Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (99)

Für die gestern begonnene Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Tomas Tranströmer: Sämtliche Gedichte

Der Buchempfehlungsreigen nähert sich der Dreistelligkeit, höchste Zeit also für einen Lyriker.
Einen Lyriker zudem, das sei an dieser Stelle freimütig bekannt, auf den ich ohne die Zuerkennung des Literatur-Nobelpreises wohl nicht gestoßen wäre. Es waren drei Dinge, die mich bewogen, Tranströmer zu lesen.
Zum einen der Widerwillen gegen die in unzähligen Kommentaren aufwallende „Wasfüreinbekloppteskommitteemitseinenidiotischenentscheidung“-Stimmung – von Leuten, die nie auch nur eine Zeile des soeben Geehrten gelesen hatten. Zum zweiten die immer wieder kolportierte Behauptung, es sei in Schweden durchaus üblich, das eine oder andere Tranströmer-Gedicht auswendig zu kennen. Und zum Dritten diese Zeile:

Das Erwachen ist ein Fallschirmsprung aus dem Traum.

(S. 7)*

Über die ich in einem Tweet stolperte, den ich nicht mehr wiederfinde. Vergänglich ist der Menschen Tun…
Es zeugt nicht unbedingt von Kenntnis, wenn man pauschal das Gesamtwerk eines Autoren empfiehlt. Nunja, ich kenne Tranströmer auch erst seit knapp 2 Monaten, intime Kenntnis zu behaupten, wäre da wenig glaubwürdig. Zudem ist sein Werk auch recht schmal, allzuviel ist seit 1996, das Jahr mit dem diese Zusammenstellung endet, nicht von ihm erschienen und, das scheint mir der spannendere Grund zu sein, es steckt in diesen wenigen Seiten eine erhebliche Menge drin. Es gibt hier einen Lyriker zu entdecken, der immer wieder aufzuzeigen imstande ist, warum man von Dichtkunst spricht. Warum es eben nicht um das epische Beschreiben eines Sonnenuntergangs in hügeliger Steppenlandschaft geht, sondern um das Verkürzen, Verknappen, Verdichten. Den unmittelbaren Eindruck eines Moments, eines Gefühls, eines Gedankens in ebenso unmittelbare Worte zu fassen – das ist Dichten.

Ein Zeitraum
wenige Minuten lang
achtundfünfzig Jahre breit.

Und hinter mir
jenseits der bleischimmernden Wasser
lag die andere Küste
und diejenigen, die herrschten.

Menschen mit Zukunft
statt eines Gesichts.

(S. 229)**

Er scheint mir ein sehr genauer, sehr empfindsamer Beobachter zu sein. Durchaus auch des (politischen/ideologischen) Weltgeschehens, vor allem aber seiner Mitmenschen. „Menschen mit Zukunft/statt eines Gesichts“ – da blitzen Bilder auf, da entstehen Menschen vor dem inneren Auge, die sich nicht treffender beschreiben ließen.
Es überwiegen bei Tranströmer durchaus klassische Lyrikthemen, Politprop sucht man vergebens, auch wenn es immer mal wieder den einen oder anderen Fingerzeig gibt – es geht ihm doch eher um das menschliche Miteinander in durchaus wenig pathetischem Sinne, was ihn mir sehr angenehm macht. Es ist eine eher leise Dichtkunst, die er pflegt.

Während der düsteren Monate saß die Seele zusammengekauert
und leblos,
doch der Leib ging gradenwegs zu dir.
Der Nachthimmel brüllte.
Verstohlen melkten wir den Kosmos und überlebten.

(S. 188)***

Ich bin dem Nobelpreiskomitee dankbar dafür, meinen Blick auf diesen Dichter gelenkt zu haben. Ohne die Entscheidung, ihn in diesem Jahr zu ehren, hätte ich ihn wohl nie entdeckt. Und da hätte ich doch was verpaßt. Wie zum Beispiel diese Stelle hier, die ich abschließend zitieren möchte:

Stille Zimmer.
Die Möbel stehen flugbereit im Mondschein.
Sachte gehe ich in mich selbst hinein
durch einen Wald von leeren Rüstungen.

(S. 190)****

Und auch wenn es übertrieben sein mag, daß jeder Schwede einige Lieblingszeilen Tranströmer zu zitieren vermag – für möglich halte ich es durchaus. Sein Werk gibt das her.

Wer also noch keine Lieblingszeile hat, der möge sich umgehend die

lieferbare Ausgabe

holen.


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*zitiert aus: Präludium (1954). in: Tranströmer, Tomas: Sämtliche Gedichte. Carl Hanser München 1997.
**aus: Nachtbuchblatt (1996)
***aus: Feuergekritzel (1983)
********aus: Postludium (1983)

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