R E S P E C T

Mein Verhältnis zur Partei der Grünen und ihren PolitikerInnen hat etwas von einer enttäuschten Liebe.
Es ist dies heute aber nicht der Tag, darüber nachzudenken. Ich möchte heute nur meinen tief empfundenen Respekt für Claudia Roth, die für mich immer für das steht, was gut ist an den Grünen (das Andere, das Mutige, das Offene) zum Ausdruck bringen. Respekt, vielleicht sogar eher Bewunderung für einen Mut, den ich nicht aufzubringen vermag. Für den Mut, dahin zu gehen, wo es weh tut, dort teilzuhaben, wo wirklich etwas auf dem Spiel steht, wo man mehr machen muss als salbungsvolle Reden über Freiheit zu halten, um anschließend mit ein paar Diktatoren Essen zu gehen.

Also, ich bitte die geneigte Leserschaft, wenn sie das nächste Mal über Claudia-Roth-Witze lacht (was ich für legitim halte, es gibt sogar sehr gute), dieses hier im Hinterkopf zu behalten:

Frau Roth ist nicht nur die buntgewandtete, fröhliche, manchmal plappernde, fußballbegeisterte Frau aus dem Fernsehen. Sie ist eben auch und vor allem eine tapfere Frau. Danke.

Einen rieseigen Respekt habe ich zudem vor diesen unglaublichen Menschen in Istanbul, die jeden Tag unter Einsatz ihres Lebens auf diesen Platz zurückkehren, die sich nicht einschüchtern lassen, die sich nicht vertreiben lassen, die einstehen für eine Freiheit, für die hierzulande nicht mal mehr Kreuze gemacht werden.
Wir sind so satt.

Es gibt Tage, da fühle ich mich nicht wohl in meiner Haut. Ich kann nur hoffen, dass es mir gelingt, den Mut aufzubringen, wenn es nötig wird und meinen Kindern zu vermitteln, was für ein verdammtes Glück sie und wir haben, hier leben zu dürfen.

Erschüttert und betreten ab.

Flattr this

Advertisements
R E S P E C T

καὶ σὺ τέκνον

Ich weiß nicht, ob sich noch jemand erinnert, womit die Grünen vor gut 30 Jahren als Partei starteten. Vielleicht weiß es ja noch irgendjemand in dieser Partei. Veilleicht erinnert sich dort noch jemand an den Slogan von der „Anti-Parteien-Partei“, entsinnt sich des „Marschs durch die Institutionen“? An die Idee, Politik ganz anders zu machen?
Sollte da noch jemand sein, könnte der oder diejenige mir dann bitte das hier erklären?

gruene

Im Laufe der letzten Jahre haben die Grünen eine Position nach der anderen geräumt. Und da reden wir nicht nur über Kleinigkeiten. Die Friedenspartei beschloß schon Angriffskriege (Kosovo, Afghanistan), die Ökopartei genehmigte Kohlekraftwerke (Hamburg), die Partei der sozialen Bewegung beschloß Kürzungen für Kinder von Arbeitslosen (HartzIV – und ist sich heute nicht zu schade, eben diese niedrigen Sätze anzuprangern).
Nun, da es keine Positionen mehr zu räumen gab, wurde nun auch noch das letzte Feld aufgeben. Es ist nicht nur so, daß die Grünen sämtliche netzpolitischen Bemühungen der letzten Jahre nun endgültig getrost in den Skat drücken können, es ist nicht nur so, daß sie auf diesem Politikfeld mit der Zustimmung zum unsäglichen JMStV ihre Glaubwürdigkeit verloren haben (und da können noch so viele netzpolitische Kongresse veranstaltet werden), nein:
Die Idee, irgendwie anders zu sein als die anderen, der Stachel im Parteiensystem zu sein, eine Kraft zu sein, bei der es immer noch ein bißchen mehr um die Sache geht als um Personalien, die, zumindest in meinen Augen, zentrale grüne Idee, für Positionen statt Posten zu stehen, ist nunmehr endgültig und öffentlich aufgegeben worden. Wo ist da der Aufschrei der Basis? Wo ist da das Rumoren? Bitte, liebe Mitglieder der Grünen, wie könnt ihr das hinnehmen? Wir sind dagegen, aber aus parlamentarischen Zwängen stimmen wir dafür? Hallo? Ist da irgendwo noch jemand zu Hause?
Andererseits

lemke

habe ich vielleicht einfach eine falsche Vorstellung davon, wer eigentlich so Mitglied in dem Verein ist, wenn eine Woche später solche Zuwächse verkündet werden.
Mich jedenfalls hat diese ganze Angelegenheit sprachlos gemacht. Mit welcher Ruhe, ja geradezu nonchalant hier eine Partei ihr Selbstverständnis öffentlich in die Kanalisation befördert, läßt mich wirklich fassungslos zurück.
Vielleicht fassungslos, zumindest aber nicht sprachlos allerdings reagierte die Netzgemeinde. Hier mal zwei Beispiele. Zum einen dieses großartige Plakat:

lemke

(via pantoffelpunk)

Zum anderen die Mitmachplattform „Parlamentarische Zwänge„.

Und stünde ich nicht so fassungslos und sprachverloren da, würde ich vielleicht eine solche Wutrede schreiben.

Möglicherweise irre ich mich, möglicherweise sehe ich zu schwarz (Haha, Knaller.), aber, liebe Grüne, wolltet ihr nicht einmal anders sein? War nicht das Ziel, Partei zu sein, ohne daß die frustrierten Massen in dieses Lied des Hausheiligen singen und euch mitdenken? Brauchen wir tatsächlich eine APO gegen die Grünen? Also auch ihr?

Das Parlament

Ob die Sozialisten in den Reichstag ziehn –
is ja janz ejal!
Ob der Vater Wirth will nach links entfliehn,
oder ob er kuscht wegen Disziplin –
is ja janz ejal!
Ob die Volkspartei mit den Schiele-Augen
einen hinmacht mitten ins Lokal
und den Demokraten auf die Hühneraugen . . .
is ja janz ejal!
is ja janz ejal!
is ja janz ejal!

Die Plakate kleben an den Mauern –
is ja janz ejal!
mit dem Schmus für Städter und für Bauern:
»Zwölfte Stunde!« – »Soll die Schande dauern?«
Is ja janz ejal!
Kennt ihr jene, die dahinter sitzen
und die Schnüre ziehn bei jeder Wahl?
Ob im Bockbiersaal die Propagandafritzen
sich halb heiser brüllen und dabei Bäche schwitzen -:
is ja janz ejal!
is ja janz ejal!
is ja janz ejal!
Ob die Funktionäre ganz und gar verrosten –
is ja janz ejal!
Ob der schöne Rudi den Ministerposten
endlich kriegt – (das wird nicht billig kosten):
is ja janz ejal!
Dein Geschick, Deutschland, machen Industrien,
Banken und die Schiffahrtskompanien –
welch ein Bumstheater ist die Wahl!
Reg dich auf und reg dich ab im Grimme!
Wähle, wähle! Doch des Volkes Stimme
is ja janz ejal!
is ja janz ejal!
is ja janz ejal -!

in: Werke und Briefe: 1929, S. 675f. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 7163 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 7, S. 299f.)


Flattr this

καὶ σὺ τέκνον

Rauchzeichen

Der Mensch gönnt seiner Gattung nichts, daher hat er die Gesetze erfunden. Er darf nicht, also sollen die andern auch nicht.

*

„Aber die Kinder, die Kinder!“

Seit Zensursulas Angriff auf die Informationsfreiheit sollten bei Begründungen für Verbote, die auf dieser Schiene laufen, bei jedem die Alarmglocken schrillen. Die armen, zu beschützenden Kinder, sind ein gar zu wohlfeiles Argument. Exemplarisch dazu mal diese Family-Guy-Folge.

Nun ist es ja nicht so, daß ich die Auswirkungen des Tabakrauches auch und gerade auf Kinder bestreite. Ganz im Gegenteil, ich finde die Debatten darum, ob Passivrauchen denn nun schädlich sei oder nicht, geradezu absurd. Denn die Auswirkungen auf die Gesundheit von Rauchern sind unbestitten – wenn dem aber so ist, so kann Passivrauchen nicht wirkungslos sein. In einem Leserbrief an die seinerzeit höchst tendenziell berichtende taz schrieb ich vom Mysterium der alles absorbierenden Raucherlunge, die benötigt würde, um diesen Effekt zu erzielen.

Was mich aber beunruhigt ist eine ganz andere Entwicklung.
Damit eine Gesellschaft existieren kann, ist es notwendig, sich selbst, die eigenen Ambitionen und Ansichten zurückzustellen – sonst wird das nix mit dem Funktionieren der Gemeinschaft. Das alte Ideal des Citoyen zielt genau darauf. Mir scheint aber, die Erkenntnis, daß wir alle nur Teil einer Gemeinschaft sind, ging irgendwo im Taumel postmoderner Dekonstruktivismusdebatten verloren. Sicherlich hängt es von der Selbstdefinition einer Gesellschaft ab, wie weit die Identifikation des Einzelnen mit ihr gehen soll und es wird auch in der freiheitlichsten Gesellschaft Lebensentwürfe geben, die geächtet sind. Diese Balance gilt es immer wieder neu auszuhandeln und die Menschen haben da im Laufe der Geschichte verschiedenste Verhandlungsstrategien entwickelt (Kriege, Revolutionen, Aufstände, Boulevardzeitungen…)
Je heterogener eine Gesellschaft aufgebaut ist, desto diffiziler ist es, Regeln für das Zusammenleben zu entwickeln, weil auf sehr viel mehr, wenn es hoch kommt, sogar konträrer, verschiedene Lebenskentwürfe Rücksicht genommen werden muß. Und desto problematischer sind fundamentalistische Gruppen. Diese nämlich, das ist per definitionem so, negieren genau diesen Zusammenhang. Im Besitz der alleinselgmachenden Wahrheit sind sie nun aufgerufen, die Menschheit zu bekehren und auf den Pfad der Tugend/Wahrheit//Erleuchtung/Freiheit [die geneigte Leserschaft sei hier aufgerufen, weitere passende Schlagworte zu ergänzen] zu führen.
Womit ich wieder einmal bei meinem Lebensthema wäre, nämlich dem persönlichen Drama von Menschen, die im festen, unerschütterlichen Glauben, für das Gute und Richtige einzustehen, Dinge tun, die von allen anderen nur als falsch, nicht selten sogar grausam, schrecklich, unmenschlich angesehen werden können.
Die Nagelprobe einer jeden Herrschaftsform ist nie, wie und auf welche Weise Macht verteilt wird, sondern immer die Frage, was die Macht der anderen für die Nichtmächtigen bedeutet, für all jene, die anders denken. Aus diesem Aspekt heraus erscheint es mir dramatisch, wenn eine solch fundamentalistisch geführte Initiative nun also Erfolg hatte. Und noch weit schlimmer, hier folge ich ganz und gar der durchaus streitbaren Julia Seeliger, daß eine Partei wie die Grünen, deren Selbstverständnis doch das pluralistische Nebeneinander und Zusammenleben verschiedenster Lebensentwürfe beinhaltet, sich dazu hinreißen läßt, hier eine Diskriminierungs-, wenn nicht sogar Kriminalisierungskampagne zu unterstützen und dabei eine Argumentationskette verfolgt, die jedem Law-and-Order-Politiker Tränen der Rührung in die Augen treiben dürfte. Damit wird einer Stimmung Vorschub geleistet, die Menschen deshalb ausgrenzt und ablehnt, weil sie ein anderes Leben führen möchten, weil ihnen andere Dinge wichtig sind als einer vor lauter irrsinniger Todesangst auf Wellnessgötzen fixierten Gesellschaftsgruppe (die dabei vollkommen zu ignorieren scheint, daß auch die „gesündeste“ Lebensweise rein gar nichtsan der Sterblichkeit ändert).
Ich möchte hier aber nicht mißverstanden werden: Die Situation vor der ersten Runde der Nichtraucherschutzgesetze war ebenso unerträglich. Selbst in einer Stadt wie Leipzig, mit immerhin einer halben Million Einwohner gab es de facto keine Möglichkeit, abends auszugehen, ohne Inhalationen unbestimmbarer Mengen Zigarettenrauches in Kauf zu nehmen. Das freie Spiel des Marktes schaffte da einfach keine befriedigende Lösung. Die daraufhin beschlossenen Regelungen fand ich an sich sinnvoll, es gab weiterhin die Möglichkeiten für Raucher, die Gastronomie nach ihrem Gusto zu besuchen und Menschen, die lieber rauchfrei bleiben wollen, wurde (endlich) die Chance gegeben, dies auch zu tun.
Es ist doch aber absurd, die Ausgangssituation nun umzukehren und jetzt die Raucher auszugrenzen. Genau das aber passiert mit einem kompletten Rauchverbot. Worin besteht das Problem eines separaten Raucherraumes, den ich als Nichtraucher einfach nicht betrete? Warum müssen Menschen vor Dingen beschützt werden, die sie gar nicht bedrohen?
Anstatt also vernünftige Lösungen für ein Zusammenleben zu suchen, sucht man den Weg der Ausgrenzung.
Nun, ich bin sicher, das Rauchverbot, selbst wenn es bundesweit eingefürht würde, brächte unsere Gesellschaft nicht an den Rand des Abgrunds. Aber, ihr lieben Jubler über diesen Erfolg, heute mögen es die Raucher sein (und da gibt es noch ein paar Runden, schließlich müssen wir und die Kinder, die armen Kinder, ja noch an ein paar anderen Orten des öffentlichen Lebens geschützt werden), morgen könnte es aber bereits euer Lebensstil sein. Es sollen ja auch laute Musik, Computerspiele und Autoabgase furchtbar schädlich sein. Und Kindergärten in der Nachbarschaft sind störend. Dann diese Leute mit den Piercings und Tattoos und die mit den schwarzen Klamotten, das sind doch alles Satanisten. Und diese Schwulen, das ist doch krank. Und diese ganzen Ausländer, was die hier wollen.

Die Initiatoren halten diese Volksininitiative für ein gelungenes Beispiel dafür, wie klug es doch sei, „das Volk“ abstimmen zu lassen. Ich halte es für ein gelungenes Beispiel dafür, wie mit Ressentiments Stimmung gemacht wird.

Zum Abschluß noch einmal der Hausheilige:

Den Tag über ist ihr Leben mit lauter Schildern umgattert: DU DARFST NICHT! . . . VERBOTEN! . . . UNTERSAGT! – Einmal, ein einziges Mal will der Mensch das Überflüssige tun, das dem Leben erst die richtige Würze gibt.

aus: Was machen die Leute da oben eigentlich? in: Werke und Briefe: 1930, S. 327. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 7526 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 8, S. 149-150)

*aus: Der Mensch. in: Werke und Briefe: 1931, S. 497. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 8477 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 9, S. 230)

var flattr_url = ‚http://gachmuretsnotiz.blog.de/2010/07/10/bayerische-rauchzeichen-8941242/‘;
var flattr_btn=’compact‘;

Rauchzeichen

30 Jahre grüner Marsch

Die Grünen feiern ihren 30. Geburtstag. Zeit, mal zu resümieren.
Das Geburtstagsständchen hält heute Erich Mühsam, der seinen Text allerdings seinerzeit der deutschen Sozialdemokratie widmete:

Der Revoluzzer

War einmal ein Revoluzzer,
im Zivilstand Lampenputzer;
ging im Revoluzzerschritt
mit den Revoluzzern mit.

Und er schrie: „Ich revolüzze!“
Und die Revoluzzermütze
schob er auf das linke Ohr,
kam sich höchst gefährlich vor.

Doch die Revoluzzer schritten
mitten in der Straßen Mitten,
wo er sonsten unverdrutzt
alle Gaslaternen putzt.

Sie vom Boden zu entfernen,
rupfte man die Gaslaternen
aus dem Straßenpflaster aus,
zwecks des Barrikadenbaus.

Aber unser Revoluzzer
schrie: „Ich bin der Lampenputzer
dieses guten Leuchtelichts.
Bitte, bitte, tut ihm nichts!

Wenn wir ihn´ das Licht ausdrehen,
kann kein Bürger nichts mehr sehen.
Laßt die Lampen stehn, ich bitt! –
Denn sonst spiel ich nicht mehr mit!“

Doch die Revoluzzer lachten,
und die Gaslaternen krachten,
und der Lampenputzer schlich
fort und weinte bitterlich.

Dann ist er zu Haus geblieben
und hat dort ein Buch geschrieben:
nämlich wie man revoluzzt
und dabei doch Lampen putzt.*

Liebe Grünen, ich gratuliere euch wirklich zum 30. Schon allein, wenn man sich anschaut, wer euch seinerzeit nicht mal den 5. Geburtstag zugestehen wollte. Es gibt Leute, die dürfen einfach nicht Recht behalten, will man nicht allen Glauben an die Welt verlieren.
Aber wenn euch der CDU-Generalsekretär persönlich ein Geschenk bringt und auch noch freundlich begrüßt wird – dann gibt euch das nicht zu denken?
Ihr seid einen verdammt weiten Weg gegangen. Zeit, darüber nachzudenken, ob die Richtung stimmt.

Als Anregung sei noch ein Kommentar des bereits an früherer Stelle empfohlenen Volker Pispers angefügt:

*aus: Mühsam, Erich: Sich fügen heißt lügen. Steidl, Göttingen 2003. S. 34f

30 Jahre grüner Marsch