Das Buch zum Sonntag (110)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Umberto Eco: Der Name der Rose

Wenn Wissenschaftler Romane schreiben, muss das keine gute Idee sein. Erst recht nicht, wenn sie sich mit einer Disziplin beschäftigt, die sehr tief in Bedeutungen, in Sprachstrukturen eindringt, kann schnell die Gefahr entstehen, dass der Wissenschaftler über den Romancier triumphiert und am Ende nur ein elaboriertes Konstrukt ohne literarischen Wert entsteht.*
Gelingt es aber, kann daraus ein vielschichtiges, unterhaltsames Werk dabei entstehen, das keine Angst vor der Verfilmung haben muss**. So wie Ecos Großwerk, das seinen schriftstellerischen Ruhm begründete und das dementsprechend auch weit bekannter ist als etwa seine Auseinandersetzungen mit Roland Barthes.
Dass Eco ein guter Botschafter in eigener Sache ist, beweist schon seine Angabe über den Impuls, dieses Werk zu schreiben. Er habe einen Mönch umbringen wollen. Und in Beantweortung der semiotischen Grundfrage nach dem Verhältnis von Zeichen zur realen Welt, hat er dann auch genau das gemacht.
Es geht in Ecos Roman um merkwürdige Todesfälle in einem mittelalterlichen Kloster. Das ist zumindest der Köder, mit dem er Leser einfängt. Denn in Wirklichkeit ist das nur eine Ebene des Romans, die auch sehr gut funktioniert, man kann den Roman lesen und sich tatsächlich nur für die Frage nach dem Mörder interessiert. Für einen Who-Dunnit wäre dann sicher der Umfang etwas gewöhnungsbedürftig, wenn man das aber als Schrullen eines talentierten Kriminalromanautors abtut, kommt man damit sehr gut durch. Wenn es aber nur das wäre, hätte es dieser Roman nicht zur eierlegenden Wollmilchsau der Buchbranche geschafft. Es gibt nahezu niemandem, dem dieses Buch nicht zu empfehlen wäre – der Traum eines jeden Buchhändlers am 23.12. – weil es nämlich gleichzeitig noch viel mehr ist.
Eco schafft hier eine Symbiose, die ihm sonst nie wieder gelingt und die ich so auch nur selten gefunden habe. Mein Grundstock an Kenntnissen der mittelalerlichen Philosophie und Theologie (die zugegebenermaßen schwerlich zu trennen sind) entstammt diesem Werk und den Dialogen seiner Figuren. Ganz auf die Kraft und Lebendigkeit seiner Charaktere vertrauend, lässt Eco hier seitenweise Dispute führen über Gott und die Welt und wie wohl in dieser am besten zu leben sei. Und das erstaunliche ist – das funktioniert. Als ich den Roman das erste Mal las, gerade frisch an Thomas Manns »Doktor Faustus« gescheitert***, konnte ich keinerlei Wissens- oder Erkenntnisvorsprung für mich reklamieren, hatte aber eine große Freude daran.
Dieser Roman wird getragen von einem Esprit, für den ich vielleicht aber auch besonders empfänglich bin. Hier finden Wortgefechte nicht mit offenem Visier statt, hier wird von hinten in die Brust gestochen. Mal eine klitzekleine Kostprobe:

„[…]Alles hier muß in herrlichstem Glanze erstrahlen…“ fügte er an und sah William fest in die Augen, und gleich darauf begriff ich, warum er so stolz darauf beharrte, sein Tun zu rechtfertigen, „denn wir halten dafür, daß es nützlich und gut ist, die Wohltaten Gottes nicht zu verbergen, sondern im Gegenteil offen zu zeigen.“
„Gewiß“, sagte William höflich, „wenn Eure Erhabenheit es für richtig hält, daß der Herr auf diese Weise gepriesen sei, so hat Eure Abtei die höchste Stufe in dieser Form der Lobpreisung erreicht.“

(S. 182)****

Diese Stelle ist noch aus einem anderen Grund interessant, weil sie einen kleinen Einblick in die Vielschichtigkeit des Werkes gibt. Diese kleine Szene kann gelesen werden als das höfliche Gespräch zweier Mönche, die Konversation betreiben. Man kann aber auch die Ironie in Williams Antwort entdecken, die in scharfem Kontrast zum Tonfall steht. Gleichzeitig wirft der Dialog ein Schlaglicht auf eine der wichtigsten Fragen mittelalterlichen Denkens (und damit auch eines der Kernthemen des Buches), nämlich, ob es gottesfürchtig ist, (viel) zu besitzen und dieses auch noch zur Schau zu stellen (es gibt da durchaus diskutable Stellen im Neuen Testament, die des Abtes Sicht auf den ersten Blick nicht zu stützen scheinen). Hierüber kreuzen die beiden sehr wohl gerade die Klingen. Ein weiterer Aspekt, den dieser Dialog zeigt, ist der von Ecos extrem gründlicher Arbeit in diesem Roman. All jene, die das Vergnügen hatten, Latein lernen zu dürfen, werden unschwer in der Satzkonstruktion des Abtes erkannt haben, dass sie geradezu unmittelbar aus dem Lateinischen übersetzt scheint.
Dies soll zur Illustration genügen. 😉

Lieferbar ist das Buch in mannigfacher Form. Und zwar als Taschenbuch, Hardcover, Hörbuch und ebook.


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*Ähnliches gilt natürlich auch für Libretti. 😉
**Die (Über-)mächtigkeit des Bildmediums ist ein beliebtes Debattenthema. Ich gebe gerne zu, dass die Verfilmungen die Chance haben, ein Publikum eher und direkter zu ergreifen. Meine Berufserfahrung lehrt mich allerdings, dass eine Verfilmung keineswegs zwangsläufig von der Lektüre des Buches abhält. Ganz im Gegenteil. Verfilmte Bücher haben auch langfristig erheblich bessere Chancen, im Bewusstsein zu bleiben. Eben weil ein vergleichsweise kurzes Vergnügen wie ein Film durchaus die Möglichkeit haben, öfter wahrgenommen zu werden und auf diese Weise als Erinnerungsfaktor wirkt. Das ist im Prinzip nichts anderes als Werbung. Und wenn der Film gut gemacht ist, macht er langfristig auch oft Lust aufs Buch. Natürlich ist aber eine Literatur-Rezeption, die nach der Rezeption der Verfilmung erfolgt eine ganz andere. Gilt aber auch vice versa.
***Das war im jugendlichen Übermut, 14, vielleicht 15 Jahre alt, gerade mit Begisterung die Buddenbrooks gelesen und noch in der Vorstellung gefangen, wenn man ein Werk eines Autoren gelesen habe, seien die anderen ebenso leicht zu lesen…
****zitiert aus: Eco, Umberto: Der Name der Rose. Erweiterte Ausgabe mit Ecos Nachschrift und dem Kommentar von Burkhard Kroeber. Zweitausendeins. Frankfurt/Main. 2000

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