Eckart von Hirschhausen: Arzt-Deutsch Deutsch-Arzt

Hirschhausen Cover

Beim noch immer zu empfehlenden Projekt Blogg Dein Buch erhielt ich dieses Mal einen Band aus der schon seit einigen Jahren bestehenden Langenscheidt-Pseudowörterbuch-Reihe. Für die wenigen in der geneigten leserschaft, die die Reihe noch nicht kennen: Wenn ich mich recht entsinne, begann die Reihe vor ca. 10 Jahren mit »Frau-Deutsch, Deutsch-Frau«, seinerzeit als Abfallprodukt der Programme des damals noch keine Stadien füllenden Mario Barth und überraschend erfolgreich. Seitdem hat sich die Reihe durchaus gemausert und es entstehen gelegentlich Bände, die ich durchaus für bestimmte Zielgruppen empfehlen würde. Maybritt Illners 2007er Band »Politiker-Deutsch, Deutsch-Politiker« war zwar stark von der Perspektive einer politischen Journalistin geprägt und dementsprechend an einigen Stellen durchaus zu hinterfragen, bot aber einen ernstzunehmenden Einstieg in die politische Welt für all jene, die sich bisher tatsächlich eher nicht damit beschäftigt hatten. Kurzweilig vermitteltes Grundwissen – das scheint mir auch die Richtung zu sein, in die Langenscheidt diese Buchreihe seitdem weiterentwickelte.
Der Hirschhausen-Band erschien zuerst 2007, die heute vorgestellte Auflage ist eine in diesem Jahr erschienene Sonderausgabe. Menschen, die ihn bereits kennen, werden kaum überrascht werden vom Inhalt, er präsentiert sich hier ebenso routiniert wie Cartoonist Erich Rauschenbach, der wohl auch hinlänglich bekannt sein dürfte.
Womit ich freilich das Buch nicht abwerten möchte, ganz im Gegenteil, ich mag die Reihe, wie eben schon angedeutet, grundsätzlich sehr gut leiden und Hirschhausen bleibt bei allen Wortspielereien und Kalauern durchaus erntzunehmender Ratgeber. Es mag sein, dass Hinweise wie »Obst hilft gegen Obst-ipation.« (S. 83) nicht jedermanns Humorzentrum treffen, aber es ist eingängig. Wenn auch zugegebenermaßen enervierend, wenn man das Buch in einem Rutsch lesen möchte. Nichtsdestotrotz sind Abschnitte wie dieser:

Bronchialkarzinom
Lungenkrebs. Ja, Onkel Horst hat immer geraucht und ist nicht am Lungenkrebs gestorben, sondern am Autounfall, als er sich bei Tempo 180 eine anzünden wollte. Fakt bleibt: Neun von zehn Lungenkrebspatienten sind Raucher, die sich oft gesagt haben: »Ich kann ja aufhören wenn ich was spüre!«
Dazu eine frohe Botschaft: Liebe Raucher, wenn Ihr was spürt, könnt Ihr auch weiterrauchen!«

(S. 82)

wahrscheinlich wirksamer als jede Krawall-Kampagne der BZgA.

Auf diese Weise geht Hirschhausen alle medizinischen Bereiche durch, mit denen man als Patient für gewöhnlich so konfrontiert wird und vermittelt dabei knapp, komprimiert und pointiert Grundlagen und Anektoktodisches zu Fachärzten, Untersuchungen, Krankenhäusern etc., immer auch mit durchaus nützlichen Seitenhieben auf berufsgruppenspezifische Befindlichkeiten. Das ist durchaus kurzweilig und ich rechne es ihm positiv an, dass er an keiner Stelle mit seiner Position hinterm Berg hält, etwa, wenn er zu »Wellness« meint:

Ursprünglich ein ganzheitliches Konzept aus den USA mit Selbstverantwortung und aktivem Stressmanagement ist Wellness inzwischen zum Schlagwort eines sehr aktiven Industriezweiges verkommen, der passive Entspannung und gezielte Flüssigkeitsverluste verkauft. Wobei man allein schon durch die unüberschaubare Vielzahl der Behandlungstermine und Optionen in einem Wellnesshotel ins Schwitzen kommt. Dabei geht es hauptsächlich um seenzielle Fragen wie: Erst entspannen, dann relaxen oder besser andersherum?

MERKE: Jedes Hotel, das fließend Wasser hat, bietet inzwischen Wellness an. Um dieser Begriffsinflation zu entgehen, bezeichnen sich die elitären Anbieter gerne auch als Spa. Lateinisch für »sanitas per aquam«, Gesundheit durch Wasser. Sozusagen Weichspüler für den Geist.«

(S. 156)

Und auch seine immer wieder auftauchenden Hinweise, die schließlich in einem Plädoyer auf den letzten Seiten kulminieren, als Patient selbstbewusst aufzutreten und nicht nur auf den Arzt, sondern eben auch auf sich zu hören, Signale des eigenen Körpers ernstzunehmen, Fragen zu stellen, wo etwas unverständlich ist, den Arzt eben als kompetenten Partner und nicht als gehorsamfordernden Gott aufzufassen, zeigen, dass es dem Autor durchaus um mehr geht als um billige Witze auf Kosten eines oder mehrerer Berufsstände. Und das macht für mich die eigentliche Qualität des Buches aus.

Wer sich gerne noch einen eigenen Eindruck verschaffen möchte, sei auf die Seite des Verlages verwiesen, wo das Buch auch zu bestellen ist.

Was aber natürlich ebenso beim von diesem Blog bevorzugten Buchhändler möglich ist.

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Eckart von Hirschhausen: Arzt-Deutsch Deutsch-Arzt

Der Altmann ist tot (Hörbuch)

Altmann Cover

Beim weiterhin zu empfehlenden Projekt Blogg Dein Buch habe ich mir dieses Mal ein Hörbuch zwecks Rezension gewünscht. Hatte ich noch nie und die Frau Freitag-Sachen laufen ausnehmend gut im Laden. Im Gegensatz zu manch anderen, die eher abschätzig auf Bestseller-Listen schauen und per se behaupten, alles darauf sei Schund (aber natürlich Safranski dufte finden oder Winkler oder Zeh oder Berg etc.), pflege ich diese eher als Anregung zu empfinden: Was so viele Menschen dazu bewegt, Geld auszugeben, muss irgendetwas treffen. Und midnestens das kann man, wenn man will, herauszufinden versuchen. Bestseller-Meta-Lesen, sozusagen.
Für das Hörbuch von »Der Altmann ist tot«, erschienen im Argon-Verlag entschied ich mich allerdings eher spontan, aus dem puren Interesse heraus, mal herauszufinden, was die Pseudonyme »Frau Freitag« und »Frl. Krise« da eigentlich treiben. Und hey, Lehrerinnen, die nach Jahrzehnten Schuldienst offenkundig ihren Humor noch nicht verloren haben, haben verdient, dass man ihnen zuhört. 😉

Worum also geht es?
An einer Berliner Schule ist ein Lehrer plötzlich verstorben, am Spreeufer, scheinbar Treppen herabgestürzt. Das glaubt indes so recht keiner, galt der Kollege doch als recht sportlich, war keineswegs in irgendeiner Weise in seinen Fortbewegungsmöglichkeiten eingeschränkt.
Ganz im Gegenteil, wie sich im Laufe der Geschichte herausstellt, war er im Gegenteil sehr umtriebig. Und zwar durchaus metaphorisch. So dauert es dann auch nicht lange, bis zwei seiner Kolleginnen beginnen, die Hintergründe seines (Ab)-Lebens zu erforscen, wobei sie schnell auf allerlei moralisch und durchaus auch juristisch problematische Aspekte stoßen. Durch ihren langjährigen Schuldienst haben Frau Freitag und Frl. Krise praktisch überall Informationsquellen, denn SchülerInnen bleiben zwar aus Lehrerperspektive ein Leben lang SchülerInnen, nehmen in der Zwischenzeit aber durchaus umfassende Nebenbeschäftigungen auf. Diese Vernetzung, die von Strandbarkellnern über Polizisten bis zu Milljöhs (wir sind ja in Berlin) mit diamteralen Rechtsauffassungen reicht, hilft ihnen erheblich, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen, führt aber eben auch dazu, dass sie in so manches Wespennest stoßen. Und wie Lehrkräfte nun mal so sind: Nachfragen ist elementarer Bestandteil ihrer Persönlichkeitsstruktur und die nachdrückliche Empfehlung, damit aufzuhören, vermag nicht mehr als kurzfristige Wirkungen zu erzielen. Die beiden geraten also in durchaus dramatische Situationen. Mehr möchte ich hier nicht verraten, denn es geht ja immerhin um eine Kriminalgeschichte und da ist spoilern nun besonders verwerflich.

Allerdings muss ich sagen: Ich bin wahrscheinlich überhaupt nicht Zielgruppe. ich habe von der ersten Minute an gewartet, dass es nun aber mal losgehen würde, aber die Geschichte zieht sich doch sehr hin – was an sich kein Problem ist, bei einer Kriminalgeschichte und sei sie auch als Kriminalkomödie gemeint, ist die Plotgeschwindigkeit doch nicht ganz unerheblich. Mich haben auch die Dialoge, in denen das in der Tat üble Herziehen über KollegInnen und SchülerInnen im geschützten Universum des Lehrerzimmers* (dessen Atmosphäre sich ja durchaus auch außerhalb des geographisch so benannten Raumes herstellen lässt) eine erheblich Rolle spielen, wenig überzeugt. Ich empfand das einfach nicht als lustig, es war eher eine Parade platter Klischees, die spätestens nach drei CDs ermüdet und anschließend endgültig in Langeweile abrutscht. Wer so etwas mag – und es gibt davon eine Menge, wie so manch gefülltes Stadion beweist – gerne. Ich war enttäuscht. Wobei mich weniger enttäuschte, dass hier mit Klischees gearbeitet wird, ganz im Gegenteil, damit war ja auch zu rechnen, als vielmehr die mangelnde Kreativität, die dann eben dazu führt, dass man bereits beim Auftritt einer Figur sehr genau ahnt, welche Rolle sie spielen wird – und damit auch noch richtig liegt.

Bei einem Hörbuch gibt es freilich auch noch einen anderen Aspekt zu betrachten, nämlich den des Vortrages. Joseline Gessen überzeugte mich in ihrer Rolle vollkommen, sie spricht ihre Figur genau so, wie sie durch den Text gezeichnet wird, das war wirklich gut. Selbiges gilt für Frau Kebekus. Weniger überzeugend fand ich allerdings zum einen die Dramaturgie, nämlich im Wechsel die Kapitel lesen zu lassen. Das wird wohl an der Struktur des Textes liegen (ich habe tatsächlich kein Blick in das Buch geworfen, obwohl ich mir das nahezu jeden Tag vornahm, aber dann führte mich mein Weg doch nicht am richtigen Regal lang oder der Feierabend lag ungünstig oder ich werde halt alt und vergesslich – es klappte jedenfalls nicht), was mir zumindest die naheliegendste Erklärung schiene, dass also jeweils ein Kapitel von Frau freitag und eines von Frl. Krise in ihrer jeweiligen Perspektive geschrieben wurde. Zumindest also folgt das Hörbuch diesem Konzept, was zu der ungewohnten Situation führt, dass ein und dieselben Personen unterschiedlich präsentiert wird. Das gefiel mir nicht, ist aber Geschmackssache, ich kann mir vorstellen, dass dies von anderen als durchaus reizvoll empfunden wird. Gerade bei den Nebenfiguren wiederum wirkte Frau Kebekus auf mich etwas gehemmt. Das mag an meiner Erwartungshaltung liegen, da ich sie ja aus anderen Zusammenhängen kenne, bei denen sie gerade die »Problemschüler« gerne stark überzeichnet. Das fehlt hier vollkommen. Es wäre in der starken Form vielleicht auch nicht angemessen, mir war es hier aber viel zu zurückhaltend umgesetzt. Denn, mal unter uns: Das ist ein Werk, das praktisch nur aus Klischees besteht, dann wäre es durchaus auch angemessen, sie auch zu bedienen. Das hätte einiges retten können.

Wer sich gerne noch einen eigenen Eindruck verschaffen möchte, sei auf die Seite des Verlages verwiesen, wo das Hörbuch auch zu bestellen ist.

Was aber natürlich ebenso beim von diesem Blog bevorzugten Buchhändler möglich ist.

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* Ich habe das in meinen zwei Wochen SPÜ erleben dürfen und bin mir darüber im Klaren, dass ich dort bestenfalls ein paar Eiskristalle auf der Spitze des Eisberges erlebt habe – aber das war bereits äußerst erschütternd…

Der Altmann ist tot (Hörbuch)

Rose Tremain: Adieu, Sir Merivel

Tremain Cover

Im Buchhändlerleben kommt es immer wieder vor, dass persönliche Beziehungen zu Kunden entstehen. Diese wollen dann oft mit niemand anderem mehr sprechen, von keinem anderen beraten werden, ja manchmal nicht einmal Bestellungen aufgeben, sondern gehen unverrichteter Dinge wieder davon, sollte man gerade nicht anwesend sein (oder warten, bis man sein Pausenbrot gegessen hat…)
Ich habe meine Buchhandelslaufbahn bei einem MA-Spezialisten begonnen, intensive Beratung und lauschige Gespräche über Novitäten und Klassiker sind da durchaus Mangelware. Nichtesdestotrotz, meine erste Kundin, die explizit von mir beraten werden wollte, fand sich dort – weil ich sie nicht merkwürdig anschaute, als sie ihr Interesse an historischen Romanen offenbarte*.
Ich habe in jungen Jahren sehr gerne historische Romane gelesen, was im Wesentlichen dem Einfluss Alexandre Dumas´ auf mein junges Gemüt geschuldet ist, aber nach einer sehr extensiven Christian-Jacq-Phase hat sich mein Leseinteresse doch anderen Gefilden zugewandt.
Nun fand ich aber bei dem immer noch empfehlenswerten Projekt Blogg Dein Buch einen neuen Roman von Rose Tremain, immerhin mit dem Orange Prize ausgezeichnete Autorin, die zudem bei Insel Verlag publiziert wird, was mir ein gutes Zeichen erschien.
Ein nicht mehr ganz junger Vertrauter des englischen Königs Karl II., der Arzt Sir Merivel, sucht nach neuen Herausforderungen und begibt sich nach Frankreich, um in Versailles am Hofe zu reüssieren, was gründlich danebengeht. Immerhin aber ergibt sich eine Liebesbeziehung zu einer unglücklich verheirateten Frau und zu guter Letzt steht seine Loyalität zum König vor einer Prüfung.
Kann man machen, dachte ich mir, Mid-Life-Crisis in einem Zeitalter ohne Porsche, das könnte recht unterhaltsam werden.
„Rose Tremain: Adieu, Sir Merivel“ weiterlesen

Rose Tremain: Adieu, Sir Merivel

Traumwelten: Bilder zum Werk Karl Mays

Quelleneditionen sind die Grundlagenforschung der historischen Disziplinen. Wo Physiker Higgs-Teilchen jagen, suchen Historiker (d.h. die nicht unbedingt, es sind nicht selten ihre hilfreichen Geister) nach Dokumenten aller Art aus der Vergangenheit. Und wie sich das für Grundlagenforscher gehört, zunächst einmal ganz ohne damit irgendeine konkrete Frage zu beantworten. Quelleneditionen sollen im Gegenteil die Möglichkeit bieten, Fragen zu stellen. Es ist nicht selten so, dass sich Fragen überhaupt erst durch ein intensives Quellenstudium eröffnen. Sprich: Haben wir erst einmal die Quellen, werden sich die Fragen schon finden.
Unter der Herausgeberschaft von Lothar und Bernhard Schmid sind im Karl-May-Verlag drei opulente Bände erschienen, die versuchen, ein möglichst umfassendes Bild von Illustrationen zum Werk Karl Mays zu zeichnen. Und zwar nicht nur in Deutschland, sondern zumindest für einen großen Teil Europas. Und auch wenn die Edition aus den verschiedensten Gründen keineswegs vollständig ist, bietet sie doch das Material für die eine oder andere kulturwissenschaftliche Qualifizierungsschrift.
Der Karl-May-Verlag selbst, auch 50 Jahre nach der Gemeinfreiheit für die Werke des Namensgebers unbestrittener Hort seines Werkes, verfolgt in Sachen Illustration einen strikten Kurs (also, nicht so strikt, dass man nicht für die eine oder andere Sonderausgabe mal von abweicht, aber ganz prinzipiell und in den Gesammelten Werken): Sie verzichten darauf (vom Unschlag mal abgesehen).
Damit wären nur sehr schwer drei Bände zu füllen, aber es gab selbstverständlich schon immer Lizenzausgaben, bei denen das anders gehandhabt wurde und seit 1962 konnte sowieso jeder machen, was er will. Im heute zu besprechenden Band 3 fallen die Werke denn auch in diesen Zeitraum, da hier alle Künstler verzeichnet sind, deren Erstillustration zu Karl May ab 1931 datiert. Ich hatte mich hier auf ein kulturhistorisch vielfältiges Werk gefreut – und war erstaunt. Wir reden hier immerhin über doch sehr unterschiedliche Jahrzehnte in verschiedensten politischen Systemen in mehreren Ländern – doch die Wiederkehr der immer gleichen Stereotypen erstaunte mich. Auch wenn es tatsächlich sehr unterschiedliche Darstellungen in Technik und Aussage zu entdecken gibt und die verschiedensten künstlerischen Strömungen des 20. Jahrhunderts prinzipiell auftauchen – die Masse der Darstellungen sind doch Variationen der immer gleichen Bilder. Und damit meine ich nicht unbedingt die Motivwahl, sondern tatsächlich die Art und Weise der Darstellung. Eine mögliche Erklärung wäre sicher, dass man sich an vorangegangen Illustrationen orientierte. Dies ist auch tatsächlich oft der Fall, wie die Autoren des Bandes sehr schön herausarbeiten. Die Querverweise zwischen den verschiedenen Illustratoren sind nicht nur Schwerpunkt bei der Auswahl der Bilder, sondern tatsächlich auch ein klarer Pluspunkt für das Buch, da man hier klar über eine simple Chronistenpflicht hinausgeht und dem Lesenden einen echten Mehrwert vermitteln kann. Möglicherweise, dies aber ist meine Spekulation, liegt das auch in der Natur der Sache. Immerhin ist Karl May ein Meister des Stereotyps. Seine Figuren sind klar gezeichnet, Gut und Böse bereits zu Beginn einer Lesebiographie meist souverän voneinander zu scheiden und es ist ja gerade diese Plastizität, die Klarheit und Eindeutigkeit seiner Beschreibungen, die seinen langen Erfolg begründeten. Auch wenn sicherlich nicht jeder Lesende 1:1 dieselben Bilder vor Augen hatte – es gibt Autoren, die lassen mehr Freiraum für die eigene Phantasie.
Meine eigenen Lektüreerfahrungen beschränken sich auf ein knappes Dutzend seiner WildWest-Romane und eine Handvoll Kara-Ben-Nemsi-Titel, ich kann hier also kein abschließendes Urteil über sein Werk liefern. Gleichzeitig sind es aber doch meist diese Werke, die in nennenswerter Weise publiziert und illustriert wurden, so dass ich es zumindest für eine überlegenswerte Hypothese halte. Aber ich möchte hier ja den Kulturwissenschaftlern ihre Themen nicht wegnehmen. 😉
Weniger überraschend übrigens scheint mir der geringe Einfluss der Verfilmungen auf die Illustrationen zu sein – denn hier scheint mir der Weg genau anders herum zu sein: Die Verfilmungen orientierten sich an den vorhandenen Bildern. 😉
Etwas merkwürdig muten allerdings die versuchten Qualitätsurteile der Autoren an. Zwar weisen sie pflichtschuldigst darauf hin, dass es sich um rein persönliche Einschätzungen handelt, aber man wäre doch auf einen Kriterienkatalog gespannt gewesen wesen. Ein reines Geschmacksurteil ist doch ein bisschen öde, wenn auch sicher zeitgemäß. Es mag der Tradition des Hausverlages geschuldet sein, dass die Worturteile nicht in Sterne umgesetzt wurden, aber letztlich läuft es genau darauf hinaus (die Abstufungen lauten dann eben nicht soundsoviel Sterne, sondern zum Beispiel „solide“, „durchschnittlich“, „überragend“ oder, das schien mir das höchste Gütesiegel zu sein, „kongenial“). Das hätte man sich sparen können. Hier werden Qualitätsunterschiede einfach behauptet, was sicher sehr bequem ist und Diskussionen ausschließt, aber eben auch keinen Erkenntnisgewinn bringt.
Abschließend sei also gesagt: Es handelt sich hier um ein Schatzkästlein, wenn nicht für jeden kulturhistorisch interessierten, so doch zumindest für all jene, die Karl May zur eigenen Lesebiographie zählen und es birgt bei allen Wiederholungen so manche Überraschung, denn immerhin zählt allein der Band III 80 verschiedene Illustratoren unterschiedlichster Provenienz auf (z.B. überraschten mich sowohl Sowa als auch Hegenbarth als May-Illustratoren).
Ein Buch also, das man gerne mal zur Kaminzeit in die Hand nehmen kann oder als Gesprächseinstieg für die traute Rotweinrunde. 😉

erschienen 2010 im Karl-May-Verlag.

Bestellt werden kann es hier:.

Das Rezensionsexemplar wurde zur Verfügung gestellt über das empfehlenswerte und hochinteressante Projekt .

Bibliographische Daten:

Lothar und Bernhard Schmid (Hrsg.), Stefan Schmatz: Traumwelten – Bilder zum Werk Karl Mays. Band III. Illustratoren und ihre Arbeiten seit 1931. Karl-May-Verlag Bamberg 2010. ISBN 978-3-7802-0179-9


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Traumwelten: Bilder zum Werk Karl Mays

Frank Westerman: Das Schicksal der weißen Pferde

Ich halte die Kulturgeschichte für eine spannendsten Entwicklungen der Geschichtsschreibung. Wo es in der politischen Geschichte immer nur um Könige, Kaiser und andere Potentaten geht, kann die Kulturgeschichte aus dem Vollen schöpfen. Und so können Tee, Salz oder Kaffee im Mittelpunkt des Interesses stehen, genauso gut aber auch die Entwicklung des Aborts im Wandel der Zeiten oder eben des Menschen Verältnis zu Tieren. Die daraus zu gewinnenden Erkenntnisse sind nicht minder aufschlussreich als die Winkelzüge Metternichs oder die strategischen Großtaten Ramses II.
Mit großen Erwartungen ging ich also an die Lektüre von Frank Westermans Schicksal der weißen Pferde, das im Untertitel nicht weniger verspricht als eine andere Geschichte des 20. Jahrhunderts sein zu wollen.
Westerman wird vom Verlag als Meister der literarischen Reportage eingeführt und das scheint mir auch recht zutreffend zu beschreiben, was im Buch passiert. Es handelt sich dabei nämlich keineswegs um eine konzise, umfassende und strukturierte Darstellung seine Sujets, sondern vielmehr um eine Beschreibung seiner Annäherung an das Thema, seine Recherchen, Gespräche und Reisen.
Im Zentrum steht das Schicksal der Lippizaner, einst der ganze Stolz der Habsburger Doppelmonarchie und durchaus Symbol des herrschaftlichen Selbstverständisses. Die edelste und schönste Rasse der Pferde, gezüchtet in verschiedenen Teilen des Vielvölkerreichs und ureigenste Erfindung desselben.
Ausgangspunkt Westermans eigenen Interesses scheint der Lippizanerhengst seines Reitlehrers (Conversano Primula) zu sein, dessen Erwerb in den Niederlanden seinerzeit eine kleine Sensation war. Ausgehend von dessen Stammbaum führt er durch die Zeitläufte des 20. Jahrhunderts, zeigt auf, welche Sonderrolle die Lippizaner immer spielten, insbesondere als Statussymbol – und zwar sowohl für die Nationalsozialisten wie für Tito oder die Republik Österreich. Immer wieder unterbricht er dies mit Exkursen in frühere Jahrhunderte (in denen die Lippizaner ähnlichen Status genossen), die Geschichte der Genetik und Züchtung oder mit Berichten über seine Reisen zu Orten und Menschen.

Das ist alles sehr gefällig zu lesen, gelegentlich sogar wirklich spannend – aber eine Aussage, eine Idee, eine Botschaft suchte ich vergebens. Außer zwei Dingen: Es schimmert durch alles, wenn es nicht simple Pferdenarrheit ist, ein Antispeziezistischer Ansatz, der interessant und diskutabel wäre, würde er denn formuliert.
Und Westerman mag offenkundig keine Russen. Im Gewande des sowjetischen Soldaten tauchen sie mehrfach in seiner Darstellung auf, während aber alle Akteure sonstiger ethnischer Herkunft, egal wie sie die Pferde nachher behandelten, so doch ihren symbolischen Wert jederzeit anerkannten, so tauchen die sowjetischen Soldaten stets nur auf, um sie als Lasttiere oder künftige Speise zu behandeln.
Ganz übel stieß mir jedoch folgender Satz auf, der aus einer eigenen (also nicht aus Quellen entnommenen) Schilderung einer Massenszene vor Stalin entstammt:

Nachdem das Klappern der Hufe verklungen war, trat eine Hundertschaft Iwans an:

(S. 214)

Sorry, aber so etwas geht gar nicht. Ich erwarte von einem Werk, das in irgendeiner Form als Geschichtswerk ernst genommen werden soll, dass Abwertungen ganzer Völker unterbleiben. Was ansonsten im Buch zu finden ist, mag als tendenziös bezeichnet werden können, aber Iwan als Bezeichnung für sowjetische Soldaten frei zu wählen, ist mindestens unseriös.

Im Ganzen bleibt mir das ganze Buch viel zu bruchstückhaft, es fehlt eine Linie, ein Faden, eine Idee, der all die, durchaus interessanten, durchaus gut erzählten Versatzstücke zusammenfügt. Es entsteht so keine Einheit, kein Werk, das seinen Untertitel wirklich rechtfertigt.
Aber für verschiedene Aspekte, gerade des Mensch-Tier-Verhältnisses und die politische Rolle von Wissenschaft in den letzten 150 Jahren vermag das Buch durchaus bereichernd wirken.

erschienen 2012 bei C.H. Beck.

Bestellt werden kann es hier:.

Das Rezensionsexemplar wurde zur Verfügung gestellt über das empfehlenswerte und hochinteressante Projekt .

Bibliographische Daten:

Frank Westerman: Das Schicksal der weißen Pferde. Eine andere Geschichte des 20. Jahrhunderts. C.H. Beck München 2012.


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Frank Westerman: Das Schicksal der weißen Pferde