D-Klasse

In seiner Rezension zu Leon de Winters Roman „Leo Kaplan“ prägte Martin Ebel in der FAZ eines der branchenweit bekanntesten Verlags-Bonmots, auf das heute jeder Beitrag über den Diogenes-Verlag rekurrieren muß: „Auf dem deutschsprachigen Markt liegt es daher nahe, neben der E- und der U- eine D-Klasse zu schaffen, benannt nach dem Diogenes-Verlag“
Führte man eine Umfrage im deutschsprachigen Buchhandel nach dem unter Buchhändlern beliebtesten Verlag durch – spannend wäre wohl nur die Frage nach Platz 2.
Ich kann zu Daniel Keel selbst, der am Dienstag im Alter von 80 Jahren verstarb, nicht viel sagen – ich habe ihn schließlich nie kennengelernt. Um erschöpfend über die Geschichte seines Verlages berichten zu können, fehlt mir das Wissen, es erscheint mir auch unnötig, haben dies doch andere bereits getan. Aber es drängt mich, dieses Ereignis nicht unkommentiert zu lassen.
André Schiffrin beobachtete bereits vor vielen Jahren eine Entwicklung, die auch hierzulande zu beobachten war und ist: Das Verschwinden der Verleger. Verlage ohne Verleger agieren anders. Wo man als angestellter Mitarbeiter diversen Gesellschaftern und Anteilseignern rechenschaftspflichtig ist, wird über Risiken und Erfolgsaussichten völlig anders nachgedacht. Doch genau das macht eben Verlage sympathisch, die noch erkennbar die Handschrift ihres Verlegers tragen. Wo Bücher gemacht werden, weil der Verleger diese Bücher machen will. Bei Diogenes erschien vor wenigen Jahren eine großangelegte Alfred-Andersch-Ausgabe aus keinem anderen Grund als dem, daß dies so gewollt war. Rentiert hat die sich nie, wenn sie jemals dreistellige Verkauszahlen erzielt haben sollte, darf man das als großen Erfolg feiern – aber es sind solche Geschichten, die einem Verlag ein Gesicht, ein Profil, eine Erkennbarkeit geben, die aus ihm mehr machen als ein Medienunternehmen, sondern eher zu einer Heimat für seine Autoren. Daß Daniel Keel dies grandios gelungen ist, davon zeugen die Aussagen seiner Autoren über ihn. Mit dem seinerzeit (und wohl bei so manchem auch heute noch) irrsinnig wirkenden Anspruch angetreten, daß Literatur, gerade wenn sie gehaltvoll ist, bitte schön auch lesbar sein könne und solle, hat Diogenes erheblichen Einfluß auf den deutschen Buchmarkt ausgeübt – im Kreise der konzernfreien Verlage wohl nur noch vergleichbar mit Suhrkamp – und sich dabei eine Stellung erworben, die es erlaubte, einer Auslistung bei amazon entgegenzustehen, weil man sich deren Konditionendiktat nicht unterwerfen wollte. Daniel Keel und der Diogenes-Verlag hatten immer meine Bewunderung, weil es dort gelang, mit dem Lotteriespiel, das Bücher verlegen immer ist, auch noch erfolgreich zu sein. Nun, keineswegs von Anfang an in einem Maße, der sorgenfrei in die ferne Zukunft blicken ließe. Diogenesbücher sind mein bevorzugtes Beispiel zur Erklärung des etwas aus der Mode kommenden Begriffs der „Bindequote“:
Ein Buch, als physische Einheit, besteht, um es mal ganz grob zu fassen, im Wesentlichen aus zwei Teilen, dem Buchblock und dem Einband. Da Verlegen Lotteriespielen ist, plant und schätzt man zwar die erwartbar sinnvolle Auflagenhöhe, weiß es aber nie genau*. Um nun die eigene Liquidität nicht zu sehr in Gefahr zu bringen, gleichzeitig aber in der Lage zu sein, gegebenenfalls schnell auf eine ansteigende Nachfrage reagieren zu können, hat man nur einen Teil der gedruckten Auflage mit einem Einband versehen und die übrigen Buchblöcke eingelagert.**
Hier hatte man in Zürich nun eine großertige Idee. Trotz umsatzstarker Autoren wie Dürrenmatt oder Loriot wandelte man bei Diogenes lange auf einem schmalen Grat, so daß Liquidität durchaus ein zu besprechendes Thema war. Also wurde entschieden, anstatt zwei verschiedene Buchblöcke für die Hardcover und die Taschenbuchausgabe zu produzieren und damit auch doppelte Satzkosten zu haben, gab es die leinengebundene Originalausgabe (ja früher™ erschienen Originalausgaben noch gebunden und waren Taschenbücher reine Zweitverwertung) gleich im Taschenbuchformat. Das gab Diogenestiteln auch äußerlich eine gewisse Eigenart. Sollte man sich also bei der Auflagenhöhe für die Erstausgabe verschätzt haben, braucht man wenigstens nicht neu drucken fürs Taschenbuch. Andernfalls hat man sich auf jeden Fall die Satzkosten gespart. Aus der Not eine Tugend machen nennt das der Volksmund, Schwächen in Stärken verwandeln sagt der Personal Coach dazu und läßt sich üppig bezahlen. Die betriebswirtschaftliche Notwendigkeit dafür entfiel erst in den achtziger Jahren, als mit Süskinds Parfum der Begriff Bestseller für den deutschen Markt völlig neu definiert wurde.***

Aber all das erklärt noch nicht wirklich den Charme, mit dem es Diogenes-Büchern gelang einen ganzen Berufsstand um den Finger zu wickeln. Ein Charme, der es ermöglicht, ganze Werbeetats zu streichen, weil BuchhändlerInnen diese Bücher verkaufen wollen, sich in einem Maße engagieren, das den Effekt ganzer Plakataktionen ersetzt. Letztlich weiß ich es auch nicht, mir fehlen da die passenden soziologischen Untersuchungen, aber da andererseits dieses Blog mit dem Anspruch angetreten ist, auf eine ausreichende empirische Datenbasis zu verzichten, wage ich einfach mal zu behaupten:
Das Geheimnis des Erfolges von Diogenes ist die spürbare Seele des Verlages, die unbändige Lust darauf, neues zu wagen und zu entdecken, an Autoren zu glauben und sie mit Leidenschaft zu vertreten – kurz: Es ist die Persönlichkeit des Verlegers, die in seinem Programm zum Ausdruck kommt. Es war und ist mir immer eine Freude, es ist das halbjährliche Highlight, wenn die neue Diogenesvorschau eintrifft, es ist damit immer eine kribbelnde Vorfreude verbunden, welche Entdeckungen es dieses Mal zu machen gilt. Man fühlt sich immer ein bißchen wie ein Kind bei der Bescherung, schlägt man die erste Seite auf – und für diese Freude an meinem Beruf, für all die Stunden mit einem kleinen weißen Buch, auf dem ein schlichtes d den Rücken zierte, für all die wunderbaren Entdeckungen, für die anhaltende Lust, Bücher zu machen, weil sie einfach gut sind und den Glauben daran, daß es Buchhändler und Leser gibt, die nicht nach Marktlage, sondern nach Lust und Laune kaufen und auch noch zueinander finden mögen, letztlich also für das Gefühl, als Leser ernst genommen zu werden – dafür möchte ich Daniel Keel danken.

Ich möchte aber nicht schließen, ohne noch auf ein Buch hinzuweisen, nämlich den höchst erquicklichen Band mit Autorenbriefen an Daniel Keel, der sich hier

lieferbar

findet.

P.S. Diogenes-Cover mit ihren kunsthistorischen Referenzen haben bei mir übrigens manchmal den bemerkenswerten Effekt, daß nach langjähriger Berufstätigkeit inzwischen der Buchtitel den Werktitel überlagert. Matisse´ »Blaue Dame« zum Beispiel ist für mich immer vorrangig Leon de Winters »Malibu«. Erst im zweiten Gedankengang taucht Matisse Name im vorderen Stirnlappen auf.
P.P.S. Im Übrigen wünsche ich dem Verlag, daß ihm eine Frau Ulla ersprart bleibt. *hüstel*


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*Man kann da sehr irren. Die 500 Exemplare Startauflage, die Bloomsbury für Harry Potter I vorsah, waren zum Beispiel deutlich zu wenig, wie sich herausstellte. Sehr viel häufiger jedoch verschätzt man sich in die Gegenrichtung – die Beispiele hierfür finden sich regelmäßig auf der 1-Euro-Liste bei Weltbild…
**Mit den technischen Entwicklungen der Drucktechnik in den letzten Jahrzehnten ist diese schöne Tradition allerdings weitgehend außer Gebrauch geraten. Als Meldenummer für Lieferhindernisse vegetiert sie aber noch vor sich hin.
***Ich gönne Verlegern einen solchen Glücksfall aus tiefstem Herzen. Zum einen weil so die eine oder andere Sorge in Sachen Lebensabend verschwinden mag (Lutz von Schulenburg, der Verleger der edition Nautilus, die seit fast 4 Jahrzehnten unverdrossen Revolutionsliteratur verlegen, meinte nach dem Erfolg von Tannöd, seine Frau und er bräuchten sich nun keine Gedanken über die Rente mehr machen – was ich mit einer Mischung aus Rührung und Erschrecken zur Kenntnis nahm, bedeutete es ja schließlich, daß sie sich diese Gedanken bis dahin machen mussten) und zum anderen, weil so natürlich ganz andere Möglichkeiten bestehen, auf einmal das Spektrum der verlegerischen Möglichkeiten wächst, auf einmal ganz andere Bücher möglich werden…

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