Die schönen Feindbilder

Meine Kindheitssozialisation fand in der DDR statt, deren Ende ziemlich genau mit dem Ende jener Entwicklungsphase zusammenfiel. Eine kritische Auseinandersetzung mit dem existierenden Arbeiter- und Bauernstaat fand für mich daher nicht statt. Was aber nicht weiter dramatisch ist, ich hätte wohl kaum historische Wissenschaften studiert, wäre ich davon überzeugt, man könne nur aus dem eigenen (Er-)Leben wichtige Erkenntnisse ziehen.
Sehr wohl aber wirken einige Dinge nach, wie das bei Kindheitserlebnissen ja häufiger der Fall ist. So habe ich zum Beispiel einen durchaus romantischen Hang zu revolutionären Bewegungen. Wer gegen das System ist (egal welches, Hauptsache System, ein reiner Tyrannenmord umd Kalif anstelle des Kalifen zu werden, langweilt nur und entbehrt außerdem jeglichen revolutionären Flairs), hat erstmal meine Sympathien.
Unglücklicherweise aber scheinen nur wenige Revolutionäre sich intensiv mit den Erkenntnissen der historischen Disziplinen zu beschäftigen – was verständlich ist, so ein Revolutionärsalltag ist ja reichlich gefüllt mit Gedanken über die künftige Ordnung der Welt und wie diese zu erreichen sei, da bleibt kaum Zeit, sich mit längst überwundenen Systemen zu beschäftigen (siehe hierzu das maßgebliche Werk zum Thema) – so wiederholen sich denn auch immer wieder dieselben Muster. Und am Ende ist dann doch meist einfach nur jemand Kalif anstelle des Kalifen. Aber darüber wollte ich gar nicht schreiben, die Revolutionsmetapher kam mir wahrscheinlich auch eher wegen aktueller Ereignisse anderswo in den Sinn. Denn Revoluzzer sind die Kollegen von Anonymous ja wohl kaum, die es für eine gute Idee hielten, Herrn Uhls Website zu übernehmen.
Jean-Paul Sartre wird der Satz Wer die Dummköpfe gegen sich hat, verdient Vertrauen. zugeschrieben* und dem stimme ich durchaus zu. Allein, ich frage mich doch ernsthaft: Kinners, was soll das?
Mal ganz unabhängig davon, daß es mir merkwürdig erscheint, gegen einen ungerechtfertigten Zugriff auf fremde Rechnerstrukturen mit einem Angriff auf fremde Rechnerstrukturen zu antworten: Was soll das bringen? Herrn Uhl zum Umdenken bewegen?
Dann hätte man kaum ein ungeeigneteres Mittel wählen können. Denn nun wird dessen Weltbild geradezu zementiert, wird ihm unmittelbar vor Augen geführt, wie unglaublich raffiniert die Computer der bösern Kriminellen tatsächlich sind. Und wie leicht sie Schaden anzurichten in der Lage sind – mithin: Daß die Gefahr noch viel größer ist als er bisher annahm. So macht man sich Feinde. Erbitterte Feinde. Da wurde jemand, der sich, berechtigt oder nicht, für ein bedeutendes Mitglied dieser Gesellschaft hält, öffentlich bloß gestellt – das wird er nie vergessen. Eventuell doch noch aufkommenden Überlegungen zu einer den Gegebenheiten der Zeit angemessenen Politik wird Herr Uhl also einiges entgegensetzen.
Politisch klug war das also nicht. War aber wohl auch nicht das Ziel. Aber was dann? Eine witzige Aktion? Es ist witzig, jemandem die Kontrolle über seine Website zu entziehen? Ist es das, ja? Warum aber ist der Trojaner dann ein Problem? Vielleicht haben die in Bayern einfach nur einen ähnlichen Humor?
Wenn man im Namen eines höheren Prinzips oder einer edlen Sache unterwegs ist, dann sollte man wenigstens selbst sich auch in den Dienst desselben stellen. Wer die Integrität des eigenen digitalen Raums für unverletztlich hält, sollte doch in der Lage sein, sie auch selbst zu respektieren. Es mag ja sein, daß die Hackerfreunde dort einfach nur Aufmekrsamkeit wollten, aber die kurzfristig denkende Schadenfreude in den Reaktionen auf diese Aktion hat mich doch sehr befremdet. Ich weiß nicht, wieviele der hämisch oder amüsiert kommentierenden Beobachter ebenso reagiert hätten, handelte es sich um ihre eigene, vielleicht nicht nur aus Urlaubsdias bestehende Webpräsenz, die zerlegt wird – einfach nur, weil ein paar Leuten die politischen Ansichten nicht in den Kram passen. Wenn das lustig ist, bin ich raus.

Ich habe keine Sympathien für Leute, die sinnfrei einfach nur zerstören, weil sie es können.
In Hannes Waders epischem „Tankerkönig“ ist das lyrische Ich nach einigen recht umfassenden und nicht gewaltfreien Aktionen gegen einzelne Repräsentanten des bösen Systems in einer Sinnkrise und ruft im Rahmen einer spiritistischen Sitzung den Oberrevolutionär des 20. Jahrhunderts um Rat an:

„So, wer von euch ist hier der Ober-Druide? Macht mir mal ne Verbindung mit Ché Guevara, ich möchte jetzt endlich mal mit einem vernünftigen Menschen reden.
Erst wussten die gar nicht so richtig, wen ich da meinte, gaben sich aber sehr viel Mühe und endlich knackte es in der Leitung und ich hörte Ché Guevaras Stimme „Was wollt ihr von mir?“ Ich sagte wer ich war und was ich angerichtet hatte und dass ich einen Rat brauchte Und die Stimmer fragte mich etwas ärgerlich, was das denn sollte und ob ich denn noch nie was von organisiertem Klassenkampf gehört hätte Ich sagte nee, hätte ich nicht Die Stimme schwieg einen Augenblick und sprach dann wesentlich freundlicher und tröstender weiter: ja da wäre mir nur sehr schwer zu helfen, ich wäre krank und ich sollte mal am besten zum Psychoanalytiker gehen.

**

Es wird also nichts bleiben als das Zementieren bereits vorhandener Feindbilder. Der doof Herr Uhl da, das böse Internet, in dem ständig kriminellste Handlungen geboren werden, dort. Einen Anlaß, eigene Positionen und Überzeugungen zu hinterfragen, haben beide Seiten so jedenfalls nicht gewonnen. Und ich kann mich des Gefühles nicht erwehren, daß etwas anderes auch gar nicht Ziel der ganzen Angelegenheit war.


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**Den ganzen Text gibt es hier, eine Aufnahme dort.

*Ich habe jetzt auf die Schnelle keinen Beleg gefunden, wenn hier der Schwarm etwas anzubieten hat…

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