Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (101)

Für die gestern begonnene Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Frédéric Valin: Randgruppenmitglied

Ich mag es, wenn Literatur Lebensgefühle einzufangen vermag. Das kann in einem großangelegten Panorama geschehen, es können aber auch Miniaturen sein. Solche Miniaturen schrieb Frédéric Valin in dieser Erzählungssammlung. Wie der Titel bereits nahe legt, sind seine Protagonisten nicht unbedingt diejenigen, die im Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens und Interesses stehen. Es sind eher aus den verschiedensten Gründen am Rand stehende, an ihren Ansprüchen, Ideen oder schlicht dem Leben gescheiterte, zweifelnde, ausgestoßene Figuren. Valin ist dabei ein sehr genauer, einfühlsamer Beobachter*, was sich in einer durchaus behutsamen Erzählweise offenbart. Es kracht und scheppert bei Valin nicht, es gibt keine dramatischen Liebesszenen und keinen Streit mit fliegenden Gegenständen mannigfacher Gestalt. Was es aber gibt, ist eine leise Ironie. Und auch wenn ich finde, daß es einen enervierenden Hang der zeitgenössischen Literatur zu einer distanzierenden, alles ironisierenden und damit positionslosen Schreibweise gibt, hier scheint dies nicht zuzutreffen.

Das ist Punk, dachten wir. So wie er, dachten wir. So gut man eben mit vierzehn Punk sein konnte in einer süddeutschen Kleinstadt, also nicht sehr. Ein Freund aus Cottbus hat mir mal erzählt, es hätte bei ihnen nur drei Möglichkeiten gegeben, was man als Teenager hätte sein können: Punk, Nazi oder Hip-Hopper. In einer idyllischen Kleinstadt mit spitzen Kirchtürmen und Lateinleistungskursen, mit den ganzen Audis als Zweitwagen, mit Wäldern und Wiesen, mit Kühen auf der Wide und Ochsen im Rathaus, war das anders. Wir waren so sehr Provinz, wir hatten noch nicht einmal Subkultur.

(S. 77)**

Vielleicht ist eine der nachhaltigsten Wirkungen des Fängers im Roggen, daß es Salinger gelungen ist, aufzuzeigen, welche Verletzlichkeit, welche Berührbarkeit, welche Empfindsamkeit sich hinter einem schnoddrigen Tonfall verbergen kann. Wie wichtig es ist, genau zuzuhören, genau hinzusehen, den gehörten, den gelesenen Worten nachzuspüren. es gibt solche Momente auch bei Valin. So in der Erzählung »Frau Nachtweih wünscht zu sterben«, in der letztlich dem Lesenden zu überlegen bleibt, wen der Protagonisten er alles zur Randgruppe zu zählen gedenkt:

Manche brauchen zwei tage, um zu begreifen, dass das hier das Abstellgleis ist, andere Monate. Je länger einer braucht, desto beschissener geht es ihm. Frau Nachtweih geht es seit drei Monaten sehr beschissen.
Die meisten, die hier ankommen, werden innerhalb eines Monats von ihren Partnern verlassen. Die begreifen viel schneller, dass das hier das Ende der Sackgasse ist. Die haben die Reha mit durchgestanden, weil sie ein schlechtes Gewissen hatten und dachten, das halbe Jahr Zuversicht und Unterstützung sind sie dem anderen schuldig. Die meisten sind allerdings drei Wochen nach der Hirnblutung schon auf irgendwelchen Datingportalen unterwegs. Ist ja auch keine einfache Situation für die Partner, wenn der andere plötzlich statt Hirn nur noch Blutwirst unter der Schädeldecke hat. Das hält man vielleicht ein halbes Jahr aus, und dann ist man froh, wenn man woanders unterkommt.

(S. 16f.)

Frédéric Valin erweist sich als ein Erzähler, der seine Protagonisten kennt, sich einzufühlen vermag und dem Lesenden en passant die eine oder andere Denkaufgabe mit auf den Weg geht. Dieser kleine Band ermöglicht einen Einblick in die Erlebniswelt all jener Figuren modernen urbanen Lebens, die wir in all den Hipster-Trend-Gentrifidingsbums-Diskursen allzu schnell zu vergessen bereit sind und die doch auch Teil genau jener Diskurse sind. Nur eben nicht im Mittelpunkt, sondern eher am Rande – wo sie vielleicht gar nicht hingehören, weil erst Ränder eine Mitte definieren können.

Und ganz unabhängig davon, macht es eben auch einfach Freude, Valin zu lesen. Das sollte eigentlich Grund genug sein, sich umgehend die

lieferbare Ausgabe

zuzulegen.


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*Was sich bemerkenswerter Weise sogar in seinen grandiosen Bundesligaspielberichten widerspiegelt, die er bis 2011 auf Spreeblick veröffentlichte. Auch wenn mich persönlich die Fußball-Bundesliga eher peripher interessiert, die Spielberichte las ich mir immer durch – mit deren Ende flachte das Interesse allerdings auch sofort wieder ab (und meine mühsam erworbene Fachkompetenz gleich mit… 😉 )
**aus: Punk Dead in: Valin, Frédéric: Randgruppenmitglied. Verbrecher Verlag Berlin 2010

Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (101)

Das Buch zum Sonntag (100)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Wolfram von Eschenbach: Parzival

Von meiner Schwäche für Epen war hier gelegentlich ja bereits die Rede. Der Parzival ist mir das bisher liebste.
Es gäbe zur literaturhistorischen Ausnahmestellung des Parzival, insbesondere aber seines Autors, gäbe es viel zu sagen. Und wird es auch. Vieles, was Wolfram verhandelt, ist in seinem Kontext höchst spannend und anspielungsreich und nur zu verstehen, wenn man über einen entsprechenden Kenntnisstand verfügt oder aber es sich erklären läßt – so wie es zum Beispiel Peter Wapnewski in seiner unvergleichlichen Lesung macht. Wäre dies allerdings das einzige, was zum Parzival zu sagen wäre, so wäre dieses Werk in mediävistischen Zirkeln am besten aufgehoben und bräuchte außerhalb derselben niemanden zu tangieren.
Allein, ich bin der festen Überzeugung, daß es auch einen voraussetzungsfreien Zugang zu diesem Epos gibt und ein ebensolcher Lesegenuß sich einzustellen vermag, ganz ohne historische oder germanistische Seminare zu belegen. Nur dann nämlich macht Literatur, Kunst überhaupt, in meinen Augen Sinn: Wenn ich sie voraussetzungslos begreifen und genießen kann. Wobei das so natürlich nicht stimmt, denn Voraussetzungen bringt ein jeder mit, seien sie nun kulturell geprägt oder sonstwie angelernt – ein Neo Rauch sieht ein Bild ganz anders als ich und ein Abraham-a-Sancta-Clara-Forscher wird dessen Werke völlig anders lesen als ich das tun würde und dabei durchaus einen Lesegenuß entwickeln, wo ich nur rätselnd verzweifle. Aber ehe ich mich jetzt in theoretische Überlegungen verrenne, denen ich nicht gewachsen bin, kommen wir doch lieber zum Buch. „Das Buch zum Sonntag (100)“ weiterlesen

Das Buch zum Sonntag (100)