Wer kuscht hier?

Ich habe mich am Sonntag sehr geärgert. Und am Montag. Und am Dienstag. Und heute.
Über die FAS.
Nun ist das an sich nichts besonderes, seit ich Zeitungen wahrnehme, ärgere ich mich über die Frankfurter Allgemeine – ausgenommen freilich, wenn ich tapezieren wollte. Da offenbart sie ihre wahren Qualitäten.
Die Redaktion dieses Blattes vertritt eben zu häufig Positionen, die ich nicht teile. In den meisten Fällen nehme ich das auch einfach so hin, schließlich bin ich kein Journalist und verdiene mein Geld nicht mit Hintergrundrecherche, Fakten abwägen und dezidierter Positionsbestimmung. Ich bin nur Buchhändler, der in seiner Freizeit auch mal Zeitung liest.
Womit wir beim Punkt wären. Denn im Gegensatz zu so ziemlich allen anderen Themen, bleibe ich in Sachen der durchaus überschaubaren Buchbranche durchaus am Ball und bemühe mich stets um umfangreiche Kenntnis. Das gehört zu meinem Berufsverständnis. Ich muss wissen, was los ist, um richtig agieren zu können. Die FAS nun titelte am Sonntag mit der hübschen Schlagzeile:

Buchhandel kuscht vor WWF

Nachzulesen ist der Artikel hier. Der geneigte Leser erfährt da nun, dass der WWF eine Kanzlei beauftragt hat, gegen Herrn Huismanns „Schwarzbuch WWF“ vorzugehen. Zu diesem Behufe wurden nun Buch- und Großhändler angeschrieben, wohl mit einigem Erfolg – obwohl die Gerichtsverhandlung erst am 15. Juni 2012 ansteht, mithin noch gar keine Rechtsgrundlage vorhanden ist.
Wir erfahren aus dem Artikel, dass „einige Buchhändler“ das Buch aus dem Programm genommen hätten. Namentlich erwähnt werden ausschließlich Thalia, Amazon und Libri. Das genügt für die Frankfurter Allgemeine, dreist zu behaupten, das Buch sei dadurch „praktisch vom Markt verschwunden.“ Als ich das las, platzten mir ein paar Äderchen.
Seit wann, liebe Frankfurter Allgemeine, seit wann sind ein Filialist, ein Großhändler und ein Allesverkäufer „der Buchhandel“? Es gab sicher einige Konzentrationsprozesse in den letzten jahren, aber noch immer besteht „der Buchhandel“ aus tausenden Betrieben, noch immer kommen selbst die zehn größten Filialisten zusammen auf gerade einmal 38% Marktanteil*. Thalia, Amazon und Libri sind im Endkundengeschäft zusammen nicht einmal ein Drittel des Gesamtmarktes. Das wars, das ist alles, was wir über das Verhalten des Buchhandels erfahren. Und wahrscheinlich wohl auch alles, was da recherchiert wurde.
In bester Kampagnanjournalismus-Manier werden dann Politikerzitate eingeholt, die nach dem bewährten Muster „Wenn das so ist, dann ist das aber ganz arg schlimm“ funktionieren, ein paar Konjunktive dazu und schon ist der Pranger-Artikel fertig. Das erwarte ich aus dem Hause Springer, meine Damen und Herren in Frankfurt, aber nicht von einem Blatt, das von sich behauptet, hinter ihm stecke immer ein kluger Kopf.
Richtig ist:
Das Buch wurde von den einschlägigen Großhändlern aus dem Programm genommen.
Richtig ist:
Da diese für einen nicht unerheblichen Teil der Branche die Webshops stellen, macht das einen Onlineeinkauf nicht eben einfacher.
Richtig ist:
Mindestens ein marktrelevanter Filialist führ das Buch nicht.
Richtig ist:
Amazon.de führt das Buch nicht.
Falsch ist:
Das Buch ist vom Markt verschwunden. Und schon gar nicht „praktisch“.

Es kann im örtlichen Buchhandel gekauft werden, zum Beispiel bei Osiander oder auch bei Lehmanns (hier ein Beweisfoto aus Leipzig) und ich bin sicher, bei diversen anderen Buchhändlern auch. Wenn es nicht vorrätig sein sollte, wird es eben bestellt, da es die Großhändler nicht haben, eben beim Verlag. Das ist business as usual und betrifft ganz nebenbei den größten Teil der ca. 1,2 Millionen lieferbaren Titel in Deutschland. Ganz ohne kuschen.
Nun kann es ja durchaus sein, dass „der Buchhandel“ kuscht. Es kann durchaus sein, dass man in einer Branche, in der 3% Rendite schon Spitzenergebnisse sind, dünnhäutig ist, wenn ein Kanzleischreiben kommt. Das kann schon sein. Aber wenn man so souverän behauptet, dann sollte man das auch belegen können. ich bin jedenfalls stinksauer. Bei uns in der Buchhandlung steht ein Buch, das bis heute nahezu niemanden interessiert hat, das wir aber trotzdem eingekauft haben, für das wir bezahlt haben und das da steht und Lagerkosten frisst. Und da kommt so ein Schnösel von Sonntagsjournalist und haut mich und meine Kollegen mit einem Parfumhändler, der sich einen Buchladen leistet und einem Allesverkäufer, der so tut als sei er Buchhändler, in einen Topf und behauptet, wir würden kuschen.
Da steht allen Ernstes „Somit bleibt das Buch vorerst erlaubt und ist dennoch praktisch vom Markt verschwunden. Über den Verlag kann es noch bezogen werden.“ Ja, ich weiß, da haben wir das Ding ja her. Und überhaupt: Hallo? Das Buch steht hier im Regal! Und wer will, dem schicke ich es auch zu. Oder sowas wie: „Das Buch war am 20.
April erschienen und zunächst auch erhältlich. Gut eine Woche später bekamen die Buchhändler
Post von der Anwaltskanzlei und stoppten den Verkauf.“ Hä? Es gab überhaupt keinen Verkauf, der zu stoppen wäre – das Buch steht hier im Regaa-al und wer will, dem schicke ich es auch zu-u. Aber es will ja keiner. Und dieser Aspekt macht die Sache interessant.
Da es ja nach FAS-Kriterien offenbar genügt, ein paar Behauptungen aufzustellen, für deren Recherche nicht mehr als ein paar Minuten online und am Telefon nötig sind, um leistungsschutzrelevanten Qualitätsjournalismus abzuliefern, stelle ich jetzt mal ein paar Dinge, die der Artikel verrät, in einen Zusammenhang:

Erstaunlich oft wird dort der Verlag zitiert. So etwas ist immer auffällig. Egal wo, immer wenn eine Partei besonders ausführlich zu Wort kommt, hat man ein Indiz, woher der Anstoß zum jeweiligen Artikel kommt.
Dann schauen wir doch mal, um wen es sich da handelt.
Das Gütersloher Verlagshaus, immerhin verlegerische Heimat von Dietrich Bonhoeffer und diversen für die evangelische Glaubenspraxis nicht unerheblichen Titeln, gehört zu Random House (The Publisher formerly known as Bertelsmann). Spätestens mit den Bestsellern „Irre“ von Manfred Lütz und „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“ von Michael Winterhoff wurde dem aufmerksamen Marktbeobachter aber klar, dass man die konzernintern das GVH neu ausrichten will und weniger auf erbauliche Literatur als vielmehr auf provokante Besteller setzt. In diese Strategie passt nun ein „Schwarzbuch WWF“ ganz hervorragend. Da ist es natürlich blöde, wenn das Buch dann keine Sau interessiert. Der Titel ist seit Ende April auf dem Markt und bisher noch nirgendwo nennenswert in Erscheinung getreten. Für ein provokantes Aufregerbuch eine eher unbotmäßige Performance.
Und genau da erscheint nun ein tendenziöser Artikel in der FAS, in dem suggeriert wird, der WWF und der deutsche Buchhandel würden verhindern, dass das Buch seinen Weg mache, weshalb der Verlag eben bisher nur die Hälfte der Startauflage habe verkaufen können (Interessant übrigens: An wen denn eigentlich? Doch nicht etwa an Buchhändler? Unmöglich, die kuschen ja, die können unmöglich 5000 Exemplare eingekauft haben…). Es wäre also wie immer: Das linke 68er-Gesocks (aus dem ja bekanntermaßen der Buchhandel besteht) verhindert, dass mal ans Licht kommt, wie die Welt wirklich ist. Weltverschwörung. Kann gar nicht anders sein. Wo doch eigentlich das nach Wahrheit und Licht darbende Volk danach dürstet zu erfahren, wie wenig nachhaltig die vom WWF unterstützten Projekte sind.
Schöne Win-win-Situation, auf den Buchhandel kann man immer gut einschlagen, da sind ja nur diese Schlafmützen, die den Schuss nicht gehört haben und dann kuschen die auch noch vor so einer popligen Anwaltskanzlei. Schöne Geschichte, braucht nicht viel Recherche, muss ichnicht mal aus dem Sessel aufstehen und schauen, wo hier eigentlich die nächste Buchhandlung ist, schau ich mal bei amazon, rufe bei Thalia und Libri an, fertig ist der Lack und wir haben hausintern endlich wieder gleich gezogen, nach dem Super-Gag des Kollegen Weidermann letzte Woche.

Aber das ist natürlich völlig ausgeschlossen. So eine hanebüchene Vorgehensweise, die ja darauf hinausliefe, dass man willfähriger Publicity-Gehilfe eines Medienkonzerns wäre, ist bei einem leistungsschutzrelevanten Qualitätsjournalisten per se unmöglich. Und dass ich gerade heute eine Mail von Random House erhielt, in der vom großen Medienecho (wie gesagt, in den fast 6 Wochen seit Erscheinen: Nada. Trotz Random House im Rücken.) auf den Titel „Schwarzbuch WWF“ die Rede ist, das ist reiner Zufall.

Oder ganz kurz:
Amazon kuscht. Thalia kuscht. Nicht der Buchhandel.
Aber das Kind ist wohl in den Brunnen gefallen, egal, wie viele Plakate da noch aufgehängt werden. Denn für diese kostenfreie Plakatierungsaktion mit dem Cover seines Buches prominent platziert, hat Herr Huismann, der geschätzte Autor, nichts besseres zu tun, als in einem Interview sich enttäuscht vom Buchhandel zu zeigen (das könnte ich verstehen, das Autoren nahezu immer, genauso wie von ihren Verlegern) und um das geistige Klima der Branche zu fürchten. Das ist eine feine Idee: Ich beleidige die Leute, die mein Buch verkaufen sollen und zeige mich dann enttäuscht, dass sie sich nicht dafür engagieren. Aber hey, für solche Leute setzt man sich doch gerne ein.


Flattr this

P.S. Eigentlich erstaunlich, dass man ausgerechnet den Kulturpessimisten von der Frankfurter Allgemeinen erklären muss, dass der Buchhandel nicht Thalia und Amazon sind.

*laut Buch und Buchhandel in Zahlen 2011. MVB GmbH Frankfurt/M. 2011

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Wer kuscht hier?

14 Gedanken zu “Wer kuscht hier?

    1. Ja, das Wunder der kontextsensitiven Werbung (was natürlich ein werbewirksamer Euphemismus ist, denn es handelt sich in Wirklichkeit ja bestenfalls um schlagwortsensitive Werbung). Immer wieder eine Freude.
      Kann man hier übrigens ganz simpel abschalten: Einfach so oft die Flattr-Buttons drücken, bis 39,90 zusammen sind. Dann ist das hier wieder ein Jahr werbefrei. 😉

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  1. Bei Libri ist das Buch auch nicht mehr gelistet, oder? Und Libri ist ein Zwischenbuchhändler, der sehr viele Buchhandlungen beliefert.
    Natürlich ist es noch irgendwie erhältlich, das ist auch gut so (ich hab es auf Rechnung beim Verlag bestellt). Respekt auch für die Buchhändler (wie dich), die sich die Mühe machen, um Vielfalt zu bewahren.
    Angesichts der Marktanteile der „kuschenden“ Unternehmen im stationären und besonders im Online-Buchhandel kann man aber schon von „der Buchhandel“ (mit Ausnahmen) sprechen.
    Die „kleinen“ Buchhändler sollten sich freuen, dass sie hier mal ihre Relevanz für die Meinungsfreiheit beweisen können. Vor ein paar Jahren hat mir Herr Bez von Umbreit mal die Situation des Zwischenbuchhandels im 3. Reich erklärt. Viele verbotene Bücher waren damals noch auf dem Markt, weil die vielen Zwischenbuchhändler nicht zu kontrollieren waren. Deshalb sollte man in diesem Bereich darauf achten, dass sich keine Monopole entwickeln.

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    1. Nunja,
      für den Online-Buchhandel ist die Auslistung bei den Großhändlern wirklich ein Problem, da überraschend viele Buchhändler ihre Online-Shops komplett von den Großhändlern abwickeln lassen.
      Ist aber kein Muss.
      Es gibt zum Beispiel http.//www.buchhandel.de – da kann man jederzeit alle lieferbar gemeldeten Bücher bestellen. Oder man nimmt eben einen Buchhändler, der sich nicht darauf beschränkt, das Angebot der Zwischenhändler zu führen (wie z.B. http://www.lehmanns.de )
      Der OnlineBuchhandel macht aber noch immer nur 18% des (siehe hier: http://www.boersenblatt.net/530385/ ) Gesamtmarktes aus. Auch wenn das für Menschen, die im Netz unterwegs sind, schwer nachvollziehbar scheint.
      Das ist keine Grundlage für „Der Buchhandel“.

      Dann zu libri und den anderen Großhändlern.
      Ja, es gibt nur noch 3 marktrelevante Zwischenhändler. libri, KNV und Umbreit. Da haben sich also schon lange kontrollierbare Strukturen gebildet. Wenn die Zwischenhändler ein Buch nicht führen, ist das spürbar – aber nur deshalb, weil die Bestellung dann eben nicht am nächsten Tag da ist. Und das wird von den meisten Kunden nicht mehr hingenommen.
      Das bedeutet aber nicht im Geringsten, dass ein Buch deshalb nicht zu haben wäre. Jeder Buchhändler kann beim verlag bestellen – und das ist sogar der übliche Weg. Nur wenn es schnell gehen muss, bestelle ich beim Zwischenhändler – schließlich will der ja auch Geld, ich kaufe als Buchhändler also zu wesentlich schlechteren Konditionen ein. Das vermeide ich freilich, wo ich kann.
      Daher mein Satz vom „business as usaual“ – die allermeisten Bücher werden überhaupt nicht vom Großhandel bezogen. Das „Schwarzbuch WWF“ ist da nur ein weiteres.
      Und wie gesagt: Die benannten Unternehmen schaffen nicht einmal ein Drittel des Gesamtmarktes. Meiner Meinung nach reicht das nicht für „der Buchhandel“. Osiander ist nicht gerade eine kleine Nummer. Lehmanns auch nicht. Etc.
      „Irgendwie“ erhältlich trifft es also nicht ganz. Es ist im Gegenteil sehr einfach zu bekommen. Wie gesagt, ich arbeite in einer großen Buchhandlung mitten in der Innenstadt – und da geht man einfach rein und kauft das – interessanterweise wollte das aber bis zum FAS-Artikel niemand.
      Der Buchhandel ist noch immer stark fragmentiert. Um dort eine solche Pauschalaussage treffen zu können, bräuchte es schon noch ein paar Recherchen mehr.

      Und Randomhouse wird es freuen, dass nun der gesamte Ladenpreis im Haus geblieben ist. 😉

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  2. Geht mir genauso. Wüsste ich es nicht besser, würde ich sagen: Der Artikel liest sich wie eine Gefälligkeit, die da jemandem geschuldet wurde. Aber das kann nur eine Fehlinterpretation sein.

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  3. Zum Artikel selbst … bleibe ich einfach mal sprachlos. Bisher war die FAZ/FAS für mich eigentlich immer ein Beispiel für Qualitätsjournalismus. Kann man offenbar auch abhaken.

    Eine andere Frage: Warum jagst du deine Links alle durch den Verkürzer? Finde ich ein bisschen blöd, weil ich dann nicht beim Draufzeigen an der URL schon erkennen kann, was mich auf der anderen Seite erwartet. Und wir sind hier ja auch nicht bei Twitter oder so, wo man Platz sparen müsste.

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    1. Nunja,
      ich kann die allgemeine Qualität der Frankfurter Allgemeinen nicht einschätzen. Und im Vergleich zu allem, was sonst noch so von Berufsjournalisten angeboten wird, reden wir hier ja nicht gerade über Schwerwiegendes. Hielte ich die FAS für eine schlechte Zeitung, regte ich mich ja gar nicht so auf. Nur, um eine ganze Branche an den Pranger zu stellen, erwarte ich eben genau deshalb etwas mehr Recherche.

      In Sachen Linkverkürzer:
      Habe ich tatsächlich noch überhaupt nicht drüber nachgedacht, ich mache das schon seit Jahren so. Letztlich steckt wohl ein gutes Stück Bequemlichkeit dahinter: Ich nutze bit.ly eben auch als Link-Archiv – denn da ich für verschiedene Zwecke die Links eh dort durchjage, speichere ich einfach alle dort, dann brauche ich mir keine zweite Lösung suchen.

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    1. Gerne. Und bitte den Begriff „Zensur“ nicht vergessen.
      Ich betrachte mein Blog ja irgendwie auch als Teil der freien Presseberichtserstattung. Und im Rahmen dieser erlaube ich mir, darauf hinzuweisen, dass die FAS in meinen Augen Unsinn erzählt.
      Inwiefern das jetzt bedeutet, dass „der Buchhandel“ dünnhäutig auf irgendetwas reagiert, entzieht sich freilich meinem Erkenntnisvermögen. Wenn schon ein paar Filialisten nicht „der Buchhandel“ sind, bin ich es ganz gewiss nicht.

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  4. Moin Herr Kollege,

    kann ich alles so unterschreiben !
    Mit einer Ausnahme : Ich habe das Buch nicht eingekauft, bislang aber auch keinerlei Nachfrage gehabt.
    Bei heftig diskutierten Titel sind die Kunden aber auch längere Wartezeiten gewohnt, ich sage nur Meldeschlüssel 015. 😉

    Im Moment lasse ich meine HP auch von Libri.de machen, weil es einfach bequemer ist, wird aber nicht mehr lange so bleiben, denke ich.

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  5. Mir scheint der Artikel hier etwas zu aufgeregt und darüberhinaus nicht ganz korrekt.
    Denn: Nicht überall gibt es die von Ihnen genannten Buchhändler, bei denen das Buch ach so problemlos zu erhalten ist.
    Im Online-Buchhandel (der ja immerhin einen nicht zu unterschätzenden Marktanteil hat) ist das Buch praktisch nicht zu bekommen: Amazon, Bol, buecher.de, buch24.de und libri.de führen es alle nicht.
    Von den Filialhändern haben es Thalia, Hugendubel und Weltbild auch nicht im Programm. In mittelgroßen Städten gibt es dann meist keine anderen Buchhändler.
    In Bayreuth gibt es Thalia und Hugendubel und in Bamberg konnte ich das Buch auch bei den kleineren Händlern nicht entdecken.

    Die Formulierung, der „Buchhandel kuscht“ scheint also insofern zuzutreffen, dass das vielleicht nicht der gesamte Buchhandel tut, aber doch ein sehr bedeutender Teil und das Buch so für viele Menschen ersteinmal nicht zu kaufen ist.

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    1. Nunja,
      zum ersten: Ich schrieb ja, dass es durchaus sein könne, dass „der Buchhandel“ kuscht. Die FAS beruft sich dabei eben einzig auf Thalia, Amazon und libri. Das ist für diese pauschale Aussage einfach zu wenig.
      Dann zu Ihren Anmerkungen:
      Die Gelben Seiten verzeichnen für Bayreuth 13 Buchhandlungen. Selbstverständlich wird es nicht jeder Buchhändler vorrätig haben, nach diesem Medienecho ist das sogar sehr wahrscheinlich. Nur, weil ein Buch gerade nicht vorrätig ist, heißt das doch aber nicht, dass der Buchhändler vor irgendwem kuscht. Es kann die vielfältigsten Gründe geben. Die Frage ist doch aber: Weigert er sich, es Ihnen zu bestellen?
      Ein nicht vorrätiges Buch zu bestellen, gehört zu den normalsten Vorgängen des Buchhandels, denn jeder hat ein bestimmtes Sortiment und bei 1,2 Millionen lieferbaren Titeln ist stets nur ein Bruchteil vorrätig.
      Nächster Punkt: Online-Handel.
      Der Witz am Online-Handel ist doch, dass es gar keine x Anbieter braucht, um an einen Artikel zu kommen. Bestellen Sie doch einfach. Es geht bei osiander ( http://bit.ly/Lem0gS ), bei Lehmanns ( http://bit.ly/MeEMrU ) oder bei buchhandel.de , da sind sogar zwei Buchhandlungen in Bamberg angeschlossen, in die Sie es sich liefern lassen können ( http://bit.ly/MkRhyR ). Etc. Es gibt noch etliche weitere Online-Shops, in denen das Buch einfach zu bestellen ist.
      Da zu behaupten, es sei “ für viele Menschen nicht zu kaufen“ finde ich unzutreffend. Sowohl on- wie auch offline.
      Noch einmal:
      Die bisher bekannten (und da zähle ich schon die DBH, also Weltbild/Hugendubel, mit rein, die die FAS nicht mitzählt) Auslister schaffen bestenfalls ein Drittel des Gesamtmarktes mit Endkunden. Wenn eine solche Datenbasis ausreicht, Aussagen über die Gesamtmenge zu treffen, könnte ich auch behaupten: Die Welt lebt in Armut (trifft immerhin auf ein gutes Drittel der Weltbevölkerung zu).

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      1. Achja, und mit Lehmanns und Osiander reden wir immerhin über die Nummern 5 und 7 des deutschen Buchhandels. Nur, um zu verdeutlichen, dass ich hier nicht die exotischsten herausgesucht habe.

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  6. Len schreibt:

    Lieber Gachmuret,

    ein schön bissig und unterhaltsam geschriebener Blogeintrag, ich hatte große Freude beim Lesen!

    Was Ihnen da passiert ist, ist leider ein universelles Gesetz der Medien: Es stimmt eben nicht alles, was drin steht. Jedoch: das ist nur teilweise Schluderigkeit; oft ist es auch durchaus ein Hinnehmen der Ungenauigkeit zugunsten der Fetzigkeit.

    Auffallen tut das dem werten Leser natürlich immer erst dann, wenn es um sein Spezialgebiet geht. So, wie Ihnen hier im Bereich Buchhandel das Licht aufgegangen ist, geht es der Chemieprofessorin auf der Wissenschafts-Seite und dem Mann mit Verwandten in Syrien auf der Politik-Seite.

    Das Spiel der Medien geht nämlich so: Der Journalist kriegt von seinem Ressortleiter nicht etwa dann eins auf den Deckel, wenn nicht jedes seiner Fakten exakt stimmt. Sondern dann, wenn die Story nicht knackig genug klingt.

    Natürlich ist Journalismus nicht reine Fiktion. Aber ohne die Aufmerksamkeit des Lesers ist eben auch alles nichts. Wer den Leser langweilt, verkauft nichts und das war’s dann. Die gegenteilige Strategie wird uns sehr schön an der hohen Auflage des Printerzeugnisses „Bild“ klargemacht.

    Ich will Ihnen Ihre Kritik nicht kleinreden, sie ist völlig berechtigt. Mehr Recherche hätte für diese Titelgeschichte allemal drin sein müssen. (Wobei Sie nicht wissen wollen, wie wenig Zeit den Journalisten oft genug nur gelassen wird. Es ist nicht immer Faulheit. Zeit ist Geld, die Anzeigen gehen zurück und kein Leser wäre bereit, 10 Euro für eine Ausgabe der FAS zu zahlen… Der Rest ist eine einfache Überschlagsrechnung.) Im Gegenteil, ich will Ihnen klar machen, dass das, was Sie hier entdeckt haben, nur die Spitze des Eisberges ist, weil es der Teil war, den Sie selber überprüfen konnten.

    Auf der anderen Seite müssen auch Sie als Zeitungsleser sich selbst kritisch hinterfragen. Hätten Sie die Zeitung gekauft, wenn die Schlagzeile gelautet hätte: „Etwa ein Viertel des Buchmarktes kuscht vor WWF“? Nun ja, es hätte Ihnen gereicht, es im Artikel klar zu stellen, werden Sie vielleicht sagen. Erstens hat der Artikel das – auch wenn Ihnen das vielleicht nicht weit genug ging. Aber wäre der Autor hier weiter gegangen, wäre die Abweichung zu diesem knackigen Titel zu groß gewesen. Auch in dieser Gratwanderung liegt die Kunst des Journalismus, das ist es, was Journalistenschüler lernen.

    Wem das nicht passt, wer lieber nüchterne, ehrliche Zusammenhänge lesen möchte – für den gibt Nieschen im Internet und darin so schöne Beiträge wie diesen hier. Dafür noch einmal besten Dank.

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