Das Buch zum Sonntag (84)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Juli Zeh: Corpus Delicti

Ich mag ja Juli Zeh. Also, ihre Werke. Allerdings habe ich inzwischen feststellen können, daß gerade einige der Punkte, die mir an ihren Büchern so gefallen, auch genau die sind, die andere davon abhalten, sie zu lesen. Auftritt verstaubte Binsenweisheit: Leseerfahrungen sind immer individuell.
Ihre Bücher sind in meinen Augen ja viel mehr Versuchsanordnung und philosophisches Experiment als erzählende Literatur. Genau das macht es immer wieder spannend, zu schauen, wie sich das Experiment entwickelt, welche Wendungen, welche Verläufe es nimmt. Und ich mag an Juli Zeh die Konsequenz ihres Denkens.
In Corpus Delicti sieht die Versuchsanordnung eine Welt vor, in der „Gesundes Leben“ zur Grundlage des Staates und der Gesellschaft wurde. Aus der simplen und auf den ersten Blick nachvollziehbaren Idee heraus, daß es eines jeden Menschen Ziel sei, lange und von Krankheiten unbelästigt zu leben wurde so ein Staat geboren, der genau dies garantiert, dafür aber freilich auch recht genau kontrolliert, wie denn die Staatsbürger so leben. Sonst könnte er ja die Garantie auch gar nicht einlösen.

In Wohnkomplexen, deren Hausgemeinschaft sich durch besondere Zuverläsigkeit auszeichnet, können Aufgaben der hygienischen Prophylaxe von den Bewohnern in Eigenregie übernommen werden. Regelmäßge Messungen der Luftwerte gehören ebenso dazu wie Müll- und Abwasserkontrolle und die Desinfizerung aller öffentlich zugänglichen Bereiche. Ein Haus, in dem diese Form der Selbstverwaltung funktionert, wird mit einer Plakette ausgezeichnet und erhält Rabatte auf Strom und Wasser. Die Wächterhaus-Initative feiert auf allen Ebenen die größten Erfolge. Der Fiskus spart Geld bei der Gesundheitsvorsorge, und die Menschen entwickeln Gemeinschaftssinn.

(S. 22)*

Entlarvend. Und ganz nebenbei ein ganz hübscher Hinweis darauf, warum manche Gesellschaftssysteme funktionieren. Nichts ist machtpolitisch klüger, als auf die gegenseitige Kontrolle der Nachbarn setzen. Doch eine solche Erkenntnis wäre für ein Juli-Zeh-Werk viel zu platt. Und neben den ganz großen rechtsphilosophischen Fragen, die sie aufwirft und äußerst klug verhandelt, geht es um die Frage: Wie aber umgehen mit Menschen, die sich unvernünftig verhalten? Denn das ist der Clou an der Staatsdoktrin: Sie ist über alle Maßen vernünftig, es wäre völlig sinnfrei, sich ihr zu verweigern. Was aber, wenn es Menschen gibt, die das trotzdem tun? Die Alkohol konsumieren, Zigaretten rauchen oder in die wilde, freie Natur mit all ihrem Schmutz und ihren Krankheitserregern gehen? Was tun mit Menschen, die in der Verweigerung von Lebensqualität Lebensqualität erkennen?

Einmal, ein einziges Mal will der Mensch das Überflüssige tun, das dem Leben erst die richtige Würze gibt.

**

So der Hausheilige zum Thema. Die Angeklagte im Prozess (so der Untertitel), Mia Holl, gerät in eine Rolle, die ihr zunächst gar nicht zu passen scheint. Sie ist als Biologin geradezu Protagonstin des Systems, vollkommen von der Richtigkeit der „Methode“ überzeugt und daher einer Abweichung völlig unverdächtig. Doch die Verurteilung ihres Bruders erscheint ihr falsch und das bringt alles ins Wanken. So die Ausgangsposition und mehr möchte ich gar nicht verraten, denn wie bereits oben geschrieben gehört es ja zum zentralen Vergnügen der Zeh-Lektüre, ihr beim Sezieren zuzuschauen. Ich weiß nicht, ob Juli Zeh mit dem Buch eine Mission verfolgt, aus ihrem mit Ilja Trojanow verfaßten Manifest und eingen Interviews darf man aber wohl schließen, daß die persönliche Freiheit ein Thema ist, das ihr wichtig ist. Und als Antidot für die schleichende Abschaffung dieser zugunsten einer wie auch immer begründeten Sicherheitsgesellschaft sei Corpus delict dringend empfohlen. Denn allzu unwahrscheinlich erscheint mir das beschriebende Szenario im Zuge populistischer Rauchverbote, Debatten über höhere Versicherungsbeiträge für bestimmte Lebensweisen oder Klagen gegen Karikaturen gar nicht zu sein.

„Das Leben“, sagt Mia leichthin, „beginnt nun einmal auf der Höhe sener Kraft, um sich von diesem Punkt aus, immer abwärts führend, seinem Ende zu nähern. Ein grober dramaturgischer Fehler.“
„D’accord. Und hinter die Erkenntnis, dass es diesen Fehler nicht anzubeten, sondern auszubügeln gilt, kann niemand mehr zurück. Was sollte vernünftigerweise dagegen sprechen, Gesundheit als Synonym für Normalität zu betrachten? Das Störungsfreie, Fehlerlose, Funktionierende: Nichts anderes taugt zum Ideal.“

(S. 181)

Damit aber kein falscher Eindruck entsteht: Es handelt sich hier keineswegs um eine trockene Abhandlung zu ein paar sehr grundlegenden Fragen menschlichen Zusammenlebens, zumal in soziologischer Perspektive. Zum einen versucht sich Juli Zeh durchaus auch an der individuellen Perspektive, Mia Holls Zweifel und Grübeln scheinen mir durchaus überzeugend (und ich mag die „ideale Geliebte“ sehr, da hat sie ein wunderbares Geschöpf erschaffen), zum anderen hat Frau Zeh durchaus Humor.

„Wer keine Seite wählt“, sagt die ideale Geliebte, „ist ein Außenseiter. Und Außenseiter leben gefährlich. Von Zeit zu Zeit braucht die Macht ein Exempel, um ihre Stärke unter Beweis zu stellen. Besonders, wenn im Innern der Glaube wackelt. Außenseiter eignen sich, weil sie nicht wissen, was sie wollen. Sie sind Fallobst.“
„Ich bin doch keine Außenseiterin“, sagt Mia schwach.
„Tief in deinem Herzen bist du der Meinung, dass der Umgang mit anderen Menschen Zeitverschwendung ist. Mit wenigen Ausnahmen, von denen die eine Hälfte tot und die andere dein Todfeind ist. Das reicht fürs Außenseitertum.“

(S. 144f.)

Ich kann es also nicht oft genug schreiben: Menschen dieser Welt, lest Juli Zeh.
Und zum Anfang vielleicht eine dieser

lieferbaren Ausgaben.


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*zitiert nach: Zeh, Juli: Corpus Delicti. Ein Prozess. Schöffling & Co. Frankfurt/M. 2009
**aus: „Was machen die Leute da oben eigentlich?“ in: Werke und Briefe: 1930, S. 327. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 7526 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 8, S. 149-150)

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