Gachmurets dritte Kulturwoche: Film

Film: König der letzten Tage

Die älteren in der geneigten Leserschaft erinnern sich bestimmt an den Tag, an dem Kurt Cobain starb – und die jüngeren unter den älteren vielleicht daran, wie auf einmal alle ja schon immer Nirvana-Fans gewesen sein wollten.
So ähnlich erging es mir mit Christoph Waltz. Zu der, zugegeben, tiefen inneren Befriedigung, als er mit dem Oscar ausgezeichnet wurde, mischte sich eben dieses merkwürdige Gefühl, als urplötzlich ganz viele „Schon-immer“-Anhänger seiner Schauspielkunst auftauchten. Der „wahre Fan“ empfindet da Ablehnung. Denn wie viele von denen haben ihm wohl die Treue gehalten, als er in „Kommissar Rex“ mitspielte (natürlich großartig, aber der Freiraum in einer solchen Rolle ist ja auch eher begrenzt)? Wer hat denn das fast zwanzigjährige Reden davon, daß Waltz ein hochgradig unterschätzter Schauspieler ist und sich dann mal gezielt Filme mit ihm angeschaut? Mhm? Also.
Meinen ersten Waltz-Film sah ich im Alter von 14 Jahren, den Umstand ausnutzend, seit Kurzem einen Fernsehapparat im Jugendzimmer mein Eigen zu nennen. Insofern mag also mein Blick auf den „König der letzten Tage“ von jugendlichem Erstaunen („Alles so schön bunt hier.“) getrübt sein. Aber neben der für einen ungeübten Teenager* durchaus verwirrenden Fülle von Sinneseindrücken, die dieser Film bietet, gibt es einen bleibenden Wert, der mich auch heute noch die 16 Jahre Wartezeit auf DVD vergessen läßt.
Wie der geneigten Leserschaft gelegentlich bereits mitgeteilt, gehört die Frage, wie und warum Menschen im tiefsten und besten Glauben daran, Gutes und Richtiges zu tun, Falsches, Schlechtes, Grauenhaftes anrichten, zu meinen Lebensthemen. Wann, wie und warum diese Frage zu meinem Lebensthema wurde, weiß ich nicht (auch wenn ich da so ein paar Hypothesen parat hätte). Die Geschichte des Münsteraner Täuferreiches, um die es im heute empfohlenen Film geht, ist freilich geradezu prädestiniert für diese Frage. Zwei Propheten des nahenden Weltendes gründen im Bündnis mit Honoratioren der Stadt einen fundamentalistischen Gottestaat, das Neue Jerusalem, indem alles besser werden wird. Es darf sicher diskutiert werden, ob Jan van Leiden sich tatsächlich und aus voller Überzeugung für den Propheten des Neuen Jerusalem hielt (eine Interpretation, die der Film nicht gerade nahelegt) – wohl aber taten dies etliche Bürger der Stadt. Und die all die geschehenen Grausamkeiten begrüßten, begeistert mitmachten. Warum? Wie kann im Namen eines Glaubens, der Frieden predigt, der fordert, seinen Nächsten und selbst seine Feinde zu lieben, ein jeder „Abweichler“ bis zum äußersten bekämpft werden?
Einfach verführt von einem charismatischen Redner? Kann das so einfach sein? Einer ist Schuld und die armen, hilflosen Massen waren ihm eben ausgeliefert, konnten gar nicht anders?
Ich bin mir natürlich nicht sicher, ob ich da nicht zu viel in diesen Film hineinpretiere und dieser gar nichts dergleichen zu leisten vermag. Das mge die geneigte Leserschaft selbst herausfinden. Auf jeden Fall lohnt es sich aber, der Wandlung zuzuschauen, die Christoph Waltz seine Figur durchmachen läßt. Aus einem durchaus mäßigen Alleinunterhalter, dessen Physiognomie ihn auch nicht gerade zum charismatischen Relegionsführer prädestiniert, wird ein immer überzeugender, ein immer verführerischerer Anführer. Mich jedenfalls hat er am Ende so weit, sein Ende zumindest zu bedauern.

König der letzten Tage in der deutschen IMDb


Flattr this

*Hey, ich bin DDR-Kind und war auf einmal im Westen, you know.

Gachmurets dritte Kulturwoche: Film

Gachmurets dritte Kulturwoche: Anime

Anime: Ghost in the Shell

Erzählungen sind in ihrer Struktur und ihren Motiven stark vom kulturellen Hintergrund des Erzählenden geprägt. Das gilt ebenso für das Publikum, das seinerseits in seiner Erwartungshaltung stark geprägt ist und nicht selten irritiert reagiert, wenn eine Erzählung diese nicht bedient. Was freilich für Erzählende einen großen Reiz hat, in dem sie mit diesen Erwartungen spielen (William Goldman macht das beispielsweise in der Brautprinzessin ganz großartig, in dem er eine Geschichte nach Hollywood-Manier erzählt, um sie gleichzeitig nicht so zu erzählen. Ganz hervorragend die Erwartungshaltung zu enttäuschen gelingt auch der vorgestern bereits intensiv empfohlenen SouthPark-Folge „Stanley´s Cup„). Einen großen Reiz macht es allerdings auch für die Rezipienten aus, etwas anderes, neues eine ganz andere Erzählstruktur, andere Motive, andere Themen kennenzulernen. Nicht immer allerdings gelingt das auch. Ich persönlich scheitere zum Beispiel regelmäßig daran, dem Handlungslauf von französischen Filmen zu folgen. Und beim heute empfohlenen Film brauchte ich drei Anläufe, ehe ich meinte, verstanden zu haben, was da eigentlich passiert. Allerdings habe ich den Film jedes Mal bis zum Ende gesehen, womit ein Anhaltspunkt gegeben wäre, warum er auf der Empfehlungsliste steht. Neben „Akira“ ist „Ghost in the Shell“ der hierzulande vielleicht nachhaltig wirkendste Anime und basiert wie dieser auf einem Manga (von Masamune Shirow, erschienen bei, wo auch sonst, Kodansha). Die Themen sind geradezu klassisch japanisch: Im Jahr 2029 jagt eine Cyborg-Agentin ein außer Kontrolle geratenes Regierungsexperiment, dessen Protagonist, der Prototyp eines virtuellen Agenten, auf der Suche nach einem Wirtskörper so allerlei Schaden anrichtet und vor allem eben außer Kontrolle geraten ist, was der Regierung natürlich nicht gefallen kann.
Das Setting ist an sich nicht ungewöhnlich und heute wahrscheinlich noch weit weniger unwahrscheinlich als dies 1989 der Fall der Fall gewesen sein mag.
Die Frage nach der Seele in künstlicher Intelligenz, die Fragen um Kontrollierbarkeit der technischen Errungenschaften, auf die wir einen zunehmenden Teil unseres Lebens aufbauen und welche ethischen Probleme das alles aufwirft, was das letztlich für das Leben auf dieser Welt überhaupt bedeuten mag – drunter machen wir es hier nicht. Der Film ist weit komplexer als das Ausgangssetting das vermuten lassen mag, denn wie auch in „Akira“ gilt hier: Es passiert gar nicht sehr viel, im Sinne eines Plots jedenfalls nicht. Aber es gibt eine derartige Fülle von Neben- und Randgeschehen, von nicht leicht zu durchschauenden (also zumindest ging es mir so, ich weiß nicht, ob dies an der tatsächlichen Komplexität liegt oder an der kulturellen Barriere, meine Zahl hierzu zu befragender JapanerInnen tendiert leider gegen 0, so daß mir die Gegenprobe vorerst verwehrt bleibt) Verbindungen, Gedankenspielen und Andeutungen, daß die 79 Minuten vollkommen ausreichen, um ein komplexes Erlebnis zu verschaffen.

Es ist sicher keine Überraschung, daß die spannendsten künstlerischen Überlegungen zum Mensch-Maschinen-Verhältnis einer Kultur entstammen, in der Technikverliebtheit geradezu pathologisch ist. Einer Kultur, in der der Satz „Da müsste man auch mal was erfinden.“ kein dahingeworfener Witz oder eine sinnierende Träumerei ist, sondern ein Handlungsauftrag.

Der Schlußsatz des Trailers, „You´ll never trust computers again.“ darf zumindest als Gedankenanstoß gesehen werden:

var flashvars = {
htmlPage: „http://www.matttrailer.com/ghost_in_the_shell_1996“,
settingsFile: „http://www.mattfind.com/12345673215-3-2-3_img/movie_trailer_xml/m/e/x/facc72e3f4b1750f2583b395e69b49a4.xml“
};
var params = {
allowFullScreen: „true“,
allowScriptAccess: „always“
};
var attributes = {
id:“videoPlayer“,
name:“videoPlayer“
};
swfobject.embedSWF(„http://www.mattfind.com/12345673215-3-2-3_includes/videoplayer/videoPlayer.swf“, „videoPlayer“, „400“, „291“, „9.0.115“, „http://www.mattfind.com/12345673215-3-2-3_includes/videoplayer/swfobject/expressInstall.swf“, flashvars, params, attributes);
swfmacmousewheel.registerObject(attributes.id);

Und wem das alles viel zu weit weg ist, noch ein kleiner Gedankenanstoß:

timpritlove


Flattr this

Gachmurets dritte Kulturwoche: Anime

Gachmurets zweite Kulturwoche: Anime

Anime: Akira

In der ersten Kulturwoche empfahl ich bereits einen Film, der nach Meinung eines Rezensenten dazu geeignet war, das Genre des Animationsfilmes neu zu denken.
Ähnliches ließe sich über „Akira“ sagen. Wenn auch in der westlichen, insbesondere der europäischen Wahrnehmung japanischer Animationsfilme der Paukenschlag, mit dem dieser Film auftrat noch weit höher eingeschätzt werden muß, als in Japan.
Im Gegensatz zu Miyazakis Arbeiten, insbesondere sei hier Prinzessin Mononoke zu nennen, die durchaus Türöffnerfunktion haben, bleibt „Akira“ ein durchweg japanischer Film – wenn auch mit einer Erzählstruktur, die westlicher Gewohnheit eher liegen mag, als sagen wir mal „Ghost in the Shell“, über den bei anderer Gelegenheit noch zu reden sein wird.
„Akira“ ist ein düsterer Film, der klassisch gewordene Themen der Manga- und Anime-Welt aufgreift. Basierend auf seiner gleichnamigen Manga-Serie erzählt Otomo Katsuhiro vom Neo-Tokio des Jahres 2019, einige Jahre nach dem dritten Weltkrieg (eine UrKatastrophe dieser Art ist durchaus gängige Voraussetzung für diverse Zukunftsszenarien, mögen sie nun eher technisch oder eher mythisch motiviert sein). Die Mitglieder einer Motorrad-Gang begegnen dabei einem kleinen Jungen, der wie ein Greis aussieht, jedoch über übernatürliche Fähigkeiten verfügt.
Tetsuo und Kaneda, befreundete Hauptfiguren der Gang, sind anschließend die (offensichtlichen) Protagonisten eines im Hintergrund tobenden Kampfes um „Akira“, in Kälteschlaf versetztes Erbe der Forschung vor dem Krieg.
Die zutiefst ethischen Fragen nach den Grenzen menschlicher Forschung, nach der Verantwortung für die Welt, in der wir leben, sind Grundtopoi japanischer Mangas und der mit ihnen eng verwandten Animes.
Seit Jahrzehnten exerzieren sie dies in allen Facetten durch, ob es offensichtlich und für jeden erkennbar um die Zerstörung der des Gleichgewichts mit der und in der Natur (Prinzessin Mononoke, Miyazaki hat einen stark westlichen Erzählstil, was seine Arbeiten für das hiesige Publikum leichter zugänglich macht) oder ob es verwickelt und kaum durchschaubar um die Abhängigkeit vom Funktionieren technischer Systeme (Ghost in the Shell) oder die Frage nach menschlicher Identität überhaupt geht (Heads) – erst mit Akira begann man außerhalb Japans wahrzunehmen, daß es sich hier nicht nur um Kindergeschichten handelt. Ein Mißverständnis im Übrigen, das auch bis heute nicht völlig ausgeräumt ist.
Viel zu leicht läßt man sich vom grellen, bunten Kostüm oder den natürlich auch existierenden schlichten, tatsächlich für kleine Kinder geschriebenen Geschichten, dazu verleiten, die zeitgenössische Ausdrucksform der Erzählkultur einer uralten Zivilisation leichtfertig abzutun (tut mir Leid, drunter tu ich´s nicht. 😉 ). Das wäre in etwa so sinnvoll wie das deutsche Kulturschaffen nach Prinzessin Lillifee und Benjamin Blümchen zu beurteilen.
Abschließend sei noch auf die hervorragende technische Qualität der Umsetzung hingewiesen. Natürlich geht es hier genretypisch hoch her, was den Einsatz explosiver Mittel angeht, doch ich bitte wirklich eindringlich, nicht zu vergessen, daß nicht alles so ist, wie es auf den ersten Blick zu sein scheint. Entscheidend sollte doch nicht die gewählt Ausdrucksform, sondern immer die künstlerische Aussage sein. Wer sich wirklich darauf einläßt, kann in „Akira“ weit mehr sehen, als ein paar gut gezeichnete Explosionen.

Die Mangas gibt es, leider nur in gespiegelter Leserichtung, hier.
Der Film ist im gut sortierten Fachhandel erhältlich, oder zum Beispiel hier.

Zum Schluß mal noch den offiziellen Trailer zum Blue-Ray-Start, mit einer kurzen Anmerkung: Das im Hintergrund gesungene Lied ist uralt, es kennt jeder, aber keiner weiß mehr, was es bedeutet. Und im Film selbst erzeugt es in der dortigen Version an der passenden Stelle ein sehr unbehagliches Gefühl.

Gachmurets zweite Kulturwoche: Anime

Gachmurets zweite Kulturwoche: Film

Film: Blutige Erdbeeren

Ilja Ehrenburg schreibt in seinen Memoiren, daß Menschen nicht aus der Geschichte lernen, weil sie nicht in der Lage seien, aus Erfahrungen anderer zu lernen, sondern nur aus den eigenen Erfahrungen lernten.
Ein Mensch, der wie Ehrenburg (1890-1967) das 20. Jahrhundert in all seinen Irrwegen erlebt hat, kann wohl auch kaum zu einem anderen Schluß kommen. Und wahrscheinlich hat er Recht. Die Anzeichen dafür, daß er falsch liegen könnte, sind jedenfalls rar.
Nichtsdestotrotz hoffe ich sehr, daß es sich nicht um eine anthropologische Grundkonstante handelt, denn es wäre sehr wichtig, endlich mal aus der Geschichte zu lernen. Um dies zu ermöglichen, bedarf es jedoch der Erinnerung.
Und so gilt es immer wieder, sich das ein oder andere in Erinnerung zu rufen, um aktuelle Entwicklungen einzuschätzen und einordnen zu können.
Hilfreich kann dabei die Kunst sein, weil sie eine Mittlerfunktion zu übernehmen vermag.
Ich möchte heute daran erinnern, daß viele unserer heute selbstverständlichen Ausdrucksformen des politischen Protestes gar nicht so selbstverständlich sind. Daß es keineswegs immer und überall nur böse Schurkenstaaten waren, die Studentenproteste niederknüppelten, die auf Unibesetzungen mit brutaler Gewalt reagierten, die Opposition nicht duldeten. Es waren durchaus Staaten dabei, die sich auf ihre demokratische Tradition und Grundverfassung eine Menge einbildeten (und es auch heute noch tun).
Der Film „Blutige Erdbeeren“ beruht auf dem Buch „Das Erdbeer-Manifest“ von James S. Kunen, das von den Ereignissen der Studentenrevolte an der Columbia-Univerität 1968 berichtet und erzählt die Geschichte des Studenten Simon James, seines Zeichens eher Sonderling aus Kansas als strahlender Mittelpunkt des Studentenlebens. Durch die Studentin Linda gerät er allerdings in die politischen Aktivitäten, wird selbst politisiert und aktiver Teilnehmer. Dies alles vor dem Hintergrund einer zunehmenden Eskalation der Gesamtsituation.
„Blutige Erdbeeren“ ist sicher kein Meilenstein des modernen Kinos, aber er ist gut gemacht (den Preis der Jury in Cannes bekommt man ja nun auch nicht mal eben so) und er fängt eine Stimmung sehr gut ein, die in solchen Situationen immer wieder entsteht, zeigt, was geschieht, wenn Sturheit, Arroganz und Dogmatismus die Regie übernehmen. Die zeitliche Nähe zu den Ereignissen (der Film erschien 1970) kommt ihm dabei sicher zu Gute.
Der Film, und insbesondere seine Schlußszenen, gehört zu den prägendsten Erfahrungen meiner Jugend. Nur wenige Dinge haben mich stärker politisiert, haben meinem Mißtrauen gegen staatliche Obrigkeit und den Bestand und die Gültigkeit von Normen und Werten stärkere Bilder gegeben.
Doch unerheblich von meiner perösnlichen Betroffenheit bleibt der Film ein künstlerisches Dokument der seinerzeitigen Stimmung und ein Aufruf dazu, nicht zu vergessen und nichts als gegeben hinzunehmen.
Den Soundtrack steuerten übrigens zu erheblichen Teilen Crosby, Stills, Nash & Young bei, die sich ja auch nach einigen Jahrzehnten gezwungen sahen, daran zu erinnern, daß sich weniger ändert, als wünschenswert wäre.
Zu kaufen gibt es „Blutige Erdbeeren“ auf DVD, zum Beispiel hier.

Eine der ungeklärten Fragen, die mich mit dem Film verbindet, ist übrigens die, was zum Henker den StuRa Halle beim Lucky Streik geritten hatte, „Blutige Erdbeeren“ im Tscherny zu zeigen. Für Studenten im Protest ist der Film eher nicht zur Motivation geeignet. So ging der Streik ja auch zu Ende…

Gachmurets zweite Kulturwoche: Film

Gachmurets Kulturwoche: Film

Film: Die letzten Glühwürmchen

Über diesen Film zu schreiben, fällt mir nicht leicht – und doch ist es mir ein tiefes Bedürfnis. Ich schrieb gestern davon, daß ich davon abrate, von der gewählten Stilrichtung eines Kunstwerkes auf dessen Minderwertigkeit zu schließen. Heute ein Beispiel dafür, daß ein Animationsfilm in seiner kulturellen Leistung weder einem Theaterstück noch einem Realfilm auch nur im geringsten nachstehen muß.
„Die letzten Glühwürmchen“ ist der berührendste, erschütterndste Film, den ich bis heute gesehen habe. Basierend auf der Erzählung von 野坂 昭如 (Nosaka Akiyuki)
火垂るの墓 (Hotaru no Haka, 1968, dt.: Das Grab der Leuchtkäfer, 1992) wird die Geschichte des vierzehnjährigen Setsuko und seiner vierjährigen Schwester Seita während der Endphase des zweiten Weltkrieges in Japan. Nach einem Bombenangriff auf Kōbe, bei dem ihre Mutter stirbt, ziehen die Geschwister zu ihrer Tante. Doch wird den beiden das Leben dort bald unerträglich und sie beschließen, sich selbst zu versorgen.
Hiermit beginnt ein verzweifelter Überlebenskampf, bei dem Setsuko von Gelegenheitsarbeiten bis zum Stehlen alles versucht, um seine zusehends schwächer werdende Schwester zu retten und ihr ein Leben ohne Angst vor dem Morgen zu bieten. Er blendet vor ihr alle Schwierigkeiten ihrer Lage aus, läßt sie ganz Kind sein, was für ihn auch bedeutet, ihr Quengeln über Hitze, Kälte und Hunger aufzufangen.
Der Film zeichnet aus einer vollkommen unpathetischen, neutralen Position heraus, läßt die Figuren für sich stehen und wirken – und genau das macht ihn so stark, in seiner emotionalen Wirkung schon beinahe unerträglich. Hier ist es nicht nur die Geschichte an sich, die berührt, hier ist es das ruhige, unaufgeregte Erzählen, die Zeit, die der Film dem Zuschauenden gibt, um Szenen wirken zu lassen, die diesen Film zu einem ganz besonderen Kunstwerk macht.

Roger Ebert schreibt in seiner Rezension in der Chicago Sun Times: „An emotional experience so powerful that it forces a rethinking of animation.“ Und dies möchte ich allen ins Stammbuch schreiben, die bei jedem Animationsfilm nur denken „Ach, so ein Kinderkram“.
Dies scheint im Übrigen auch auf die in meinen Augen nach eigenartigen Kriterien arbeitende FSK zu gelten, die den Film ab 6 Jahren freigibt (klar: Es gibt keinen riesigen Spannungsbogen und Schockszenen mit Gewalt und Sex oder gar entblößten Brüsten gibt es auch nicht, also…)
Das Lexikon des Internationalen Films rät zu einem Mindestalter von 16 Jahren – und da scheinen sie mir schon deutlich näher dran.
Ich jedenfalls rate dazu, sich den Film auf keinen Fall alleine anzuschauen. Wer nicht beim Holländer-Michl zum Tauschen war, wird Gesprächsbedarf haben.

Film kaufen bei amazon.de
antiquarisch nach dem Buch suchen

Gachmurets Kulturwoche: Film