Das Buch zum Sonntag (86)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Arnon Grünberg: Phantomschmerz

Im gerade einmal wieder wegen des Anachronismus-Verdachts totgesagten Buchhandel gibt es, glücklicherweise, immer noch reisende Vertreter. Auch 62 Jahre nach Willy Lomans erstem Bühnentod. Was zunächst einmal meine These stützt, daß bei allem kaufmännischen Anteil in diesem Beruf, Bücher verkaufen immer noch etwas anderes ist als Waschmittel oder Katzenfutter an den Mann zu bringen. Das Buch ist sozusagen der Boutiqueartikel unter den Massengütern. Schon vor einigen Jahren nun als verwies mich die Vertreterin von Diogenes bei meiner Suche nach einem für mich passenden Autor in ihrem Verlag* auf Arnon Grünberg. Zu Recht, wie sich herausstellte.**
In „Phantomschmerz“ erzählt Grünberg von Robert G. Mehlman, einem hoffnungsvoll gestarteten Schriftsteller, dessen Einnahmen aus seinen Buchverkäufen in keinem sinnvollen Verhältnis mehr zu seinem Lebensstil stehen. Man hat es nicht leicht als verkannter Schriftsteller:

Wenn man der einzige ist, der einen für einen wichtigen Schriftsteller hält, ist das eine peinliche Angelegenheit, doch wenn zehntausend andere das auch tun, ist man ein Erfolg.
„Schau, Rebecca“, sagte ich, „mein erstes Buch, Platz 268 der Weltrangliste, hat der niederländischen Literatur ein anderes Gesicht gegeben, und mein Sidney-Brochstein-Zyklus hat das gleiche mit der ganzen westeuropäischen Literatur gemacht.“
„Oh“, sagte Rebecca.
„‚Oh‘ – was bedeutet ‚oh‘?“
„‚Oh‘ bedeutet ‚oh'“, sagte Rebecca störrisch. „‚Oh‘ bedeutet, daß ich andere Dinge über deinen Sidney-Brochstein-Zyklus gehört habe.“
„Nur weil die ganze Welt gegen mich ist, mein Schäfchen. Die Verleger, die Literaturagenten, die Kritiker, die Kolumnisten, die Philosophen, die Literaturwissenschaftler, die Soziologen, die Literaturzeitschriften, die politischen Magazine, die Fernseh- und Frauenzeitschriften, mein bester Freund David, mein Verleger, der Millionen an mir verdient hat – mein eigener Verleger will mich nicht mal bei seinem Neujahrempfang dabeihaben. […]
Das einzige, was ich jetzt noch will, ist, meinen Nachruf schreiben, damit sich nicht am Ende irgendein drittklassiger Journalist daran vergreift und sie mich irgendwo auf Seite zehn unter ‚Ferner liefen‘ bringen.“
„Stirbst Du denn bald?“
„Das nicht, aber mit dem Nachruf darf man auch nicht warten bis zum letzten Moment.“

(S. 240ff.)***

Ich lese Grünberg sehr gern, weil es ihm gelingt, seine tiefgehenden Aussagen, Untersuchungen, Erforschungen der menschlichen Seele so zu verweben und zu verschleiern, daß der Lesende immer wieder das Gefühl hat, einen ganz wunderbaren, gerne auch amüsanten Roman zu lesen – und doch im Hintergrund eine leise Ahnung verspürt, daß da mehr ist, etwas anderes, etwas, das nicht zum Vordergrund paßt. Für die Charakterisierung von Wein wird über den „Nachgang“ gesprochen. Grünbergs Roman hat einen „Nachgang“. Keinen bitteren, tanninhaltigen, aber durchaus auch keinen angenehm weichen, sanften. Aber es bleibt für den Kopf durchaus etwas zu tun.
Eine solche Athmosphäre zu schaffen und zu spüren, braucht durchaus Zeit, ich empfehle nicht, den Grünberg fürs schnelle Zwischendurchmallesen an die dafür vorgesehenen Plätze zu legen – eher an den Lieblingsleseplatz, mit passendem Getränk und bevorzugter Speise, jedenfalls dort, wo man auch mal ein, zwei Stunden Zeit für die Lektüre hat. Dementsprechend wird es mir auch nicht gelingen, diese Stimmung in den hier notwendigerweise kurzen Zitaten einzufangen. Daher vielleicht lieber noch eine Stelle, die vielleicht auf andere Art Lust macht, das Buch zu lesen:

Mein Vater arbeitete an seinem Opus magnum, meine Mutter in einer Tagesklinik für psychisch Gestörte. Ihr berühmtester Patient war ein Mann, der mit der Wand redete, in der Annahme, dem Geheimdienst auf diesem Wege Nachrichten zu übermitteln. Als der Geheimdienst nicht auf seine Berichte einging, wurde er destruktiv. So landete er bei meiner Mutter. Über diesen Mann hat sie promoviert. Dank meiner Mutter erkannte er, daß er zwanzig Jahre lang umsonst mit einer Wand geredet hatte. Diese Erkenntnis war zu viel für ihn, und er stürzte sich in einen Fahrstuhlschacht. Das war ein Wermutstropfen in der Promotionsfeier meiner Mutter, schließlich war er dort als Ehrengast geladen worden. Nach diesem Vorfall veröffentlichte sie einige Artikel, in denen sie die Frage aufwarf, ob es wirklich vernünftig sei, Menschen völlig von ihren Wahnideen zu heilen.

(S. 16)

Das Buch ist in dieser

lieferbaren Ausgabe

erhältlich.


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*Diogenes verlegt ja bekanntermaßen keine Bücher, sondern Autoren. Ein hehres Verlegerideal, bedeutet es doch auch, bewußt schlechte oder nichtverkäufliche Bücher zu publizieren. „Stand by your Author“ als Verlagshymne wird aber in Zeiten von Literaturagenten auch immer seltener belohnt. Kennt man ja aus dem Fußball: Sobald der Spieler fertig ausgebildet ist oder aus einem Formtief herausgearbeitet, wechselt er irgendwohin, wo er einem anderen Verein viel Geld einbringt. Fragen Sie mal bei Ajax.
**Und ich schon einmal erzählte, fällt mir gerade auf. Ich werde alt.
***zitiert nach: Grünberg, Arnon: Phantomschmerz. Diogenes. Zürich 2003

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