Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (90)

Prolog: Es gab in den letzten Tagen eine erstaunliche Häufung familiärer Klein- und Großereignisse, die von dem pünktlichen Beginn des Schreibens dieser Empfehlung nicht viel übrig ließen. Ähem.

Für die laufende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Mark Twain: Die schreckliche deutsche Sprache

Mark Twain gehört vielleicht zum Besten, was die US-amerikanische Literaturgeschichte zu bieten hat. Auch wenn ich mich des Eindrucks nicht erwehren kann, daß zu dieser Erkenntnis besonders gelangt, wer die USA kennt. So manches scheint mir doch sehr typisch, sehr aus der kulturellen Seele* dieses eigenartigen Landes geschrieben. Was andererseits aber natürlich Gelegenheit gibt, einen tiefen Blick in eben diese Seele zu werfen.
Es lohnt sich also durchaus, Mark Twain auch einmal jenseits der Jugendabenteurromantik, mit der 12jährige „Tom Sawyer“ verschlingen, zu lesen.
Das heute empfohlene Werk allerdings hat von alldem wenig. Aber es ist großartig gegrantelt. Ein frustrierte Deutschlerner haut den Deutschsprechenden (und vor allem: -schreibenden) ihre Sprache mal gehörig um die Ohren. Neben dem diebischen Vergnügen, das man dabei als Lesender hat, eröffnen sich hier durchaus einige Perspektiven. Zum einen darauf, wie Nicht-Muttersprachler die deutsche Sprache mit ihren, nunja, Eigenheiten warnehmen und zum anderen auch, wie sich die deutsche Sprache vor 130 Jahren präsentierte. Oder auch heute noch präsentiert:

Dieser Abschnitt liefert den Stoff für ein paar Bemerkungen über eine der seltsamsten und merkwürdigsten Besonderheiten meines Themas – die Länge der deutschen Wörter. Einige deutsche Wörter sind so lang, daß sie eine Perspektive aufweisen. Man beachte folgende Beispiele:

Freundschaftsbezeigungen.
Dilettantenaufdringlichkeiten.
Stadtverordnetenversammlungen.

Diese Dinger sind keine Wörter, sie sind alphabetische Prozessionen. Und sie sind nicht selten; man kann jederzeit eine deutsche Zeitung aufschlagen und sie majestätisch quer über die Seite marschieren sehen – und wenn man nur einen Funken Phantasie besitzt, kann man auch die Banner sehen und die Musik hören.

(S. 49)**

Noch viel verwirrender als die kaum zu entwirrenden Komposita muß aber auf einen dem englischen Sprachraum entstammenden Menschen das große Thema „Genus“ erscheinen. Es ist ja schon für Muttersprachler kaum zu durchschauen und eher intuitiv als rational zu erfassen – wie absurd das ganze Thema aber im Deutschen ist, zeigt sich vielleicht wirklich erst durch den Blickwinkel eines Außenstehenden. Und auch wenn der gute Herr Twain das Spiel mit den Unterschieden zwischen grammatikalischem und natürlichem Geschlecht sehr ausführlich und sehr auf die Spitze treibt – es ist ja nicht so, daß er Unrecht hätte. 😉

Jedes Substantiv hat ein Geschlecht, und in dessen Verteilung liegt kein Sinn und kein System; deshalb muß das Geschlecht jedes einzelnen Hauptwortes für sich auswendig gelernt werden. Es gibt keinen anderen Weg. Zu diesem Zwecke muß man das Gedächtnis eines Notizbuches haben. Im Deutschen hat ein Fräulein kein Geschlecht, während eine weiße Rübes eines hat. Man denke nur, auf welch übertriebene Verehrung der Rübe das deutet und auf welch dickfellige Respektlosigkeit dem Fräulein gegenüber.

(S. 31)

Es ist wirklich eine vergnügliche Stunde, die man mit diesem Essay verbringen kann (wer kann, sollte es auf Englisch lesen), nicht zuletzt eben auch, weil Twain nie verachtend, billig, abwertend wird – er scheint diese Sprache, die sich seinem Verständnis so konsequent verweigert, wirklich und wahrhaftig unfaßbar zu finden. Dieses Erstaunen darüber, daß man sich etwas so Elementares wir die Sprache so unglaublich schwer machen kann, schwingt immer mit.
Freilich, er läßt die armen Deutschsprechenden nicht ohne Hoffnung und Trost zurück:

Es gibt in der Welt Leute, die sich ziemlich viel Mühe geben, die Mängel an einer Religion oder Sprache aufzuzeigen, und dann gelassen ihrer Wege gehen, ohne Abhilfe vorzuschlagen. Ich bin kein Mensch dieser Art. Ich habe bewiesen, daß die deutsche Sprache reformbedürftig ist. Nun gut, ich bin bereit, sie zu reformieren. Zumindest bin ich bereit, die geeigneten Vorschläge zu machen. Ein solches Vorgehen wäre bei jemand anderem unbescheiden; aber ich habe alles in allem mehr als neun Wochen einem gewissenhaften und kritischen Studium dieser Sprache gewidmet und daraus ein Zutrauen zu meiner Fähigkeit gewonnen, sie zu reformieren, das mir eine bloß oberflächliche Bildung nicht hätte verleihen können.

(S. 67)

Diese Begründung ist derart großartig, daß ich ernsthaft überlege, sie als Handlungsmuster zu übernehmen. Wobei, wenn ich es mir so recht überlege, scheint es bereits ein gängiges Muster zu sein, daß Menschen mit Aufgaben betraut werden, einzig weil sie behaupten, diese auch zu beherrschen. Im Übrigen sollt eman ja auch nie unterschätzen, welchen Erkenntnisgewinn neuneinhalb Wochen so mit sich bringen können.

Ursprünglich als Anhang zu seinem „Bummel durch Europa“ erschienen, ist das Werk inzwischen auch mehrfach separat erschienen, derzeit ist es in diesen

lieferbaren Ausgaben

erhältlich.


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*Da die französische Geschichtsschreibung so freundlich war, die „Mentalitätsgeschichte“ als Beitrag der Historiker zur allumfassenden Superdisziplin „Kulturwissenschaften“ einzubringen, darf man sowas ja schreiben ohne sich sofort intellektuell zu disqualifizieren. 😉
**zitiert nach: Twain, Mark: The awful German Language / Die schreckliche deutsche Sprache. übersetzt von Ana Maria Brock. Nikol Hamburg 2010.

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