Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (82)

Für die gestern begonnene Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Frédéric Valin: Randgruppenmitglied

Ich mag ja Erzählungen. Auch wenn ich für diese Aussage viel zu wenige lese. Womit meine Absicht, die hierzulande um sich greifende Idiotie, auf alles „Roman“ zu schreiben, weil es sich sonst angeblich nicht verkaufen ließe, wohl bereits trefflich torpediert wäre. Wobei: Für einen Verlag ist ja völlig zweitrangig, ob gelesen wird. Entscheidend ist ja eine ganz andere Handlung des menschlichen Aktionsspektrums. Insofern sei es gern noch einmal wiederholt: Ich mag ja Erzählungen.
Und ich mag sie besonders deshalb, wenn sie, nunja, erzählen. Sie sollen mich nicht läutern, mich nicht belehren, mir nichts vorführen. Eine Erzählung, die mir gefällt, zeigt mir Menschen, Begebenheiten, Dinge – völlig voraussetzungslos. Und ohne mir etwas zu erklären. Ich möchte nur mal kurz zuschauen, hineinsehen in die merkwürdige Welt, die sich mir dort bietet. Vielleicht bringt sie mich auf Gedanken, auf die ich vorher nicht gekommen wäre, vielleicht läßt sie mich träumen, vielleicht auch tatsächlich Dinge meines Lebens und meiner Welt in anderem Licht sehen. Vielleicht berührt sie mich auch einfach nur und ich bleibe in diesem Gefühl zurück.
Deshalb mag ich Erzählungen. Sie sind ein Angebot, ein „Komm mal mit, ich möchte Dir was zeigen.“ – und dann schaut man eben.*
Valins Erzählungen nun sind sehr gute Angebote. Seine Protagonisten sind nicht unbedingt die strahlenden Helden des urbanen Alltags, sie sind keine Kristallisationspunkte blühenden Lebens. Sie stehen eher am Rande, wenn auch an unterschiedlichen Rändern und aus unterschiedlichen Gründen.
Ich bin ja in urbanen Zusammenhängen aufgewachsen, daher kann ich Stellen wie diese immer nur mit einer gewssen Faszination lesen, Provinzkindheit scheint jedenfalls kein leichtes Schcksal gewesen zu sein:

In einer idyllischen süddeutschen Kleinstadt mit spitzen Kirchen und Lateinleistungskursen, mit den ganzen Audis als Zweitwagen, mit Wäldern und Wiesen, mit Kühen auf der Weide und Ochsen im Rathausen, war das anders. Wir waren so sehr Provnz, wir hatten noch nicht einmal Subkultur. Der nächste soziale Brennpunkt war ein Asylbewerberheim in vierzig Kilometer Entfernung, München und Stuttgart hielten wir für Großstädte.

(S. 77)**

Ja, ich weiß, auf der Provinz und süddeutschen Städten mit Geltungsdrang herumzuhacken, ist einfach. Aber ich bin mir sicher, die geneigte Leserschaft assoziierte sofort ein gültiges Bild samt Einwohnerschaft. Was kannn man mehr verlangen? Und es sind immer wieder solche Miniaturen, die mich sehr für diesen Band einnahmen.

Anders wurde es irgendwann in der siebten Klasse. Unser allererste Party. Bei einem Lehrerkind. Sie hieß marie, und wir dachten alle, dass sie Jochen sehr gerne mögen musste, denn ihm hatte sie als allererstem von der Party erzählt, mit hochrotem Kopf zwar, doch immerhin. Okay, nachdem sie ihren Freundinnen davon erzählt hatte. Und nachdem ihre Freundinnen davon die gesamte Stufe in Kenntns gesetzt hatten. Aber immerhin.
Wir waren alle eingeladen und bereiteten uns minitiös auf diese Party, oder, wie manche, die man dann am liebsten wieder ausgeladen hätte, es nannten: auf dieses „Feschdle“.

(S. 81f.)

Doch Valin erzählt keineswegs nur von Schwabenprovinzjugend, und auch davon nicht vorrangig. Seine Protagonisten stehen oft an einer Schwelle, in einem Schwebezustand zwischen „noch nicht“, „nicht mehr“ oder „vielleicht doch“. Zumindest gibt es Anlaß, das eigene Leben und Handeln Revue passieren zu lassen und ins Verhältnis zu setzen zu anderen Leben, die auf anderem Handeln beruhen.
In meiner hiermit spontan zur Lieblingsgeschichte erklärten titelgebenden Erzählung „Randgruppenmitglied“ sinniert der Protagonist über sich, sein Verhältnis zu Frauen und Sexualität im allgemeinen und besonderen nach. Ich zitiere einmal einfach zwei Stellen, als Angebot, als Einladung:

(Am Anfang ihrer Beziehung war das noch anders gewesen; Es hatte ihn genervt, wenn sie fünf Minuten von Ameisen und Kirchen sprach, ohne zum Punkt zu kommen. Jetzt aber freute er sich, wenn er merkte, wie sehr sie sich verhaspelte.)
Sie zu mögen war einfach: Denn sie war launisch und unausgeglichen, aufbrausend und gegenwärtig. Sie hatte Charakter. „Ich finde das gut“, sagte er wieder, „sehr gut.“ Sie war eine Person. Sie war nicht handzahm, sondern eigen. Bei ihr fühlte er sich gebraucht: Wenn er unachtsam war oder abwesend, wurde sie knurrig. Sie forderte ihn: Wenn er nicht ganz bei ihr war, dann drohten Krisen. Er empfand das als Herausforderung.

(S. 100)

Eigentlich, das wusste auch er, war die Zeit der Liebesbriefe mit 16 bereits passé, aber er war auf Grund seiner ungewöhnlichen Lektüre und dem Eindruck, den diese bei ihm hinterlassen hatte, unempfindlich gegenüber solchen Moden; wann Liebesbriefe albern wurden und wann sie angebracht waren, hatte er zu entscheiden, und zwar er allein. Es handelte sich schließlich um seine Leidenschaft.

(S. 112)

Wer die Einladung annehmen möchte, kann das mit Hilfe dieser

lieferbaren Ausgabe

bewerkstelligen.

P.S. Dank Hans Ulrich Gumbrecht hat ja nun endgültig die Sportbegeisterung auch den Status der gehobenen Intellektualität erreicht und sei auf die mehr als nur lesenswerten Spielberichte Frédéric Valins bei Spreeblick hingewiesen. Ganz große Kunst.


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*Ein Roman, zum Beispiel, mit seiner viel komplexeren Form, seinen vielen Erzählsträngen, seinen unterschiedlichen Charakteren, die in nicht immer leicht zu durchschauenden Verbindungen zueinander stehen, ist da ganz anders. Da geht es um ein ganz anderes Leseerlebnis.
**zitiert nach: Frédéric Valin: Randgruppenmitglied. Verbrecher Verlag. Berlin 2010.

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