Das Buch zum Sonntag (113)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Elisabeth Rank: Bist Du noch wach?

[…] alles andere nahm er immer hin, auch Zahnärzte und rohe Zwiebeln und wenn er mit dem Zehl gegen die Tür donnerte. Konrad beschwerte sich nicht, sondern sagte jedes Mal, man müsse bestimmte Dinge halt machen, also könne man sich beschweren oder es eben lassen und es einfach machen, und jedes Mal, wenn Konrad das sagt, wurde ich wütend, weil ich glaubte, dass jeder ein Recht habe auf einen schlechten Tag und vor allen Dingen auch auf eine ordentliche Beschwerde, ma könne doch nicht einfach klaglos den Mund öffnen und sich Geräte in den Mund schieben lassen, man dürfe wenigstens einmal sagen, dass das kein schönes Gefühl sei und man lieber auf einer Dachterrasse säße mit einem Eistee und in netter Begleitung anstatt auf einer Liege und mit Gummihandschuhen im Mund und Menschen, denen das Mitleid ausgegangen war, weil sie das jeden Tag machten, weil sie damit Geld verdienten, man konnte kein Mitleid haben mit Menschen, die einem die Miete bezahlten und das Cordon bleu.

(S. 164)**

Es ist mit dem Erwachsenwerden ganz offenbar so eine Sache. Die zeitgenössische Literatur beschäftigt sich auffallend intensiv mit damit. Daher soll es in dieser und den nächsten Folgen dieser zu einer äußerst losen Empfehlungsreihe mutierten Serie um Bücher gehen, die sich ganz unterschiedlichen Aspekten des Erwachsenwerdens widmen.
Elisabeth Ranks ProtagonistInnen sind dabei keine Teenager auf der Suche nach den Grenzen, die ihnen die Gesellschaft setzt, sondern es handelt sich um junge Menschen um die 30, bei denen Rebellion als Abgrenzung kein Thema mehr ist. Auf der Suche nach einem Lebensentwurf sind sie aber trotzdem – und das ist ein wichtiger Aspekt des Erwachsenseins, wie ich finde.
Eine Gesellschaft, die ihre Mitglieder frei wählen lassen möchte, welche Lebensziele sie zu verfolgen wünschen, erhebt damit allerdings auch gleichzeitig erhebliche Ansprüche – denn dann musse in jede/r auch selbst entscheiden. Wir haben derartig viele Lebensentwürfe im Angebot, dass es tatsächlich eine erhebliche Leistung ist, überhaupt erst einmal herauszufinden, welcher zu uns passt – von den Schwierigkeiten, ihn dann auch noch umzusetzen gar nicht zu reden. Mit dieser Anforderung gehen Menschen naturgemäß sehr unterschiedlich um*. Das reicht von schierer Resignation bis zur kurzentschlossenen, pragmatischen Entscheidung.
Bei Frau Rank begegnen wir also einer Protagonistin, die auf der Suche ist. Sie stellt sich permanent in Frage, lässt sich von ihrer Familie ebenso beeindrucken wie von ihren Mitbewohnern oder KollegInnen. Alle treffen sie einen Nerv ihrer Seele, eine Saite, die zu klingen beginnt und es fällt ihr schwer, eine Melodie zu finden, die sie spielen könnte. Stattdessen wird dort eher unkoordiniert herumgezupft. Mich hat Rea einige Male ganz erheblich geärgert, ich wollte ihr zurufen, »Mensch, Mädel, nun komm mal klar, entscheide Dich endlich einmal für irgendetwas.« Wäre das meine Tochter, sie hätte sich etwas anhören dürfen (à la »Verlaufen ist möglich, aber auch nur, wenn man auch ein Ziel hat. Wer hin und her läuft, verirrt sich nicht, kommt aber auch nicht vorwärts.«).
Was aber Elisbath Rank hervorragend gelingt, worin ihre ganz große Stärke besteht, das ist ihre sehr feinfühlige Figurengestaltung – ich kaufe ihr die Rea ab. Ich halte sie für eine sehr glaubwürdige Figur, ja sogar für eine höchst realistische. Was denn ja auch einiges über meine Wahrnehmung der Welt da draußen aussagen mag.
Diese Suche nach dem, was richtig ist, ihre leichte Verletzbarkeit, die schon durch Kleinigkeiten aus dem Gleichgewicht zu bringende innere Balance, eine permanente Angst vor Zurückweisung – das ist schon sehr überzeugend dargestellt. Und so sehr mich die eine oder andere Eigenschaft dieser doch eigentlich längst im Leben stehenden jungen Frau furchtbar gerärgert hat – sie ist mir nicht egal. Ich habe doch trotzdem mit Rea mitgefühlt und gelitten, denn ihre Fragen, ihr Suchen sind deswegen ja nicht weniger existentiell.
Und wenn es so ist, was ich tatsächlich glaube, dass ein großer Teil der Menschen dieses Alters sich solchen Fragen stellt – dann wird die Lektüre von Elisbath Rank geradezu zur Bürgerpflicht, denn dann müssen wir etwas tun. Egal, wie sehr wir unsere Lebensspanne verlängern: Dreißigjährige, die ziellos durchs Leben wanken – das ist nicht gut.
Wer ddieser Bürgerpflicht nachkommen möchte, sei auf die

lieferbaren Ausgaben

verwiesen.

Mir jedenfalls hat dieser Roman Einblick in eine Gefühls- und Lebenswelt geboten, die mir einigermaßen fremd war – und es ist allein Frau Ranks Talent zu verdanken, dass ich nicht nach 10 Seiten genervt das Buch zur Seit legte, um einen kräftigen Schluck Sartre als Gegengift zu mir nehmen. 😉

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* »So wie alle Lebewesen, jedes nach seinen Fähigkeiten.« Man kann bei Star Trek ja so viel lernen. 😉
** zitiert aus: Rank, Elisabeth: Bist Du noch wach? Berlin Verlag. München 2013.

Das Buch zum Sonntag (113)

Gachmuret feat. Der Hausheilige live

UPDATE: Es gibt einen Live-Mitschnitt meines Versuches, aus Frank Fischers Südharzreise vorzutragen:
http://www.blog.de/srv/media/dewplayer.swf?son=http://data9.blog.de/media/695/7450695_98f24dff86_a.mp3
Ausschnitte aus: Südharzreise
Dieser Mitschnitt ist auch auf youtube zu bewundern.
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Nur eine kurze Durchsage:
Am 21. November bin ich bei der Lesebühne von Frédéric Valin und Jan-Uwe Fitz eingeladen und darf dort lesen. Weitere Infos zur Veranstaltung finden sich auf der Seite von Read on, my dear. Ick bin stolz wie bolle.

Vortragen werde ich natürlich Texte des Hausheiligen dieses Blogs, Dr. Kurt Tucholsky. Und ich werde das eine oder andere Kapitel aus Frank Fischers Südharzreise zum besten geben.

Wer mag, darf gern vorbeischauen.

Gachmuret feat. Der Hausheilige live

Mit dem Holzhammer

Nach dem Angriffskrieg der USA gegen den Irak sah sich Neil Young gezwungen, mit Crosby, Stills und Nash die alten Lieder wieder auszupacken und erneut durchs Land zu touren, um den Menschen die Idee nahezubringen, dass Kriege beginnen nur so mittel ist. Die Dokumentation dazu heißt nicht zufällig »Déjà Vu«.

Ich habe Hannes Wader ungefähr zu der Zeit in einem Auftritt gesehn, bei dem er auf mich den Eindruck machte, als hätte er gedacht, nach fast dreißig Jahren »Es ist an der Zeit« nicht mehr singen zu müssen.

Die Ereignisse in Schneeberg (und nicht nur die, sie mögen hier exemplarisch stehen) lassen mich erkennen, dass wir offenbar auch in der Frage des Zusammenlebens in diesem Land wieder ganz von vorne anfangen müssen. Dass wir wieder an einem Punkt stehen, an dem wir ernsthaft erklären müssen, »dass ›fremd‹ kein Wort für ›feindlich‹ ist«.

Nun gut, wenn es denn sein muss, dann müssen wir das mit den feineren Argumentationen eben lassen und den Holzhammer wieder herausholen:

Ergänzend sei noch auf einem maßgeblichen und großartigen Text des Hausheiligen verwiesen, der fordert, den Begriff »Heimat« nicht preiszugeben, dort ist zum Beispiel zu lesen:

Und nun will ich euch mal etwas sagen:
Es ist ja nicht wahr, dass jene, die sich ›national‹ nennen und nichts sind als bürgerlich-militaristisch, dieses Land und seine Sprache für sich gepachtet haben. Weder der Regierungsvertreter im Gehrock, noch der Oberstudienrat, noch die Herren und Damen des Stahlhelms allein sind Deutschland. Wir sind auch noch da.
Sie reißen den Mund auf und rufen: »Im Namen Deutschlands … !« Sie rufen: »Wir lieben dieses Land, nur wir lieben es.« Es ist nicht wahr.[…]

Und so widerwärtig mir jene sind, die – umgekehrte Nationalisten – nun überhaupt nichts mehr Gutes an diesem Lande lassen, kein gutes Haar, keinen Wald, keinen Himmel, keine Welle – so scharf verwahren wir uns dagegen, nun etwa ins Vaterländische umzufallen. Wir pfeifen auf die Fahnen – aber wir lieben dieses Land. Und so wie die nationalen Verbände über die Wege trommeln – mit dem gleichen Recht, mit genau demselben Recht nehmen wir, wir, die wir hier geboren sind, wir, die wir besser deutsch schreiben und sprechen als die Mehrzahl der nationalen Esel – mit genau demselben Recht nehmen wir Fluß und Wald in Beschlag, Strand und Haus, Lichtung und Wiese: es ist unser Land. Wir haben das Recht, Deutschland zu hassen – weil wir es lieben. Man hat uns zu berücksichtigen, wenn man von Deutschland spricht, uns: Kommunisten, junge Sozialisten, Pazifisten, Freiheitliebende aller Grade; man hat uns mitzudenken, wenn ›Deutschland‹ gedacht wird … wie einfach, so zu tun, als bestehe Deutschland nur aus den nationalen Verbänden.
Deutschland ist ein gespaltenes Land. Ein Teil von ihm sind wir.

*

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aus: Tucholsky, Werke und Briefe: 1929. Tucholsky: Werke, Briefe, Materialien, S. 7197-7198. Digitale Bibliohtek Berlin, 1999 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 7, S. 314)

Mit dem Holzhammer

Pan y circo

Wenn das Brot knapp wird, braucht es halt mehr Spiele.

Der nächste ist ein junger, aufgeregter Herr, der wie ein Bajazzo aus seinem Stall herausgepurzelt kommt. Er macht den Leuten viel zu schaffen, und das soll er ja wohl auch. Er zerstößt das Pferd, das ihm sein Vorgänger leichtverwundet zurückgelassen hat, zu einem bösen Klumpen, der Picador fällt herunter, es geschieht ihm aber nichts. Der Stier zerquält ein Pferd, so daß es sich schon nach dem ersten Stoß nicht mehr erheben kann – und da liegt es. Ich kann genau das Auge sehen, das große, sanfte Auge. Das Auge versteht nicht. Es sagt: »Warum? warum?«

*

In Spanien ist sowas jetzt national geschütztes Kulturgut. Und man möchte daraus ein UNESCO-geschütztes Kulturgut machen.

Die Beschreibung stammt aus: Kurt Tucholsky, Stierkampf in Bayonne. in: Werke und Briefe: 1927. Tucholsky: Werke, Briefe, Materialien, S. 4742. Digitale Bibliothek, Bd. 15, Berlin 1999. (vgl. Tucholsky-GW Bd. 5, S. 15)
Der ganze Text ist bei textlog.de nachzulesen.

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Pan y circo

Alice? Wer ist eigentlich Alice?

Ich halte es für ein beredtes Zeichen für den Zustand unserer Gesellschaft, dass hierzulande Alice Schwarzer für eine wichtige Feministin gehalten wird (und indem man sie dafür hält sie natürlich dementsprechend auch eine ist). Betrachtet man die Fähigkeit, gesellschaftliche relevante Breitenwirkung zu erzielen, ist sie vielleicht sogar die einzige.
Das ist aber höchst gefährlich, denn Alice Schwarzer vertritt ein Denkmodell, das unbedingt Widerspruch bedarf, und zwar besonders von progressiver Seite (siehe hierzu z.B. Seeliger, 2010).

Zur von ihr aktuell (und ganz zufällig pünktlich zum Erscheinen ihres neuen Buches) initiierten Aktion zur Abschaffung der Prostitution kommt jetzt genau dieser Widerspruch, sachlich, klar, nüchtern und doch entschieden.

Sonja Dolinsek erläutert sehr präzise, warum und wieso der Appell von Schwarzer und ihren prominenten MitunterzeichnerInnen unsäglich, wenn nicht sogar unerträglich ist – auf jeden Fall aber kontraproduktiv. Und ganz nebenbei seziert sie Schwarzers Denken und offenbart die zugrundeliegenden Denkmuster, die mit Denkmodellen kompatibel sind, von denen wir uns eigentlich verabschiedet haben wollten.

Also los, Sonja Dolinsek lesen.

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Alice? Wer ist eigentlich Alice?

Mimosen und Macht

Die SPD hat wieder mal einen Austritt zu verzeichnen. Soweit, so normal.
Yasmina Banaszczuk, 28 jahre alt, tritt nach drei Jahren aus der SPD aus, weil sie sich unverstanden und ausgebrannt fühlt. Weil ihr Vorsitzender nicht auf sie hört und weil ihre differenzierten und feinen Vorschläge keine Wirkung haben und nicht beachtet wurden. Zumindest habe ich das jetzt so verstanden, aber da kann sich die geneigte Leserschaft ja auch einen eigenen Eindruck verschaffen (bemerkenswerter Weise übrigens bekam die Sache erst dann richtig Fahrt, als stern.de darüber berichtete – Irrelevanz klassischer Medienhäuser sieht auch anders aus, aber das ist ein anderes Thema).
Dazu zwei Fragen: Sie gibt nach drei Jahren auf, weil sie als Hamburger JuSo vom Parteivorsitzenden nicht ernst genommen wird? Ernsthaft? Dann war die Idee, in eine Partei einzutreten möglicherweise nicht die richtige Idee. Oder zumindest ihre Vorstellungen äußerst naiv.
Diesen Aspekt behandelt allerdings Julia Seeliger in ihrer bekannt erfrischenden, direkten Art ganz ausgezeichnet. Eine Kostprobe:

Parteipolitisches Engagement ist strukturell krank! Kann man sagen. Der ganze Rest, Kapitalismus, Krieg und Patriarchat und Freie Kameradschaften und Missbrauch und Sportvereine und Familien und Ödipus und Goethe und Kleingärtenvereine und Nachbarn, die sich bei der Hausverwaltung beschweren, diese ganzen Übel – die sind aber auch nicht gesund.

Julia Seeliger (Wikipedia) spricht aus ihrer Perspektive, aus zehn Jahren Parteieerfahrung bei den Grünen und sie hat wenig freundliche Worte übrig:

Da hat der Siggi einfach mal den Finger in die Wunde gelegt und die SPD-Mädchen lassen sich davon wütend machen. Noch ein paar Begriffe: Selbstüberschätzung, Egozentrismus, mangelnde Kritikfähigkeit, Netzgemeinden-Gehype, Irrelevanz. Traurige Wahrheit: der Sommer der Netzsperren ist schon drei, vier Jahre vorbei und es ist nicht gelungen, die Energie ins Jetzt zu überführen, auch weil die Netzbewegung strukturell kaputt ist. Vielleicht wurden aber auch Fehler gemacht. Vielleicht wurden Fehler gemacht, die strukturell sind. Zum Beispiel, dass im Internet besonders viele Arschlöcher mitreden bzw. mit sich selbst reden. Könnte ja sein?

um anzuschließen mit:

Fragezeichenmödchen meldet sich zu Wort zu einem weiteren Bereich: dem parteipolitischen Angajemang. Internetmödchen, du willst, dass sich dir alle Türen öffnen? Nach nicht mal zwei Jahren?

KullerZeit! ROFL! ROFL! ROFL!

(großartig!)
Aber ehe ich weiter schreibe, sei der geneigten Leserschaft die Lektüre des ganzen Textes empfohlen.

[Raum für Lektüre]

Wieder da?
Gut, dann hier meine zweite Frage: Ich denke, dass Frau Seeliger vollkommen recht hat – und ist das nicht vielleicht doch ein Problem? Sollte Politik nicht vielleicht doch anders gehen? So, dass engagierte, eifrige und empfindliche Menschen dort etwas zu sagen haben und nicht einfach verschreckt werden? So, dass geistige Gesundheit kein Ausschlusskriterium ist? Und wenn ja, wie soll das gehen?

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Mimosen und Macht