Das Buch zum Sonntag (93)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Gregor Hens: Nikotin.

Die Literaturgeschichte ist zu nicht wenigen Teilen eine Drogengeschichte. Der Alkohol hat eine lange Liste literarischer Verehrer (und nicht erst seit der Grünen Fee) und eine ebensolche lange Liste von Opfern. Für einige Strömungen würde ich den Konsum verschiedener pharmakologisch wirksamer Substanzen sogar für konstitutiv halten. Rauchen ist denn auch das passende Stichwort. Kaum ein Berufsstand wird im kulturellen Gedächtnis so sehr mit dem Rauchen in Verbindung gebracht wie der Künstler jeglicher Spielart.
Der Schriftsteller mit Pfeife, Zigarre oder Zigarette ist denn auch ein gewohntes Bild. Die zugeschriebene Wirkung der Ruhe, der Konzentrationshilfe läßt diese Verbindung geradezu natürlich erscheinen.
Geraucht wird indes ja nicht nur von Künstlern, nicht einmal nur von Künstlerseelen. Was also treibt Menschen an, sich diesem Gelüste hinzugeben? Was macht sie zu Jüngern des blauen Dunstes?

Ich habe geraucht, weil ich satt war und ich habe geraucht, weil ich hungrig war. Ich habe geraucht, weil ich glücklich war und ich habe geraucht, weil ich niedergeschlagen war. Aus Einsamkeit habe ich geraucht und aus Freundschaft, aus Angst und aus Übermut. Jede Zigarette, die ich geraucht habe, hatte eine Funktion – sie war Zeichen, Medikament, Aufputsch- oder Beruhigungsmittel, sie war Spielzeug, Accessoire, Fetisch, Pausenfüller, Erinnerungsstütze, Kommunikationsinstrument oder Meditationsobjekt. Manchmal war sie alles auf einmal.****

(S. 8)

Die Lektüre von Gregor Hens* Meditationen über das Nikotin legt jedenfalls nahe, daß es nicht die Faszination der kunstvollen Wolken Gandalfs ist, sondern die Gründe in tieferen Schichten zu suchen sind. Dies ist zunächst auch der Grundimpuls des Werkes: Nachforschen, Ergründen, Hineinhorchen – und es ist ein Glück, daß wir es hier mit einem Literaten zu tun haben. Denn die meisten Schriftstücke, die aus einem therapeutischen Ansatz heraus geschrieben wurden, sind schlicht unerträglich (als aus beruflichen Gründen für das Empfangen von Manuskripten prädestinierter Mensch muß ich das so behaupten).
Ich schätze Hens für seine Fähigkeit, sehr genau zu beobachten. Und dafür ist eine solche Innenschau hervorragend geeignet. Es ist eine Biographie in Zigaretten, die sich hier öffnet, ein Lebenskreis im Rauch, sozusagen. Daß er in eben diesen nicht aufgeht, ist die Grundsorge des Schreibenden, es ist ein beständiges Anschreiben gegen eine Grundstruktur seiner Persönlichkeit. Hens erzählt, wie er sich eine letzte Zigarette holt, geschnorrt von einer Frau in einem Berliner Eckcafé. Diese nun platziert er daheim auf einem weißen Blatt („mittig und exakt parallel zu den Kanten. Ich betrachte die Komposition, ein Bild. Ce n´est pas une cigarette.“, S. 30) und schneidet sie auf.*** Er seziert sie, zerlegt sie in ihre Einzelteile (der interessierte Leser erfährt hier einiges über Aufbau und Zusammensetzung einer Filterzigarette). Eben diese Genauigkeit, dieses exakte Sezieren einer Zigarette steht metaphorisch für das genau, exakte Sezieren seiner Sucht, der Denkmuster, die diese in ihn eingeprägt hat, die Handlungsmuster, die ihn leiten – und zwar weit über Beschaffung und Konsumierung hinaus.

Ich trete nicht näher an den Tisch. Ich beuge mich nicht vor, ich greife nicht nach den Zigaretten. Ich sehe sie an, aber ich betrachte nicht sie, sondern mich selbst in dieser Situation. Was ich im Blick habe, ist mein Verhältnis zu dem erdachten Päckchen Salem, ich betrachte die überbrückbare Distanz, das Kräfteverhältnis zwischen mir und dem Objekt. Ich spüre eine Wirkung, eine beinahe physische Anziehung. Es ist, als würden die Zigaretten an mir zerren. Das Objekt will jetzt meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen, nichts anderes soll mich interessieren.

(S. 87f.)

Es ist nicht leicht, mit dem Rauchen aufzuhören. 😉
Wirklich groß wird Hens da, wo er erzählt. Erzählt von seiner ersten Zigarette, von den Orten und Situationen, in denen er rauchte, von den entscheidenden Situationen seines Lebens, die immer mit einer Zigarette verbunden sind. Diese Miniaturen sind exzellente Schilderungen dessen, was eine Zigarette auszulösen vermag und warum sie geradezu zu einem Symbol des Lebendigseins, zu einem Lebensgefühl werden kann. Warum man also gerne und intensiv rauchen will. Meine Lieblingssituation ist die Szene, in der er, seit mehreren Jahren Nichtraucher, nach einem schweren Radunfall wiederbelebt wurde und unmittelbar nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus, noch kaum bewegungsfähig, geradezu gierig nach einer Zigarette verlangt und sich lebend wie nie zu vor fühlt.
Es ist immer diese erste Zigarette, jener erste Zug:

Ja, dachte ich, der erste Zug… Ich schloss die Augen und spürte, wie mir das Nikotin nach der langen Abstinenz in die Adern schoss, wie es in tausend winzigen Explosionen in meinen Gehirnwindungen prasselte, ich spürte dieses großartige Feuerwerk, das Kitzeln in den Nerven, den Rausch meiner ersten Rückfallzigarette! Ich saß an der Kiesgrube, auf dem Geländewagen meiner verstorbenen Mutter, zog den Rauch bis in die empfindlichen, zur Entzündung neigenden Lungenspitzen, das Dopamin flutete mein mesolimbisches System, und ich verstand, dass der Rausch des Rückfalls ein ganz besonderes Geschenk war – weit mehr als der Lohn für das, was mir in den Wochen der Entbehrung entgangen war, weit mehr als nur ein Nachholeffekt.

(S. 144)

Dem aufmerksamen Leser wird aufgefallen sein, daß dies eine andere Szene ist – aber bitte: Was für eine! Ja, Rauchen, Drogen, Sucht – natürlich ist das Genuß, natürlich fühlt sich das verdammt gut an. Wer wirklich heranwill an die Gründe, dem muß das klar sein. Ein Rausch ist ein unerhört gutes Gefühl, eines, nach dem es sich sehnen läßt, das lockt und ruft. Und das eben genau deshalb eine Dominanz entwickeln kann, eine beherrschende Stellung im Leben und Streben eines Menschen, das von Freiheit, von eigener Willensbildung keine Rede sein kann. So lohnend ein Rausch also auch es ist, es kann sehr lohnend sein, sich davon zu befreien.
Es ist dieses Buch kein Loblied aufs Rauchen und keines auf das Nichtrauchen, Hens schreibt hier keinen Ratgeber und keine jammernde Betroffenheitsliteratur. Es ist das Buch von einem, der auszog, seine Kindheitsmuster zu besiegen.
Ich glaube im Übrigen, daß dieses Buch von Rauchern und Nichtrauchern gänzlich unterschiedlich gelesen wird. 😉

So, und nun gehet hin und kauft die

lieferbare Ausgabe.


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P.S. Das Buch ist keineswegs eine dröge Innenschau, es ist durchaus unterhaltsam, hier mal eine Stelle für die Freunde klassischer deutscher Literatur:

Zwischen meinem dreizehnten und meinem neunzehnten Lebensjahr las und rauchte ich tatsächlich alles, was mir zwischen die Finger kam. Mir selbst ist das Ausmaß meiner Langeweile erst bewusst geworden, als mir vor kurzem einfiel, dass ich Gottfried Kellers Grünen Heinrich, einen ausgesprochen langatmigen Entwicklungsroman, in der Fassung von 1855 und dann noch einmal in der Fassung von 1879 gelesen habe – im Ganzen über eintausendsiebenhundert Seiten, die mit Betrachtungen zu Goethe, zur antiken und zeitgenössischen Kunst, zu Sitte, Religion, Metaphysik und Geschichte gefüllt sind. Keller lässt nichts, aber auch gar nichts aus, was das bürgerliche Gemüt der Zeit bewegt hat, während sich die Handlung auf drei Seiten zusammenfassen ließe.

(S. 135f.)

*der hier bereits vor über 2 Jahren mit seinem großartigen Matta empfohlen wurde.
**zitiert nach: Hens, Gregor: Nikotin. S. Fischer Frankfurt/M. 2011
***Eventuell mitlesende Raucher seien beruhigt: Es handelt sich um eine Benson&Hedges, also nichts, worüber man traurig sein müsste. Aufschneiden könnte noch das beste sein, was man mit diesen Dingern machen kann. 😉

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