Das Buch zum Sonntag (105)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Christa Wolf: Kassandra

In einem an Selbstgefälligkeit kaum zu überbietenden Interview mit dem Deutschlandradio anlässlich seines neu erschienenen Buches über „verbotene“ Literatur kündigte Werner Fuld ein baldiges Vergessen des literarischen Schaffens Christa Wolfs an.*
Das erscheint mir etwas voreilig, steht sie doch derzeit recht fest im Lektüreplan sowohl des Deutschunterrichts als auch der germanistischen Seminare. Und wer da einmal drin ist…

… der muss gerettet werden. Denn es gibt nur wenige Methoden, die so zielsicher die Lust an der Lektüre eines Autors zerstören wie dessen Behandlung im Deutschunterricht. Namen, die dort auftauchen, haben auf Lesewillige meist eine ähnliche Wirkung wie Wasser auf die Hexe des Westens – sie weichen vor ihnen zurück.
Damit dies bei Christa Wolf nicht auch geschieht, sei diesem also entgegen gewirkt.
Kassandra bezieht sich selbstverständlich auf den bekannten antiken Mythos und versucht sich an einer Erzählung der Geschehnisse in und um Troja aus der Perspektive der namensgebenden Protagonistin. Es entsteht dabei ein beeindruckendes inneres Gespräch, eine derart intensive Reise in die Gedanken- und Gefühlswelt einer Heldin, die scharfsinnig ihre Umwelt beobachtet, klar und sachlich analysierend, aber keineswegs emotionslos, immer dann in die Geschicke ihrer Stadt und ihrer Familie einzugreifen versucht, wo sie Irrwege erkennt – und doch scheitert.
Die Kassandra Christa Wolfs ist eine der beeindruckendsten Frauenfiguren, die mir bisher begegneten. Es gelingt ihr hier, eine Frau zu zeichnen, die keineswegs als Spielball göttlicher und irdischer Mächte fungiert, sondern die selbständig handelt, die stark ist (nicht im Sinne von machtvoll, sondern im Sinne einer festen Persönlichkeit), die ihre Stimme erhebt, die sich mit dem, wenn auch nicht selten erfolgreichen, Vernetzen und Manipulieren im Hintergrund nicht zufrieden geben will, die das Recht der Vernunft einfordert, wo die Unvernunft herrscht (die bei Christa Wolf hier klar männlich konnotiert ist).
Der Widerspruch zur tradierten Figur der einsamen, ungehörten Ruferin des antiken Mythos offenbart sich eben erst wirklich und klar durch die Innensicht, die hier entworfen wird. Da ist keine Rede vom Fluch der Götter, der Kassandras Schicksal besiegelt und die Trojaner ins Unglück rennen lässt – keine höheren Mächte sind hier im Spiel, es sind die Menschen selbst, die nicht hören wollen. Kassandra erkennt ganz klar die Religion, die offizielle Ideologie als reines Machtinstrument, als Mittel zum Zweck – und entlarvt Trojas Machthaber als kleingeistige Ränkeschmiede ohne Vertrauen in das eigene Volk, die eigene Tradition, die eigenen Überzeugungen. Gerade diese Aufgabe der eigenen Ideale öffnet Tür und Tor für den Untergang, der dann unvermeidlich wird. Und so wird das einst edle, mit hochfliegenden Zielen und Idealen aufgebaute Troja zum Opfer einer sie bedrohenden, belagernden, kulturlosen Macht.

Eine großartige Interpretation eines alten Stoffes und trotz seines geringen Umfangs, freilig unterstützt durch starke Referenzen, äußerst vielschichtig lesbar – was eine regelmäßige Lektüre übrigens empfehlenswert macht. Ich bin fest davon überzeugt, dass dieses Buch je nach eigener Lebens- und Leseerfahrung, jeweils deutlich anders gelesen wird.

Ich möchte schließen mit einer Stelle, die in meinen Augen sehr schön illustriert, wie sinnfrei es ist, Zensur von kleingeistigen Beamten ausüben zu lassen – ein wirklich kunstsinniger Mensch (In Your Face, Werner Fuld) hätte die folgende Passage unmöglich durchgehen lassen können:

Mit einem bißchen Wahrheitswillen, mit einem bißchen Mut sei doch das ganze Mißverständnis aus der Welt zu schaffen, glaubt ich immer noch. Was wahr ist, wahr zu nennen, und was unwahr falsch: das mindeste, so dachte ich, und hätte unsern Kampf weit besser unterstützt als jede Lüge oder Halbwahrheit. […] Bis ich begriff: In Helena, die wir erfanden, verteidigten wir alles, was wir nicht mehr hatten. Was wir aber, je mehr es schwand, für um so wirklicher erklären mußten. So daß aus Worten, Gesten, Zeremonien und Schweigen ein andres Troia, eine Geisterstadt erstand, in der wir häuslich leben und uns wohlfühln sollten.

(S. 112)**

Vergesst die Geschichtsbücher, Kassandra ist vielleicht eines der besten Bücher darüber, wie die DDR funktionieren konnte, wie Gesellschaften, wie Machtkonstellationen ganz generell funktionieren und wie im Kampf gegen echte oder imaginierte Feinde Sicherheitsversprechen immer ein Weg sind, Kontrolle auszuüben.
Kurz: Ich war beeindruckt. Da können noch etliche Hundertjährige aus diversen Hausöffnungen verschwinden, eh ich wieder ähnlich begeistert sein werde.

Und noch einen letzten Hinweis – die Frage, was die Künstlerin uns wohl damit sagen wolle, hat sie selbst beantwortet, in den zur Erzählung gehörenden Frankfurter Poetikvorlesungen 1982. Ich empfehle der geneigten Leserschaft jedoch, diese erst danach zu lesen, wenn denn gewüscnht. Die andere Reihenfolge wollen wir den literaturwissenschaftlichen Seminaren überlassen. 😉

Und so sei denn auch heute auf die

lieferbaren Ausgaben

verwiesen.


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*Putzigerweise begründet er das mit deren mangelnder literarischer Qualität. Was nun aber bekanntermaßen überhaupt kein Kriterium für die Frage nach ewigem Ruhm ist. Schon gar nicht nach Meinung eines Kritikers. Es würde mich hier sogar einmal die Gegenprobe interessieren, nämlich ob das Verdammen durch zeitgenössische Literaturkritiker nicht eher ein Indiz für folgenden Nachruhm ist.
**zitiert aus: Wolf, Christa: Kassandra. Suhrkamp Frankfurt/Main. 1. Aufl. 2008

Das Buch zum Sonntag (105)

Das Buch zum Sonntag (104)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Galsan Tschinag: »Die neun Träume des Dschingis Khan«

Galsan Tschinag ist eine bemerkenswerte Persönlichkeit. Er entstammt einer ethnischen Minderheit in der Mongolei, den Tuwa, bei denen er Stammesoberhaupt ist und in deren Dienst er sein Schreiben, wie auch sein sonstiges Handeln, sieht.
So sind denn seine Werke, die er übrigens auf deutsch verfasst (Tschinag studierte seinerzeit Germanistik in Leipzig), geprägt von der nomadischen Kultur der Tuwa, von den Geschichten, die dort erzählt werden. Das ist an sich nicht überraschend, gilt dies doch für alle Schriftsteller, ist hier aber trotzdem der Erwähnung wert, weil es zumindest für mich einen erheblichen Teil der Faszination ausmacht. Das Fremde, das Andersartige, soweit wir in der Lage sind, es als etwas Neues, Bereicherndes aufzufassen, übt einen starken Reiz aus – denn schließlich, wofür lesen wir, wenn nicht, um eine neue Welt zu entdecken?*
Im heute empfohlenen Buch gibt eine Welt zu entdecken, die aus einer merkwürdigen Mischung aus weitläufiger, weltumspannender, den Einzelnen einhüllender Mystik und kühlet, rationaler und realitätssicherer Pragmatik besteht. Tschinag führt uns zurück in die Zeit Dschingis Khans, der nach einem Unfall schwer verletzt darniederliegt und noch neun Tage zu leben hat. Während dieser neuen Tage erlangt der Leser Einblick in dessen vergangenes Leben, in seine Gedanken- und Gefühlswelt, lernt Weggefährten, Konkurrenten und Feinde kennen.
Beeindruckend finde ich Tschinags Fähigkeit, einen Sog zu erzeugen, der mich nicht losgelassen hat – obwohl nicht viel passiert (was soll schon passieren, Dschingis Khan liegt verletzt in seinem Zelt), konnte ich doch zu keinem Zeitpunkt von dem Buch und seiner Welt lassen. Die Scharf- und Feinsinnigkeit, mit der Tschinag seinen Protagonisten all die kleinen Machtspiele, die natürlich beginnen oder sich verschärfen, während er dort liegt, erkennen lässt, ist beeindruckend und, vor allen Dingen, glaubhaft. Wie sonst sollte jemand wie Temudschin aus so schwierigen Verhältnissen es zu einem Großherrscher schaffen, wenn nicht durch die Fähigkeit, geradezu seismographisch zu spüren, was in seiner Umgebung geschieht?
Und doch steht auch Dschingis Khan in größeren Verhältnissen. So sehr er auch machtpolitisch klug handelt, so sehr er entschieden ist, wo es gilt, zu vernichten, so sehr er auch da taktiert und seine Untergebenen sich gegenseitig ergänzen lässt und so sehr er auch die Glaubenstraditionen zu seinen Zwecken einzusetzen weiß – am Ende seines Lebens muss er sich in neun Träumen doch dem Universum** stellen.
Faszinierend, wie er nach und nach sein ganzes Umfeld im stummen Dialog neu kennenlernt, wie er ihn erkennen lässt, was diese wohl wirklich über ihn dachten, warum sie sich ihm gegenüber so verhielten, wie sie es taten.

Diese neun Träume sind ein langer, weiter und tiefer Weg in das Innere eines Seelenlebens. Eine beeindruckende sprachliche Reise in eine fremde, faszinierende, unerbittliche Welt und einen Dschingis Khan beschreibend, der wohl weit von seinem Mythos entfernt ist, aber vielleicht gerade dadurch ihm näher kommt als es die Geschichtsschreibung je können wird.

Erhältlich ist das Werk in diesen

lieferbaren Ausgaben.


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*Womit ich nicht verhehlen möchte, dass wir als Buchhändler und Verleger nicht zuletzt vom Gegenteil leben. Gäbe es nur Leser, die ständig Neues, Überraschendes, Noch-nie-gelesenes haben wollten, wäre unser Job deutlich spannender (aka stressiger), aber kaufmännisch wohl deutlich schwieriger zu betreiben. So wenig ich es verstehe, wie viele Menschen tatsächlich unbedingt immer wieder dieselbe Geschichte lesen wollen (wenn es geht auch noch vom selben Autor, ansonsten doch bitte von jemandem, der wenigstens „so ähnlich“ schreibt), so sehr schätze ich sie doch als Kunden. Sie machen mir meine Sortimentsexperimente überhaupt erst möglich. Gäbe es diese treue und zuverlässige Käuferschicht nicht, wir sähen doch ganz schön alt aus. Letztlich sind sie es, die treuen Donna-Leon-Leser, die zuverlässigen Zafon-Käufer, die Lucinda-Riley und die Cecilia-Ahern-Fans, die uns am Leben lassen und ohne die keine 1-A-Mieten bezahlbar wären.
**Das klingt seltsam, aber drunter machen es ganzheitliche Weltanschauungen nun mal nicht.

Das Buch zum Sonntag (104)

Das Buch zum Sonntag (103)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Yasmina Reza: »Kunst«

Die Frage, was denn nun Kunst sei, wurde bereits im Buch der letzten Woche durchaus debattiert. In Yasmina Rezas Stück »Kunst« steht diese Frage im Zentrum. Neben der Frage, was eine Freundschaft kann, muss und überhaupt eigentlich ausmacht.
Idealerweise sollte man Theaterstücke ja so wahrnehmen, wie sie gedacht sind: Auf der Bühne. Das geht, im Gegensatz zum zweiten hier empfohlenen Stück, bei »Kunst« recht gut, wird es doch immer wieder gespielt. Ich habe es auch tatsächlich durch eine Aufführung kennengelernt, in die mich mein sehr viel kunstsinniger Bruder mitnahm. Wenn ich mich recht entsinne, war ein Wanderensemble, das seinerzeit in der Moritzbastei Leipzig mit diesem Stück auftrat (ich war übrigens sehr viel mehr von der Leistung der Darsteller eingenommen als mein Bruder – aber wie gesagt, er ist der kunstsinnigere)

Allzu viele Worte möchte ich heute gar nicht verlieren, nur kurz skizzieren, worum es geht.
Wir lernen ein Freundetrio kennen: Serge, Marc und Yvan. Serge hat sich ein Kunstwerk gekauft. Für 200.000 Franc (ja, so alt ist das Stück schon 😉 ). Eine angesagte Galerie, ein angesagter Künstler, ein angemessener Preis.
Das Problem dabei ist – Marc und Yvan erkennen in dem Gemälde rein gar nichts (aus gutem Grund, ich sage nur so viel:

Für mich ist es nicht weiß. Wenn ich sage, für mich, dann meine ich objektiv. Objektiv gesehen ist es nicht weiß.

)

(S. 35)*

und reagieren nun, wie Freunde, Bekannte, der Umkreis gelegentlich reagieren, wenn sie finden, dass wir eine Dummheit begangen haben. Es entfacht sich eine Debatte, die schon sehr bald von der Frage, ob, das was die drei dort betrachten, ein Kunstwerk im Werte eines sechsstelligen Franc-Betrages sei, entfernt.
Reza lässt hier Stück für Stück die Frustrationen, die aus den jeweiligen Lebensentwürfen nebst ihren Abweichungen von den jeweiligen Lebensläufen resultieren, hervortreten.
Können Menschen befreundet sein, die so unterschiedliche Sichtweisen auf das Leben und was in diesem wichtig ist, haben?
Kann eine Freundschaft aushalten, dass der eine große Summen aus reinem Vergnügen ausgibt, während den anderen viel elementarere Geldsorgen plagen?
Kann ich akzeptieren, dass meinem Freund Dinge wichtig sind, die mir völlig egal sind?
Und überhaupt, sind eigentlich mein Leben, mein Lebensentwurf, meine Wertvorstellungen eigentlich nur im Vergleich zu anderen etwas wert?

Die drei haben also einen hübschen Berg abzuarbeiten.
Möglicherweise ist dieses eher frühe Stück nicht ihr elbaoriertestes, nicht ihr schärfstes, nicht ihr bestes Werk – aber ich finde es wirklich großartig, wie sie hier ihre Fähigkeit zeigt, Masken fallen zu lassen, Fassaden niederzureißen, die es uns sonst immer ermöglichen, an der Oberfläche unserer sozialen Interaktion zu bleiben, im Unverbindlichen des täglichen Miteinanders.
Und die Fadenscheinigkeit des Freundschaftsbegriffes auch ganz ohne Herrn Zuckerberg kann man sich nicht oft genug vor Augen führen. Was ist das, ein Freund?
Denkt mal bei der nächsten Aufführung von »Kunst«, die ganz sicher in naher Zukunft auf einer Bühne in eurer Nähe stattfinden wird, mit Frau Reza darüber nach.

Bis dahin kann man sich allerdings auch mit der

lieferbaren Ausgabe

behelfen.

P.S. Bemerke gerade, dass Frau Reza so alt war wie ich jetzt, als sie dieses Stück schrieb. Mhm.


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aus: Reza, Yasmina: »Kunst«. Libelle Verlag. Lengwil am Bodensee. 8. Aufl. 2012

Das Buch zum Sonntag (103)

Wer kuscht hier?

Ich habe mich am Sonntag sehr geärgert. Und am Montag. Und am Dienstag. Und heute.
Über die FAS.
Nun ist das an sich nichts besonderes, seit ich Zeitungen wahrnehme, ärgere ich mich über die Frankfurter Allgemeine – ausgenommen freilich, wenn ich tapezieren wollte. Da offenbart sie ihre wahren Qualitäten.
Die Redaktion dieses Blattes vertritt eben zu häufig Positionen, die ich nicht teile. In den meisten Fällen nehme ich das auch einfach so hin, schließlich bin ich kein Journalist und verdiene mein Geld nicht mit Hintergrundrecherche, Fakten abwägen und dezidierter Positionsbestimmung. Ich bin nur Buchhändler, der in seiner Freizeit auch mal Zeitung liest.
Womit wir beim Punkt wären. Denn im Gegensatz zu so ziemlich allen anderen Themen, bleibe ich in Sachen der durchaus überschaubaren Buchbranche durchaus am Ball und bemühe mich stets um umfangreiche Kenntnis. Das gehört zu meinem Berufsverständnis. Ich muss wissen, was los ist, um richtig agieren zu können. Die FAS nun titelte am Sonntag mit der hübschen Schlagzeile:

Buchhandel kuscht vor WWF

Nachzulesen ist der Artikel hier. Der geneigte Leser erfährt da nun, dass der WWF eine Kanzlei beauftragt hat, gegen Herrn Huismanns „Schwarzbuch WWF“ vorzugehen. Zu diesem Behufe wurden nun Buch- und Großhändler angeschrieben, wohl mit einigem Erfolg – obwohl die Gerichtsverhandlung erst am 15. Juni 2012 ansteht, mithin noch gar keine Rechtsgrundlage vorhanden ist.
Wir erfahren aus dem Artikel, dass „einige Buchhändler“ das Buch aus dem Programm genommen hätten. Namentlich erwähnt werden ausschließlich Thalia, Amazon und Libri. Das genügt für die Frankfurter Allgemeine, dreist zu behaupten, das Buch sei dadurch „praktisch vom Markt verschwunden.“ Als ich das las, platzten mir ein paar Äderchen.
Seit wann, liebe Frankfurter Allgemeine, seit wann sind ein Filialist, ein Großhändler und ein Allesverkäufer „der Buchhandel“? Es gab sicher einige Konzentrationsprozesse in den letzten jahren, aber noch immer besteht „der Buchhandel“ aus tausenden Betrieben, noch immer kommen selbst die zehn größten Filialisten zusammen auf gerade einmal 38% Marktanteil*. Thalia, Amazon und Libri sind im Endkundengeschäft zusammen nicht einmal ein Drittel des Gesamtmarktes. Das wars, das ist alles, was wir über das Verhalten des Buchhandels erfahren. Und wahrscheinlich wohl auch alles, was da recherchiert wurde.
In bester Kampagnanjournalismus-Manier werden dann Politikerzitate eingeholt, die nach dem bewährten Muster „Wenn das so ist, dann ist das aber ganz arg schlimm“ funktionieren, ein paar Konjunktive dazu und schon ist der Pranger-Artikel fertig. Das erwarte ich aus dem Hause Springer, meine Damen und Herren in Frankfurt, aber nicht von einem Blatt, das von sich behauptet, hinter ihm stecke immer ein kluger Kopf.
Richtig ist:
Das Buch wurde von den einschlägigen Großhändlern aus dem Programm genommen.
Richtig ist:
Da diese für einen nicht unerheblichen Teil der Branche die Webshops stellen, macht das einen Onlineeinkauf nicht eben einfacher.
Richtig ist:
Mindestens ein marktrelevanter Filialist führ das Buch nicht.
Richtig ist:
Amazon.de führt das Buch nicht.
Falsch ist:
Das Buch ist vom Markt verschwunden. Und schon gar nicht „praktisch“.

Es kann im örtlichen Buchhandel gekauft werden, zum Beispiel bei Osiander oder auch bei Lehmanns (hier ein Beweisfoto aus Leipzig) und ich bin sicher, bei diversen anderen Buchhändlern auch. Wenn es nicht vorrätig sein sollte, wird es eben bestellt, da es die Großhändler nicht haben, eben beim Verlag. Das ist business as usual und betrifft ganz nebenbei den größten Teil der ca. 1,2 Millionen lieferbaren Titel in Deutschland. Ganz ohne kuschen. „Wer kuscht hier?“ weiterlesen

Wer kuscht hier?

Das Buch zum Sonntag (102)

Es ist Juni. Ein wunderbarer Zeitpunkt für einen Neubeginn. Und passend zur Konstruktion dieses Blogs erfolgt dieser mit einer Buchempfehlung, auf dass ihr, geneigte Lesende dieser Publikation, nicht weiter irrlichternd und suchend durch das weite Meer der Literatur segeln müsst, einen sicheren Kompass, ach was sage ich, einen richtungweisenden Fixpunkt am Firmament, einen Leitstern verzweifelt suchend. Oder so.*

Der Autor des heute empfohlenen Buches war hier gelegentlich bereits Thema (so zum Beispiel in Nummer 94 und Nummer 40 dieser Reihe), ich vermag also eine gewisse Affinität zu seinem Schaffen nicht verleugnen. Allerdings ist diese auch vollkommen begründet, womit es mir völlig gerechtfertigt erscheint, den neuerlichen Neustart dieses Blogs mit ihm zu eröffnen, insbesondere, da erst vor kurzem ein neues Werk von ihm veröffentlicht wurde und so

empfehle ich der geneigten Leserschaft für die morgen beginnende Woche zur Lektüre:

Frank Fischer: Weltmüller

Vexierspiegel. Wenn ich eine Assoziation zu diesem Buch finden sollte, dann wäre es wohl diese.
Drei Reportagen eines preisentkrönten Journalisten namens Frank Fischer, von Begebenheiten handelnd, die in ihrer Absurdität gleichwohl möglich wirken. Ein Buch, das mit allem spielt, mit Wirklichkeitsebenen, mit Reflexionen, mit Wahrnehmungen, mit Erwartungshaltungen. Und wie, zumindest geht es mir so, beim Vexierspiegel der Eindruck entsteht, man müsse nur den richtigen Winkel finden, dann zeige sich die Wirklichkeit in ihrer unverzerrten Form, so drängt sich beim Weltmüller der Gedanke auf, man müsse ihn nur oft genug und mit der richtigen Fragestellung lesen und schon offenbare sich, was die Welt im Innersten zusammen hält. Oder zumindest doch, was eigentlich Kunst ist und welche Rolle sie in der besten der möglichen Welten spielt.
Es sind verschiedenste Lesarten dieses Bravourstücks möglich.
Man kann es als leichte Fingerübung eines talentierten Autors lesen, als intellektuelle Spielerei eines Passionsfeuilletonisten, gut geeignet, der distinguierten Zahnärztin als Geburtstagspräsent zu überreichen – bei all den Namen, die dort auftauchen, wird sie es kaum wagen, das Buch schlecht zu finden.*** Kann man machen.
Man kann es aber auch lesen als Satire auf „den Betrieb“. Auf den Theater- und sonstigen Kunstbetrieb, auf dieses um sich selbst drehende Universum, das stets darauf bedacht zu sein scheint, sich durch Deutungs- und Bedeutungshöhen abzugrenzen vom schnöden Plebs und dabei doch genau diesen, zumindest in seinem bildungsbürgerlichen Gewand, braucht, um die eigene Größe zu demonstrieren. Kann man machen.
Man kann es aber auch lesen als ein Schelmenstück, in dem ein Hamlet mit Tierpflegern und ein Godot mit einer sechsten Rolle oder 192 Tafeln auf dem Leipziger Augustusplatz eine Variation auf Kerkelings „Hurz“ sind, geeignet, das Publikum in seiner Erwartungshaltung vorzuführen, in seiner Sucht danach, sich selbst intellektuell nicht im Abseits zu sehen, alles, was das Etikett „Kunst“ trägt auch interpretieren und verstehen zu wollen – und vor allem auch zu können. Kann man machen.
Und das schöne wäre: Man hätte bei allen diesen Lesarten sein Vergnügen, je nachdem, wo man sich als Lesender selbst verortet.
Es gäbe noch zahlreiche weitere denkbare Lesarten, was für mich einen der größten Reize dieses Buches ausmacht. Die Lesart, die ich jedoch empfehle, wäre die, sich einfach darauf einzulassen. Was vor allen Dingen bedeutet, Fragen zuzulassen. Wer ist dieser Reporter eigentlich – und wieso zum Henker wird ihm ein Journalistenpreis aberkannt, noch dazu für eine Reportage über ein in höchstem Grade öffentliches Ereignis (die versprochene Berichterstattung, zu dessen Gegenstand er nun geworden sein soll, sucht man, zumindest im Buch, vergebens)?
Was ist von Menschen zu halten, der unbescholtene Bewohner entferntester Länder behelligen, nur um das Rätsel einer Inschrift einer Kunstinstallation zu lösen, die sich zudem sowieso im Momente der Erkenntnis wieder verändert?

Und schließlich, die größte aller Fragen, wieso muss ich so viele Worte zu einem Buch verlieren, in dem ein Satz wie

Es ist ja von sich aus interessant, wenn irgendwo irgendwas von irgendwem geschrieben steht.

(S. 58)**

zu lesen ist?
Eben.
Weltmüller ist für mich eines der faszinierendsten Leseerlebnisse der letzten Zeit – hochreferentiell, intertextuell geradezu ein Thanksgivingtruthahn – und doch auch ohne all dies ein exzellent funktionierender Text. Es gibt nur wenige Werke der Literatur, über die sich ähnliches sagen ließe. Ich bin mir sicher, noch eine ganze Weile daran zu sitzen und noch ganz andere Fragen als die oben erwähnten zu klären.
Damit mir das aber gelingt, müsst ihr jetzt alle mal eine der

lieferbaren Ausgaben

kaufen und – vor allem – lesen.

Denn ich muss dringend mal mit jemandem darüber sprechen.


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*Das mit der Bescheidenheit übe ich noch.
**aus: Fischer, Frank: Weltmüller. SuKuLTuR. Berlin 2012
***Genau zu diesem Behufe übrigens habe ich das Buch heute verkauft. 😉

Das Buch zum Sonntag (102)