Das Buch zum Sonntag (91)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Stefanie Sourlier: Das weisse Meer

Erzählungen haben es angeblich nicht leicht, Leser zu finden.* Das wäre, sollte es denn stimmen (was ich nicht glaube), äußerst bedauerlich. Im Falle von Stefanie Sourlier sogar noch weit mehr für das Publikum als für die Autorin. Hier gäbe es wirklich etwas zu verpassen.
Stefanie Sourlier schreibt Geschichten, die sehr genau beobachtet sind, die sehr nahe an ihre Protagonisten herangehen und ihre Abgründigkeit erst spät offenbaren. Gelegentlich auch erst mit dem letzten Satz. Es bedarf solcher Werke, um im Wust der geradezu täglichen Neuerscheinungen, im belletristischen Alltag, der angefüllt ist mit der Mischung aus Epigonen und Mittelmaß, die das schriftstellerische Schaffen von Anbeginn an ausmacht, daran erinnert zu werden, daß es auch noch Literatur gibt.

Seitdem ich mich erinnern kann, war der Mittwoch Onkel Georgs Tag gewesen. Unsere Mutter setzte uns in den Trolleybus, mit dem wir dann bis zur Endstation namens Holzerhurd fuhren, wo Onkel Georg auf uns wartete. Jeden Mittwoch stand Onkel Georg am selben Ort bei dem dürren Bäumchen an der Bushaltestelle, das im Vergleich zum riesigen Onkel Georg geradezu winzig erschien, und ruderte mit seinen langen Armen, sobald er uns oder auch nur den Bus erblickte. Der Onkel Georg war sehr groß. Wie er erzählte, habe seine Körpergröße immer oberhalb all der Linien auf den Tabellen gelegen, mit denen man beim Schularzt die ungefähr zu erwartende Größe am Ende des Wachstums bestimmen konnte, trotzdem hatte niemand geglaubt, dass er tatsächlich zwei Meter und neun Zentimeter messen würde. Der Onkel Georg stand also an der Bushaltestelle, ruderte mit den Armen, und wir rannten auf ihn zu. Er bückte sich, indem er seinen Oberkörper einknickte wie eine gefällte Tanne und je einen der langen Arme um mich und meinen Bruder legte.

(S. 42f.)**

Vielleicht liegt es auch nur an meinen persönlichen Vorlieben. Ich mag Erzählungen sehr, insbesondere dann, wenn sie auch tatsächlich erzählen und nicht nur mühsam kaschierte Romanversuche sind. Und erzählen kann Frau Sourlier. Sie erzählt von Verfremdung, Entfremdung, Enttäuschung, Nähe, Ferne, Träumen und anderen Ideen. Es ist naturgemäß schwer, aus einem so feingewebten Gebilde wie einer Erzählung etwas Signifikantes, Eindeutiges herauszufiltern. Vielleicht aber gelingt es mit dieser Miniatur anzudeuten, warum mich ihre Erzählungen faszinieren:

Als ich nachmittags das Haus verließ, traf ich den alten Mann im Treppenhaus. Ich grüßte ihn, getraute mich aber nicht, ihn mit seinem Namen anzusprechen, da diesen ja nur vom Klingelschild kannte. Ich hätte wortlos an ihm vorbeigehen können, doch dies erschien mir unhöflich, also ging ich, einen Fuß vor den anderen setzend, hinter ihm die Treppe hinunter und blickte auf den Hut, der seinen kahlen Hinterkopf bedeckte. Wir sprachen nicht miteinander, ich hätte ihn fragen können, ob er etwas mit dem Schmuckgroßhandel H. SAMUEL zu tun habe, aber das hatte er bestimmt nicht, so why would I live in this filthy building, hätte er vielleicht geantwortet, aber der alte Mann antwortete nichts, da ich ja nichts gefragt hatte, er atmete nur leicht keuchend. Ich hielt im die Haustür auf, da blieb er stehen und sagte: Go on, Madame, it´s better if they don´t see us together. Ich blieb einen Moment stehen und starrte ihn perplex an. Er legte einen Finger vor den Mund und sagte: Psst, they are everywhre. Even if you don´t see them, they are there. Schnell ging ich zur Tür hinaus.

(S. 82)***

Jede ihrer Erzählungen ist durchaus ein wenig anders und sie findet immer den zur erzählten Geschichte passenden Ton. Und auch wenn sich durch die ganze Sammlung durchaus eine leichte Traumstimmung, eine sanfte Melancholie quasi als weicher Teppich zieht – sie läßt uns immer wieder unter ebendiesen schauen. Und da offenbaren sich gerne wahre Abgründe. Ich bin ihr dabei immer wieder auf den Leim gegangen, indem ich ihr immer wieder aufs Neue folgte und immer wieder einen Schauer verspürte. Es ist ist erstaunlich, wie nonchalant es möglich, in rührselig scheinenden Kindeheitserinnerungen Dramen zu verstecken, die für wochenlange Boulevardberichterstattung ausreichen würden. Mich hat sie damit eins ums andere Mal hereingelegt – doch sei hier versichert: Immer wieder gerne.

Die geneigte Leserschaft sei zum Abschluß auf die Möglichkeit verwiesen, sich mit Hilfe der

lieferbaren Ausgabe

ebenfalls hereinlegen lassen.


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*Im Übrigen sehe ich da einen klassischen Fall der sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Es ist schwer, etwas zu verkaufen, von dem man glaubt, daß es gar keiner haben will. Insofern wäre ein nachhaltiger Schub für das Genre „Erzählungen“ noch eine der besten Folgen des „literarischen Fräuleinwunders“
**aus: Nach Italien in: Sourlier, Stefanie: Das weisse Meer. Frankfurter Verlagsanstalt. Frankfurt/M. 2011.
***aus: Das weiße Meer. ebenda.

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