Das Buch zum Sonntag (85)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Heinrich Böll: Die verlorene Ehre der Katharina Blum

Die Reclams stehen bei uns in unmittelbarer Nähe zu meiner Abteilung. Dementsprechend häufig fragen verzweifelte Schulpflichtige bei mir nach, weil sie Anouilhs „Antigone“, Hesses „Steppenwolf“ oder Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“ nicht finden. Nach einer Reclam-Ausgabe von Bölls Katharina Blum fragte mich bis dato noch niemand. Das mag daran liegen, daß die anderen einschlägigen Schullektüren älter sind und man bei 50 oder 60 oder 80 Jahre alten Werken von der Existenz einer Reclam-Ausgabe ausgeht. Oder die Empirie der Deutschlektüren es nahelegt. Möglich.
Möglich wäre aber auch, daß Bölls Werk nicht alt wirkt.
Interessanterweise scheint mir dieser Roman aktueller denn je. Die Auswirkungen einer Angstpsychose auf eine Gesellschaft und die Rolle von menschenverachtenden, diese Hysterie befeuernder Medien – das halte ich für nicht abgehakt. Ich finde es ganz reizvoll, eine Empfehlung für Böll unmittelbar einer Empfehlung für Juli Zeh folgen zu lassen. Denn beide scheinen mir sehr genaue Beobachter zu sein und zudem sehr klarsichtig. Wo aber Juli Zeh das Skalpell auspackt und den Bunsenbrenner, ihre Versuchsanordnung überprüft, den Bleistift spitzt und ihr Protokoll beginnt, fühlt Böll seinen Protagonisten nach und erzählt. Hier wird nicht konstruiert, hier wird aufgezeigt. Hier sind keine dialogischen Gelehrtendiskussionen zu erwarten, hier beschreibt jemand einfach, was er sieht und spürt.

Als er Freitag früh gegen halb zehn mürrisch zum Frühstück erschien, hielt Trude ihm schon die ZEITUNG entgegen. Katharina auf der Titelseite. Riesenfoto, Riesenlettern. RÄUBERLIEBCHEN KATHARINA BLUM VERWEIGERT AUSSAGE ÜBER HERRENBESUCHE. Der seit eineinhalb Jahren gesuchte Bandit und Mörder Ludwig Götten hätte gestern verhaftet werden können, hätte nicht seine Geliebte, die Hausangestellte Katharina Blum, seine Spuren verwischt und seine Flucht gedeckt. Die Polizei vermutet, daß die Blum schon seit längerer Zeit in die Verschwörung verwickelt ist. (Weiteres siehe auf der Rückseite unter dem Titel: HERRENBESUCHE.)
Dort auf der Rückseite las er dann, daß die ZEITUNG aus seiner Äußerung, Katharina sei klug und kühl, „eiskalt und berechnend“ gemacht hatte und aus seiner generellen Äußerung über Kriminalität, daß sie „durchaus eines Verbrechens fähig sei“.

(S. 36)*

Schon mal mit dem Boulevard zu tun gehabt? Kann man niemandem wünschen. Bölls Exempel, in dem er den Weg einer jungen, hübschen, durchaus lebensfreudigen, aber keineswegs extrovertierten, exzessiven Frau nachzeichnet, die ins Visier eines Kampagnenjournalismus gerät, der keine Ruhe läßt, bis nicht auch das letzte Quentchen aus einer Geschichte herausgepreßt und aufgebläht wurde, die Zerstörung, die Zerrüttung, den Zusammenbruch von Menschen billigend in Kauf nehmend (und gegebenfalls anschließend nochmal ausschlachtend), halte ich für weiterhin gültig. Daß sich an der Methodik der Boulevardpresse nichts geändert hat, kann man jeden Tag im BILDBLOG nachlesen.
Und obwohl es sich um ein zutiefst moralisches Buch handelt, schreibt Böll wohltuend moralinfrei. Ganz im gegenteil, ich habe ihn selten so humorvoll gelesen, für seine Verhältnisse geradezu bissig-ironisch (wohlgemerkt: für seine Verhältnisse). Es wäre denn auch unzulänglich, dieses Buch auf BILD-Bashing zu reduzieren. Denn es geht ja nicht nur um Katharina Blum, ihr „Fall“ zieht sehr weite Kreise, es geraten eine erstaunliche Anzahl anderer Menschen in den Blickpunkt und wie es Böll hier gelingt, mal schlankerhand eine ganze Gesellschaft und besonders ihre miteinander verbandelten (heute nenen wir das euphemistisch „gut vernetzt“ und finden das dufte) besseren Kreise demaskiert, das ist wirklich große Klasse und macht unglaublichen Spaß. Es ist geradezu schade, daß dieses Buch den hiesigen Deutschlehrern und Königs Erläuterungen überlassen wird. Eigentlich ist es zu wichtig, um als Pflichtlektüre gelesen zu werden. Um der geneigten Leserschaft, so sie dieses Buch noch nicht gelesen hat, noch ein wenig entdecken zu lassen und doch einen Eindruck zu geben, hier mal eine Stelle, in der der Erzähler über die Auswirkungen von Lauschangriffen auf die Abhörenden nachdenkt:

Sind sich die vorgesetzten Behörden darüber klar, was sie ihren Beamten und Angestellten da zumuten? Nehmen wir einmal an, eine vorübergehend verdächtige Person vulgärer Natur, der man ein „Zäpfchen“ genehmigt hat, ruft ihren ebenfalls vulgären derzeitigen Liebespartner an. Da wir in einem freien Land leben und frei und offen miteinander sprechen dürfen, auch am Telefon, was kann da einer möglicherweise sittsamen oder gar sittenstrengen Person – ganz gleich welchen Geschlechts – alles um die Ohren sausen oder vom Tonband entgegenflattern? Ist das zu verantworten? Ist die psychiatrische Betreuung gewährleistet? Was sagt die Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr dazu?[…]Warum schweigt der Papst dazu?[…] Da werden junge Menschen aufgefordert, die Beamtenlaufbahn zu ergreifen – und wem werden sie ausgeliefert? Telefonsittenstrolchen. Hier ist endlich ein Gebiet, wo Kirchen und Gewerkschaften zusammenarbeiten können. Man könnte doch mindestens eine Art Bildungsprogramm für Abhörer planen. Tonbänder mit Geschichtsunterricht. Das kostet nicht viel.

(S. 100f.)

Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann – es braucht keiner empirisch abgesicherten Studien, es genügt dieses kleine Buch, von dem ich mir wünschte, es würde dereinst keine aktuelle Relevanz mehr haben, sondern nur noch warnendes Beispiel aus einer schlechteren historischen Epoche sein.
Zum Abschluß noch ein Beispiel für Bölls leisen Humor:

Personen und Handlung dieser Erzählung sind frei erfunden. Sollten sich bei der Schilderung gewisser journalistischer Praktiken Ähnlichkeiten mit den Praktiken der „Bild“-Zeitung ergeben haben, so sind diese Ähnlichkeiten weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich.

(S. 5)

Erworben werden kann das Buch in einer der

lieferbaren Ausgaben**, nämlich


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*zitiert nach: Böll, Heinrich: Die verlorene Ehre der Katharina Blum. dtv München. 47. Auflage 2010.
**Es ist leider etwas schwierig, die unsäglich schlechten Daten der Branche so aufzubereiten, daß eine Suchergebnisliste entsteht, die nicht mit Sekundärliteratur verstopft ist. Daher dieses Mal so.

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