Das Buch zum Sonntag (112)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

John Jeremiah Sullivan: Pulphead

Schubladen sind eine feine Sache. Die Welt wäre viel chaotischer oder zumindest würde sie einen viel chaotischeren Eindruck machen, gäbe es keine Schubladen. Schubladen sind eine sehr große Hilfe beim Sortieren und so nimmt es nicht Wunder, nein: scheint es geradezu zwangsläufig, dass dieses in der physischen Welt so überaus erfolgreiche Konzept auch im Nichtphysischen Anwendung findet. Es fällt uns unglaublich schwer, mit Entwicklungen, Gedanken, Menschen umzugehen, von denen wir nicht wissen wo wir »sie hinstecken« sollen. Aus welcher Richtung kommen die? Was wollen die? Und vor allem: von mir?
Das ist natürlich in einer derart hybriden Welt wie der Kunst, die sich um solcherlei Überlegungen oft überhaupt nicht schert (Oscar Wilde: »Bücher sind gut oder schlecht geschrieben. Weiter nichts.«), schwierig – was nicht heißt, dass es nicht versucht wird, die zuständigen Lehrstühle überbieten sich gerne egegenseitig in Kategorisierungen auf unterschiedlichsten Ebenen in unterschiedlichsten Aspekten. Und das gilt natürlich auch für Texte. Texte, die sich weigern, die vorgesehenen Schubladen zu respektieren und es unter Umständen sogar noch wagen, die Grenzen zwischen Fiktion und Nichtfiktion aufzuweichen, kommen in die hübsche, bunte Schublade Essay.
Was natürlich schade ist, denn die Kunst des Essay ist eine hohe, lobenswerte und es gibt Flecken auf der geographischen Karte der Lesenden in denen sie höher im Kurs steht als hierzulande*. Um der geneigten Leserschaft eine ungefähre Vorstellung davon geben zu können, was John Jeremiah Sullivan in seinen Texten treibt, werde ich sie auch genau dort einsortieren: Er schreibt Essays.
Sullivan ist Journalist und der Ursprung seiner Texte ist denn auch meist ein journalistischer Impuls. Sei es, dass er auf ein Thema gestoßen wird (»Du, John, schreib doch mal über…«) oder dass es ihn selbst drängt, zu einem Thema zu schreiben. Wie das Journalisten eben so machen. Und so entsteht ein ungemein bunter Strauß Themen, seien es die Nahtoderfahrungen seines Bruders, das Comeback von Axl Rose, »Katrina«, ein Christenrockfestival oder ein exzentrischer, aber brillanter Naturforscher des 19. Jahrhunderts.
Was er aber aus diesen Anreizen macht, ist mit dem üblichen Schubladeninstrumentarium nicht genau zu fassen. Sullivan zieht Parallelen, assoziert, beschreibt, erzählt Anektoden oder analysiert messerscharf.
Sullivan nahm mich bereits mit seinem ersten Text gefangen in dem er von seinen Erlebnissen auf einem Christenrock-Festival berichtet. Einer Veranstaltung unvorstellbarer Größe übrigens. Er berichtet von seinen missmutigen Vorbereitungen, die Anlass für einen Exkurs zur Internet-Paranoia von Eltern (und ihren Kindern) ist, stellt die Typen vor, die auf dem Festival begegnen, versucht, ihre Motivation zu erfassen und dem Lesenden nahezubringen, erzählt nebenbei von seinen eigenen religiösen Erfahrungen, baut en passant eine Analyse der Musik ein, die dort gespielt wird, erklärt die Spielregeln des Business, legt zwischendurch noch einen Abstecher bei einer der Bands ein, weil er die aus früheren Zeiten, als die noch andere und er mehr Musik machten, kennt und kommt schließlich auf die Jungs zurück, die er auf dem Zeltplatz kennenlernte und schaffte es dabei, dass ich für sie doch etwas mehr als nur Kopfschütteln übrig habe.

Sullivans Ankunft verlief nicht ganz glatt, ich fasse es mal kurz so zusammen: Er brauchte Hilfe. Und fragte seine Helfer anschließend natürlich, wer sie so seien:

„Nur ein paar Jungs aus West Virgina, die für Christus brennen“, sagte er. „Ich bin Ritter, das hier sind darius, Jake, Bub und Jakes Bruder Josh. Pee Wee springt hier auch irgendwo rum.“
„Hinter irgendeinem Rock her“, sagte Darius abfällig.
„Ihr hängt hier also ein bisschen rum rettet nebenher Leben?“
„Wir kommen aus West Virginia“, sagte Darius ein zweites Mal, als hielte er mich vielleicht für schwer von Begriff. […] „Die Stelle hatten wir letztes Jahr auch“, erzählte Darius. „Ich habe dafür gebetet. Ich habe gesagt: Herrgott, ich hätte diesen Platz wirklich gerne wieder, sofern es Dein Wille ist.“
Ich war davon ausgegangen, dass meine Festivaltage einigermaßen einsam ausfallen und im Ritualmord an mir gipfeln würden. Aber diese Jungs aus West Virginia hatten so viel Wärme. Sie strömte gerade zu aus ihnen heraus. Sie fragten mich, was ich so trieb, ob ich Sassafras-Tee mochte und wie viele Leute ich in meinem Wohnmobil mitgebracht hatte. Außerdem kannten sie einen Typen, der auf grauenvolle Weise ums Leben gekommen war und aus einem Bundesstaat kam, der denselben Namen trägt wie der Fluss, an dessen Ufern ich aufgewachsen bin. Und ich bin niemand, der solche Zufälle in Zweifel zieht.

(S. 24f.)**

Sullivan wirkt in seinen Texten sehr offen, sehr aufmerksam, sehr seinem Gegenüber zugewandt, eben ernsthaft interessiert, was den Versuch des Verstehenwollens überhaupt erst glaubhaft macht. Natürlich taucht er auf, natürlich erfährt der Lesende etwas von seinen Anschauungen, seinen Vorstellungen, aber im Mittelpunkt stehen die anderen. Er nimmt sich auf wunderbare Weise zurück, was die anderen um so mehr leuchten lässt. Die Themen sind meist Anstöße zu einem frei flottierenden Text (Ganz großartig übrigens »Das haus der Peyton Sawyer«, der zum scharfsinnigsten gehört, dass ich je zum Thema „Reality-TV“ gelesen habe oder »Das Treiben der Lämmer«, in dem er die Grenzen zwischen allen Genres aufhebt). Ich kenne die USA aus eigener Anschauung nicht. Ich mag mich also irren. Aber Sullivan scheint mir hier ein überzeugendes Porträt abzuliefern und falls nicht, ist es immer noch unglaublich anregend zu lesen. Denn man merkt durchaus: Hier gibt sich einer nicht zufrieden mit dem, was ihm Mutter Kultur vorsetzt, nein, er legt sich durchaus mit ihr an. Er schaut genauer hin, ist im besten Sinne auf der Suche.
Wären journalistische Texte nur so, wir führten keine Debatten um »Qualitätsjournalismus«.

Oder, um es ganz kurz zu machen, wie es der Tagesspiegel in seiner Rezension vormachte: »John! Jeremiah! Sullivan!«

Und damit die geneigte Leserschaft meine berückenden Leseerfahrungen nachempfinden kann, muss hier natürlich noch der Hinweis auf die

lieferbaren Ausgaben

folgen.


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*Damit der Text nicht zu sehr abschweift: Zeitgenössischer Anspieltipp in deutscher Sprache ist aus meiner Sicht der ungemein luzide Franz Schuh.
rn2″>**aus: Auf diesen Rock will ich meine Kirche bauen. in: Sullivan, John Jeremiah: Pulphead. Suhrkamp Berlin 2012.

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