Das Buch zum Sonntag (92)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Robin Lane Fox: Alexander der Große

Aus geschichtstheoretischen Überlegungen bin ich ja bekennender Anhänger der französischen Geschichtsschreibung (Annales, longue durée und so). Vom sozialhistorischen Ansatz der Annales ist nun das heute empfohlene Werk denkbar weit entfernt. Wir haben es ganz im Gegenteil mit einer politischen Biographie zu tun, die ganz klar ihren Schwerpunkt auf die Ereignisgeschichte legt.
Aber wie!
Da Alte Geschichte nun wirklich nicht mein Thema ist, begegnete ich Lane Fox denn auch erst recht spät, und zwar in einer Dokureihe zum frühen Christentum, die auf arte lief.* Er fiel mir dort mit seiner geistreichen Art auf, mit seinem intellektuellen Witz, kurz: very british. Da fiel es mir nicht schwer, das Erscheinen der Taschenbuchausgabe seines ersten Großwerkes als willkommenen Anlaß für einen Leseexemplarwunsch zu nehmen, um meinen telemedialen Eindruck gegenzuprüfen.**
Die opulente Biographie ist zwar inzwischen fast 40 Jahre alt (wenn auch die aktuellen Ausgaben überarbeitet wurden), taugt aber noch immer als solide Grundlage für weit mehr als nur Konversationswissen zu einer der faszinierendsten Herrschergestalten der Geschichte. Vor allem aber: Bei den Briten, und bei Lane Fox insbesondere, scheint die Idee, daß Geschichte eine interessante Sache sei, die man denn auch interessant erzählen kann, noch nicht verloren gegangen zu sein (unter den Literaturnobelpreisträgern finden sich einige Historiker oder zumindest Autoren, die für ihre historischen Werke ausgezeichnet wurden). Und so ist es also durchaus eine Freude, diese Biographie zu lesen.

In Alexanders Plan gibt es auch den Erforscher und den „unerbittlichen Wohltäter“ sowie den Eroberer. Langeweile ist nämlich eine Triebkraft des Lebens, die die Geschichtsbüher stets vergessen.
Alexander war 29 Jahre alt und unbesiegbar. Er stand am Rande eines unbekannten Kontinents. Umzukehren wäre sehr unaufregend gewesen – das Leben in Asien verhieß kaum mehr als Jagen und die langweilige Routinearbeit, die Aufstände und provinziale Erlasse erfordern. Nur in einer Rede an seine Truppen ist von einem Marsch zum östlichen Ozean die Rede, zum – wie die Griechen meinten – Rand der Welt. Obwohl die Rede sicherlich nicht authentisch überliefert ist, ist es doch richtig anzunehmen, nicht nur weil es so romantisch klingt, daß dieses Detail auf Tatsachen beruht.

(S. 438f.)***

Gerade solch persönliche Aspekte halte ich in der Tat zu Unrecht für unterbewertet. Mir ist schleierhaft, warum anzunehmen sei, in der Vergangenheit seien Entscheidungen weniger banal begründet gewesen als heute. Ich behaupte da eher mit Thukydides, daß Menschen schon immer Canaille waren und es auch bleiben werden (also, mal ganz grobkörnig formuliert 😉 ). Es ist schwer, sich viele Jahre intensiv mit einer Sache zu beschäftigen und von dieser unberührt zu bleiben. Dies gilt umso mehr für historische Gegenstände und erst Recht, wenn diese dann auch noch biographischer Natur sind. So wäre die Behauptung, Fox könne Alexander nicht leiden, wohl auch durch nichts im Buch zu rechtfertigen. Man spürt die Sympathie des Autoren seinem Helden gegenüber schon reht deutlich. Freilich haben wir es hier trotzdem nicht mit einer Hagiographie zu tun, vielmehr mit einem sehr lebendigen Zeitpanorama, auf dessen Bühne die allerdings tatsählich beeindruckende Gestalt Alexanders auftritt, dessen weniger glänzende Seiten ebenso beschrieben werden wie die manhmal noch spannendere Rezeptionsgeschichte seines Mythos. Es ist dies auch eines der Grundprobleme bei jeder Beschäftigung mit Alexander: Unmittelbare Zeugnisse existieren nicht und so erhält der geneigte Leser nebenbei auch noch eine kleine Einführung in Quellenkritik.
Wie überhaupt zu sagen ist, daß hier historische Forschung so nonchalant, so sophisticated präsentiert wird (selbst solche Nerdthemen wie Numismatik, also diese Disziplin, die sich unzählige Münzen anschaut, um anhand von minimalen Abweichungen tiefschürfende Erkenntnisse zu gewinnen, wirkt bei Fox wie ein großer Spaß), daß es mir geradezu unvorstellbar scheint, irgendjemand könne nach der Lektüre nicht sofort nach dem nächsten Thema lechzen.

Wer nun nach diesem Werk lechzt, dessen Durst ließe sich mit diesen

lieferbaren Ausgaben

stillen.


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*Die im Übrigen großartig ist. Erstaunlicher Weise kann es tatsächlich funktionieren, einfach mal 90 Minuten lang ein paar Leute von Dingen reden zu lassen, von denen sie Ahnung haben. Nichts zum mal Lockerflockignebenbeischauen, aber sehr interessant und tiefgründig. Und durchaus unterhaltsam.
**Man kann sich da ja manchmal täuschen. Ustinov zum Beispiel liest sich nicht annähernd so flüssig und elegant, wie er sich anhört (und -schaut).
***zitiert nach: Fox, Robin Lane: Alexander der Große. Rowohlt Taschenbuch Verlag Reinbek 2010

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