Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (95)

Für die gestern begonnene Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Jerome David Salinger: Der Fänger im Roggen

„Ein jegliches hat seine Zeit“ (Prediger 8,1). Das gilt im Besonderen für Coming-of-Age-Romane. Zum richtigen Zeitpunkt gelesen, können diese geradezu offenbarische Wirkung haben, vermag der oder die Lesende das eigene Gefühlschaos, die wirren Gedanken, das Unbehagen an der Welt endlich einmal niedergeschrieben, in Worte gefasst sehen. Ein glühendes „Ja, so ist es!“ mag dann hervorgerufen werden. Und nicht selten stehen Menschen anderer Lebensalter dieser Begeisterung verständnislos gegenüber. Oder, was wahrscheinlich noch schlimmer ist, wissend erhaben lächelnd.
Es bedarf also einiges Können und vor allem auch einiges an weitergehender Aussagefähigkeit, um die Grenzen des Genres zu überwinden. Befragt man die glühenden Verehrer Salingers nach dem Alter ihrer Erstlektüre werden denn auch selten Zahlen >20 genannt. Ich selber las ihn denn auch erst kürzlich (ungläubiges Staunen, ein Raunen geht durchs Publikum), hatte ich bisher dem Druck der Peer-Group widerstanden („Wie, Du hast den noch nicht gelesen?“*), wurde mir das Buch tückischerweise von einer mir sehr lieben Freundin geschenkt – und nun ja, da konnte ich ja nicht anders.
Es gibt manchmal Kunstwerke, bei denen man spürt, daß sie verdammt gut sind und trotzdem gelingt es nicht, sie zu mögen. Das Herz will sich nicht öffnen. Mir geht das zum Beispiel bei Bob-Dylan-Songs so, zumindest, wenn sie von Bob Dylan gesungen werden. Ich merke, das sind starke Sachen, aber diese enervierende Stimme regt mich auf. Das ist irgendwie schade, aber zum Glück wurden ja einige Sachen gecovert.
Es ging mir bei der Lektüre des Fänger im Roggen streckenweise ähnlich – irgendwie nerven der schnoddrige Tonfall und die ständigen Jugendfloskeln („und so“) schon ein wenig. Mich zumindest. Gleichzeitig aber machen diese Stilmittel Sinn, gehören geradezu herein. Vielleicht liegt es auch daran, daß Heranwachsende ganz generell auf sich bereits für erwachsen haltende Menschen einfach enervierend wirken. Durch ihre Art, die Welt zu sehen, durch ihre merkwürdige Ausdrucksweise, ihre Gedankensprünge bei gleichzeitigem Hang zur Monothematik (Sex, nur gelegentlich unterbrochen von Gedanken zum Weltfrieden). Dies aber zeichnet Salinger ganz großartig.

Der gute Luce. War das ein Typ. Als ich an der Whooton war, sollte er eigentlich mein Studienberater sein. Aber eigentlich redete er bloß immer über Sex und so, nachts, wenn ein Haufen Typen bei ihm im Zimmer war. Er wusste einiges über Sex, besonders über Perverse und so. Er erzählte uns immer von einer Menge gruseliger Typen, die was mit Schafen haben, und Typen, die sich eine Mädchenunterhose in ihren Hut genäht haben. und Homos und Lesbierinnen. Der gute Luce wusste genau, wer in den Vereinigten Staaten Homo und wer Lesbierin war. Man brauchte nur jemanden – egal wen – zu erwähnen, und der gute Luce sagte einem, ob der ein Homo war oder nicht.

(S. 184)**

Diesen Luce nun trifft er eines Abends in New York wieder. Und dise Anschlußszene ist bemerkenswert:

»He, ich hab ’n Homo für dich«, sagte ich zu ihm. »Am Ende der Bar. Sieh jetzt nicht hin. Den hab ich für dich aufgehoben.«
»Sehr komisch«, sagte er. »Der gute alte Caulfield. Wann wirst du endlich erwachsen?«
Ich langweilte ihn ziemlich. Wirklich. Aber ich fand ihn lustig. Er ghörte zu den Typen, die ich ziemlich lustig finde.
»Was macht dein Sexleben?«, fragte ich ihn. Er konnte es niht ausstehen, wenn man ihn solchen Kram fragte.
»Entspann dich«, sagte er.»Versuch dich einfach mal zu entspannen, Herrgott.«
»Ich bin entspannt.«, sagte ich.»Was macht die Columbia? Gut da?«
»Sicher ist es gut da. Wenn’s da nicht gut wär, dann wäre ich gar nicht hin«, sagte er. Er konnte manchmal auch selber ganz schön langweilig sein.
»Was macht’n als Hauptfach?«, fragte ich ihn.»Perverse?«
»Was soll’n das sein – komisch?«

(S. 185f.)

Ein Dokument des gegenseitigen Unverständnisses. Mir öffneten sich da sofort Assoziationen zu duchaus ähnlichen Szenen. Es ist schon bemerkenswert, wie schnell man einander nicht mehr verstehen kann, wie Szenarien, die vor kurzem noch funktionierten, das auf einmal nicht mehr tun, weil sich die Beteiligten spürbar veränderten. Luce ist nicht mehr der strahlende Alleinunterhalter, der Jüngere mit seinem profunden Geheimwissen beeindrucken möchte – dieser Teil seines Lebens scheint ihm eher peinlich geworden. Und da kommt dann so ein Grünschnabel und konfrontiert ihn mit dem Bild, das er von ihm hat. Mit solchen Szenen hebt sich für mich Salinger über die Grenzen des Coming-of-Age hinaus. Das ist durchaus mehr als nur eine Identifikationsmöglichkeit für junge Menschen auf der Suche nach ihrem Platz im Leben (obwohl es das natürlich auch und vielleicht sogar vorrangig ist).

Salingers Holden Caulfield, notorischer Kandidat für Schulverweise, weigert sich, die Weltsicht anzunehmen, die ihm von offizeller, erwachsener Seite aufgezwungen werden soll. Er will nicht zu den angepassten, durckmäuserischen, aufschneiderischen Heuchlern gehören, die ihn auf den verschiedenen Privatschulen, die er erleben durfte, begegnen, gehören und die schon genau so sind, wie angepassten, duckmäuserischen, aufschneiderischen Heuchler, als welche sich ihm die Erwachsenen darstellen. Er ist auf der Suche nach Wahrhaftigkeit, nach ernsten, tiefen Gefühlen, nach einem Leben, das sich nicht verstellt, nicht verbiegt (und geht aber trotzdem mit einer hübschen, jedoch hohlen Nuss aus – man hat es nicht leicht***). Und entlarvt dabei all die Hohlheit, die Schauspielerei, die Heuchelei, die wir tagtäglich begehen, weil wir meinen, dies tun zu müssen, weil wir »endlich erwachsen« geworden sind. Diese Notwendigkeit stellt Caulfield radikal in Frage. Er ist enttäuscht von seinem Bruder, der sein schriftstellerisches Talent an hohle Hollywoodfilme verkauft hat, empfindet seine Eltern eher als hohle Gestalten denn als lebendige Menschen und ist beeindruckt von zwei Nonnen, die konsequent ihrer Überzeugung und ihrer Weltsicht folgen.
Holden bleibt in seiner ganzen nervigen Teenagerhaftigkeit, mit der ganzen Gefühlspalette, die von tiefstem Selbstzweifel bis zum Größenwahn reicht, aber eine höchst liebenswerte Figur. Das zeigt sich an vielen Stellen (zum Beispiel in seinem rührend unbedarften, aber integrem Verhalten einer Prostituierten gegenüber), ganz besonders aber in den Szenen, in denen es um seine Schwester geht. Phoebe ist vielleicht eine der rührendsten Gestalten, die mir bisher in meiner Lektüre begegneten. Und so möchte ich schließen mit der Szene, in der denn auch ich meinen Identifikationsmoment mit Holden Caulfield hatte:

Alle Eltern und Mütter und alle liefen zum Karussell und stellten sich unters Dach, damit sie nicht bis auf die Haut nass wurden oder was, aber ich blieb noch eine ganze Weile auf der Bank sitzen. Ich wurde richtig quietschnass, besonders der Kragen und die Hose. Meine Jägermütze gab mir irgendwie eine ganze Menge Schutz, aber trotzdem wurde ich patschnass. Aber das war mir egal. Ich war auf einmal so verdammt glücklich, als die gute Phoebe da immer im Kreis fuhr. Fast hätte ich geheult, so verdammt glücklich war ich, wenn ihr’s genau wissen wollt. Warum, weiß ich nicht. Sie sah einfach nur so verdammt nett aus, wie sie da in ihrem blauen Mantel und so immer im Kreis fuhr. Gott, ich wünschte, ihr hättet auch da sein können.

(S. 268)

Und mit diesem rührenden Moment möchte ich auf die

lieferbaren Ausgaben

verweisen.


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*Wobei sich damit ja auch kokettieren läßt. Immerhin macht solch deviantes Verhalten ja auch interessant…
**zitiert nach: Salinger, J.D.: Der Fänger im Roggen. neu übersetzt von Eike Schönfeld. Rowohlt TB. 12. Aufl. 2010.
***auch dies übrigens eine großartige Szene gegenseitigen Unverständnisses.

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