Das Buch zum Sonntag (87)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Immanuel Kant: Zum ewigen Frieden

Über Kant gäbe es einiges zu sagen – und dies wurde ja auch bisher umfänglich getan.
Die heute empfohlene Schrift gehört zu seinen, nun, sagen wir, leichter zugänglichen Werken.*
Ich hatte bei der Lektüre den Eindruck, der Königsberger Zeitgeber hatte sich die Politik seiner Zeit angeschaut und festgestellt, daß sie nicht gut sei. Wie deprimierend also, daß seine Ratschläge auch heute noch zutreffend scheinen.

5. „Kein Staat soll sich in die Verfassung und Regierung eines andern Staats gewalttätig einmischen.“
Denn was kann ihn dazu berechtigen? Etwa das Skandal, was er den Untertanen eines andern Staats gibt? Es kann dieser vielmehr, durch das Beispiel der großen Übel, die sich ein Volk durch seine Gesetzlosigkeit zugeszogen hat, zur Warnung dienen; und überhaupt ist das böse Beispiel, was eine freie Person der andern gibt, (als scandalum acceptum) keine Läsion derselben. – Dahin würde zwar nicht zu ziehen sein, wenn ein Staat sich durch innere Verunreinigung in zwei Teile spaltete, deren jeder für sich einen besonderen Staat vorstellt, der auf das Ganze Anspruch macht; wo einem derselben Beistand zu leisten einem äußern Staat nicht für Einmischung in die Verfassung des andern (denn es ist alsdann Anarchie) angerechnet werden könnte. So lange aber dieser innere Streit noch nicht entschieden ist, würde diese Einmischung äußerer Mächte Verletzung der Rechte eines nur mit seiner inneren Krankheit ringenden, von keinem andern abhängigen Volks, selbst also ein gegebenes Skandal sein, und die Autonomie aller Staaten unsicher machen.

(S. 15)**

Mit dieser Stelle wollte ich einen Beitrag zur Interventionitis der aktuellen europäischen Politik beginnen, habe das dann aber sein lassen, weil ich nicht wüßte, was ich dem noch hinzuzufügen hätte. Und so kurz, knapp und pragmatisch geht Kant weitere 5 Punkte durch, die er anschließend noch einmal ausführt, präzisiert, verfeinert – das muß schon sein, einfach nur ein paar polemische Thesen hinwerfen, das wäre ja nun nicht Kants Stil. Auch wenn die Präliminarartikel durchaus zu den erfrischensten Texten gehören, die ich von Kant bisher las. Und „erfrischend“ ist ein Wort, das durchaus selten im Zusammenhang mit Immanuel „sapere aude“ Kant fällt.
Als ich letzte Woche die soeben eingetroffene Neuausgabe des heute empfohlenen Werks einsortierte, griff eine Kundin danach und meinte, dieses Buch solle doch Pflichtlektüre für alle Politiker werden. Auch wenn ich mir nicht sicher war, ob die Dame tatsächlich mehr über den Band wußte als der Titel verriet (ihr Staunen über das Verhältnis zwischen Text und Kommentar legt diese Vermutung nahe) – sie hat vielleicht nicht Unrecht. Noch einmal zur Frage, wann und wie es zum Kriege kommt und welche Mittel dies zu verhindern in der Lage sein könnten. Kant schlägt im ersten Definitivartikel vor, daß die bügerliche Verfassung eines jeden Staates republikanisch sein solle. Aus einem einleuchtenden Grund:

Wenn (wie es in dieser Verfassung nicht anders sein kann) die Beistimmung der Staatsbürger dazu erfordert wird, um zu beschließen, „ob Krieg sein solle, oder nicht“, so ist nichts natürlicher, als daß, da sie alle Drangsale des Krieges über sich selbst beschließen müßten (als da sind: selbst zu fechten; die Kosten des Krieges aus ihrer eigenen Habe herzugeben; die Verwüstung, die er hinter sich läßt, kümmerlich zu verbessern, zum Übermaße des Übels endlich noch eine, den Frieden selbst verbitternde, nie (wegen naher immer neuer Kriege) zu tilgende Schuldenlast selbst zu übernehmen), sie sich sehr bedenken werden, ein so schlimmes Spiel anzufangen;

(S. 21f.)

Neben dem nicht zu verachtenden Aspekt, eine gut geeignete Einstiegslektüre in Kants Werk darzustellen, kann ich diesen philosophischen Entwurf (so der Autor selbst) auch deshalb wärmstens all jenen empfehlen, die ihren Nacken nicht durch zu vieles zustimmendes Kopfnicken gefährdet sehen, weil er von einer beeindruckenden Klarsichtigkeit zeugt und ein beeindruckendes Beispiel für die Relevanz philosophischer Überlegungen ist.

Erhältlich ist das Buch in diesen

lieferbaren Ausgaben.


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*Bei meiner ersten Thomas-Mann-Lektüre beschwerte ich mich meiner Mutter gegenüber über dessen ausufernden langen Sätze, die manchmal schwer zu verstehen seien. Worauf ich mit dem königlichen Satz belohnt wurde: „Lies mal Kant – da bist Du froh, wenn Du einen kurzen Satz findest, den Du nicht verstehst.“
**zitiert nach: Kant, Immanuel: Zum ewigen Frieden. Kommentar von Oliver Ebert und Peter Nielsen. Suhrkamp Studienbibliothek 14. Suhrkamp. Berlin 2011.

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