand unserer Welt zu entdecken. In einem gelungenen Essay folgt der Leser freudig den Gedanken(wirrungen) des Autors – und genau das ist meine Leseerfahrung bei Franz Schuh.
Im heute empfohlenen Buch, das den Untertitel „Ein Interview gegen mich selbst“ trägt, beantwortet Schuh Fragen, die ihm entweder im Laufe der Jahre gestellt worden oder die er sich selbst stellt. Welchen Sinn das macht? Lesen wir mal rein:

Ich hatte plötzlich die Idee, einige der Fragen, die mir im Laufe der Zeit gestellt wurden, zu sammeln, um sie neu zu beantworten. Außerdem nehme ich die Chance wahr, mir selbst Fragen zu stellen, die nun zusammen mit den Fragen der anderen einen Dialog ergeben. Ich spiele mit dem Prinzip von Frage und Antwort – das heißt, ich nehme alle Fragen so, als ob ich sie selbst gestellt hätte, und alle Antworten so, als ob ein Fremder sie gegeben hätte. Und dann wieder umgekehrt: Als hätte mir wer anderer diese Fragen gestellt, und ich würde sie selbst beantworten. Im Interview als einer gründlichen, gleichwohl fiktiven Selbstbefragung entseht unter anderem die reizvolle Situation: Wer ist stärker? Ich oder Ich?
Aber ich will zugeben, dass es nicht diese Kokettereie, diese altbekannte Paradoxie der Selbstbespiegelung ist, die die „Memoiren“ hier ins Leben ruft. Es ist der mich prägende Hang zur gesprochenen Sprache. Seit ich denken kann, habe ich mit diesem Denken die größten Glücksmomente in der freien Rede erlebt. Im Interview, der schriftlichen Fassung der Möglichkeit, seine Gedanken beim reden zu verfertigen, wird einiges von diesem Glück bewahrt. Das Sammeln der Fragen und das Stellen der neuen Fragen war eine Art Memorieren, ein Rekapitulieren des Fragwürdigen. Viel mehr in diesem Sinne als in dem von Lebenserinnerungen heißt das Buch „Memoiren“.

(S. 8f)

Neben seinem stilistischen Können gibt es einen anderen Punkt, weswegen ich Schuh gerne empfehle: Er nimmt die Kultur in ihrer Gänze Ernst. Schuh schließt aus seinen Betrachtungen die Massenkultur, hier insbesondere das Fernsehen, nicht aus, sondern ein. Es gibt beim ernsthaften Nachdenken über die Kultur, die in und für Massenmedien entsteht, einiges zu entdecken (Schuh, bekennender Trash-Anhänger, zu „Big Brother“ u.ä. : „Die waren mir – ganz ohne Ironie – zu intelligent. Da sind konstruktive Intelligenzen am Werk, die eine inszenierte Realität auf der Ebene der Alltagsrealität halten wollen. Dass man ein Konstrukt für ein Nichtkonstrukt halten soll, dass man das Alltägliche zu einem Vorzeigemodell umdeutet (das wiederum in den Alltag Eingang findet), ist ein hochkünstlerisches Prinzip.“, S.13).
Ich könnte hier noch etliche weitere Stellen zitieren, die erhellende Schlaglichter auf die Frage nach dem Glück oder dem Verhältnis von Erinnern und Vergessen oder ganz anderen Themen werfen, aber das geneigte Lesepublikum möge dies selbst entdecken. 😉

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Das Buch zum Sonntag (8)