Verletzte Gefühle, unbeabsichtigt

»Politiker_innen wollen gar nicht (mehr) gestalten, sie wollen nur wiedergewählt werden.«
Das ist ein Allgemeinplatz und wie jede Pauschalisierung mit äußerster Vorsicht zu genießen, auch wenn ich tatsächlich dazu neige, mich von einer empirischen Bestätigung dieser Aussage nicht überraschen zu lassen. Ein gewisser Grad an Diskursverweigerung freilich scheint durchaus zum Standardverhalten aktiver Politiker_innen zu gehören. Kann man nahezu täglich in einer beliebigen »politischen Talkshow« beobachten – oder beim öffentlichen Ritual »Entschuldigen«, das ähnlich ritualisiert ist wie »Trauern« und »Gedenken«.
Wobei fairerweise gesagt werden muss, dass diese Verhaltensweisen keineswegs auf Politiker_innen beschränkt sind, sondern selbstverständlich von allen Teilnehmer_innen des gesellschaftlichen Diskurses gepflegt werden.

Antje Schrupp schreibt dazu:

Immer wenn ich eine solche „Entschuldigung“ lese, werde ich fast noch ärgerlicher als über den ursprünglichen Sachverhalt. Denn der Verweis auf die angeblich verletzten Gefühle der Kritiker_innen ist keineswegs ein Entgegenkommen, wie es den Anschein erweckt, sondern ganz im Gegenteil die Verweigerung einer ernsthaften Auseinandersetzung. Es wird nämlich so getan, als sei der Grund für die Kritik die subjektive Befindlichkeit derjenigen, die die Kritik vorbringen. So als seien sie irgendwie besonders empfindlich. Großmütig ist man dann bereit, auf diese zart besaiteten Menschen Rücksicht zu nehmen – und konstruiert nebenbei eine Opfergruppe, der man dann gönnerhaft ein bisschen entgegen kommt.

Bei der Kritik an gesellschaftlichen Missständen wie Sexismus oder Rassismus geht es aber nicht um verletzte Gefühle oder „Betroffenheit“ – auch wenn Sexismus oder Rassismus zweifellos Gefühle von Menschen verletzen – sondern um eine Analyse von Strukturen. Wenn ich kritisiere, dass in Werbevideos Gewalt gegen Frauen verharmlosend dargestellt wird, oder wenn ich gegen die Darstellung von Frauen als sexualisierte willenlose Wesen protestiere, dann nicht weil „meine Gefühle als Frau“ dadurch verletzt würden. Sondern weil ich solche kulturellen Muster für schädlich halte – und zwar nicht nur für mich oder für die „Betroffenen“, sondern generell und für alle.

Alles, was dem noch hinzuzufügen wäre, findet sich im ganzen Beitrag, den ich an dieser Stelle zu lesen empfehle.

Flattr this

Advertisements
Verletzte Gefühle, unbeabsichtigt

Helden? Eine Nachfrage.

Seit einiger Zeit geht es ja wieder um, das Gespenst des Kommunismus. Erstaunlicherweise trägt es das Gesicht von Gesine Lötzsch, der es wohl weniger gut gelingt, die bürgerliche Kampfpresse (oder doch die Systempresse, man kommt da immer durcheinander 😉 ) zu becircen als der guten Sarah, deren Hang zum Kommunismus eher als Folklore denn als tiefempfunde Überzeugung ausgelegt wird. Was ich bemerkenswert finde, denn gerade das verzweifelte Rudern im Nachgang legt doch nahe, daß es Frau Lötzsch nicht so furchtbar Ernst mit der Weltrevolution ist.

Exkurs: Sind eigentlich noch DDR-sozialisierte in der geneigten Leserschaft? Ich kann den Namen „Gesine“ ja nicht ohne Gedanken an dieses Buch hier hören oder lesen. Ungemein wirkmächtig übrigens. Mir kommt diese Geschichte auch bei jedem Bericht über Kriegsflüchtlinge und -gefangene in den Sinn. Man erzähle mir nicht, es sei egal, was man in seiner Kindheit liest. Für mich ist das eher ein weiterer Beleg für die Gültigkeit von Golo Manns Diktum, wir seien alle, was wir gelesen.

Jedenfalls, in einer Zeit, in der SPD-Minister noch ganz anders mit Revolutionsfans umgingen und das obwohl man selbst ja durchaus noch das Endziel einer kommunistischen Weltordnung im Programm stehen hatte (aber gut, Leute in der Partei zu lassen, die dem eigenen Programm entgegenstehen, dafür aber diejenigen zu vergraulen, die das noch Ernst nehmen, ist ja auch heute noch Parteistrategie), schrieb der Hausheilige folgendes:

Zwei Erschlagene

(Liebknecht und Rosa Luxemburg)

Der Garde-Kavallerie-Schützen-Division
zu Berlin in Liebe und Verehrung

Märtyrer . . . ? Nein.
Aber Pöbelsbeute.
Sie wagtens. Wie selten ist das heute.
Sie packten zu, und sie setzten sich ein:
sie wollten nicht nur Theoretiker sein.

Er: ein Wirrkopf von mittleren Maßen,
er suchte das Menschenheil in den Straßen.
Armer Kerl: es liegt nicht da.
Er tat das Seine, wie er es sah.
Er wollte die Unterdrückten heben,
er wollte für sie ein menschliches Leben.
Sie haben den Idealisten betrogen,
den Meergott verschlangen die eigenen Wogen.
Sie knackten die Kassen, der Aufruhr tollt –
Armer Kerl, hast du das gewollt?

Sie: der Mann von den zwei beiden.
Ein Leben voll Hatz und Gefängnisleiden.

Hohn und Spott und schwarz-weiße Schikane
und dennoch treu der Fahne, der Fahne!
Und immer wieder: Haft und Gefängnis
und Spitzeljagd und Landratsbedrängnis.
Und immer wieder: Gefängnis und Haft –
Sie hatte die stärkste Manneskraft.

Die Parze des Rinnsteins zerschnitt die Fäden.
Da liegen die beiden am Hotel Eden.
Bestellte Arbeit? Die Bourgeoisie?
So tatkräftig war die gute doch nie . . .
Wehrlos wurden zwei Menschen erschlagen.

Und es kreischen Geier die Totenklagen:
Gott sei Dank! Vorbei ist die Not!
»Man schlug«, schreibt einer, »die Galizierin
tot.«
Wir atmen auf! Hurra Bourgeoisie!
Jetzt spiele dein Spielchen ohne die!

Nicht ohne! Man kann die Körper zerschneiden.
Aber das eine bleibt von den beiden:

Wie man sich selber die Treue hält,
wie man gegen eine feindliche Welt
mit reinem Schilde streiten kann,
das vergißt den beiden kein ehrlicher Mann!

Wir sind, weiß Gott, keine Spartakiden.
Ehre zwei Kämpfern!
Sie ruhen in Frieden!

*

Ja, die hehren Streiter für die gute Sache. Heroismus hat eine unglaubliche Anziehungskraft, ist das Heldentum doch in unseren kulturellen Code unauslöschlich eingewebt. Jede Zeit hat ihre Helden, jede Glaubensrichtung ihre Märtyrer. Und auch Liebknecht und Luxemburg sind ja dem Mythos nicht entkommen.
Doch sei an dieser Stelle die Frage erlaubt, ob es nicht auch dieser Hang zum Heldentum ist, der eine Menge Unheil anrichtet. Wer sich nämlich als unbedingten Streiter für die wahre und gute Sache sieht, der verliert die Fähigkeit, sich selbst, seine Motive und Ziele zu hinterfragen. Sich selbst in Frage zu stellen halte ich aber für eine essentielle Eigenschaft des aufgeklärten Menschen. Nur wer in der Lage ist, über sich selbst nachzudenken und dabei auch zu unbequemen Ergebnissen zu kommen, nur derjenige ist auch in der Lage, Argumente Andersdenkender wahrzunehmen, abzuwägen und zu würdigen, sie in die Analyse einzubeziehen. Stattdessen beobachte ich aber eine weitgehende Zunahme zirkularer Diskurse, deren Ausgrenzungsmechanismen mit Hilfe diverser Schlagworte hinter keiner Ketzerdebatte des Mittelalters und keiner Revisionistenhatz auf einer KP-Tagung zurückzustehen braucht. Was damit aber geschieht, ist die Schaffung geschlossener Weltbilder, die keine Einflußnahme von außen mehr zulassen. Eine Cloud für jeden. Und dann sind die anderen eben böse [hier bitte entsprechenden Kampfbegriff einsetzen], die die Wahrheit einfach nicht verstehen wollen. Nichts aber könnte tödlicher sein für eine offene Gesellschaft als der Verlust des offenen Diskurses. Es mag sein, daß es nie besser war und ich hier wieder nur Schwarzseher bin, aber in dem Maße, in dem Werte und Ideen totalitär werden, bedrohen sie eine offene Gesellschaft. Das gilt für Privatheit ebenso wie für Transparenz. Für Relevanzkriterien ebenso wie für das ungebremste Ansammeln von Informationen. Für Altruismus ebenso wie für Hedonismus.
Die Liste ließe isch endlos weiterführen und wer einmal versucht hat, eine Debatte in einem beliebigen Onlineforum zu führen, wird verstehen, was ich meine. Irgendwann geht es nur noch darum, wer denn nun falschrum auf der Autobahn fährt. Wir laufen Gefahr, die Hoheit des gesellschaftlichen Diskurs irgendwelchen Unbedingtrechthabern zu überlassen, die nur noch ein „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.“ kennen, die selbstherrlich Argumente überhören oder mit dem Verweis auf ein beliebiges Schlagwort abtun (dies mal an die Linksdogmatiker: Falls ihr dessen noch fähig seid, schaut euch mal eure Definition von „bürgerlicher Kampfpresse“ an und vergleicht sie mit der Definition von „Systempresse“ auf der Eso-Verschwörung-Nazi-Front an – vielleicht fällt euch da eine Kongruenz auf).

Wir sollten es besser wissen.


Flattr this

P.S. Einen Aspekt unter vielen, die bei der Frage des gesellschaftlichen Diskurses zu beachten sind, greift dieser Artikel in der ZEIT auf, der die Rolle von FOX News beleuchtet – für alle, die nicht regelmäßig „The Daily Show“ schauen, höchst empfehlenswert.
Und noch einen Nachtrag (15.1.11, 11:34): In der taz gibt es ein Portrait eines Unbeirrbaren, der weiterhin für seine gute und gerachte Sache streitet. Ein wahres Paradebeispiel.
*aus: Werke und Briefe: 1919, S. 79-81. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 1189-91 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 2, S. 41-42) (c) Rowohlt Verlag

Helden? Eine Nachfrage.