Das Buch zum Sonntag (111)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Sibylle Berg: Vielen Dank für das Leben

Sibylle Berg empfahl ich der geneigten Leserschaft bereits vor Jahren (nämlich als Nummer 12 und als Nummer 23). Dass ich sie nun ein drittes Mal ans Herz lege, hat wahrscheinlich damit zu tun, dass ich sie gern lese. Wobei diese Aussage es nicht so ganz trifft, insbesondere beim heute zu empfehlenden Buch. Im Kundengespräch würde das in die falsche Richtung führen. Sibylle Berg ist keine Wohlfühlautorin. »Vielen Dank für das Leben« ist vielleicht das Buch von ihr, dass mich am stärksten aufgewühlt hat. Es scheint mir immer noch geprägt von der Wut auf die Welt zu sein, wie sie besonders bei ihren Theaterstücken offenbar wird, aber sie steht nicht mehr allein. Es ist kein Aufschrei, keine proklamierte Anklage, der Roman ist keine Empörungsprosa, sondern viel subtiler – und damit weit brutaler, weit kompromissloser, weit erschütternder. Hier werden keine Familiengeschichten verständnisinnig mit der deutschen Geschichte verwoben (weswegen sie den Deutschen Buchpreis auch 2012 nicht verliehen bekam), hier gibt es kein Suchen nach Verständnis für Anhänger totalitärer Ideologien, die es ja auch nicht immer leicht haben und ja trozdem auch irgendwie VaterMutterBruderSchwester sind und ja auch irgendwie Gefühle haben. Die alltäglichen Grausamkeiten, denen wir uns täglich aussetzen und die wir täglich begehen, die Furchtbarkeiten, die wir uns täglich gegenseitig antun, weil wir irgendwie durch dieses Leben durchkommen wollen, weil wir eben nur dieses eine Leben haben und möglichst viel davon haben wollen, all die Dinge, die wir bewusst oder aber, noch viel öfter, unbewusst, bzw., was die Sache wahrscheinlich mehr trifft, im Selbstbetrug tun – das sind die Themen, die in diesem Roman im Vordergrund stehen. „Gern“ lese ich das in dem Sinne, dass auch ich natürlich Teil dieser Welt und ihrer Spielregeln bin und ein Korrektiv, ein Wachrütteln, ein Schlag ins Gesicht, ein Finger-in-die-Wunde-legen hilfreich sein kann, die eigenen Prioritäten im Leben, die eigenen Maßstäbe, die eigenen Handlungsmaximen in Frage zu stellen. Wobei Frau Berg nicht nur den Finger in die Wunde legt – da ist mindestens noch Salz im Spiel. Und ein Messer. Und eine rührende Bewegung. Kurz: Angenehme Kaminlektüre ist was anderes.
Nun sind Dystopien nichts Neues und auch wenn vielleicht literaturtheoretisch Vielen Dank für das Leben darauf hinauslaufen mag – in meinen Augen ist es keine. Für eine Dystopie ist das viel zu langweilig – das Verrückte, das Spannende an diesem Roman ist nämlich gerade, dass es keine Dystopie ist, sondern die Figuren und ihr Umfeld keinerlei Überzeichnung bedürfen, keinerlei Fortführung auf irgendeinen absurden Zustand, auf dass man die innewohnenden Grausamkeiten erkennen möge. Es sind alles durchaus Menschen, die man genau so zu kennen scheint. Die genau so hinter der Nachbarstür, der Wohnungstür, der eigenen Stirn zu wohnen scheinen. Keiner mit überragenden Ambitionen, keiner mit überragender Schlechtigkeit, alle nur mit ihrem eigenen, kleinen Leben beschäftigt, lediglich bestrebt, ihren kleinen Anteil am Glück zu ergattern.
Was das aber heißt, wird erst vor der Folie der Protagonistin klar. Toto, geboren in der DDR, aufgewachsen in einem Heim, von unklarer geschlechtlicher Zuordnung und auch sonst in keine der herkömmlichen Schubladen zu stecken. Toto ist ein Mensch, die nichts zu erreichen sucht, nichts gelten will, die der Welt mit Sanftmut begegnet, wo ihr nur Hass entgegenschlägt. Vor der der Folie dieses unwahrscheinlichen, aber keineswegs unmöglichen Menschen, vor dieser Idee davon, wie Menschen sein könnten, offenbart sich kompromisslos, wer und wie wir sind. Ich mag Toto sehr, ich habe, ganz im Gegensatz zu ihr, fast 400 Seiten lang immer wieder gehofft – auf irgendetwas, ich weiß auch nicht auf was. Allein, es gibt keine Hoffnung.
Lest dieses Buch, schaut in den Spiegel, aber macht euch darauf gefasst, dass euch nicht gefallen könnte, was ihr seht.

Die Großartigkeit von Roman ist in

diesen Ausgaben

lieferbar.


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