Das Buch zum Sonntag (94)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Frank Fischer: Der Louvre in 20 Minuten

Die UNESCO definiert ein Buch als eine nichtperiodische Publikation mit 49 oder mehr Seiten Umfang.
Demnach wäre das heute zu empfehlende Werk kein Buch. Nun ist der Verfasser dieser Zeilen ja hauptberuflich Buchhändler und im Buchhandel gibt es (unter anderem, dies sei der Fairness halber erwähnt) die äußerst pragmatische Definition »Ein Buch ist alles, was eine ISBN hat.«, an welche ich mich denn heute auch einmal halten möchte.
Der Titel von Frank Fischers neuestem Streich ist in doppelter Hinsicht programmtisch. Zum einen beschreibt er das wahnwitzige Projekt der Protagonisten des Werkes, nämlich den Louvre in 20 Minuten, wenn nicht vollständig, so doch erschöpfend, zu durchqueren – zum anderen dauert die lesende Begleitung der Kunsttouristen auch kaum länger als 20 Minuten. Man befindet sich sozusagen im Gleichklang mit der beschriebenen Handlung – und die rast von Anfang an:

… stürmen wir den Denon-Flügel, überwinden die ersten Stufen, springen die Wendeltreppen hinauf in den Salle du Manège und von da aus sofort weiter in die Galerie Michel-Ange, ziehen dort im Slalom um ein paar Skulpturen herum und halten dann zum ersten Mal. Vor uns steht Michelangelos »Sterbender Sklave« (1513-1516), dessen Körper auf die schönste Weise vom Morgenlicht beschienen wird. Sébastien2000, unser sicher nicht ganz legal arbeitender Hochgeschindigkeitsmusemsführer, erläutert laut und schnell die berühmten Verrenkungen der Figuren.

(S. 3)*

Eine solche Tour de force durch die europäische Kunstgeschichte ist naturgemäß hochselektiv, offenbart dabei aber auf deutliche Weise die Willkür einer jeden Kanonisierung. So mag ich das Buch denn auch nicht wegen seiner profunden Einführung in zentrale Kunstepochen und deren Vertreter empfehlen, sondern eher wegen Fischers Fähigkeit zur Miniatur, zur pointierten Charakterisierung. Das Büchlein ist ein Kaleidoskop glitzernder Perlen, bei deren Betrachtung geradezu kindliche Freude aufkommt. Das trifft nicht nur auf seine Begleiter und im Vorbeiziehen aufscheinende andere Besucher zu, sondern durchaus auch auf seine Beschreibungen, die vor selten verwandten Neologismen keinen Halt machen, wenn sie denn den Punkt treffen:

Die nächsten Kommandos von Sèbastien dirigieren uns in die Helligkeit des Folgesaals, den Salon Carré. Bereits dessen Decke ist üppig zugekunstet, aber wir widmen uns dezidiert einer »Jungfrau mit Kind« von Cimabue (um 1280), während ich hinter mir jemanden sagen höre: »This is just like in the Sistine Chapel.« Was jetzt genau hier in diesem Saal wie dort in der Kapelle sein soll, kann ich nicht heraushören, aber ich muss an Leute denken, die in Zürich sind und sich an London erinnert fühlen oder an Cottbus.

(S. 6)

Mit diesen wenigen Sätzen entstehen doch gleich ganze Bilder, sowohl von der Einrichtung als auch von den Mitanwesenden…
Und so geht es munter weiter, 20 Minuten lang, bis sowohl Reisegruppe als auch Lesender, je nach Kondition leicht bis mittelmäßig erschöpft, aber doch zufrieden und leicht beglückt, den Louvre-Rundgang beendet haben. Ich würde gerne noch mehr über das Buch plaudern, allein, ich möchte ja nicht spoilern und bei einer Paginierung, die mit der Zahl 19 endet, hat man doch schneller zu viel verraten als es der geneigten Leserschaft lieb sein kann.

Also, holt euch lieber die

lieferbare Ausgabe

und lest selber.

Wer nicht online bestellen mag, kann das Werk problemlos auch hier erwerben (zum Beispiel, wenn man nächsten Donnerstag ja eh dort ist 😉 ) oder auch, was besonders für die Berliner interessant sein dürfte, an den unglaublich tollen Bücherautomaten.

*zitiert aus: Fischer, Frank: Der Louvre in 20 Minuten. (=Schöner Lesen Nummer 105) SuKuLTuR Berlin 2011


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