Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (89)

Für die gestern begonnene Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Niccolò Machiavelli: Der Fürst

Ist nicht alles schon gesagt zu diesem Werk? Haben wir in den letzten 500 Jahren nicht bereits jede Ecke seines Denkgebäudes ausgeleuchtet und können ihn nunmehr ad acta legen?
Nein, natürlich nicht. Auch wenn ich in der Tat mit keiner bahnbrechenden Neuinterpretation mehr rechne und auch wenn in der Tat nach Machiavelli-Lektüren für „Frauen, Manager, Streithammel und Zeitgenossen, um mal nur einige zu nennen, kaum noch Zielgruppen bleiben, die in die Verlegenheit kämen, Machiavelli selbst lesen zu müssen, weil ihnen das noch kein origineller Lektor abgenommen hat – ich halte es für wichtig und richtig, gerade den „Fürsten“ zu lesen.
Was Machiavelli in seinem Handbuch für Leonardo de Medici nämlich unübertroffen gelingt, ist die Entlarvung aller, wirklich aller, ideologischen Grundlagen von Politik als reines Mittel zum Zweck. Die Moralkeule wird immer dann geschwungen, wenn es den eigenen Zielen dient, ansonsten bleibt die mal schön in der Ecke versteckt. Sonst findet die noch wer und stellt Unfug damit an.
Indem er eben gerade kein theoretisches Werk darüber, wie ein Staat idealerweise verfaßt sein sollte oder wie das Verhalten eines Herrschers aussehen sollte, um hehren Prinzipien Genüge zu tun, sondern stattdessen einen Ratgeber dafür, wie man in der Welt, wie sie nunmal ist, möglichst gut und geschickt Macht erwirbt und erhält, zeigt er auf, wie Politik tatsächlich funktioniert. Und das macht er so scharfsinnig und ohne Rücksicht auf Dinge, die man so vielleicht nicht sagen sollte, daß beim Lesen nicht selten ein durch seine Heftigkeit die Unversehrtheit von Tischplatten gefährdendes Kopfnicken ausgelöst werden kann.
Im Kapitel 5 referiert Machiavelli darüber, wie eroberte Staaten, die bereits ein funktionierendes Herrschaftssystem besaßen, zu regieren sind. Er unterscheidet dabei drei Wege: Zerstörung, zur Residenz erheben oder nach ihren eigenen Gesetzen weiterleben lassen.

Denn eine solche Regierung weiß wohl, dass sie sich nicht ohne Unterstützung ihres Schöpfers halten kann, und muss alles tun, um ihm die Herrschaft zu sichern. […] Und wer sich zum Herrn einer Stadt macht, die gewohnt gewesen ist, in Freiheit zu leben, ohne dass er sie ganz auflöst, mag nur darauf gefasst sein, selbst von ihr zugrunde gerichtet zu werden. Denn der Name der Freiheit dient immer nur zum Vorwande des Aufstandes, und die alte Staatsverfassung wird weder über langer Dauer noch über Wohltaten vergessen. Was man auch immer für Vorkehrungen treffen mag, es kommen, wenn die Einwohner nicht zerstreut und getrennt werden, immer der alte Name und die alte Verfassung wieder zum Vorschein, so wie in Pisa nach einem vollen Jahrhundert, das es unter der Herrschaft von Florenz gestanden hatte. Sind aber Städte oder Länder gewohnt gewesen, unter einem Fürsten zu leben, und dieser ist ihnen genommen und sein Geschlecht erloschen; sind sie also einerseits gewohnt, einen Fürsten zu haben, und haben doch andererseits keinen alten, so fügen sie sich nicht einem, der aus ihrer Mitte erhoben worden ist; und frei leben können sie erst recht nicht. Sie ergreifen also die Waffen nicht so leicht, und ein Fürst bemächtigt sich ihrer ohne Mühe und hält sie auch leicht im Gehorsam fest. Aber die Republiken bergen mehr Hass und das Andenken an die verlorene Freiheit. Man zerstört sie also am sichersten, oder man wählt sie zur Residenz.

(S. 22f.)*

Nicht selten wird Machiavelli Grausamkeit, Kälte, Unmenschlichkeit vorgeworfen. Meiner Meinung nach trifft das so nicht ohne Weiteres zu. Es wäre sehr gewagt, zu behaupten, er fände das alles super und dufte, was er da schreibt und dies sei eine Welt, in der er gerne und glücklich leben würde. Denn er macht ja nur eins: Die Welt beschreiben, die er sieht. Und da stellt sich nun die Frage, wenn ein Portrait häßlich ist, liegt das wirklich zwangsläufig am Maler?
Ich meine, hat er denn wirklich Unrecht, wenn er schreibt:

Denn man kann im Allgemeinen von den Menschen sagen, dass sie undankbar, wankelmütig, heuchlerisch, feig in der Gefahr, begierig auf Gewinn sind: solange du ihnen wohltust, sind sie dir ganz ergeben, wollen Gut und Blut für dich lassen, ihr eignes Leben aufopfern, das Leben ihrer Kinder. […] Die Menschen machen sich weniger daraus, einen zu verletzen, der sich beliebt macht, als einen, der gefürchtet wird; denn die Zuneigung der Menschen beruht auf einem Bande der Dankbarkeit, das bei der Schlechtigkeit der menschlichen Natur reißt, sobald der Eigennutz damit in Streit gerät: Furcht vor Züchtigung aber versagt niemals.

Achtung, jetzt kommt ein Knaller:

Nur muss der Fürst sich auf solche Art gefürchtet machen, dass er nicht verhasst wird; denn es kann recht gut miteinander bestehen, gefürchtet und doch nicht verhasst zu sein. Hierzu ist vornehmlich erforderlich, dass er sich der Eingriffe in das Vermögen seiner Bürger und Untertanen und in ihre Weiber enthalte. […] Vor allen Dingen aber enhalte er sich, das Vermögen der Untertanen anzutasten, denn die Menschen verschmerzen allenfalls noch eher den Tod des Vaters, als den Verlust des Vermögens.

(S. 68)

Es kann nicht schaden, immer mal wieder das Büchlein zur Hand zu nehmen und nachzuschauen, ob man sich wirklich nicht wir die Canaille benimmt, für die Machiavelli die Menschheit zu halten scheint.

Erhältlich ist das Werk in nahezu allen Formen und Farben, man möge sich eine der

lieferbaren Ausgaben

erwählen.


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*zitiert nach: Machiavelli, Niccolò: Fürst. übersetzt von August Wilhelm Rehberg. Fischer Taschenbuch Frankfurt/M. 2. Auflage 2010

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