Non Credo.

Vor wenigen Wochen beschlossen die Gesellschafter von Weltbild, also mehrere katholische Diözesen und die Soldatenseelsorge Berlin, das Unternehmen inklusiver aller Beteiligungen schnellstmöglich zu verkaufen.
Irgendwie ist den Bischöfen zu Ohren gekommen, daß man über den Onlineshop von Weltbild Krimis, Thriller, Erotika sowie esoterische und kirchenkritische Bücher kaufen könne. Und das ginge nun mal gar nicht, schon gar nicht, weil man sich ja auf dem Wege der Entweltlichung der Kirche befände, wie ja auch Papst Benedikt unlängst verkündete.
Nun, das mag so sein.
Allein, ich glaube es nicht.
Weltbild war einst ein Spezialbuchhändler und -verlag, wie es sie viele gab. Erst mit dem Strategiewechsel, der in den 90er Jahren sichtbar wurde, wuchs Weltbild in rasantem Tempo zu einem Schwergewicht der Branche heran. Die Vervielfachung des Umsatzes von einigen hunderttausend Mark auf derzeit ca. 1,6 Mrd. Euro in knapp 20 Jahren war selbstverständlich nicht allein mit christlicher Erbauungsliteratur zu erreichen.
Nein, die massive Forcierung des Filialausbaus, der zeitige und massive Einstieg ins Onlinegeschäft und der Wunsch, bei den Großen mitspielen zu dürfen, brachten eine Ausweitung des Sortiments mit sich – womit eben nicht nur Zimmerspringbrunnen, sondern auch Bücher gemeint sind, die nicht auf den ersten Blick zur katholischen Kirche zu passen scheinen.
Das störte über Jahrzehnte niemanden der Entscheidungsträger, so lange die Gewinne sprudelten. Wie sich auch niemand daran zu stören schien, welche Arbeitsbedingungen bei Weltbild herrschten. Die euphemistisch als „Medienverkäufer“ titulierten Mitarbeiter waren zunehmend nicht vom Fach (brauchten es aber auch nicht zu sein, um Regale zu befüllen und Zimmerspringbrunnen aufzubauen bedarf es keiner breitgefächerten Qualifikation), selbstverständlich befristet tätig und immer seltener Vollzeit beschäftigt. Das ist vor allem praktisch, weil man so jeglichen Tarifüberlegungen aus dem Wege gehen konnte (wer keine Buchhändler beschäftigt, selbst wenn sie welche sind, braucht sie auch nicht so zu bezahlen). Es sind keine Sozialleistungen für Mitarbeiter bekannt, die irgendwie an die katholische Soziallehre erinnern würden und mir ist auch nicht zu Ohren gekommen, daß irgendeine Weltbild-Filiale aus weltanschaulichen Gründen auf eine Sonntagsöffnung verzichtet hätte.
Wäre dieser Konzern tatsächlich von der offiziellen Lehre ihrer Gesellschafter geprägt, hätte er keine solch agressive Marktdurchdringung betreiben können und wäre es dennoch gelungen, so stünden sie wohl als leuchtendes Beispiel ethisch vorbildlicher Unternehmensführung in allen Gazetten. Tun sie aber nicht. Weil die katholische Kirche auch hier das getan hat, was sie seit Jahrhunderten besonders gut kann: Wasser predigen und Wein trinken.
In meinen Augen viel wahrscheinlicher ist, daß die negative Entwicklung des Konzerns, sich manifestierend in einem permanenten Abbau von Beschäftigten und dem Rückbau des Filialnetzes (in Wirtschaftseuphemistisch heißt das: Umstrukturierung), weiterhin anhält und die Zukunftsaussichten eher trübe sind – das sind sie nebenbei wirklich, denn die Zeiten für dünn sortierte Bestsellerverkaufsstellen sind hart, für den Kauf der Bestellerliste braucht es heutzutage keinen Laden mehr, das geht problemlos und sehr einfach auch anders, wenn im stationären Buchhandel noch eine Überlebensmöglichkeit besteht, dann am ehesten noch dadurch, daß es dort die Möglichkeit gäbe, anders und anderes zu kaufen, aber das ist ein anderes Thema – so daß man sich entschloss, den Laden zu verkaufen, so lange er noch irgendetwas wert ist. Was ein solcher Schritt übrigens für Unternehmer, die ihre angebliche ethische Verantwortung Ernst nehmen, bedeuten mag, faßt Bernhard Rieger in seinem Offenen Brief, der nebenbei auch auf die bemerkenswerten verdi-Blogs der beteiligten Unternehmen verweist, mal zusammen.
Dies mit weltanschaulichen Gründen zu kommunizieren, ist in meinen Augen einfach nur wohlfeil. Wo waren denn die ethischen Bedenken, als man hunderte Mitarbeiter Knall auf Fall entließ? An eine Entweltlichung der katholischen Kirche mag ich beginnen zu glauben, wenn die Vatikanbank verkauft wird oder man beginnt, seine Mitgliedsbeiträge genauso selbst einzutreiben, wie das jeder andere Verein auch tun muß. Wer sich so vom Staat pampern läßt wie es die römisch-katholische Kirche hierzulande tut, soll mir nicht mit „Entweltlichung“ kommen. Wer derart vielfältige Wirtschaftsunternehmungen betreibt, soll mir nichts von „Entweltlichung“ erzählen. Zumal es höchst bemerkenswert ist, mit der Entweltlichung ausgerechnet da anzufangen, wo es noch einfach und vielfältig möglich wäre, die eigene Botschaft zu vertreiben. Ich erinnere hier nur an die hunderttausendfach verkauften „Volksbibel“ mit ihren Nachfolgern (ich entsinne mich an Immendorf und Papst). Man beginnt also die Entweltlichung der Kirche dort, wo man das Wort der Schrift, nämlich die Botschaft Jesu in die Welt zu tragen, leicht erfüllen könnte? Na, aber sicher doch.

Man sollte sich von geschickt formulierten Pressemitteilungen keinen Sand in die Augen streuen lassen.


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Non Credo.

Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (99)

Für die gestern begonnene Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Tomas Tranströmer: Sämtliche Gedichte

Der Buchempfehlungsreigen nähert sich der Dreistelligkeit, höchste Zeit also für einen Lyriker.
Einen Lyriker zudem, das sei an dieser Stelle freimütig bekannt, auf den ich ohne die Zuerkennung des Literatur-Nobelpreises wohl nicht gestoßen wäre. Es waren drei Dinge, die mich bewogen, Tranströmer zu lesen.
Zum einen der Widerwillen gegen die in unzähligen Kommentaren aufwallende „Wasfüreinbekloppteskommitteemitseinenidiotischenentscheidung“-Stimmung – von Leuten, die nie auch nur eine Zeile des soeben Geehrten gelesen hatten. Zum zweiten die immer wieder kolportierte Behauptung, es sei in Schweden durchaus üblich, das eine oder andere Tranströmer-Gedicht auswendig zu kennen. Und zum Dritten diese Zeile:

Das Erwachen ist ein Fallschirmsprung aus dem Traum.

(S. 7)*

Über die ich in einem Tweet stolperte, den ich nicht mehr wiederfinde. Vergänglich ist der Menschen Tun…
Es zeugt nicht unbedingt von Kenntnis, wenn man pauschal das Gesamtwerk eines Autoren empfiehlt. Nunja, ich kenne Tranströmer auch erst seit knapp 2 Monaten, intime Kenntnis zu behaupten, wäre da wenig glaubwürdig. Zudem ist sein Werk auch recht schmal, allzuviel ist seit 1996, das Jahr mit dem diese Zusammenstellung endet, nicht von ihm erschienen und, das scheint mir der spannendere Grund zu sein, es steckt in diesen wenigen Seiten eine erhebliche Menge drin. Es gibt hier einen Lyriker zu entdecken, der immer wieder aufzuzeigen imstande ist, warum man von Dichtkunst spricht. Warum es eben nicht um das epische Beschreiben eines Sonnenuntergangs in hügeliger Steppenlandschaft geht, sondern um das Verkürzen, Verknappen, Verdichten. Den unmittelbaren Eindruck eines Moments, eines Gefühls, eines Gedankens in ebenso unmittelbare Worte zu fassen – das ist Dichten.

Ein Zeitraum
wenige Minuten lang
achtundfünfzig Jahre breit.

Und hinter mir
jenseits der bleischimmernden Wasser
lag die andere Küste
und diejenigen, die herrschten.

Menschen mit Zukunft
statt eines Gesichts.

(S. 229)**

Er scheint mir ein sehr genauer, sehr empfindsamer Beobachter zu sein. Durchaus auch des (politischen/ideologischen) Weltgeschehens, vor allem aber seiner Mitmenschen. „Menschen mit Zukunft/statt eines Gesichts“ – da blitzen Bilder auf, da entstehen Menschen vor dem inneren Auge, die sich nicht treffender beschreiben ließen.
Es überwiegen bei Tranströmer durchaus klassische Lyrikthemen, Politprop sucht man vergebens, auch wenn es immer mal wieder den einen oder anderen Fingerzeig gibt – es geht ihm doch eher um das menschliche Miteinander in durchaus wenig pathetischem Sinne, was ihn mir sehr angenehm macht. Es ist eine eher leise Dichtkunst, die er pflegt.

Während der düsteren Monate saß die Seele zusammengekauert
und leblos,
doch der Leib ging gradenwegs zu dir.
Der Nachthimmel brüllte.
Verstohlen melkten wir den Kosmos und überlebten.

(S. 188)***

Ich bin dem Nobelpreiskomitee dankbar dafür, meinen Blick auf diesen Dichter gelenkt zu haben. Ohne die Entscheidung, ihn in diesem Jahr zu ehren, hätte ich ihn wohl nie entdeckt. Und da hätte ich doch was verpaßt. Wie zum Beispiel diese Stelle hier, die ich abschließend zitieren möchte:

Stille Zimmer.
Die Möbel stehen flugbereit im Mondschein.
Sachte gehe ich in mich selbst hinein
durch einen Wald von leeren Rüstungen.

(S. 190)****

Und auch wenn es übertrieben sein mag, daß jeder Schwede einige Lieblingszeilen Tranströmer zu zitieren vermag – für möglich halte ich es durchaus. Sein Werk gibt das her.

Wer also noch keine Lieblingszeile hat, der möge sich umgehend die

lieferbare Ausgabe

holen.


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*zitiert aus: Präludium (1954). in: Tranströmer, Tomas: Sämtliche Gedichte. Carl Hanser München 1997.
**aus: Nachtbuchblatt (1996)
***aus: Feuergekritzel (1983)
********aus: Postludium (1983)

Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (99)