Die Jugend von damals

Um eine These für einen zu erstellenden Artikel zu verifizieren, stolperte ich über diese Passage aus der seinerzeitigen Besprechung der 13. Shell-Jugendstudie:

»Ausländerfeindliche Töne sind, wie auch die Shell-Studie belegt, im Osten deutlich lauter als im Westen. In den neuen Ländern, wo der Anteil der Nichtdeutschen an der Wohnbevölkerung bei 2,2 Prozent liegt (im Westen: 10,4 Prozent), finden mehr als zwei Drittel der Jugendlichen, das Boot sei schon überfüllt. […]
Immerhin 27 Prozent aller deutschen Jugendlichen erscheinen in Münchmeiers Auswertung als „hoch ausländerfeindlich“.«

Die damals 15-24jährigen sind heute die Elterngeneration.

Vielleicht wäre es doch ganz sinnvoll, den als »Laberwissenschaften« beschimpften Sozialwissenschaften gelegentlich mal zuzuhören. Stattdessen haben wir weitere zwei Jahrzehnte verschwendet und wundern uns heute über Institutionenkrise und AfD-Wählende.

Es ist so frustrierend: Ob Mondlandung, Klimawandel, Impfen oder Nazis – Die Wissenschaften stellen das entscheidende Wissen zur Verfügung, aber wir vertrauen lieber auf unsere Bauchempfindungen und die Erzählungen des Schwippschwagers der Nachbarin. Auf allen Ebenen, in allen Positionen.

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Wahlplakat der SPD zur Wahl der Nationalversammlung am 19. Januar 1919 Entwurf: Arnold Schütz Druck: Kunstanstalt Franz Xaver Schroff vorm. Wilh. Fiek Augsburg, 1919 Lithographie 109,7 x 79,6 cm © Deutsches Historisches Museum, Berlin Inv.-Nr.: P 61/1634

Ratschlag zum nächsten SPD-Parteitag

Es stehen ab dem Herbst 2018 wieder Landtagswahlen an, wahrscheinlich der Auftakt zu einer weiteren Serie von enttäuschenden und unerklärlichen Niederlagen für die deutsche Sozialdemokratie. In Sachsen ist nicht einmal mehr sicher, dass sie es überhaupt noch in den Landtag schaffen.

Und das alles trotz eines tollen Hashtags und einer tapfer gegen Scheinprobleme ankämpfenden Vorsitzenden. Aber wie so oft, stößt die Partei, die doch nur das Gute will, dabei auf Unverständnis:

Patrick Bahners auf Twitter

Die SPD, die ewig Unverstandene. Nun ist es leicht, auf jemanden einzuschlagen, der bereits am Boden liegt und bei allen Schwächen, die diese Partei hat, so kann es doch nicht im Interesse der Demokratie sein, sie wieder einmal untergehen zu lassen. Denn – so schmerzlich diese Erkenntnis sein mag – sie ist seit 150 Jahren das Herz der deutschen Demokratie. Dass sie dies zunehmend mit stolzgeschwellter Brust als Argument dafür nimmt, so weiterzumachen wie gehabt anstatt als Ansporn, sich wieder aktiv einzubringen, ist freilich eine nicht weniger schmerzliche Erkenntnis.

Daher ein wohlmeinender Ratschlag für den nächsten Parteitag:

Aber nach einem Jahre von Fehlschlägen und politischem Trabantentum in der Sphäre Merkels, und nachdem sich gezeigt hat, daß auch die Wählermassen nicht mehr geneigt sind, der Partei Blankowechsel auszustellen, muß die Führerschaft darauf verzichten, diesen Kongreß als ein Spektakel mit verteilten Rollen aufzuziehn. Das historische »Schweineglück« der Sozialdemokratie hat inzwischen gründlich die Partei gewechselt.

In frühern Zeiten waren diese Parteitage Stechbahnen des Geistes. Jetzt sind sie schon Iange nur noch Kontrollversammlungen, Schaustücke von Funktionären für Funktionäre, mit einer sorgsam rationierten Opposition.

Dies ist kein Zitat aus einem aktuellen Leitartikel, dieser wohlmeinende Ratschlag an die SPD stammt von Carl von Ossietzky, der dies am 2. Juni 1931 in der »Weltbühne« anlässlich des Leipziger Parteitags mit auf den Weg gab – und natürlich nicht von Merkel, sondern von Brüning sprach (der das Regieren per Notverordnung erfand und a Doch genau wie seinerzeit fühlt sich ja auch die heutige SPD eher einer abstrakten staatstragenden Rolle verpflichtet und stützt willfährig eine Regierung, die sie dem Untergang entgegentreibt.

Ossietzky schreibt dort weiter:

Die Partei sehnt sich nach ‚dem Staat‘, ‚der Nation‘, und fühlt nicht, daß sie dabei ihre einzige wirkliche Lebensquelle verliert: die Klasse.

Ich weiß, »Klasse« darf man heute nicht mehr sagen, weil Stalin und vom klassischen Industriearbeiter werden es auch täglich immer weniger – umso dringender aber wird eine Partei gebraucht, die wieder in den Mittelpunkt rückt, dass es ein existentielles Machtungleichgewicht gibt zwischen denen, die Arbeit verteilen und die Bedingungen dafür stellen und jenen, die auf Gedeih und Verderb darauf angewiesen sind, Arbeit zu finden und anzunehmen. Gerade weil die Gewerkschaftsbindung immer weiter abnimmt, gerade weil alle Hebel gezogen werden, um entweder gar nicht erst in den Geltungsbereich von Sozialgesetzgebung und BetrVG zu gelangen oder wenn schon, dann alles daran zu setzen, dass die Angestellten aber auch ja nicht auf die Idee kommen, ihre Rechte wahrzunehmen (und das bis zur Schließung des Betriebs). Es gäbe für eine SPD so viel zu tun. Stattdessen holt man sich GoldmanSachs an die Seite.

Und: Es wird bitte endlich Zeit, die seit der Parteigründung mit sich getragene Furcht davor, als Vaterlandsverräter zu gelten, nur weil man nicht nach der konservativ-militaristischen Pfeife tanzt, sollte sie endlich ablegen. Es gibt keine Pflicht, sich für das Vaterland zu opfern.

1930 ließ Tucholsky einen Berliner Ortsfunktionär über seine Partei sagen:

»Wat brauchst du Jrundsätze«, sacht er, »wenn dun Apparat hast!«

Mir scheint das auch heute wieder nicht völlig unzutreffend sein. Ich wünsche der Partei aus tiefstem Herzen, dass sie es schafft, sich von den Zwängen ihres Apparates zu befreien und ihre Grundsätze wiederzuentdecken. Und sie sollte das schnell tun. Das Schicksal anderer europäischer Sozialdemokratien dieser Tage zeigt überdeutlich, wie schnell und gründlich sich Wähler_innen dauerhaft abwenden können. Denn die brauchen keine sich anbiedernde SPD, sondern eine die kämpft – für die Benachteiligten, nicht für ihren eigenen Apparat.

Sadako

Kriege fordern immer Opfer. Und diese sind keineswegs nur heroisch im edlen Zweikampfe für Gott, Kaiser und Vaterland gefallene Ritter.
Das sind so Märchen.
Und gerade das zwanzigste Jahrhundert hat dem Kriege die Mittel an die Hand gegeben, seine wahre Natur, seine ganze Fratze in größter Deutlichkeit zu offenbaren. Wer heute noch allen Ernstes behauptet, es handele sich beim Krieg um ein ehrenwertes Geschäft, lügt.
Es gäbe sehr viel aufwallendes zu diesem Thema zu sagen. Ich möchte mich heute aber nicht in Rage schreiben, sondern einfach eine Geschichte erzählen.
Es ist die Geschichte von Sadako Sasaki, einem jungen Mädchen, am 07. Januar 1943 in Hirsohima geboren und dort aufgewachsen. Ein junges, sportliches Mädchen, bei der im Alter von 12 Jahren Leukämie festgestellt wurde. Im Krankenhaus erinnerte sie sich einer alten japanischen Legende, nach der demjenigen ein Wunsch erfüllt wird, der 1000 Kraniche* faltet. Im festen Glauben daran, gesund zu werden, wenn sie es schaffte, eintausend Kraniche zu falten.
Oder nein, es gibt Berufenere, die Sadako Sasakis Geschichte erzählen können:

Familie Sasaki

Ich bin aufgewachsen mit der täglichen, bedrohlichen Angst vor der Atombombe. Keineswegs war ich mir in meiner Kindheit sicher, den nächsten Morgen zu erleben. Die Vorstellung, von einem Menschen bliebe nach Einsatz dieser Waffe nichts mehr als sein in den Stein gebrannter Schatten, prägte meine Kindheit. Ich weiß nicht, wie andere meiner Generation das erlebten oder wie es für später Geborene war – aber für mich war diese Angst real. Jeder Tag konnte der letzte sein. Jeden Tag konnte es geschehen, daß die kurz vorm Kollabieren stehenden imperialistischen Staaten unseren friedliebenden Staat überfallen. Und dabei selbstverständlich vor dem Einsatz furchtbarster Waffen nicht zurückschrecken würden.
Man mag da heute drüber lächeln, man mag das als Indoktrination eines pervertierten Staates abtun – das kann alles sein. Ich weiß nur nicht, ob es mir lieber wäre, es amüsant zu finden, wenn mit Atompilzen Kleidung beworben wird.**
Fakt ist aber, daß es noch immer tausende solcher Bomben gibt und daß wir alles andere als sicher sein können, daß morgen keine über unseren oder den Köpfen anderer explodieren wird.
Es gibt Schätzungen, nach denen unter Berücksichtigung der Spätfolgen 98% der Bevölkerung Hiroshimas an der Bombe gestorben sind. Nun sind solche Schätzungen immer mit Vorsicht zu genießen, da es nicht immer einfach ist, eine singuläre Ursache für zum Teil komplexe Todesursachen zu finden, aber eines hat uns „Little Boy“ gelehrt: Selbst wer einen Bombenangriff überlebt, kann nicht sicher sein, überlebt zu haben, den Schrecken überstanden und verarbeiten zu können – so grausam der Verlust von Vater, Mutter, Bruder, Schwester, Frau, Kind, Freunden auch gewesen sein mochte – wer der Hölle von Coventry oder Dresden entkommen war, konnte doch sicher sein, sie hinter sich gelassen zu haben.
Die plötzlich erkrankte, fröhlich aufgewachsene, sportbegeisterte Sadako aber lehrt uns: Ihr könnt euch nie sicher sein. Die Bombe verfolgt euch euer ganzes Leben lang. Wer immer mit ihr in Berührung kam, wird keinen Tag sicher sein können, wird nie abschließen können. Für die Bewohner Hiroshimas fiel die Bombe jeden Tag aufs Neue.
Das vergangene Jahrhundert ist voller Grausamkeiten, voller unvorstellbaren Grauens. Es dürfte schwer fallen, ein allgemeingültiges Symbol dafür zu finden. Für mich ist es das kurze Leben dieses japanischen Mädchens, das nichts weiter getan hat, als auf der Welt zu sein und über deren Leben entschieden wurde, daß es weniger wert sei als das eines alliierten Soldaten.***

Man erzähle mir nicht, Krieg sei ein ehrenwertes Geschäft.

* Kraniche sind in Japan symbolträchtige Tiere. Sie stehen für langes Leben, Glück, die Seele. Origami-Kraniche sind also unverzichtbarer Bestandteil aller Zeremonien, die mit Lebensstationen verbunden sind. Im hier bereits empfohlenen „Roppongi“ von Josef Winkler erscheint im Moment des Todes des fernen Vaters dem in Japan weilenden Autor ein weißer Kranich, der sich an einem nahen See niederläßt. Das trifft es ganz gut.

** Die Werbung war bei mir ein voller Erfolg. Ich habe seitdem nie wieder ein Geschäft dieser Marke betreten.

*** So beispielsweise Churchill in seinen Memoiren. Das dramatische an dieser Sache ist, daß es schwer fällt, dessen Gedankengang (Bombe-Schock-Kapitulation, ergo: keine weiteren eigenen Verluste) zurückzuweisen. Die Logik des Krieges ließ keine andere Bewertung zu. Genau das ist aber das Problem.