Gruß zum 1. Advent

Der Gruß zum ersten Advent stammt heuer vom Hausheiligen dieses Blogs, Dr. iur. Kurt Tucholsky aus dem Jahr 1913, geschrieben als Theobald Tiger:

Großstadt – Weihnachten

Nun senkt sich wieder auf die heim’schen Fluren

die Weihenacht! die Weihenacht!

Was die Mamas bepackt nach Hause fuhren,

wir kriegens jetzo freundlich dargebracht.

Der Asphalt glitscht. Kann Emil das gebrauchen?

Die Braut kramt schämig in dem Portemonnaie.

Sie schenkt ihm, teils zum Schmuck und teils zum Rauchen,

den Aschenbecher aus Emalch glasé.

Das Christkind kommt! Wir jungen Leute lauschen

auf einen stillen heiligen Grammophon.

Das Christkind kommt und ist bereit zu tauschen

den Schlips, die Puppe und das Lexikohn,

Und sitzt der wackre Bürger bei den Seinen,

voll Karpfen, still im Stuhl, um halber zehn,

dann ist er mit sich selbst zufrieden und im reinen:

»Ach ja, son Christfest is doch ooch janz scheen!«

Und frohgelaunt spricht er vom ›Weihnachtswetter‹,

mag es nun regnen oder mag es schnein,

Jovial und schmauchend liest er seine Morgenblätter,

die trächtig sind von süßen Plauderein.

So trifft denn nur auf eitel Glück hienieden

in dieser Residenz Christkindleins Flug?

Mein Gott, sie mimen eben Weihnachtsfrieden …

»Wir spielen alle. Wer es weiß, ist klug.«

(Nachzulesen bei textlog.org)

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Gruß zum 1. Advent

Fundstück (3)

Inzwischen ist Kriege führen ja wieder ein normales Mittel deutscher Außenpolitik geworden. Die Gründe sind dieselben wie jederzeit, die Etiketten haben sich ein wenig gewandelt.
Und das scheint auch zunehmend gesellschaftlich akzeptiert zu werden, wie die umfassenden Diskussionen um Ukraine, Syrien und andere Krisengebiete zeigen.
Dazu folgendes heutige Fundstück:

Unten, auf dem zugeschütteten Graben, stehen ein paar Kreuze, liegen Kränze und ragen die Bajonette. Drei Mann müssen außerhalb des Grabens postiert gewesen sein; die Läufe ihrer Gewehre ragen ein paar Zentimeter hoch aus dem Boden, man stolpert über sie. Eine Mutter kann ihr Kind hierherführen und sagen: »Siehst du? Da unten steht Papa.«

Den ganzen Text findet die geneigte Leserschaft hier: Kurt Tucholsky, Vor Verdun.

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Fundstück (3)

Fundstück (2)

Der Hausheilige dieses Blogs, Dr. Kurt Tucholsky, schrieb 1924 im Bericht über einen Vortrag Rudolf Steiners:

Was für eine Zeit –! Ein Kerl etwa wie ein armer Schauspieler, der sommerabends zu Warnemünde, wenns regnet, im Kurhaus eine »Réunion« gibt, alles aus zweiter Hand, ärmlich, schlecht stilisiert … und das hat Anhänger –! Wie groß muß die Sehnsucht in den Massen sein, die verlorengegangene Religion zu ersetzen! Welche Zeit –!
Sein »Steinereanum« in der Schweiz haben sie ihm in Brand gesteckt, eine Tat, die durchaus widerwärtig ist. Es soll ein edler, kuppelgekrönter Bau gewesen sein, der wirkte wie aus Stein. Er war aber aus Holz und Gips, wie die ganze Lehre.

»Es soll ein edler, kuppelgekrönter Bau gewesen sein, der wirkte wie aus Stein. Er war aber aus Holz und Gips, wie die ganze Lehre.« Das finde ich doch sehr hübsch.

Den ganzen Text findet die geneigte Leserschaft hier: Rudolf Steiner in Paris.

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Fundstück (2)

Eine Woche in ungelesenen Büchern (6)

Auch diese Woche soll die geneigte Leserschaft nicht ohne Hinweise auf von mir noch nicht gelesene, aber für beachtenswert gehaltene Bücher beginnen:

Cover Pollan Kochen

Kochen. Eine Naturgeschichte der Transformation von Michael Pollan hebt das Kochen in neue metaphysische Höhen. Seit dem cultural turn ist ja sowieso alles Kultur und dass Essen seit archaischen Zeiten weit mehr ist als einfach nur Energieaufnahme, ist ja eine sozialanthropologische Binsenweisheit. Ich muss ja zugeben, dass ich mir vom Titel etwas mehr versprach als schon der Werbetext des Verlages dann hält (ich dachte mehr an eine kulturhistorische Auseinandersetzung mit Kochen, analog zur Geschichte der Menschheit in 100 Objekten also eine in 100 Rezepten, sozusagen). Ob ich mir wirklich durchlesen möchte, wie ein Journalismus-Professor um die Welt reist, um sich vom Kochen begeistern zu lassen, habe ich noch nicht entschieden. Vielleicht, wenn mal weniger Kochsendungen im Fernsehen laufen, hehe.

Etwas mehr in diese Richtung scheint da schon eher

Cover Am Beispiel der Gabel

Am Beispiel der Gabel von Bee Wilson zu gehen. Will man der Beschreibung glauben, so scheint sie genau das von mir Gewünschte zu tun, allerdings mit Schwerpunkt auf den Utensilien. Ich finde die Idee jedenfalls sehr spannend, die Wechselwirkung zwischen Küchengeräten und Gesellschaftstruktur zu untersuchen. Das Autorenvideo zum Buch macht zumindest, nunja, Appetit.

Appetit scheint mir auch die richtige Herangehensweise an ein Buch aus dem Hause Taschen zu sein:

Cover Understanding the World

Understanding the World. The Atlas of Infographics, herausgegeben von Julius Wiedemann. Auf Appetit versteht sich der Taschen Verlag ja schon seit seiner Gründung. Hier ist ein besonders schönes Beispiel, will mir scheinen. Infografiken sind ja schon so lange der neueste heiße Scheiß, dass sie wahrscheinlich in Kürze als unbedingtes und ganz striktes »Never do that« gelten.
Ist aber nicht so furchtbar wahrscheinlich, wie dieses Buch zeigt, denn immerhin haben die Inforgrafiken schon einiges überstanden, zumindest in den letzten 150 Jahren, denn aus diesem Zeitraum stammen die Beispiele dieses illustren Bandes. Und gelegentlich werde ich ihn mir mal anschauen. 😉

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Eine Woche in ungelesenen Büchern (6)

Eine Woche in ungelesenen Büchern (5)

Für diese Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft folgende nicht gelesenen Bücher:

Cover Menschen in New York

Menschen in New York von Brandon Stanton ist die Buchumsetzung (bzw. die deutsche Übersetzung der Buchumsetzung) eines großartigen Projekts, das ich bereits seit einiger Zeit auf Facebook verfolge. Brandon Stanton läuft durch die Stadt und fotografiert Menschen. Was auch immer er dabei macht: Er bringt sie dazu, ihm berührende, manchmal intime, Geschichten zu entlocken. Eine Frage, eine Antwort – und jedes Mal steht dort ein Blick in das Leben eigentlich völlig fremder Menschen, die einmal merkwürdig nah wirken. Mich hat sein Projekt jedenfalls sehr beeindruckt und beeindruckt es noch heute, jeden Tag aufs Neue.

Cover Theogonie

Hesiods Theogonie gilt als das älteste Zeugnis griechischer Literatur (was damit für die abendländische Kultur nicht ganz egal ist). Raoul Schrott wiederum ist bekannt geworden für seinen höchst eigenen Zugang zu antiker Literatur. Mir fehlt eindeutig der philologische Hintergrund, um beurteilen zu können, wie weit sich Schrott in seinen Nachdichtungen vom Original entfernt. Wahrscheinlich ist er kein zuverlässiger Wegbegleiter in die antike Welt. Die Idee, ältere Texte zur Vorlage für eigene Werke zu nehmen, ist allerdings nicht völlig neu und meiner Meinung nach legitim. Es verlangt freilich vom Lesenden einen durchaus aufgeklärten Umgang mit dem Ergebnis. Dann aber kann es sich bei einer zeitgenössischen Auseinandersetzung mit einem 2800 Jahre alten Text um eine sehr spannende Lektüre handeln. Will sagen: Puristen (und Altphilologen) würde ich das Buch nur empfehlen, wenn sie Probleme mit zu niedrigem Blutdruck haben.

Cover Das neue Spiel

Das neue Spiel nennt Michael Seemann (@mspro) seine Auseinandersetzung mit dem Kontrollverlust, den die digitale Welt mit sich bringt. @mspro gehörte viele Jahre zu meiner Timeline (er gehörte zu den ersten 10 Leuten, denen ich folgte). Ich entfernte ihn dann irgendwann, weil ich so selten seiner Meinung war, bzw. mich seine Positionen so ärgerten, dass ich aus Gründen des seelischen Gleichgewichts darauf verzichtete, ihn unmittelbar zur Kenntnis zu nehmen. Was aber natürlich gar nichts heißt, denn meine Befindlichkeiten gelten nur für mich. Seine Analysen und Gedanken zu Kontrollverlust und Filtersouveränität sind unbedingt zur Kenntnis zu nehmen und seit ich mich nicht mehr täglich mit ihm beschäftige, scheinen mir auch einige seiner Punkte durchaus zustimmungsfähig. Andererseits: Ich habe das Buch (das übrigens per Crowdfunding mit einer bemerkenswerten Urheberlizenz ausgestattet wurde und daher auch kostenfrei online zu lesen ist oder zu einem äußerst günstigen Preis als eBook erworben werden kann) allerdings ja auch noch nicht gelesen. Sollte ich demnächst also irgendwo mit hochrotem Kopf auftauchen, wisst ihr, was ich gelesen habe…

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Eine Woche in ungelesenen Büchern (5)