Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (83)

Für die schon lange laufende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Arthur Schopenhauer: Die Kunst, Recht zu behalten.

Schopenhauer gilt landläufig als Misanthrop. Ich bin mir nicht sicher, ob das so ohne Weiteres zutrifft. Meiner vagen Vermutung nach konnte er durchaus eine ganze Menge Menschen nicht leiden, allerdings aus Gründen, die für jene nicht gerade schmeichelhaft gewesen sein dürften – was allerdings an ihrer möglichen Gültigkeit nichts ändert. Mir scheint da eher nicht ausgeschlossen, was der Hausheilige zur „Wahrheit“ schreibt:

Die Wahrheit ist ein Ding: hart und beschwerlich,
sowie in höchstem Maße feuergefährlich.
Brenn mit ihr nieder, was da morsch ist –
und wenns dein eigner Bruder Schorsch ist!
Beliebt wird man so nicht!

*

Denn Schopenhauers 38 Kunstgriffe, mit denen er dem geneigten Leser das Werkzeug an die Hand gibt, jederzeit Sieger einer Disputation zu sein, offenbaren einen sehr scharfsinnigen, genauen Beobachter und Analytiker menschlichen Handelns. In der Einleitung, in welcher er die Notwendigkeit seines Büchleins beschreibt, da

die objektive Wahrheit eines Satzes und die Gültigkeit desselben in der Approbation der Streiter und Hörer zweierlei [sind]

(S. 20)**

führt er aus:

Woher kommt das? – Von der natürlichen Schlechtigkeit des menschlichen Geschlechts. Wäre diese nicht, wären wir von Grund aus ehrlich, so würden wir bei jeder Debatte bloß darauf ausgehn, die Wahrheit zu Tage zu fördern, ganz unbekümmert ob solche unsrer zuerst aufgestellten Meinung oder der des Anderen gemäß ausfiele: dies würde gleichgültig, oder wenigstens ganz und gar Nebensache sein. Aber jetzt ist es Hauptsache. Die angeborne Eitelkeit, die besonders hinsichtlich der Verstandeskräfte reizbar ist, will nicht haben, daß was wir zuerst aufgestellt, sich als falsch und des Gegners als Recht ergebe.

(S. 20f.)

Schon klar, das war im 19. Jahrhundert. Inzwischen haben wir den Siegeszug der Vernunft erlebt und solcherlei persönliche Eitelkeiten spielen in unseren sachorientierten, emotionsfreien Debatten keinerlei Rolle mehr. Was natürlich bedeutet, daß man auch keine der von Schopenhauer vorgeschlagenen taktischen Finessen mehr benötigt.
Also so etwas wie:

Kunstgriff 27
Wird bei einem Argument unerwartet böse, so muß man dieses Argument eifrig urgieren: ncht bloß, weil es gut ist, ihn in Zorn zu versetzen, sondern weil zu vermuten ist, daß man die schwache Seite seines Gedankenganges berührt hat und ihm an dieser Stelle wohl noch mehr anzuhaben ist, als man vor der Hand selber sieht.

(S. 57)

oder das hier:

Letzter Kunstgriff
Wenn man merkt, daß der Gegner überlegen ist und man Unrecht behalten wird, so werde man persönlich, beleidigend, grob. Das Persönlichwerden besteht darin, daß man von dem Gegenstand des Streites (weil man da verlornes Spiel hat) abgeht auf den Streitenden und seine Person irgendwie angreift: man könnte es nennen argumentum ad personam, zum Unterschied vom argumentum ad hominem: dieses geht vom ren objektiven Gegenstand ab, um sich an das zu halten, was der Gegner darüber gesagt oder zugegeben hat. Beim Persönlichwerden aber verläßt man den Gegenstand ganz, und richtet seinen Angriff auf die Person des Gegners: man wird also kränkend, hämisch, beleidigend, grob. Es ist eine Appellation von den Kräften des Geistes an die des Leibes, oder an die Tierheit. Diese Regel ist sehr beliebt, weil Jeder zur Ausführung tauglich ist, und wird daher häufig angewandt.

(S. 71f.)

ist völlig aus unserem Diskursverhalten verschwunden.
Scharfsinngkeit macht immer Freude. Und so ist es eine große Freude, die Eristische Dialektik, wie dieses kleine, feine Werk auch benannt ist, zu lesen. Doch hat diese Freude einen bittersüßen Geschmack, läßt sich doch leicht erkennen, daß es genügend Gründe gibt, an der Menschheit zu zweifeln. Sollten also die Schopenhauer-Exegeten zum Schluß kommen, er sei ein Misanthrop gewesen, so bliebe nur zu sagen: Aber aus Gründen.

Und um die Stimmung noch weiter zu heben, noch einmal Schopenhauer, denn mir fiele nichts ein, was ich dem hier noch hinzufügen sollte, was er nicht selbst viel überzeugender vorbringt:

Kunstgriff 28
Dieser ist hauptsächlich anwendbar, wenn Gelehrte vor ungelehrten Zuhörer streiten. Wenn man kein argumentum ad rem hat und auch nicht einmal eines ad hominem, so macht man eines ad auditores[an die Zuhörer], d.h. einen ungültigen Einwurf, dessen Ungültigkeit aber nur der Sachkundige einsieht; ein solcher ist der Gegner, aber die Hörer nicht: er wird also in ihren Augen geschlagen, zumal wenn der Einwurf seine Behauptung irgendwie in ein lächerliches Licht stellt: zum Lachen sind die Leute gleich bereit; und man hat die Lacher auf seiner Seite. Die Nichtigkeit des Einwurfes zu zeigen, müßte der Gegner eine lange Auseinandersetzung machen und auf die Prinzipien der Wissenschaft oder sonstige Angelegenheit zurückgehn: dazu findet er nicht leicht Gehör.

(S. 57f.)

Vielleicht sollte dieses Buch zur Grundlage in diversen Schulfächern werden. Mir ist kein Werk bekannt, das knapper, deutlicher und scharfsinniger die Mechanismen öffentlicher Diskurse demaskiert. Und zwar eben nicht auf einer Meta-Ebene, deren Bedeutung ich nicht bestreiten möchte, sondern ganz konkret und ganz vordergründig. Dieses scheint mir nämlich der erste Schritt zu wahrer Medienkompetenz zu sein: Zu erkennen, was die Protagonisten da eigentlich treiben. Erst dann kann ich auch hinterfragen, warum, mit welchen Motiven und in welchen Zusammenhängen sie handeln.

Lieferbar ist das Buch in zahlreichen

verschiedenen Ausgaben.


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*aus: Diskretion. in: Werke und Briefe: 1929, S. 385. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 6872 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 7, S. 170)
*zitiert nach: Schopenhauer, Arthur: Die Kunst, Recht zu behalten. Dargestellt in achtunddreißig Kunstgriffen. Insel Frankfurt/M. und Leipzig 1995

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