Eine Woche in ungelesenen Büchern (7)

Buchhändler_innen haben niemals Zeit, schon gar nicht zum Lesen. Deshalb müssen sie ja auch ständig ihren Kund_innen sagen, welche Bücher sie lesen sollen. Da möchte ich nicht zurückstecken und auch in dieser Woche wieder der geneigten Leserschaft einige Bücher zur Lektüre empfehlen, die mir aus den verschiedensten Gründen in die Hände gefallen sind.

Was freilich für das erste Buch schon einmal gar nicht stimmt. Denn dieses erscheint erst im Februar 2015. Womit aber natürlich niemand daran gehindert sein sollte, Sibylle Bergs neuen Roman

Cover Berg Der Tag an dem meine Frau einen Mann fand

Der Tag, als meine Frau einen Mann fand umgehend auf die Erwerbungsliste zu setzen. Denn Frau Berg ist immer und unbedingt zu lesen und ich bin fest davon überzeugt, dass dieser Roman großartig wird.

Cover DeMarco Als auf der Welt das Licht ausging

Als auf der Welt das Licht ausging von Tom DeMarco ist kein Roman über e.on, sondern das Belletristik-Debüt eines Software-Projektmanagement-Helden. In diesem Wissenschaftsthriller wird das ganz große Rad gedreht, ausgehend von der Idee, dass es einem Physiker-Team gelingt, endlich die Zeit in den Griff zu bekommen. Was zunächst akademisch bleibt, bis sie feststellen, dass nur sie mit Hilfe ihrer Entdeckung die Selbstzerstörung der Menschheit aufhalten können. Allerdings zum Preis sämtlichen technischen Fortschritts. Dass die Kollegen da ins Grübeln kommen, finde ich einen bemerkenswerten Dreh und könnte mich überzeugen, das Buch tatsächlich zu lesen.

Und wo wir schon bei Physikern mit Allmachtsphantasien sind:

Cover Mike Brown Wie ich Pluto zur Strecke brachte

Ein enger Freund von Dr. Sheldon Cooper würde Mike Brown wohl nie werden, dass er es freilich auch nicht vorzuhaben scheint, legt der Untertitel seines Buches Wie ich Pluto zur Strecke brachte nahe. Der lautet nämlich nicht: »Und es mir leid tat, worauf ich mein Leben im Büßergewand verbrachte«. Nein, er wählte als Untertitel »und warum er es nicht anders verdient hat«. Dieser Erfahrungsbericht scheint mir aber aus einem bestimmten Grund höchst interessant: Es war und ist so, dass Mike Browns (Mit-)Entdeckung von Eris für die Aberkennung des Planetenstatus für Pluto ein Auslöser war. Erstaunlich ist nun, welche Auswirkungen dies für Browns Leben hatte: Er wurde offenbar massiv persönlich angegriffen, was ein Fingerzeig darauf sein dürfte, dass unsere absurde Empörungs- und Diffamierungskultur keine Erfindung der letzten drei Jahre ist. Es mag ja höchst bedauerlich sein, dass der Pluto nicht mehr zu den Planeten gezählt wird, aber dass dafür Astronomen und ihre Familien bedroht werden, wirft doch ein höchst bedenkliches Licht auf den Zustand der menschlichen Zivilisation. In die Hand fiel mir das Buch übrigens, weil es jetzt nur noch 9,99 € kostet, was ich hier jetzt mal völlig absichtslos in den Raum geworfen haben will.

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Eine Woche in ungelesenen Büchern (6)

Auch diese Woche soll die geneigte Leserschaft nicht ohne Hinweise auf von mir noch nicht gelesene, aber für beachtenswert gehaltene Bücher beginnen:

Cover Pollan Kochen

Kochen. Eine Naturgeschichte der Transformation von Michael Pollan hebt das Kochen in neue metaphysische Höhen. Seit dem cultural turn ist ja sowieso alles Kultur und dass Essen seit archaischen Zeiten weit mehr ist als einfach nur Energieaufnahme, ist ja eine sozialanthropologische Binsenweisheit. Ich muss ja zugeben, dass ich mir vom Titel etwas mehr versprach als schon der Werbetext des Verlages dann hält (ich dachte mehr an eine kulturhistorische Auseinandersetzung mit Kochen, analog zur Geschichte der Menschheit in 100 Objekten also eine in 100 Rezepten, sozusagen). Ob ich mir wirklich durchlesen möchte, wie ein Journalismus-Professor um die Welt reist, um sich vom Kochen begeistern zu lassen, habe ich noch nicht entschieden. Vielleicht, wenn mal weniger Kochsendungen im Fernsehen laufen, hehe.

Etwas mehr in diese Richtung scheint da schon eher

Cover Am Beispiel der Gabel

Am Beispiel der Gabel von Bee Wilson zu gehen. Will man der Beschreibung glauben, so scheint sie genau das von mir Gewünschte zu tun, allerdings mit Schwerpunkt auf den Utensilien. Ich finde die Idee jedenfalls sehr spannend, die Wechselwirkung zwischen Küchengeräten und Gesellschaftstruktur zu untersuchen. Das Autorenvideo zum Buch macht zumindest, nunja, Appetit.

Appetit scheint mir auch die richtige Herangehensweise an ein Buch aus dem Hause Taschen zu sein:

Cover Understanding the World

Understanding the World. The Atlas of Infographics, herausgegeben von Julius Wiedemann. Auf Appetit versteht sich der Taschen Verlag ja schon seit seiner Gründung. Hier ist ein besonders schönes Beispiel, will mir scheinen. Infografiken sind ja schon so lange der neueste heiße Scheiß, dass sie wahrscheinlich in Kürze als unbedingtes und ganz striktes »Never do that« gelten.
Ist aber nicht so furchtbar wahrscheinlich, wie dieses Buch zeigt, denn immerhin haben die Inforgrafiken schon einiges überstanden, zumindest in den letzten 150 Jahren, denn aus diesem Zeitraum stammen die Beispiele dieses illustren Bandes. Und gelegentlich werde ich ihn mir mal anschauen. 😉

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Eine Woche in ungelesenen Büchern (5)

Für diese Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft folgende nicht gelesenen Bücher:

Cover Menschen in New York

Menschen in New York von Brandon Stanton ist die Buchumsetzung (bzw. die deutsche Übersetzung der Buchumsetzung) eines großartigen Projekts, das ich bereits seit einiger Zeit auf Facebook verfolge. Brandon Stanton läuft durch die Stadt und fotografiert Menschen. Was auch immer er dabei macht: Er bringt sie dazu, ihm berührende, manchmal intime, Geschichten zu entlocken. Eine Frage, eine Antwort – und jedes Mal steht dort ein Blick in das Leben eigentlich völlig fremder Menschen, die einmal merkwürdig nah wirken. Mich hat sein Projekt jedenfalls sehr beeindruckt und beeindruckt es noch heute, jeden Tag aufs Neue.

Cover Theogonie

Hesiods Theogonie gilt als das älteste Zeugnis griechischer Literatur (was damit für die abendländische Kultur nicht ganz egal ist). Raoul Schrott wiederum ist bekannt geworden für seinen höchst eigenen Zugang zu antiker Literatur. Mir fehlt eindeutig der philologische Hintergrund, um beurteilen zu können, wie weit sich Schrott in seinen Nachdichtungen vom Original entfernt. Wahrscheinlich ist er kein zuverlässiger Wegbegleiter in die antike Welt. Die Idee, ältere Texte zur Vorlage für eigene Werke zu nehmen, ist allerdings nicht völlig neu und meiner Meinung nach legitim. Es verlangt freilich vom Lesenden einen durchaus aufgeklärten Umgang mit dem Ergebnis. Dann aber kann es sich bei einer zeitgenössischen Auseinandersetzung mit einem 2800 Jahre alten Text um eine sehr spannende Lektüre handeln. Will sagen: Puristen (und Altphilologen) würde ich das Buch nur empfehlen, wenn sie Probleme mit zu niedrigem Blutdruck haben.

Cover Das neue Spiel

Das neue Spiel nennt Michael Seemann (@mspro) seine Auseinandersetzung mit dem Kontrollverlust, den die digitale Welt mit sich bringt. @mspro gehörte viele Jahre zu meiner Timeline (er gehörte zu den ersten 10 Leuten, denen ich folgte). Ich entfernte ihn dann irgendwann, weil ich so selten seiner Meinung war, bzw. mich seine Positionen so ärgerten, dass ich aus Gründen des seelischen Gleichgewichts darauf verzichtete, ihn unmittelbar zur Kenntnis zu nehmen. Was aber natürlich gar nichts heißt, denn meine Befindlichkeiten gelten nur für mich. Seine Analysen und Gedanken zu Kontrollverlust und Filtersouveränität sind unbedingt zur Kenntnis zu nehmen und seit ich mich nicht mehr täglich mit ihm beschäftige, scheinen mir auch einige seiner Punkte durchaus zustimmungsfähig. Andererseits: Ich habe das Buch (das übrigens per Crowdfunding mit einer bemerkenswerten Urheberlizenz ausgestattet wurde und daher auch kostenfrei online zu lesen ist oder zu einem äußerst günstigen Preis als eBook erworben werden kann) allerdings ja auch noch nicht gelesen. Sollte ich demnächst also irgendwo mit hochrotem Kopf auftauchen, wisst ihr, was ich gelesen habe…

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Eine Woche in ungelesenen Büchern (4)

Der geneigten Leserschaft seien in dieser Woche folgende ungelesene Bücher ans Herz gelegt:

Florian Werner fiel in letzter Zeit bereits merhfach damit auf, sich mit, nun, nennen wir es ungewöhnlichen Themen zu beschäftigen. Exemplarisch sei hier auf seine kulturgeschichtliche Untersuchung »Dunkle Materie« verwiesen.
Sein neues Buch klingt äußerst vielversprechend. Das Themenfeld »Chemie und Literatur« ist zwar bereits verschiedentlich beleuchtet worden (siehe hierzu zum Beispiel Georg Schwedts Untersuchung), aber die Herangehensweise Florian Werners scheint mir doch neu zu sein. In seinem Buch

Cover Helium und Katzengolf

Helium und Katzengold schreibt Werner nun 92 Kurzgeschichten zu den 92 auf der Erde vorkommenden Elementen, die auf die Eigenschaften derselben referieren. Das klingt äußerst spannend. Im Gegensatz zu mir hat übrigens Petra Wiemann das Buch bereits gelesen. Ihre Einschätzung dieses literarischen Periodensystems kann denn auch in ihrem Blog »Elementares Lesen« nachvollzogen werden.

Ende der Neunziger Jahre war ich in einer Chat-Community aktiv, die mit dem Jahrtausendwechsel untergehen wollte (was sie indirekt auch wirklich tat, kurz nach dem Millenium wurde daraus ein Online-Dating-Portal). Dort gab es einen Quizchannel, den ich äußerst intensiv genutzt habe. Aufgrund einer äußerst beliebten, weil gerne unbeantworteten Frage, die nach der deutschen Bezeichnung des Proteus anguinus suchte, entwickelte es sich zum Ritual, im Falle des Nichtwissens stets »Grottenolm« zu antworten, selbst wenn nach dem römischen Kaiser zur Zeit Jesu Geburt gefragt wurde.
Und obwohl das nun alles schon mehr als ein Jahrzehnt zurückliegt: So völlig verschwunden ist der Impuls noch nicht, auf eine Frage statt »Weiß ich nicht« reflexhaft »Grottenolm« zu antworten.
Da also der Grottenolm mein »Supercalifragilisticexpialigetisch« ist, verbindet mich mit diesem auf den ersten Blick nicht übermäßig liebenswerten Tierchen eine gewisse innere Sympathie. Diese versucht denn auch das Buch

Cover Missgeschicke der Evolution

Lisa Signorile: Missgeschicke der Evolution zu vermitteln. Ob das gelingen kann und man tatsächlich zum Fan von Hausstaubmilben wird, wenn man dieses Buch gelesen hat: Ich habe so meine Zweifel. Aber es würde ja auch schon genügen, wenn es gelänge die Augen zu öffnen für Biodiversität – oder doch zumindest ein paar neue Perspektiven auf Tiere erworben werden, die es in Sachen menschlicher Sympathie nicht so leicht haben wie Katzen oder Pandas. Auf jeden Fall aber könnte es sich doch hier um einen weiteren Beitrag zur Dogma-These vom Humor Gottes handeln (soweit man denn dieses Erklärungskonzept für Artenvielfalt anerkennen möchte).

Nach so viel Naturwissenschaft zum Abschluss noch eine wahre Großartigkeit von Buch:

Cover Die Geschichte vom Prinzen Genji

Murasaki Shikibu: Die Geschichte vom Prinzen Genji gehört eigentlich unbedingt in den Kanon des aktuellen Umblätterer-Projekts zu Tausendseitern, aber dort pflegt man zumindest in der Startphase eine merkwürdige Ignoranz klassischer fernöstlicher Literatur gegenüber. Denn das Genji-monogatari gehört ohne Zweifel zu den Meilensteinen der Weltliteratur und wurde nun von Manesse dankenswerter Weise in einer wundervollen Neuausgabe wieder veröffentlicht.
Manesse übrigens ist nicht zuletzt deshalb zu bewundern, weil sie es bereits seit vielen Jahren schaffen, Random House-Verlag zu sein und trotzdem Manesse zu bleiben (es möglicherweise sogar noch mehr sind als in der letzten Zeit vor der Übernahme). Hierzu sei auf das äußerst aufschlussreiche Interview mit dem Verleger Horst Lauinger aus dem März 2013 verwiesen (ist auch ein gutes Antidot gegen die allzu wohlfeile Konzernschelte).
Jedenfalls: Eine der Bedeutung dieses Werkes durchaus angemessene Ausstattung, die wirklich Lust darauf macht, sich mal eine ganze Weile aus der Zeit zu verabschieden und in eine Welt einzutauchen, die eine Entdeckung lohnt (also man sollte dieses Buch wirklich gelesen haben und zwar vollständig – es sind viele gekürzte Ausgaben unterwegs…). Ihr wisst also, wo ihr mich nach HeiligAbend finden werdet. 😉

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Eine Woche in ungelesenen Büchern (3)

Auch in dieser Woche möchte ich die geneigte Leserschaft an ein paar Entdeckungen teilhaben, die mir aus verschiedensten Gründen bemerkenswert erschienen:

Hilary Mantel hat ja das Kunststück vollbracht, den Booker Preis zwei Mal in Folge zu gewinnen. Was darauf hindeutet, dass ihre historischen Romane sich über die üblichen Erwartungen an das Genre erheben. Kann ich aber nichts zu sagen, meinen letzten historischen Roman las ich vor 14 Jahren, als ich mich dabei ertappte, auch die schlechtesten Jacq-Romane noch lesen zu wollen (es hat ja alles seine Grenzen, aber immerhin konnte ich mir so den einen oder anderen ägyptischen Götternamen ebenso merken wie die eine oder andere Begebenheit der ägyptischen Geschichte, was sich immerhin bei Quizduell und dem Auffinden von Referenzen in den Filmen der Mumien-Reihe als nützlich erwies).
Die Crux an derart preisgekrönten Autor_innen ist ja, dass das mutlose Feuilleton sich dann zu keiner ehrlichen Einschätzung mehr durchringen kann. Ob ihr neuer Roman also wirklich so toll ist, wie alle behaupten, kann ich nicht sagen. Wahrhscheinlich ist aber, dass es zumindest kein Fehler ist, ein Buch mit dem Titel Die Ermordung Margaret Thatchers

Cover Hilary Mantel

zu lesen. Erst recht nicht, wenn es sich tatsächlich um Erzählungen britischer Tradition handelt, wie uns der Verlag verspricht.

Im Feld der orientierungslosen Manager gibt es einen riesigen Batzen Geld zu verdienen. Ich finde es immer wieder faszinierend, wie man tausende Euro Seminargebühren pro Teilnehmer einnehmen kann, um ihnen ein paar eifnache Phrasen schön verpackt zu verkaufen. Viele Berater- und Coachingseminare erinnern mich doch sehr an den frühneuzeitlichen Marktplatz, auf dem Wundermittel verkauft wurden, deren Wirksamkeit nie bewiesen werden musste, weil bis zum nächsten Besuch in der Stadt die Betroffenen schon lange nicht mehr lebten. Und wo sich konkurrierende Scharlatane gegenseitig vorwarfen, Scharlatane zu sein.
Aberich sollte mcih nicht so sehr darüber erheben, schließlich lebt auch ein nicht eben kleines Segment des Buchmarktes davon, die immer gleichen Ratschläge in neuen bunten Umschlägen zu verkaufen. Sehr hübsch fand ich in diesem Zusammenhang dieses neue Buch:

Cover Selbstorganisation braucht Führung

Boris Gloger, Dieter Rösner: Selbstorganisation braucht Führung. Die beiden Autoren erklären darin, dass Führungsaufgaben Führungsaufgaben bleiben, auch wenn man Teams selbstorganisiert arbeiten lässt. Es scheint Manager zu geben, die glauben, Selbstorganisation bedeute, man könne ein Team sich selbst überlassen (und dann selbst Segeln gehen oder so, keine Ahnung). Allerdings war dies gar nicht der Punkt, warum mir das Buch auffiel, denn, wie gesagt, damit lassen sich Regalmeter füllen. Nein, bemerkenswert fand ich die Beschreibung:

»Mit selbstorganisierten Teams wird alles besser!«, schallen die Kampfrufe der Legion gewordenen Scrum-Berater. Blindlings läuft ihnen eine Schar von Managern nach

Geschrieben ist das Buch von zwei Scrum-Beratern…

Außerdem habe ich eine Schwäche für auffällige Buchtitel. Da bieten die Geisteswissenschaften und ganz besonders die dortigen Qualifizierungsschriften für gewöhnlich ein reiches Feld an Entdeckungen (einer meiner Lieblinge sind da übrigens weiterhin die Vierbeinerdarstellungen auf schwedischen Runensteinen). Der mir jüngst aufgefallene Buchtitel entstammt der Technikgeschichte:

Cover Fortifikationsliteratur

Thomas Büchi: Die Fortifikationsliteratur des 16. und 17. Jahrhunderts
Der Untertitel verdeutlicht dann gleich noch die Untersuchungsmethode: Traktate deutscher Sprache in europäischen Kontext. Das ist ja dann schon fast vergleichende Literaturwissenschaft. Allerdings ist ja im Zeitalter des cultural turn sowieso alles irgendwie Kulturwissenschaft. Das Buch selbst klingt jedenfalls durchaus spannend. Müsste man mal schauen, wie sehr der Autor dem deutschen Wissenschaftsduktus verpflichtet ist.

Zum Abschluss des dieswöchigen Reigens sei noch auf ein Prachtexemplar von Buch verwiesen:

Cover Tausend und ein Tag

Tausend und Ein Tag. Morgenländische Erzählungen
Bücher aus der »Anderen Bibliothek« (die man übrigens weiterhin abonnieren kann) sind ja immer ein Traum. Mindestens in der Ausstattung. Und dieses hier ist ein besonders schöner Band. Dass die Kollegen das drauf haben, wissen wir spätestens seit Humboldts »Kosmos« oder der immer noch auf meiner Erwerbungsliste stehenden Forsterschen »Reise um die Welt«. Hier verbindet sich nun die morgenländische Ornamentik mit liebevoller Buchgestaltung zu einem ganz besonders gelungenen Band. Eine Schwäche für orientalische Fabulierfreude wird man wohl trotzdem haben müssen, um sich dieses zwar preiswerte aber nicht eben niedrigpreisige Schmuckstück zuzulegen (also ich habe es mal meiner Erwerbungsliste zugefügt, aber da steht der Forster ja auch schon sieben Jahre lang drauf…)

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#Lesefreude, der Welttag des Buches und Decca – Nachtrag

Bereits morgen ist es schon soweit:
Die wunderbare Aktion »Blogger schenken Lesefreude« (die ich im Vorjahr bereits vorstellte) geht in die zweite Runde.
Morgen wird dann Jan-Uwe Fitz mit diesem Buch ganz im Mittelpunkt stehen. Morgen, wie gesagt. Zunächst aber gilt es, noch etwas zum Vorjahr nachzutragen.

Im vorigen Jahr stand nämlich Frank Fischer im Mittelpunkt der Aktion hier – und das hatte seine Gründe. Wie ich seinerzeit schrieb, trafen wir aus monetären Gründen die Entscheidung, seine »Südharzreise« nicht zu verlegen. Eine Entscheidung, an der ich auch sechs Jahre später noch knabbere.

Durch verschiedene diesbezügliche Erfahrungen dazu ermutigt, trug ich mich allerdings bereits seit längerer Zeit mit dem Gedanken, wenn ich denn schon das Original verpasst habe, dann doch zumindest ein Hörbuch dazu zu bringen. Im Rahmen einer Konfrontationstherapie also dieses Trauma loszuwerden. Und auch wenn es ein wenig den Eindruck macht, als würde Decca eine Platte mit Beatles-Songs gespielt vom London Philharmonic Orchestra veröffentlichen: Als sich im Vorfeld der Leipziger Buchmesse 2014 die Möglichkeit ergab, am Messesonntag eine Veranstaltung im Café Telegraph durchzuführen, erschien mir dies der entscheidende Impuls, diesen Gedanken umgehend in die Tat umzusetzen. Da sich die erforderlichen organisatorischen Voraussetzungen erst im Februar ergaben, war glücklicherweise nicht genügend Zeit, diesen Entschluss noch einmal zu überdenken und innert eines knappen Monats war die Lesung aufgenommen, das Hörbuch veröffentlicht und in einer rauschenden Premiere präsentiert.

Mir scheint, dass der schnelle Entschluss und die die nicht minder rasante Umsetzung recht gut zum Text und seiner Entstehung passt.

Wer sich vom Ergebnis überzeugen (oder abstoßen) lassen möchte, der sei auf die ensprechende Verlagsseite verwiesen.

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Das Buch zum Sonntag (113)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Elisabeth Rank: Bist Du noch wach?

[…] alles andere nahm er immer hin, auch Zahnärzte und rohe Zwiebeln und wenn er mit dem Zehl gegen die Tür donnerte. Konrad beschwerte sich nicht, sondern sagte jedes Mal, man müsse bestimmte Dinge halt machen, also könne man sich beschweren oder es eben lassen und es einfach machen, und jedes Mal, wenn Konrad das sagt, wurde ich wütend, weil ich glaubte, dass jeder ein Recht habe auf einen schlechten Tag und vor allen Dingen auch auf eine ordentliche Beschwerde, ma könne doch nicht einfach klaglos den Mund öffnen und sich Geräte in den Mund schieben lassen, man dürfe wenigstens einmal sagen, dass das kein schönes Gefühl sei und man lieber auf einer Dachterrasse säße mit einem Eistee und in netter Begleitung anstatt auf einer Liege und mit Gummihandschuhen im Mund und Menschen, denen das Mitleid ausgegangen war, weil sie das jeden Tag machten, weil sie damit Geld verdienten, man konnte kein Mitleid haben mit Menschen, die einem die Miete bezahlten und das Cordon bleu.

(S. 164)**

Es ist mit dem Erwachsenwerden ganz offenbar so eine Sache. Die zeitgenössische Literatur beschäftigt sich auffallend intensiv mit damit. Daher soll es in dieser und den nächsten Folgen dieser zu einer äußerst losen Empfehlungsreihe mutierten Serie um Bücher gehen, die sich ganz unterschiedlichen Aspekten des Erwachsenwerdens widmen.
Elisabeth Ranks ProtagonistInnen sind dabei keine Teenager auf der Suche nach den Grenzen, die ihnen die Gesellschaft setzt, sondern es handelt sich um junge Menschen um die 30, bei denen Rebellion als Abgrenzung kein Thema mehr ist. Auf der Suche nach einem Lebensentwurf sind sie aber trotzdem – und das ist ein wichtiger Aspekt des Erwachsenseins, wie ich finde.
Eine Gesellschaft, die ihre Mitglieder frei wählen lassen möchte, welche Lebensziele sie zu verfolgen wünschen, erhebt damit allerdings auch gleichzeitig erhebliche Ansprüche – denn dann musse in jede/r auch selbst entscheiden. Wir haben derartig viele Lebensentwürfe im Angebot, dass es tatsächlich eine erhebliche Leistung ist, überhaupt erst einmal herauszufinden, welcher zu uns passt – von den Schwierigkeiten, ihn dann auch noch umzusetzen gar nicht zu reden. Mit dieser Anforderung gehen Menschen naturgemäß sehr unterschiedlich um*. Das reicht von schierer Resignation bis zur kurzentschlossenen, pragmatischen Entscheidung.
Bei Frau Rank begegnen wir also einer Protagonistin, die auf der Suche ist. Sie stellt sich permanent in Frage, lässt sich von ihrer Familie ebenso beeindrucken wie von ihren Mitbewohnern oder KollegInnen. Alle treffen sie einen Nerv ihrer Seele, eine Saite, die zu klingen beginnt und es fällt ihr schwer, eine Melodie zu finden, die sie spielen könnte. Stattdessen wird dort eher unkoordiniert herumgezupft. Mich hat Rea einige Male ganz erheblich geärgert, ich wollte ihr zurufen, »Mensch, Mädel, nun komm mal klar, entscheide Dich endlich einmal für irgendetwas.« Wäre das meine Tochter, sie hätte sich etwas anhören dürfen (à la »Verlaufen ist möglich, aber auch nur, wenn man auch ein Ziel hat. Wer hin und her läuft, verirrt sich nicht, kommt aber auch nicht vorwärts.«).
Was aber Elisbath Rank hervorragend gelingt, worin ihre ganz große Stärke besteht, das ist ihre sehr feinfühlige Figurengestaltung – ich kaufe ihr die Rea ab. Ich halte sie für eine sehr glaubwürdige Figur, ja sogar für eine höchst realistische. Was denn ja auch einiges über meine Wahrnehmung der Welt da draußen aussagen mag.
Diese Suche nach dem, was richtig ist, ihre leichte Verletzbarkeit, die schon durch Kleinigkeiten aus dem Gleichgewicht zu bringende innere Balance, eine permanente Angst vor Zurückweisung – das ist schon sehr überzeugend dargestellt. Und so sehr mich die eine oder andere Eigenschaft dieser doch eigentlich längst im Leben stehenden jungen Frau furchtbar gerärgert hat – sie ist mir nicht egal. Ich habe doch trotzdem mit Rea mitgefühlt und gelitten, denn ihre Fragen, ihr Suchen sind deswegen ja nicht weniger existentiell.
Und wenn es so ist, was ich tatsächlich glaube, dass ein großer Teil der Menschen dieses Alters sich solchen Fragen stellt – dann wird die Lektüre von Elisbath Rank geradezu zur Bürgerpflicht, denn dann müssen wir etwas tun. Egal, wie sehr wir unsere Lebensspanne verlängern: Dreißigjährige, die ziellos durchs Leben wanken – das ist nicht gut.
Wer ddieser Bürgerpflicht nachkommen möchte, sei auf die

lieferbaren Ausgaben

verwiesen.

Mir jedenfalls hat dieser Roman Einblick in eine Gefühls- und Lebenswelt geboten, die mir einigermaßen fremd war – und es ist allein Frau Ranks Talent zu verdanken, dass ich nicht nach 10 Seiten genervt das Buch zur Seit legte, um einen kräftigen Schluck Sartre als Gegengift zu mir nehmen. 😉

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* »So wie alle Lebewesen, jedes nach seinen Fähigkeiten.« Man kann bei Star Trek ja so viel lernen. 😉
** zitiert aus: Rank, Elisabeth: Bist Du noch wach? Berlin Verlag. München 2013.

Der Altmann ist tot (Hörbuch)

Altmann Cover

Beim weiterhin zu empfehlenden Projekt Blogg Dein Buch habe ich mir dieses Mal ein Hörbuch zwecks Rezension gewünscht. Hatte ich noch nie und die Frau Freitag-Sachen laufen ausnehmend gut im Laden. Im Gegensatz zu manch anderen, die eher abschätzig auf Bestseller-Listen schauen und per se behaupten, alles darauf sei Schund (aber natürlich Safranski dufte finden oder Winkler oder Zeh oder Berg etc.), pflege ich diese eher als Anregung zu empfinden: Was so viele Menschen dazu bewegt, Geld auszugeben, muss irgendetwas treffen. Und midnestens das kann man, wenn man will, herauszufinden versuchen. Bestseller-Meta-Lesen, sozusagen.
Für das Hörbuch von »Der Altmann ist tot«, erschienen im Argon-Verlag entschied ich mich allerdings eher spontan, aus dem puren Interesse heraus, mal herauszufinden, was die Pseudonyme »Frau Freitag« und »Frl. Krise« da eigentlich treiben. Und hey, Lehrerinnen, die nach Jahrzehnten Schuldienst offenkundig ihren Humor noch nicht verloren haben, haben verdient, dass man ihnen zuhört. 😉

Worum also geht es?
An einer Berliner Schule ist ein Lehrer plötzlich verstorben, am Spreeufer, scheinbar Treppen herabgestürzt. Das glaubt indes so recht keiner, galt der Kollege doch als recht sportlich, war keineswegs in irgendeiner Weise in seinen Fortbewegungsmöglichkeiten eingeschränkt.
Ganz im Gegenteil, wie sich im Laufe der Geschichte herausstellt, war er im Gegenteil sehr umtriebig. Und zwar durchaus metaphorisch. So dauert es dann auch nicht lange, bis zwei seiner Kolleginnen beginnen, die Hintergründe seines (Ab)-Lebens zu erforscen, wobei sie schnell auf allerlei moralisch und durchaus auch juristisch problematische Aspekte stoßen. Durch ihren langjährigen Schuldienst haben Frau Freitag und Frl. Krise praktisch überall Informationsquellen, denn SchülerInnen bleiben zwar aus Lehrerperspektive ein Leben lang SchülerInnen, nehmen in der Zwischenzeit aber durchaus umfassende Nebenbeschäftigungen auf. Diese Vernetzung, die von Strandbarkellnern über Polizisten bis zu Milljöhs (wir sind ja in Berlin) mit diamteralen Rechtsauffassungen reicht, hilft ihnen erheblich, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen, führt aber eben auch dazu, dass sie in so manches Wespennest stoßen. Und wie Lehrkräfte nun mal so sind: Nachfragen ist elementarer Bestandteil ihrer Persönlichkeitsstruktur und die nachdrückliche Empfehlung, damit aufzuhören, vermag nicht mehr als kurzfristige Wirkungen zu erzielen. Die beiden geraten also in durchaus dramatische Situationen. Mehr möchte ich hier nicht verraten, denn es geht ja immerhin um eine Kriminalgeschichte und da ist spoilern nun besonders verwerflich.

Allerdings muss ich sagen: Ich bin wahrscheinlich überhaupt nicht Zielgruppe. ich habe von der ersten Minute an gewartet, dass es nun aber mal losgehen würde, aber die Geschichte zieht sich doch sehr hin – was an sich kein Problem ist, bei einer Kriminalgeschichte und sei sie auch als Kriminalkomödie gemeint, ist die Plotgeschwindigkeit doch nicht ganz unerheblich. Mich haben auch die Dialoge, in denen das in der Tat üble Herziehen über KollegInnen und SchülerInnen im geschützten Universum des Lehrerzimmers* (dessen Atmosphäre sich ja durchaus auch außerhalb des geographisch so benannten Raumes herstellen lässt) eine erheblich Rolle spielen, wenig überzeugt. Ich empfand das einfach nicht als lustig, es war eher eine Parade platter Klischees, die spätestens nach drei CDs ermüdet und anschließend endgültig in Langeweile abrutscht. Wer so etwas mag – und es gibt davon eine Menge, wie so manch gefülltes Stadion beweist – gerne. Ich war enttäuscht. Wobei mich weniger enttäuschte, dass hier mit Klischees gearbeitet wird, ganz im Gegenteil, damit war ja auch zu rechnen, als vielmehr die mangelnde Kreativität, die dann eben dazu führt, dass man bereits beim Auftritt einer Figur sehr genau ahnt, welche Rolle sie spielen wird – und damit auch noch richtig liegt.

Bei einem Hörbuch gibt es freilich auch noch einen anderen Aspekt zu betrachten, nämlich den des Vortrages. Joseline Gessen überzeugte mich in ihrer Rolle vollkommen, sie spricht ihre Figur genau so, wie sie durch den Text gezeichnet wird, das war wirklich gut. Selbiges gilt für Frau Kebekus. Weniger überzeugend fand ich allerdings zum einen die Dramaturgie, nämlich im Wechsel die Kapitel lesen zu lassen. Das wird wohl an der Struktur des Textes liegen (ich habe tatsächlich kein Blick in das Buch geworfen, obwohl ich mir das nahezu jeden Tag vornahm, aber dann führte mich mein Weg doch nicht am richtigen Regal lang oder der Feierabend lag ungünstig oder ich werde halt alt und vergesslich – es klappte jedenfalls nicht), was mir zumindest die naheliegendste Erklärung schiene, dass also jeweils ein Kapitel von Frau freitag und eines von Frl. Krise in ihrer jeweiligen Perspektive geschrieben wurde. Zumindest also folgt das Hörbuch diesem Konzept, was zu der ungewohnten Situation führt, dass ein und dieselben Personen unterschiedlich präsentiert wird. Das gefiel mir nicht, ist aber Geschmackssache, ich kann mir vorstellen, dass dies von anderen als durchaus reizvoll empfunden wird. Gerade bei den Nebenfiguren wiederum wirkte Frau Kebekus auf mich etwas gehemmt. Das mag an meiner Erwartungshaltung liegen, da ich sie ja aus anderen Zusammenhängen kenne, bei denen sie gerade die »Problemschüler« gerne stark überzeichnet. Das fehlt hier vollkommen. Es wäre in der starken Form vielleicht auch nicht angemessen, mir war es hier aber viel zu zurückhaltend umgesetzt. Denn, mal unter uns: Das ist ein Werk, das praktisch nur aus Klischees besteht, dann wäre es durchaus auch angemessen, sie auch zu bedienen. Das hätte einiges retten können.

Wer sich gerne noch einen eigenen Eindruck verschaffen möchte, sei auf die Seite des Verlages verwiesen, wo das Hörbuch auch zu bestellen ist.

Was aber natürlich ebenso beim von diesem Blog bevorzugten Buchhändler möglich ist.

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* Ich habe das in meinen zwei Wochen SPÜ erleben dürfen und bin mir darüber im Klaren, dass ich dort bestenfalls ein paar Eiskristalle auf der Spitze des Eisberges erlebt habe – aber das war bereits äußerst erschütternd…

#Lesefreude, der Welttag des Buches und Decca

UPDATE, 29.04. 2013:
Da nun doch weit mehr Menschen teilnehmen als ich zu hoffen wagte, habe ich mir überlegt, die Preise etwas breiter aufzustellen. Es gibt jetzt folgende Gewinnmöglichkeiten:

1. Preis: Das Frank-Fischer-Komplettpaket
bestehend aus: »Weltmüller«, »Südharzreise«, »Der Louvre in zwanzig Minuten«, »Die Zerstörung der Leipziger Stadtbibliothek im Jahr 2003« und den beiden von Frank Fischer herausgegebenen und mit einem Nachwort versehenen Brawe-Dramen »Der Freygeist« und »Brutus«. Plus: Ein beliebiger Titel aus dem Verlagsprogramm von Ille & Riemer.
2. Preis: Das Frank-Fischer-Best-Of-Paket
bestehend aus: »Weltmüller«, »Südharzreise« und »Der Louvre in zwanzig Minuten«. Plus: Ein beliebiger Titel aus dem Verlagsprogramm von Ille & Riemer.
3. Preis: Das Frank-Fischer-Basis-Paket
bestehend aus: »Weltmüller« und »Der Louvre in zwanzig Minuten«. Plus: Ein beliebiger Titel aus dem Verlagsprogramm von Ille & Riemer.
4. Preis: Frank Fischers »Weltmüller«
bestehend aus: bestehend aus: »Weltmüller«. Plus: Ein beliebiger Titel aus dem Verlagsprogramm von Ille & Riemer.
5.-10. Preis: Ein beliebiger Titel aus dem Verlagsprogramm von Ille & Riemer.

Wie angekündigt, gibt es heute etwas zu gewinnen, da dieser Blog an der wunderbaren Aktion »Blogger schenken Lesefreude« teilnimmt, über die ich bereits berichtete.
Meine Wahl für das zu verlosende Buch fiel auf das güldene Buch Frank Fischers, betitelt »Weltmüller«.

Dieses stand hier bereits als Nummer 102 der Reihe »Buch zum Sonntag« im Mittelpunkt des Interesses. Ich formulierte meine Begeisterung seinerzeit folgendermaßen:

Vexierspiegel. Wenn ich eine Assoziation zu diesem Buch finden sollte, dann wäre es wohl diese.
Drei Reportagen eines preisentkrönten Journalisten namens Frank Fischer, von Begebenheiten handelnd, die in ihrer Absurdität gleichwohl möglich wirken. Ein Buch, das mit allem spielt, mit Wirklichkeitsebenen, mit Reflexionen, mit Wahrnehmungen, mit Erwartungshaltungen. Und wie, zumindest geht es mir so, beim Vexierspiegel der Eindruck entsteht, man müsse nur den richtigen Winkel finden, dann zeige sich die Wirklichkeit in ihrer unverzerrten Form, so drängt sich beim »Weltmüller« der Gedanke auf, man müsse ihn nur oft genug und mit der richtigen Fragestellung lesen und schon offenbare sich, was die Welt im Innersten zusammen hält. Oder zumindest doch, was eigentlich Kunst ist und welche Rolle sie in der besten der möglichen Welten spielt.
Es sind verschiedenste Lesarten dieses Bravourstücks möglich.
Man kann es als leichte Fingerübung eines talentierten Autors lesen, als intellektuelle Spielerei eines Passionsfeuilletonisten, gut geeignet, der distinguierten Zahnärztin als Geburtstagspräsent zu überreichen – bei all den Namen, die dort auftauchen, wird sie es kaum wagen, das Buch schlecht zu finden. Kann man machen.
Man kann es aber auch lesen als Satire auf „den Betrieb“. Auf den Theater- und sonstigen Kunstbetrieb, auf dieses um sich selbst drehende Universum, das stets darauf bedacht zu sein scheint, sich durch Deutungs- und Bedeutungshöhen abzugrenzen vom schnöden Plebs und dabei doch genau diesen, zumindest in seinem bildungsbürgerlichen Gewand, braucht, um die eigene Größe zu demonstrieren. Kann man machen.
Man kann es aber auch lesen als ein Schelmenstück, in dem ein Hamlet mit Tierpflegern und ein Godot mit einer sechsten Rolle oder 192 Tafeln auf dem Leipziger Augustusplatz eine Variation auf Kerkelings „Hurz“ sind, geeignet, das Publikum in seiner Erwartungshaltung vorzuführen, in seiner Sucht danach, sich selbst intellektuell nicht im Abseits zu sehen, alles, was das Etikett „Kunst“ trägt auch interpretieren und verstehen zu wollen – und vor allem auch zu können. Kann man machen.
Und das schöne wäre: Man hätte bei allen diesen Lesarten sein Vergnügen, je nachdem, wo man sich als Lesender selbst verortet.[…] »Weltmüller« ist für mich eines der faszinierendsten Leseerlebnisse der letzten Zeit – hochreferentiell, intertextuell geradezu ein Thanksgivingtruthahn – und doch auch ohne all dies ein exzellent funktionierender Text.

Das ist aber alles gar nicht der Grund, weshalb es mir ein tiefes inneres Bedürfnis war, für diese Aktion Frank Fischer auszuwählen. Die Hauptmotivation ist etwas, das ich ein »Decca-Erlebnis« nennen möchte. Die heute wohl nur noch Klassik-Fans und Freunden der Popmusikgeschichte bekannte Plattenfirma »Decca« lehnte im Jahr 1962 mit der Begründung, »guitar groups are on the way out« und der leichten Fehleinschätzung »The Beatles have no future in show business« ab, die Beatles unter Vertrag zu nehmen. Und in Sachen Frank Fischer habe ich ein ganz ähnliches Erlebnis zu berichten:

Zu den konventionellen Buchhändler-Träumen, die mir in den letzten Jahren in der Branche begegnet sind, gehört neben der fixen Idee, irgendwann einmal ein Literatur-Café zu eröffnen (wirklich, man müsste da mal eine empirische Untersuchung machen, aber ich bin mir sehr sicher, die Quote liegt signifikant hoch), der Gedanke, unbedingt selbst Bücher zu publizieren, und zwar vor allem die Bücher, die die bösen Großverlage nicht bringen, weil sie die Auflagenschwelle nicht erreichen können. Mit ersterem dauert es bei mir noch etwas, den Verlag habe ich bereits vor über 10 Jahren (mit-)gegründet und publiziere da nun vor mich hin. Vor einigen Jahren landete ein Manuskript auf meinem metaphorischen Schreibtisch, in dem der Ich-Erzähler von seiner Reise entlang der neugebauten A38 von Leipzig nach Göttingen reiste. Ich lehnte ab, insbesondere, da dies ein ziemlich schlechtes Jahr für den Verlag war und gerade ungefähr gar kein Geld da war. Es gibt keine Verlagsentscheidung, die ich mehr bereute als diese. Und so ist meine Gefühlslage durchaus ambivalent, jedes Mal, wenn ich Frank Fischers »Südharzreise«, die wenig später bei den Kollegen von SuKuLTuR erschien, zur Hand nehme.

Deshalb also gibt es unter allen, die bis zum 30.04. diesen Beitrag kommentieren, ein Exemplar des »Weltmüller« zu gewinnen. Und weil der Welttag des Buches so eine feine Sache ist, lege ich für den Gewinnenden noch ein Buch aus meinem Verlagsprogramm oben drauf, das sich die- oder derjenige dann frei aussuchen darf.

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Rose Tremain: Adieu, Sir Merivel

Tremain Cover

Im Buchhändlerleben kommt es immer wieder vor, dass persönliche Beziehungen zu Kunden entstehen. Diese wollen dann oft mit niemand anderem mehr sprechen, von keinem anderen beraten werden, ja manchmal nicht einmal Bestellungen aufgeben, sondern gehen unverrichteter Dinge wieder davon, sollte man gerade nicht anwesend sein (oder warten, bis man sein Pausenbrot gegessen hat…)
Ich habe meine Buchhandelslaufbahn bei einem MA-Spezialisten begonnen, intensive Beratung und lauschige Gespräche über Novitäten und Klassiker sind da durchaus Mangelware. Nichtesdestotrotz, meine erste Kundin, die explizit von mir beraten werden wollte, fand sich dort – weil ich sie nicht merkwürdig anschaute, als sie ihr Interesse an historischen Romanen offenbarte*.
Ich habe in jungen Jahren sehr gerne historische Romane gelesen, was im Wesentlichen dem Einfluss Alexandre Dumas´ auf mein junges Gemüt geschuldet ist, aber nach einer sehr extensiven Christian-Jacq-Phase hat sich mein Leseinteresse doch anderen Gefilden zugewandt.
Nun fand ich aber bei dem immer noch empfehlenswerten Projekt Blogg Dein Buch einen neuen Roman von Rose Tremain, immerhin mit dem Orange Prize ausgezeichnete Autorin, die zudem bei Insel Verlag publiziert wird, was mir ein gutes Zeichen erschien.
Ein nicht mehr ganz junger Vertrauter des englischen Königs Karl II., der Arzt Sir Merivel, sucht nach neuen Herausforderungen und begibt sich nach Frankreich, um in Versailles am Hofe zu reüssieren, was gründlich danebengeht. Immerhin aber ergibt sich eine Liebesbeziehung zu einer unglücklich verheirateten Frau und zu guter Letzt steht seine Loyalität zum König vor einer Prüfung.
Kann man machen, dachte ich mir, Mid-Life-Crisis in einem Zeitalter ohne Porsche, das könnte recht unterhaltsam werden.
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