Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (108)

Für die gestern begonnene Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Tschingis Aitmatow: Die Richtstatt

Mit dem heutigen Roman gehe ich wieder sehr weit zurück in meiner Lesebiographie. Es dürften fast zwanzig Jahre sein, was im Übrigen bedeutet, dass ich viel zu jung war, um den Roman in seiner ganzen Vielschichtigkeit zu erfassen.
Dass ich ihn aber trotzdem las und mich noch heute erinnere, scheint mir aber ein gutes Zeichen zu sein. Zumindest bedeutet es, dass dieses großartige Buch auch lesbar ist ohne intime Kenntnisse kirgisischer Verhältnisse in den 70er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts. Die hatte ich im Alter von 13 oder 14 Jahren nämlich nicht im Geringsten.*
Aitmatow verwebt hier mehrere Geschichten. Zum einen die Rahmenhandlung der Wölfin Akbara, zum anderen von Awdi Kallistrow und Boston Üküntschijew, die beide aus unterschiedlichen Gründen mit ihrer sozialen Umwelt in Konflikt geraten. Für mich erweist sich Aitmatow hier als ein Meister der Perspektivwechsel. Es ist erstaunlich**, wie es ihm gelingt, die entscheidenden Szenen des Romans als Verknüpfungspunkte nutzend, ganz unterschiedliche Sichtweisen auf ein und dieselben Geschehnisse zu entwickeln. Dabei bewegen ihn durchaus die ganz großen Fragen. Vor den Augen der Wölfin spielt sich eine dramatische Veränderung der Umwelt ab. So tauchen einmal bei der Jagd auf Antilopen Hubschrauber auf, aus denen Menschen auf zusammengetriebene Herden schießen, damit das Planziel in Sachen Fleischproduktion erreicht werden kann, wobei dann nicht nur Antilopen sterben. Und Akbaras Flucht aus der Steppe an einen Bergsee bringt nicht einmal für den Rest ihres Lebens Ruhe.
Was in meiner kurzen Beschreibung wie ein platte Parabel klingt, ist in Wirklichkeit eine differenzierte, feinsinnige, dichte, dramatische Erzählung, die sich zudem in ihrer ganzen Verflechtung erst im Laufe des Lesens erschließt. Immer wieder wechselt die Erzählperspektive, immer wieder erscheinen eben noch schlüssige Situationen plötzlich völlig sinnlos, geradezu grotesk unsinnig.

Woher sollten die Steppenwölfe wissen, daß im Gebiet ständig Anrufe von oben kamen, Forderungen des Augenblicks? Und wenn ihr’s aus der Erde stampft, der Plan für das Fleischaufkommen muß erfüllt werden. Schluß mit den Ausreden, der Fünfjahresplan geht zu Ende, was sagen wir dem Volk, wie es mit dem Plan steht, mit dem Fleisch, mit den Verpflichtungen?
„Der Plan wird auf jeden Fall erfüllt“, antwortete die Gebietsverwaltung, „in der nächsten Dekade. Es gibt noch örtliche Reserven, wir machen Druck, wir fordern …“

Die Steppenwölfe aber, angeführt von der Wölfin Akbara, schlichen zu dieser Stunde ahnungslos ihrem ersehnten Ziel entgegen; lautlos in den weichen Schnee tretend, näherten sie sich der letzten Position vor dem Angriff, hohem Rohrgras, drängten sich hinein, sahen selber fast wie bräunliche Grasbüschel aus. Von hier aus konnten sie alles überblicken. Eine riesige Herde von Steppenantilopen mit weißen Flanken und kastanienbraunem Rücken weidete, noch ohne eine Gefahr zu spüren, in dem weiten Tamariskental, fraß gierig das Gras mit dem frischen Schnee. Akbara wartete noch ab, sie mußte abwarten, damit sie sich vor dem Angriff alle konzentrierten, alle gleichzeitig aus der Deckung sprangen, sich sofort in die Verfolgungsjagd stürzten, dann würde die Jagd selbst die Manöver diktieren.

(S. 28)**

Es erscheint mir nicht immer sinnvoll, kulturelle Hintergründe eines Autors in den Vordergrund zu rücken – im Falle Aitmatows möchte ich sie aber zumindest einbeziehen. Eine ernsthafte Urbanisierung, ja eigentlich sogar nennenswerte Seßhaftigkeit, entstand in Zentralasien, insbesondere in Kasachstan und Kirgisien, erst mit dem Beginn der Sowjetunion. Zu diesem Zeitpunkt wurde Aitmatow geboren – er entstammt also einer zutiefst nomadisch geprägten Kultur, was natürlich Spuren in der Erzählweise, in den Motiven und, das scheint mir hier besonders wichtig, der Weltsicht, hinterlässt. Wie auch bei Tschinag zeigt sich hier eine tiefverbundener, ganzheitlicher Blick auf die Welt, stets auf der Suche nach dem Gleichgewicht zwischen allem Sein.
Das macht einen großen Teil des Reizes aus, denn dieser Blick ermöglicht ein geradezu seismographisches Gespür für Veränderungen und Entwicklungen, die dem Einzelnen und im Einzelnen völlig normal, gut, richtig oder sinnvoll wirken, im Großen, in der Weite des Blicks jedoch katastrophale Auswirkungen zeitigen. Es ist diese Weite des Blicks, die mich bei Aitmatow fasziniert, denn er bildet sich auch in seinem wunderbaren Sprachgefühl, in seiner großen Erzählkonstuktion ab. Und hey, man wird nicht Botschafter, wenn man nicht mit Sprache umzugehen versteht. 😉

Die hier verwendete Übersetzung ist derzeit nicht lieferbar, sehr wohl jedoch die zeitgleich jenseits des Eisernen Vorhangs erschienene, und zwar in dieser

lieferbaren Ausgabe.


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*Und auch heute sind meine Kenntnisse höchst peripher. Interessant dabei übrigens der Anknüpfungspunkt: Ich las kurz zuvor mit großer Begeisterung W. Jans Mongolen-Trilogie und suchte nach Anschlusslektüre. Nunja, und in der Richtstatt taucht bereits auf der ersten Seite Issyk-Kul auf…
**Welch schwache Übersetzung für astonishing – fällt jemandem was passendes ein?
***zitiert aus: Aitmatow, Tschingis: Die Richtstatt. (=Reclams Universal-Bibliothek Band 1239) Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig 1988.

Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (108)

Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (107)

Für die gestern begonnene Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Alexandra Tobor: Sitzen vier Polen im Auto

Kindheitsgeschichten (nicht: Kindergeschichten) zu schreiben gehört zu den literarischen Versuchen, die selten gelingen und falls doch, dann meist kaum Anerkennung bringen. Zu banal, zu einfältig, zu eindimensional scheinen die Gedankenwelten von Kindern, als dass deren Darstellung zu hohem feuillotinistischen Ansehen berechtigte. Ich halte aber genau diese Disziplin zu einer der höchsten Ansprüche überhaupt, denn um eine Kindheitsgeschichte glaubhaft erzählen zu können, ist ein radikaler Perspektivwechsel nötig. Es gilt ja nicht einfach nur die Seiten zu wechseln, ein paar Nuancen der Wahrnehmung und Interpretation zu verschieben, sondern vielmehr ein völlig anderes Werte- und Denksystem anzunehmen. Kinder denken und werten anders. Sich daran aus eigener Erfahung erinnern und hineinfühlen zu können, ist weit schwieriger als dies gemeinhin angenommen werden mag.*
Keine Kindheit ist wirklich unbeschwert, weil das Leben nie unbeschwert und sorgenfrei ist, kann es eine Kindheit auch nicht sein. Kinder sind genauso von Ängsten, Sorgen und Sehnsüchten erfüllt wie es erwachsene Menschen auch sind. Aber es mögen andere Ängste, Sorgen und Sehnsüchte sein. Wir lernen Alexandra Tobors Protagonistin 1986 kennen als Kind in der polnischen Provinz mit einem erheblichen Hang zum Dramatischen, was ihr in unangenehmen Situationen hilft, aus eben diesen auszubrechen, wenn sie sich nicht anders auflösen. Wir verlassen sie wieder etwa 6 Jahre später, nach ihrer Kommunion in einer deutschen Vorstadt.
Natürlich ist die Geschichte dazwischen voller grotesker, teils absurder Situationen, wie sie entstehen müssen in einer Welt, in der ein Quelle-Katalog zum Inbegriff des Paradieses wird, wo leere Cola-Dosen als Trophäen in der Glasvitrine landen, wo schlußendlich eine Familie in ein verheißungsvoll ersehntes Land auswandert, dessen Sprache und kulturellen Codes ihnen völlig fremd sind.
Wäre es nur dies, ich würde das Buch hier nicht empfehlen. Was nämlich Alexandra Tobor ganz hervorragend gelingt, ist, die Perspektive des Kindes zu schildern, ohne in kindliche Sprache zu verfallen. Und auch wenn dabei Thomas-Mann- und Cicero-Jünger eher nicht auf ihre Kosten kommen, so ist das doch sehr überzeugend gelungen. Es sind berührende Szenen, in denen die Tragik der Diskrepanz zwischen Hoffnungen, Erwartungen und dem letztlich klaren Nichterwünschtsein durchscheint. Frau Tobor läßt ihre Protagonistin einfach nur erzählen, sie analysiert nicht, sie ist nicht die Erwachsene, die rückblickend ihre Kindheit reflketiert, sondern sie erzählt einfach nach, was dieses Kind sieht und empfindet. Und genau das macht die Stärke dieses Buches aus.

Während der Weihnachtsfeier in ihrer Schule wird ihre Mutter von der Mutter einer polnischen Klassenkameradin angesprochen und aus diesem Dialog möchte ich kurz zitieren:

»Pschsch!«, zischte Frau Kowalski. »Ich bin keine von euch … Wir sind schon vor fünf Jahren gekommen und haben hart dafür gearbeitet, Deutsche zu werden. Wir haben was geleistet, verstehen Sie? Wir wollen mit den anderen Spätaussiedlern nicht in einen Topf geworfen werden. Es kann ja sein, dass Sie eine gebildete Frau waren in Polen, darum rede ich überhaupt mit Ihnen.« […]
»Sie müssen sich schon anpassen, wenn Sie hier ein ruhiges Leben haben wollen, meine Liebe. Ich kaufe meiner Ewa zum Beispiel nur Markenkleidung. Das ist hier ziemlich wichtig.«
»Ich persönlich finde es wichtiger, dass aus meiner Tochter ein anständiger Mensch wird«, sagte Mama.
»Sehen Sie? Und genau deswegen hat Ewa Freunde und Ihre Tochter nicht. Entschuldigen Sie mich« – sie schaute auf ihre goldene Armbanduhr -,»wir müssen jetzt gehen. Mein Mann holt uns gleich ab.«
»Es war nett, Sie kennenzulernen«, sagte Mama knapp, und Frau Kowalski erhob sich, um Ewa in die Jacke zu helfen.
»Sie hat uns nicht mal gefragt, ob sie uns mitnehmen kann«, sagte Mama, als die beiden außer Hörweite waren. »Dieser Frau mangelt es völlig an Kultur. Polin will sie nicht sein, aber das macht sie nicht zur Deutschen. Sie ist überhaupt nichts.« In Momenten größter Enttäuschung erinnerte mich Mama an Oma Greta.

(S. 162ff.)**

Es ist eine schlichte Szene und doch steckt die ganze Tragik des Kampfes um die eigene Würde darin, den die Familie nach ihrer Auswanderung ausficht. Dass sie diesen Weg nicht psychologisierend, nicht analysierend, nicht überdramatisiert darstellt***, dafür bin ich ihr sehr dankbar. Diese Geschichte eines jungen Mädchens, das in eine völlig neue Welt gerät, in der die Menschen noch merkwürdiger sind als in der Welt, die sie verließ, und die doch dort sein möchte und willens ist, ihren Platz zu finden, ohne sich aufzugeben – diese Geschichte ist in der Lage viel mehr Augen zu öffnen als so manch elaboriertes kulturwissenschaftliches Werk.

Zum Abschluß noch eine Szene, die mir persönlich sehr nahe ist:

Papa hatte schon mehrere Vorstellungsgespräche erfolglos hinter sich gebracht. Hinterher hat er uns immer erzählt, wie sie gelaufen waren. Wenn ein Arbeitgeber auf seine guten Abschlussnoten zu sprechen kam, behauptete Papa, die hätten nichts mit seinem Können zu tun. Dass er in der Schule Russisch gelernt hatte, gab er zu; dass er sich selbst Englisch begebracht hatte, verschwieg er. Nach seinen persönlichen Interessen berfragt, zuckte er nur die Schultern, als hätte er die Frage nicht verstanden. Warum sollte es einen Arbeitgeber interessieren, dass er gern Bücher über die Funktionsweise von Computern las, wenn er am Ende bloß Fernseher reparieren würde?

(S. 168f.)

Ich hoffe, nie darüber lachen zu können.

Und natürlich soll auch heute nicht der Hinweis auf die

lieferbare Ausgabe

fehlen.


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P.S.

»Schorle!«, sagte Dominik entschlossen.
»Was ist das?«
»Was? Du kennst Schorle nicht?«
»Nie gehört.«
»Hahaha! Wie kann man das nicht kennen?«
Ich zuckte mit den Schultern. Dominik sprang auf und griff zur Mineralwasserflasche und zum Apfelsaft, die beide auf dem Tisch standen. Das Glas, das ich ihm gereicht hatte, füllte er nur zur Hälfte mit Apfelsaft, dann goss er bis zum Rand Mineralwasser nach, bis das Glas fast überschwappte.
»DAS ist Schorle«, sagte er stolz.
»Soso, die Deutschen sparen also auch«, hörte ich Oma unter der Nase murmeln.

(S. 204)

Ullstein platziert dieses Werk in einem Segment, in dem „humorvoll und augenzwinkernd“ (vulgo: schenkelklopfend) Kulturen aufeinander prallen dürfen. Meist bewegen sich dort dann die Helden mit der kulturellen Empathie eines Obelix („Die spinnen, die [Volksstam]“). Was bei Jan Weiler zumindest ja stilistisch noch gefällig war und gelegentlich sogar fein beobachtet, gerät dort häufig zum bloßen Klischeefestival. Wogegen ich nichts sagen will, Selbstbestätigung verkauft sich immer gut. Allerdings tut man Frau Tobors Buch damit Unrecht, es gehört dort nicht so recht herein (auch wenn es hier natürlich, wie oben erwähnt, einiges zu lachen gibt) und das wird eine ernsthafte Auseinandersetzung mit ihrem Werk nicht eben befördern. Allerdings sei dem zuständigen Lektorat unterstellt, dass man wenig Möglichkeiten sah, das Buch anderweitig zu platzieren (und nicht selten muss man ja schon im Haus kämpfen, wenn kein passendes Etikett zur Verfügung steht), es aber wichtig genug fand, um es trotzdem zu bringen. Möge das Buch also als Trojaner wirken und all jene zum Nachdenken bringen, die es sich auf ihren Klischeesofas mit dem „Diesindsounddiesindanders“-Muster allzu bequem gemacht haben.

*Als kleine Übung dazu betrachte man doch einmal „die Jugend“ und versuche sich ernsthaft vorzustellen, keinen Deut anders gewesen zu sein. Fällt schwer, aber wenn man nicht völlig der Hybris erliegt, schon immer besser als der Rest der Welt gewesen zu sein, führt kein Weg an der bitteren Erkenntnis vorbei, dass man selbst tatsächlich ziemlich genau so gewesen ist. Möglicherweise mit anderem Vokabular, möglicherweise mit anderen modischen Varianten – aber nicht wesentlich. Wäre dem so, klagten nicht sämtliche Quellen zu diesem Thema über die Verdorbenheit der Jugend – und zwar seit Erfindung der Schrift. 😉
**zitiert aus: Tobor, Alexandra: Sitzen vier Polen im Auto. Ullstein Taschenbuch. Berlin 2012.
***Man denke nur an Julia Francks „Rücken an Rücken„, wo es immer noch ein Trauma mehr sein muss.

Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (107)

Das Buch zum Sonntag (106)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Jonathan Franzen: Freiheit

Die englischprachige Wikipedia führt diesen Roman als einen Anwärter auf den wohl ewig vakanten Titel der „Great American Novel“. Inwieweit dies berechtigt ist, mögen die zuständigen Amerikanisten und sonstige Berufene entscheiden. Unstrittig scheint mir aber zu sein, dass dem Lesenden hier ein Panaroma der USA nach dem Elftenseptember geboten wird. Oder sagen wir genauer: Franzens Panorama.
Ich habe dieses Roman von Sigrid Löffler empfohlen bekommen. Also, nicht persönlich, aber sie war seinerzeit bei uns in der Buchhandlung und stellte dort einige Bücher zum Thema Vater-Sohn-Konflikte vor. Bemerkenswerterweise halte ich genau diesen Konflikt nicht einmal für den stärksten Aspekt des Buches.
Aber fangen wir vorne an.
Franzen beschreibt die Familiengeschichte der Berglunds, genauer des Paares Patty und Walter Berglund nebst ihren beiden Kindern. Wohlsituiert und liberalen Geistes geraten sie durchaus in Konflikt mit ihrer zunehmend proletarischen und weit weniger liberalen Wohngegend. Gerade die Beschreibung dieses Prozesses der Veränderung in den Leitgedanken der US-amerikanischen Gesellschaft fand ich sehr faszinierend. Indem er einen Bogen von der Jugend Pattys und Walters bis zu den ersten Erwachsenenjahren ihrer Kinder schlägt, wird das sehr deutlich. Wo in ihrer Jugend noch Freiheitsgedanken, Nachhaltigkeitsideen und Liberalität – überhaupt Ideale, vorherrschten, wirkt in der Gegenwart des Romans alles in Vordergründigkeit, Hinterhältigkeit, Ehrlosigkeit erstarrt. Rockstars ohne Botschaft, Militäraustatter, die dem Militär schaden und Umwelschutzorganisationen, die Wälder roden und Berge sprengen. Irgendwie wirkt alles falsch und verlogen in der Bush.jr.-Ära.
Und doch ist das nicht so einfach. Denn die große Politik, die großen Namen, die großen Konflikte – sie tauchen gar nicht selbst auf. Sie sind das Hintergrundgeräusch einer Geschichte, die sich im kleinen Rahmen abspielt. Es sind nur ganz wenige Personen, die Franzen agieren lässt, ein enger Kreis mit durchaus wenigen Handlungsorten. So sind es dann auch die Details, die Kleinigkeiten, die scheinbaren Trivialitäten – die kleinen Nachbarschaftsstreits um zu laute Musik und zerstochene Reifen, über streunende Katzen den besten Kuchen der Straße, nicht zu vergessen: die Gespräche in der Küche oder auf der Terrasse, anhand derer er sein Gesellschaftsporträt zeichnet.
Dabei kommt dann wirklich die Frage auf, ob das nicht auch alles schon früher? so gewesen sei. Wie diese Frage zu beantworten ist, überlasse ich der geneigten Leserschaft und der eigenen Lektüre – allerdings halte ich Franzens Position für eindeutig bestimmbar. 😉
Es sind verschiedene Lebensentwürfe, die Franzen hier konkurrieren läßt, die er einander gegenüberstellt und ihre Wechselwirkungen untersucht. Und genau dort stößt eben auch der von Frau Löffler angesprochene Vater-Sohn-Konflikt hinein – aber genau das ist es: Wir haben es hier nicht mit einem Vater-Sohn-Buch zu tun, sondern eher mit dem literarischen Versuch, eine verunsicherte, sich verändernde Gesellschaft zu erfassen, die in scheinbarer RBesinnung auf ihre Grundsätze genau diese aufgibt, weil sie sie nicht mehr lebt.
Unabhängig davon ist es aber eine Freude, Franzen zu lesen, weil er pointiert zu schreiben versteht. Ich möchte einmal eine Stelle herausgreifen, noch weit am Anfang des Romans, die aber zeigt, wie er mit wenigen Sätzen Figuren entwerfen und erfassen kann:

Jeder wusste, dass Patty an der Ostküste, in einem Vorort von New York, aufgewachsen war und eines der ersten Vollstipendien für Frauen bekommen hatte, um an der University of Minnesota Basketball zu spielen, wo sie es, das ging aus einer Urkundentafel an der Wand von Walters Arbeitszimmer hervor, in ihrem zweiten Studienjahr in das virtuelle Team der zweitbesten Spielerinnen ganz Amerikas geschafft hatte.

(S. 8f.)*

Und es sind da ein paar wunderbare Spitzen zu finden, sei es, gegen Charaktere (btw: erinnert sich noch jemand an diese IKEA-Werbung?):

Merrie, zehn Jahre älter als Patty, und jedes einzelne davon sah man ihr an, hatte sich früher für die linke Studentenorganisation SDS in Madison engagiert und engagierte sich jetzt sehr in Sachen Beujolais nouveau.

(S. 11)

oder gegen Kollegen:

Er zog den Roman hervor, den seine Schwester ihm zu Weihnachten geschenkt hatt, Abbitte, und bemühte sich, an den Beschreibungen von Zimmern und Pflanzungen ein Interesse zu entwickeln

(S. 444)

NUTZE DEINE FREIHEIT WOHL lässt Franzen über dem College stehen, das Pattys Tochter besucht. Das könnte gut und gerne auch Motto des ganzen Buches sein. Letztlich nämlich geht es um genau diese Fragen: Was ist Freiheit für jeden einzelnen? Wie kann, wie soll er sie nutzen? Und was heißt das für alle anderen?

Glücklicherweise hat Franzen darüber keinen naseweisen Essay geschrieben, sondern einen im besten Wortsinne unterhaltenden Roman, der überdies in diesen

lieferbaren Ausgaben

leicht zu erhalten ist.


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*zitiert aus: Franzen, Jonathan: Freiheit. Rowohlt Digitalbuch. Reinbek 2010

Das Buch zum Sonntag (106)