Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (97)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Florian Meimberg: Auf die Länge kommt es an.

Die Geschichte der Literatur ist auch eine Geschichte der formalen Experimente – und dabei vor allem der formalen Beschränkungen. Ob Hexameter, Stabreim oder Sonett – es wurde auf allen Feldern und in allen Bereichen nach formalen Kriterien gesucht, die ein literarisches Kunstwerk als besonders gelungen erscheinen lassen. Und auch wenn die Moderne mit all dem aufräumen wollte, es gab und gibt immer Gegenbewegungen. Mag sie auch als getarnt als Zeitlimit im sonst so freien Poetry Slam auftauchen, die künstliche Beschränkung hatte immer ihren Reiz, fordert sie doch den Schaffenden heraus.
Als Herausforderung begreift denn auch Florian Meimberg die 140-Zeichen-Beschränkung des Microblogginganbieters Twitter für die über ihn versendeten Botschaften. „Sehr kurze Geschichten“ nennt er das, was in diesem Band zu lesen ist (und bei seinem Twitteraccount). Und in der Tat, das sind sie: Sehr kurz. Um in 140 Zeichen eine vollständige Geschichte zu erzählen, bedarf es neben eines Höchstmaßes an Reduktion jedoch gleichzeitig auch der Mithilfe des Lesers, in dessen Kopf die fehlenden Bilder ergänzt werden. Das ist höchst reizvoll, wenn es wirklich gelingt, können sich Kaskaden von Bildern ergeben, Stoffe für ganze Epen. Oder auch einfach nur überraschend, pointiert – nicht selten böse.

Shiro hasste seinen Chef. Was für eine sinnlose Dienstreise! Wütend starrte er auf das Zugticket. Hiroshima-Osaka. 5.8. 1945

(S. 113)*

Zac tobte. In der Klapse? Er? Brüllend schlug er gegen das Sicherheitsglas. Und verharrte. Den Mann in der matten Reflexion kannte er nicht.

(S. 129)

Das mit der Wiedergeburt hatte sich Kate irgendwie anders vorgestellt. Epischer. Träge schwappte das Wasser an die Wand des Goldfischglases.

(S. 141)

Meimberg ist hauptberuflich Werber und könnte ich ihn bezahlen, würde ich mir von ihm Werbefilme drehen lassen. In kürzester Zeit eine Geschichte zu erzählen, kann er ganz offenkundig. Natürlich sind die dramaturgischen Mittel bei einer derartigen Verkürzung des Raumes beschränkt. Und so sei für die Lektüre dieses Bandes dringend noch einmal meine Empfehlung für Anthologien jeglicher Art wiederholt: Möglichst nicht am Stück lesen. Es empfiehlt sich, immer dem einzelnen Text Zeit und Raum zur Wirkung zu geben. Das ist nicht nur fair jedem neuen Text gegenüber, es wird so auch die Gefahr verringert, durch einfachen Überdruß sich um ein Leseerlebnis zu bringen. Die Tiny Tales sind eher ein Buch, das man immer mal wieder an irgendeiner Stelle aufschlagen kann, um dort eine Perle zu entdecken. Das erscheint mir auch etwas angemessener als die thematische Sortierung des Bandes, die Redundanzen nicht gerade verhindert. Womit freilich keine Ausrede geliefert werden soll, auf die Anschaffung der

lieferbaren Ausgabe

zu verzichten.

Einen habe ich noch:

Er blickte in die leeren Mienen der jungen Krieger. Seiner Privatarmee. Das Signal ertönte. Große Pause. Die 5b war jetzt bereit.

(S. 126)


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*aus: Meimberg, Florian: Auf die Länge kommt es an. Fischer Taschenbuch. Frankfurt/Main 2011

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