Dulce et decorum est pro patria mori

Diese Zeile aus einer Horaz-Ode ist ein beredtes Beispiel für den Wahn, in den Menschen gerne verfallen, sobald jemand „Vaterland“ und „bedroht“ auf die passende Weise miteinander verbindet. Sie ist es auch deshalb, weil sie zum einen zeigt, daß sich dieser Wahn in allen Zeiten (und wohl auch allen Kulturen, aber da fehlt mir der Überblick) finden läßt und zum anderen späteren Zeiten als gelehrtes Feigenblatt für den eigenen geistigen Ausnahmezustand diente. Immer getreu dem Motto: „Schon Horaz sagte…“ Ich bin mir nicht sicher, was verheerender war, die unmittelbare Wirkung auf die partherbekämpfenden Zeitgenossen oder die mittelbare auf Generationen von Menschen, die meinten, hier humanistisches Gedankengut zu zitieren, nur weil der Unsinn zufällig auf Latein geschrieben wurde.
Am 70. Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion sei darauf hingewiesen, daß das Problem an dieser ganzen unseligen Angelegenheit weit weniger die Frage der konkret Beteiligten und ihrer Motive sind, sondern mir eher der Krieg an sich ein Übel zu sein scheint. Denn genauso wie Horaz seine Mitbürger gegen die Parther einschwört, so schwörten sich die sowjetischen Soldaten gegen die deutschen Angreifer ein. Und lassen da an Pathos nichts vermissen. Ich halte es für müßig, darüber zu diskutieren, welcher Seite man nun das größere Recht am Töten zugestehen möchte. Gerade die Konstellation Hitler vs. Stalin macht die Absurdität einer solchen Frage offenkundig. Das Problem liegt viel tiefer und ist vielleicht gar nicht lösbar, da es schwierig werden könnte, Identität ohne Abgrenzung zu definieren.
Jedenfalls erscheint es mir auch heute, da wieder einmal das Vaterland verteidigt wird (derzeit am Hindukusch), nötig, den Hausheiligen auf die Bühne dieses Blogs zu holen, auch wenn ich auf Seegers Frage danach, wann wir denn endlich lernen werden, derzeit zur deprimierenden Antwort neige: Niemals.
Aber vielleicht irre ich ja.

Gebet nach dem Schlachten

Kopf ab zum Gebet!

Herrgott! Wir alten vermoderten Knochen
sind aus den Kalkgräbern noch einmal hervorgekrochen.
Wir treten zum Beten vor dich und bleiben nicht stumm.
Und fragen dich, Gott:
Warum –?

Warum haben wir unser rotes Herzblut dahingegeben?
Bei unserm Kaiser blieben alle sechs am Leben.
Wir haben einmal geglaubt … Wir waren schön dumm … !
Uns haben sie besoffen gemacht …
Warum –?

Einer hat noch sechs Monate im Lazarett geschrien.
Erst das Dörrgemüse und zwei Stabsärzte erledigten ihn.
Einer wurde blind und nahm heimlich Opium.
Drei von uns haben zusammen nur einen Arm …
Warum –?

Wir haben Glauben, Krieg, Leben und alles verloren.
Uns trieben sie hinein wie im Kino die Gladiatoren.
Wir hatten das allerbeste Publikum.
Das starb aber nicht mit …
Warum –? Warum –?

Herrgott!
Wenn du wirklich der bist, als den wir dich lernten:
Steig herunter von deinem Himmel, dem besternten!
Fahr hernieder oder schick deinen Sohn!
Reiß ab die Fahnen, die Helme, die
Ordensdekoration!
Verkünde den Staaten der Erde, wie wir gelitten,
wie uns Hunger, Läuse, Schrapnells und Lügen den Leib zerschnitten!
Feldprediger haben uns in deinem Namen zu Grabe getragen.
Erkläre, dass sie gelogen haben! Läßt du dir das sagen?
Jag uns zurück in unsre Gräber, aber antworte zuvor!
Soweit wir das noch können, knien wir vor dir – aber leih uns dein Ohr!
Wenn unser Sterben nicht völlig sinnlos war,
verhüte wie 1914 ein Jahr!
Sag es den Menschen! Treib sie zur Desertion!
Wir stehen vor dir: ein Totenbataillon.
Dies blieb uns: zu dir kommen und beten!

Weggetreten!

in: Tucholsky, Kurt: Gesammelte Werke, Bd. 3. Rowohlt TB. Reinbek 1995. S.437f.


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