Verschwindende Künste (3)

Heute: Cafégespräche

So viel Café wie im Zeitalter des Latte-Macchiato war wohl noch nie. Selbst außerhalb selbsternannter Hipsterhochburgen herrscht hierzulande kein Mangel an Möglichkeiten, koffeinhaltige Heißgetränke einzunehmen. Und es ist auch keineswegs so, daß dabei nicht kommuniziert wird. Allerdings beobachte ich einen deutlichen Wandel darin, wie und und mit wem.
In my younger and more vulnerable years* saßen zwei Menschen, die sich entschlossen hatten, miteinander Kaffee trinken zu gehen, an einem Tisch, sprachen miteinander, sahen sich dabei an, manchmal sogar in die Augen und in bestimmten Konstellationen auch besonders intensiv und wurden dabei nur von mehr oder weniger aufmerksamen Caféhauspersonal unterbrochen. Ich mag das sehr. Es gibt die unterschiedlichsten Arten von Cafés mit ganz unterschiedlicher Athmosphäre. Vom Bahnhofshallenfeeling bis zur Reminiszenz ans heimische Kuschelsofa bietet die moderne Großstadt da eine breite Palette an Varianten an*. Entscheidend ist das aber nicht oder zumindest nicht so sehr, wie die Caféhausbetreiber naturgemäß annehmen.*** Denn bei einem wirklich guten, einem schönen Cafégespräch verschwindet die Welt um einen herum. Man konzentriert sich aufeinander, hört zu, antwortet. Es entsteht eine Spannung, eine Intensität, die vielleicht dazu führt, über Dinge zu sprechen, über die man nicht ohne weiteres geneigt ist, zu reden. Oder es entsteht eine Konversation, die weit weg vom Mühsal des Alltags über dies, jenes und noch etwas anderes plaudern läßt. Nach einem wirklich schönen Cafégespräch verabschiedet man sich gelöst, zufrieden und unbedingt mit einem Lächeln im Gesicht, das mehr als nur freundliche Höflichkeit audrückt. Diese Intensität eines Gespräches, die ich als wohltuend empfinde, entseht eben durch die Konzentration der Gesprächspartner aufeinander – und zwar nur aufeinander.
Nun haben wir heute aber fürs tägliche Leben dreihundert nichtige Maschinen mehr**** und um die alle unterzubekommen, tragen wir sie auch mit uns herum. Was dazu führt, daß Cafégespräche zunehmend aus Kontrollblicken auf Displays bestehen. Oder aus Kommunikation mit gar nicht Anwesenden. Und so tippen, wischen und sprechen wir nun auf und in technische Spielzeuge, jegliche Gesprächsathmosphäre gründlichst zerstörend. Vielleicht hatten wir gerade eine Stimmung erreicht, in der unser Gegenüber mit etwas herausrücken wollte, das ihm (oder ihr) auf dem Herzen lag – da wenden wir unseren Blick ab, weil es soeben piepte. Das Ungesagte wird ungesagt bleiben. Eine Liebeserklärung im Café, schon von sich aus durchaus riskant, wird nun zusätzlich dadurch bedroht, daß im entscheidenden Moment Mama anruft, um zu fragen, was sie am Wochenende kochen soll. Oder der Nebenbuhler justament jetzt eine MMS mit Rosen schickt. Oder der RSS-Feed gerade eine Sensation zu verkünden hat. Oder im Email-Ordner eine neue Gewinnbenachrichtigung eingetroffen ist.
Ich sehe immer mit leichtem Bedauern die Paare an Tischen in Cafés sitzen, ein jeder mit einem Mobilgerät seiner Wahl vor sich auf dem Tisch und immer wieder schweift der Blick ab vom Gesicht aufs Display. Ich aber sage euch: Was auch immer da draußen passiert, was auch immer die Welt euch mitzuteilen hat – es gibt Momente, da darf einem das draußen und die Welt mal ganz herzlich egal sein. Es ist toll und es ist ein unglaublicher Fortschritt, daß wir die Möglichkeit haben, jederzeit mit jedem Teil dieser Welt kommunizieren zu können, jederzeit jede strittige Frage per Faktencheck klären zu können. Möglichkeit bedeutet aber eben auch: Es lassen zu können. Ein Gespräch verliert nicht dadurch an Qualität, daß die Frage nach der korrekten Flügelspannweite eines Condors ungeklärt bleibt. Gsprächsqualität hat überhaupt sehr wenig mit technischen Fragen zu tun (sorry, Mr. D’Avis). Und es ist schade, daß uns diese Kunst abhanden zu kommen scheint. Indem wir durch die Chance darauf, mit jedem zu kommunizieren präferieren, geben wir die Möglichkeit auf, mit einem zu sprechen. Fast bin ich versucht, laut auszurufen: Habt Mut, euch eures Mobiltelefons nicht zu bedienen.
Aber dann wäre ich ja Kulturpessimist. Und das bin ich ja nicht. Auch wenn viel zu selten bedacht wird, was der Hausheilige zum Wandel der Welt sagte:

Die Leute blicken immer so verächtlich auf vergangene Zeiten, weil die dies und jenes ›noch‹ nicht besaßen, was wir heute besitzen. Aber dabei setzen sie stillschweigend voraus, daß die neuere Epoche alles das habe, was man früher gehabt hat, plus dem Neuen.
Das ist ein Denkfehler.
Es ist nicht nur vieles hinzugekommen. Es ist auch vieles verloren gegangen, im guten und im bösen. Die von damals hatten vieles noch nicht. Aber wir haben vieles nicht mehr.

*****

P.S. Ganz ähnliches ließe sich übrigens auch zu Kneipengesprächen sagen.


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*aus: Fitzgerald, Francis Scott: The Great Gatsby. siehe auch die Buchempfehlung „Das Buch zum Sonntag (7)
**Die Palette der koffeinhaltigen Heißgetränke steht dieser in Sachen Vielfalt allerdings auch nicht nach, so daß „Kaffee bestellen“ inzwischen ein eigenes Subgenre des komödiantischen Gewerbes geworden ist.
***Das gilt auch für andere Geschäfte. Die KollegInnen in der Branche werden das nicht gern hören, aber ich halte Warenpräsentation für völlig überbewertet. Nicht für irrelevant, aber für überbewertet. Merkwürdigerweise ist noch immer entscheidend, was da ist und weit weniger wie.
****aus: Gruß nach vorn. in: Werke und Briefe: 1926, S. 237. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 4319 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 4, S. 404)
*****aus: Schnipsel. in: Werke und Briefe: 1932, S. 209. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 8925 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 10, S. 98)

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Verschwindende Künste (3)

Das Buch zum Sonntag (84)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Juli Zeh: Corpus Delicti

Ich mag ja Juli Zeh. Also, ihre Werke. Allerdings habe ich inzwischen feststellen können, daß gerade einige der Punkte, die mir an ihren Büchern so gefallen, auch genau die sind, die andere davon abhalten, sie zu lesen. Auftritt verstaubte Binsenweisheit: Leseerfahrungen sind immer individuell.
Ihre Bücher sind in meinen Augen ja viel mehr Versuchsanordnung und philosophisches Experiment als erzählende Literatur. Genau das macht es immer wieder spannend, zu schauen, wie sich das Experiment entwickelt, welche Wendungen, welche Verläufe es nimmt. Und ich mag an Juli Zeh die Konsequenz ihres Denkens.
In Corpus Delicti sieht die Versuchsanordnung eine Welt vor, in der „Gesundes Leben“ zur Grundlage des Staates und der Gesellschaft wurde. Aus der simplen und auf den ersten Blick nachvollziehbaren Idee heraus, daß es eines jeden Menschen Ziel sei, lange und von Krankheiten unbelästigt zu leben wurde so ein Staat geboren, der genau dies garantiert, dafür aber freilich auch recht genau kontrolliert, wie denn die Staatsbürger so leben. Sonst könnte er ja die Garantie auch gar nicht einlösen.

In Wohnkomplexen, deren Hausgemeinschaft sich durch besondere Zuverläsigkeit auszeichnet, können Aufgaben der hygienischen Prophylaxe von den Bewohnern in Eigenregie übernommen werden. Regelmäßge Messungen der Luftwerte gehören ebenso dazu wie Müll- und Abwasserkontrolle und die Desinfizerung aller öffentlich zugänglichen Bereiche. Ein Haus, in dem diese Form der Selbstverwaltung funktionert, wird mit einer Plakette ausgezeichnet und erhält Rabatte auf Strom und Wasser. Die Wächterhaus-Initative feiert auf allen Ebenen die größten Erfolge. Der Fiskus spart Geld bei der Gesundheitsvorsorge, und die Menschen entwickeln Gemeinschaftssinn.

(S. 22)*

Entlarvend. Und ganz nebenbei ein ganz hübscher Hinweis darauf, warum manche Gesellschaftssysteme funktionieren. Nichts ist machtpolitisch klüger, als auf die gegenseitige Kontrolle der Nachbarn setzen. Doch eine solche Erkenntnis wäre für ein Juli-Zeh-Werk viel zu platt. Und neben den ganz großen rechtsphilosophischen Fragen, die sie aufwirft und äußerst klug verhandelt, geht es um die Frage: Wie aber umgehen mit Menschen, die sich unvernünftig verhalten? Denn das ist der Clou an der Staatsdoktrin: Sie ist über alle Maßen vernünftig, es wäre völlig sinnfrei, sich ihr zu verweigern. Was aber, wenn es Menschen gibt, die das trotzdem tun? Die Alkohol konsumieren, Zigaretten rauchen oder in die wilde, freie Natur mit all ihrem Schmutz und ihren Krankheitserregern gehen? Was tun mit Menschen, die in der Verweigerung von Lebensqualität Lebensqualität erkennen?

Einmal, ein einziges Mal will der Mensch das Überflüssige tun, das dem Leben erst die richtige Würze gibt.

**

So der Hausheilige zum Thema. Die Angeklagte im Prozess (so der Untertitel), Mia Holl, gerät in eine Rolle, die ihr zunächst gar nicht zu passen scheint. Sie ist als Biologin geradezu Protagonstin des Systems, vollkommen von der Richtigkeit der „Methode“ überzeugt und daher einer Abweichung völlig unverdächtig. Doch die Verurteilung ihres Bruders erscheint ihr falsch und das bringt alles ins Wanken. So die Ausgangsposition und mehr möchte ich gar nicht verraten, denn wie bereits oben geschrieben gehört es ja zum zentralen Vergnügen der Zeh-Lektüre, ihr beim Sezieren zuzuschauen. Ich weiß nicht, ob Juli Zeh mit dem Buch eine Mission verfolgt, aus ihrem mit Ilja Trojanow verfaßten Manifest und eingen Interviews darf man aber wohl schließen, daß die persönliche Freiheit ein Thema ist, das ihr wichtig ist. Und als Antidot für die schleichende Abschaffung dieser zugunsten einer wie auch immer begründeten Sicherheitsgesellschaft sei Corpus delict dringend empfohlen. Denn allzu unwahrscheinlich erscheint mir das beschriebende Szenario im Zuge populistischer Rauchverbote, Debatten über höhere Versicherungsbeiträge für bestimmte Lebensweisen oder Klagen gegen Karikaturen gar nicht zu sein.

„Das Leben“, sagt Mia leichthin, „beginnt nun einmal auf der Höhe sener Kraft, um sich von diesem Punkt aus, immer abwärts führend, seinem Ende zu nähern. Ein grober dramaturgischer Fehler.“
„D’accord. Und hinter die Erkenntnis, dass es diesen Fehler nicht anzubeten, sondern auszubügeln gilt, kann niemand mehr zurück. Was sollte vernünftigerweise dagegen sprechen, Gesundheit als Synonym für Normalität zu betrachten? Das Störungsfreie, Fehlerlose, Funktionierende: Nichts anderes taugt zum Ideal.“

(S. 181)

Damit aber kein falscher Eindruck entsteht: Es handelt sich hier keineswegs um eine trockene Abhandlung zu ein paar sehr grundlegenden Fragen menschlichen Zusammenlebens, zumal in soziologischer Perspektive. Zum einen versucht sich Juli Zeh durchaus auch an der individuellen Perspektive, Mia Holls Zweifel und Grübeln scheinen mir durchaus überzeugend (und ich mag die „ideale Geliebte“ sehr, da hat sie ein wunderbares Geschöpf erschaffen), zum anderen hat Frau Zeh durchaus Humor.

„Wer keine Seite wählt“, sagt die ideale Geliebte, „ist ein Außenseiter. Und Außenseiter leben gefährlich. Von Zeit zu Zeit braucht die Macht ein Exempel, um ihre Stärke unter Beweis zu stellen. Besonders, wenn im Innern der Glaube wackelt. Außenseiter eignen sich, weil sie nicht wissen, was sie wollen. Sie sind Fallobst.“
„Ich bin doch keine Außenseiterin“, sagt Mia schwach.
„Tief in deinem Herzen bist du der Meinung, dass der Umgang mit anderen Menschen Zeitverschwendung ist. Mit wenigen Ausnahmen, von denen die eine Hälfte tot und die andere dein Todfeind ist. Das reicht fürs Außenseitertum.“

(S. 144f.)

Ich kann es also nicht oft genug schreiben: Menschen dieser Welt, lest Juli Zeh.
Und zum Anfang vielleicht eine dieser

lieferbaren Ausgaben.


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*zitiert nach: Zeh, Juli: Corpus Delicti. Ein Prozess. Schöffling & Co. Frankfurt/M. 2009
**aus: „Was machen die Leute da oben eigentlich?“ in: Werke und Briefe: 1930, S. 327. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 7526 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 8, S. 149-150)

Das Buch zum Sonntag (84)

Humilitas

Als nichtreligiöser Mensch lese ich religiöse Schriften etwas anders als dies religiöse Menschen vielleicht tun. Sie sind aber durchaus lesenswert, denn man bedenke: Da haben sich Menschen die Mühe gemacht, ein Bücher zusammenzustellen, die auf alle nur erdenklichen Fragen des Lebens eine Antwort bereitzuhalten versprechen. Und das mit durchaus bemerkenswerten Ergebnissen:

5 Da fuhr der HERR hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten. 6 Und der HERR sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. 7 Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe!
8 So zerstreute sie der HERR von dort in alle Länder, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen

*

Die Geschichte vom Turmbau zu Babel gehört zu den bekannteren Topoi der abendländischen Geistesgeschichte. Sie ist auch ihres religiösen Gewandes entkleidet höchst lehrreich. Die Lehre, die ich daraus ziehe, ist die der Demut menschlichen Strebens im Angesicht unserer bescheidenen Fähigkeiten, dieses in Einklang mit den Erfordernissen der Vernunft zu bringen. Viel zu sehr streben wir nach mehr, noch mehr und noch viel mehr, aus purem Eigennutz.** Oder anders ausgedrückt: Es scheint uns schwer zu fallen, auf etwas zu verzichten, einen Schritt nicht zu gehen, der uns scheinbar weiter bringt. Denn entscheidend ist nicht das Vorankommen, sondern die Richtung, in die man geht.
In seinem etwas anstrengenden Beitrag zu den physikalischen Grundlagen der Atomkraft weist Harald Lesch auf einen entscheidenden Punkt hin: Wir hantieren mit der vielleicht stärksten Kraft des Universums, wenn wir mit Kernspaltung herumexperimentieren. Und geben uns der Illusion hin, diese kontrollieren zu können. Hybris galore.
Aufmerksame Geschichtsstudenten erfahren in ihren Seminaren zum Umgang mit normativen Schriftquellen, daß bei einer hohen Anzahl von Vorschriften zu einem bestimmten Sachverhalt ein permanentes Fehlverhalten in diesem Bereich anzunehmen ist. Eltern kennen ähnliches in Erziehungsfragen: Die Regeln, auf denen man am häufigsten insistiert, sind genau jene, welche ständig gebrochen gebrochen werden. Die Bibel ist voller Geschichten, die sich um die Anmaßung der Menschen drehen, sich selbst Gott gleich zu stellen, insbesondere, indem sie seine Anweisungen ignorieren. Ihre Uneinsichtigkeit ist wiederkehrendes Motiv. Immer wieder wird gewarnt und immer wieder wird gestraft. Bis zur Vernichtung, die aber auch nichts zu helfen scheint.*** Wenn wir also schon „christlich-jüdisches Erbe“ spielen wollen, dann wäre es vielleicht ganz sinnvoll, dessen Grundlage noch einmal zur Hand zu nehmen. Die Überlegung, daß es Dinge gibt, an denen man nicht rühren sollte, weil sie sich aufgrund ihrer Komplexität, ihrer nicht absehbaren Auswirkungen, ihrer Langfristigkeit einfach nicht dazu eignen, wird mir viel zu wenig angestellt. Nur, weil etwas möglich ist und weil es uns vielleicht einen momentanen Vorteil bringt, muß es nicht gut sein. Das kann natürlich bedeuten, daß wir auf einiges verzichten müssten. Das kann bedeuten, daß wir uns vom ewigen Fortschritt verabschieden müssen, daß wir nicht noch die 162. Weiterentwicklung der Telekommunikation erleben, daß wir nicht 24h-Klimaanlagen betreiben können, dementsprechend in bestimmten Gegenden nicht siedeln können, daß es Mißernten durch Schädlinge und Wetterveränderungen geben wird, daß wir vielleicht auch nicht den Krebs besiegen werden, daß behinderte Kinder zur Welt kommen, obwohl wir dies ausschließen könnten. Doch es könnte sein, daß dies trotzdem der klügere, der weisere Weg ist.
Das, was diese Spezies in der Atomdebatte abliefert, macht auf mich den Eindruck, als diskutierten wir darüber, ob beim Turmbau zu Babel vielleicht einfach nur ein paar Gerüste zu wenig standen. Der Wahnsinn ist aber der Turmbau selbst. Und ebensowenig wie dieser vor der unbeherrschbaren Macht Gottes zu beschützen war, werden wir scheitern, wo wir uns mit Kräften anlegen, die über uns hinaus genauen. Ganz egal, ob es sich da um Genmutationen oder Bindungsenergie handelt. Mag sein, daß es nicht vorteilhaft wäre, auf manchen scheinbaren Fortschritt zu verzichten. Klüger könnte es aber trotzdem sein.


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*Gen. 11, 5-8 zitiert nach: Die Bibel (Luther 1984)
**Kant schreibt hierzu: Das Bewußtsein und Gefühl der Geringfähigkeit seines moralischen Werts in Vergleichung mit dem Gesetz ist die Demut (humilitas moralis). in: Kant: Die Metaphysik der Sitten. Philosophie von Platon bis Nietzsche, S. 27286 (vgl. Kant-W Bd. 8, S. 569-570)
***Und jede Warnung, jede Drohung, die vom Himmel kam/wurde überhört, von den Schafen des Herrn/Und jeden Tag versagen wir ein weiteres Mal. singen die Toten Hosen in „Die zehn Gebote„.

Humilitas

Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (83)

Für die schon lange laufende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Arthur Schopenhauer: Die Kunst, Recht zu behalten.

Schopenhauer gilt landläufig als Misanthrop. Ich bin mir nicht sicher, ob das so ohne Weiteres zutrifft. Meiner vagen Vermutung nach konnte er durchaus eine ganze Menge Menschen nicht leiden, allerdings aus Gründen, die für jene nicht gerade schmeichelhaft gewesen sein dürften – was allerdings an ihrer möglichen Gültigkeit nichts ändert. Mir scheint da eher nicht ausgeschlossen, was der Hausheilige zur „Wahrheit“ schreibt:

Die Wahrheit ist ein Ding: hart und beschwerlich,
sowie in höchstem Maße feuergefährlich.
Brenn mit ihr nieder, was da morsch ist –
und wenns dein eigner Bruder Schorsch ist!
Beliebt wird man so nicht!

*

Denn Schopenhauers 38 Kunstgriffe, mit denen er dem geneigten Leser das Werkzeug an die Hand gibt, jederzeit Sieger einer Disputation zu sein, offenbaren einen sehr scharfsinnigen, genauen Beobachter und Analytiker menschlichen Handelns. In der Einleitung, in welcher er die Notwendigkeit seines Büchleins beschreibt, da

die objektive Wahrheit eines Satzes und die Gültigkeit desselben in der Approbation der Streiter und Hörer zweierlei [sind]

(S. 20)**

führt er aus:

Woher kommt das? – Von der natürlichen Schlechtigkeit des menschlichen Geschlechts. Wäre diese nicht, wären wir von Grund aus ehrlich, so würden wir bei jeder Debatte bloß darauf ausgehn, die Wahrheit zu Tage zu fördern, ganz unbekümmert ob solche unsrer zuerst aufgestellten Meinung oder der des Anderen gemäß ausfiele: dies würde gleichgültig, oder wenigstens ganz und gar Nebensache sein. Aber jetzt ist es Hauptsache. Die angeborne Eitelkeit, die besonders hinsichtlich der Verstandeskräfte reizbar ist, will nicht haben, daß was wir zuerst aufgestellt, sich als falsch und des Gegners als Recht ergebe.

(S. 20f.)

Schon klar, das war im 19. Jahrhundert. Inzwischen haben wir den Siegeszug der Vernunft erlebt und solcherlei persönliche Eitelkeiten spielen in unseren sachorientierten, emotionsfreien Debatten keinerlei Rolle mehr. Was natürlich bedeutet, daß man auch keine der von Schopenhauer vorgeschlagenen taktischen Finessen mehr benötigt.
Also so etwas wie:

Kunstgriff 27
Wird bei einem Argument unerwartet böse, so muß man dieses Argument eifrig urgieren: ncht bloß, weil es gut ist, ihn in Zorn zu versetzen, sondern weil zu vermuten ist, daß man die schwache Seite seines Gedankenganges berührt hat und ihm an dieser Stelle wohl noch mehr anzuhaben ist, als man vor der Hand selber sieht.

(S. 57)

oder das hier:

Letzter Kunstgriff
Wenn man merkt, daß der Gegner überlegen ist und man Unrecht behalten wird, so werde man persönlich, beleidigend, grob. Das Persönlichwerden besteht darin, daß man von dem Gegenstand des Streites (weil man da verlornes Spiel hat) abgeht auf den Streitenden und seine Person irgendwie angreift: man könnte es nennen argumentum ad personam, zum Unterschied vom argumentum ad hominem: dieses geht vom ren objektiven Gegenstand ab, um sich an das zu halten, was der Gegner darüber gesagt oder zugegeben hat. Beim Persönlichwerden aber verläßt man den Gegenstand ganz, und richtet seinen Angriff auf die Person des Gegners: man wird also kränkend, hämisch, beleidigend, grob. Es ist eine Appellation von den Kräften des Geistes an die des Leibes, oder an die Tierheit. Diese Regel ist sehr beliebt, weil Jeder zur Ausführung tauglich ist, und wird daher häufig angewandt.

(S. 71f.)

ist völlig aus unserem Diskursverhalten verschwunden.
Scharfsinngkeit macht immer Freude. Und so ist es eine große Freude, die Eristische Dialektik, wie dieses kleine, feine Werk auch benannt ist, zu lesen. Doch hat diese Freude einen bittersüßen Geschmack, läßt sich doch leicht erkennen, daß es genügend Gründe gibt, an der Menschheit zu zweifeln. Sollten also die Schopenhauer-Exegeten zum Schluß kommen, er sei ein Misanthrop gewesen, so bliebe nur zu sagen: Aber aus Gründen.

Und um die Stimmung noch weiter zu heben, noch einmal Schopenhauer, denn mir fiele nichts ein, was ich dem hier noch hinzufügen sollte, was er nicht selbst viel überzeugender vorbringt:

Kunstgriff 28
Dieser ist hauptsächlich anwendbar, wenn Gelehrte vor ungelehrten Zuhörer streiten. Wenn man kein argumentum ad rem hat und auch nicht einmal eines ad hominem, so macht man eines ad auditores[an die Zuhörer], d.h. einen ungültigen Einwurf, dessen Ungültigkeit aber nur der Sachkundige einsieht; ein solcher ist der Gegner, aber die Hörer nicht: er wird also in ihren Augen geschlagen, zumal wenn der Einwurf seine Behauptung irgendwie in ein lächerliches Licht stellt: zum Lachen sind die Leute gleich bereit; und man hat die Lacher auf seiner Seite. Die Nichtigkeit des Einwurfes zu zeigen, müßte der Gegner eine lange Auseinandersetzung machen und auf die Prinzipien der Wissenschaft oder sonstige Angelegenheit zurückgehn: dazu findet er nicht leicht Gehör.

(S. 57f.)

Vielleicht sollte dieses Buch zur Grundlage in diversen Schulfächern werden. Mir ist kein Werk bekannt, das knapper, deutlicher und scharfsinniger die Mechanismen öffentlicher Diskurse demaskiert. Und zwar eben nicht auf einer Meta-Ebene, deren Bedeutung ich nicht bestreiten möchte, sondern ganz konkret und ganz vordergründig. Dieses scheint mir nämlich der erste Schritt zu wahrer Medienkompetenz zu sein: Zu erkennen, was die Protagonisten da eigentlich treiben. Erst dann kann ich auch hinterfragen, warum, mit welchen Motiven und in welchen Zusammenhängen sie handeln.

Lieferbar ist das Buch in zahlreichen

verschiedenen Ausgaben.


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*aus: Diskretion. in: Werke und Briefe: 1929, S. 385. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 6872 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 7, S. 170)
*zitiert nach: Schopenhauer, Arthur: Die Kunst, Recht zu behalten. Dargestellt in achtunddreißig Kunstgriffen. Insel Frankfurt/M. und Leipzig 1995

Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (83)

Misericordia et Caritas

Ich bin derzeit ganz ordentlich fassungslos.
In Japan starben wahrscheinlich mehr als zehntausend Menschen an den Folgen eines Erdbebens mit nachfolgendem Tsunami. Hunderttausende sind obdachlos, ohne ausreichende Versorgung, manches Mal in Eiseskälte ausharrend. Dort haben Menschen ihr Leben verloren – und zwar nicht nur konkret, sondern auch metaphorisch. Sie verloren ihre Stadt, ihre Wohnung, ihre Freunde, ihre Eltern, Geschwister, Kinder. Ein unsagbares Leid brach über die Menschen der Sendaiebene herein und sie leiden noch immer.
Und wir?
Wir diskutieren technische Details japanischer Kraftwerke, stellen Überlegungen an, welche Bauteile wohl welche Belastung noch aushalten werden und wie sinnvoll Meerwasser zur Kühlung ist. Wir wägen ab, ob Wasserwerfer nur eine Notlösung sind und inwieweit die Idee, Sand zur Versiegelung zu verwenden, sinnvoll ist. Es gibt jeden Morgen im Wetterbericht des Morgenmagazins eine Grafik, die anzeigt, wohin eine radioaktive Wolke getrieben werden würde. Ganz professionell werden dabei natürlich gleich drei unterschiedliche Höhen berückschtigt und farblich getrennt dargestellt. Wir disutieren außerdem, ob eigentlich unsere Atomkraftwerke sicher sind und was die Abschaltung einiger derselben eigentlich für unseren Strompreis bedeutet und ob wir das nun gut finden sollen.
Sagt mal, ihr lieben Mitmenschen, geht´s eigentlich noch? Ist das wirklich ein Abbild unserer Überlegungen und Gedanken, was da gerade medial passiert? Sind nur die Journalisten und Politiker jeglicher Couleur zynische Arschlöcher oder sind wir wirklich so abgestumpft? Diese unerträgliche Mischung aus Halbwissen, Gefühllosigket und Panikmache nennt sich dann „Qualitätsjournalismus“.
Ja, ich halte die Atomkraft für einen Irrweg. Ja, es ist richtig und wichtig, die Unkalkulierbarkeit dieser Technologie zu thematisieren. Und ja, dafür sollte man auf die Straße gehen. Und ja, diese Frage sollte in anstehende Wahlentscheidungen einbezogen werden. Doch wie unberührt vom geschehenen, realen, jetzt erlebten Leid muß man eigentlich sein, um sich jetzt über eine Woche lang darüber die Köpfe heiß zu reden? Wieviel Kaltheit gehört eigentlich dazu, stundenlange Sondersendungen zu bringen, aufwendige Grafiken zu erstellen, Experten zu interviewen zu Ereignissen, die passieren könnten – anstatt diese Zeit, diese Kraft, diese Expertise zu nutzen, um, verdammt noch mal, zu helfen, bei den Ereignissen, die tatsächlich passiert sind? Ich diskutiere gerne und intensiv über Sinn und Zweck von Atomenergie – aber nicht jetzt. Ich meine: Da sterben Menschen! Hallo?
Auch wenn es wahrlich einfachere Dinge gibt als als Gaijin Japanern zu helfen – man ist hierzulande sehr stolz auf sein christliches Erbe, auf die ach so großartige Leitkultur im Zeichen des Kreuzes. Barmherzigkeit und tätige Nächstenliebe sind Grundpfeiler christlicher Ethik. Hic Rhodos.
Ich kann und will einfach nicht glauben, daß wir im postmodernen Individualwahn wirklich schon so weit sind, daß wir nur noch zur Frage: „Was bedeutet das für mich?“ fähig sind und die Frage „Was heißt das für Dich?“ nicht stellen können. So schwer es mir fällt, Guido Westerwelle zuzustimmen und so sehr mir klar ist, daß er seine Gründe dafür haben wird, aber er hat Recht. Es ist nicht die Zeit, über unsere Stromversorgung zu reden. Im Angesicht des Leides gibt es nur eine Aufgabe: Helfen. Und um die zu trauern, denen nicht mehr zu helfen war.


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P.S. Es sind manchmal kleine Formulierungen. Die DJG Berlin schreibt in ihrer Erdbebenbotschaft: Wir wünschen allen Betroffenen von Herzen alles Gute und werden alles dafür tun, sie bei der Rückkehr in den hoffentlich bald wieder einkehrenden Alltag – sofern es das auf absehbare Zeit überhaupt noch gibt – zu unterstützen. Sofern es das überhaupt noch gibt. Mir kamen da die Tränen.
P.P.S. Bemerkenswerter Weise wundern wir uns ja darüber, daß man sich in Japan in Krisenzeiten gegenseitig hilft, anstatt in Panik und Aufruhr übereinander herzufallen. Das muß man sich auch mal ganz langsam durch den Kopf gehen lassen. Es gehört zu den wenigen Gründen, die ich herausfiltern konnte aus dem undurchschtigen Konglomerat, das meine Faszination für Japan darstellt: Die Menschen dort leben tatsächlich zusammen – und nicht nebeneinander. Zum Verständnis dazu: Frau Pia-Tomoko Meid.

Misericordia et Caritas

Kein Buch zum Sonntag (10)

Ich weiß, es wird allmählich zur Regel, daß hier aller paar Wochen die Buchempfehlung ausfällt.
Aber wie die geneigte Leserschaft vielleicht mitbekommen hat, habe ich einige persönliche Bezugspunkte zu Japan. Einige der schönsten, beeindruckendsten, nachhaltigsten Momente meines Lebens verdanke ich diesem Land und seinen Menschen. Einige meiner liebsten Orte sind dort, wenn ich mir einen letzten Blick im Leben aussuchen dürfte, wäre es ein Blick auf das Meer bei Kamakura.
Und so sehr es mir auch gelingen mag, die unübersichtlichen Nachrichten aus Japan zu rationalisieren und einzuordnen, es läßt mich doch nicht unberührt.
Auch auf die Gefahr hin, nun in die große, weite Schar der Katastrophenbemitleider eingereiht zu werden, sehe ich diese Woche von einer Buchempfehlung ab.
Zu den liebenswerten Verrückten, die das Kunststück fertigbringen, sich mit 50 AKW an einer der tektonisch interessantesten Stellen der Erde sicher zu fühlen, werde ich aber sicher noch etwas schreiben.
Nur nicht heute. Heute möchte ich den Kreis noch vollenden und mich auch noch in die Schar der Weltungergangsverkünder einreihen mit dem allerdings ernst gemeinten Hinweis an all jene, die sich einer wie auch immer gearteten höheren Macht verpflichtet fühlen. Es gibt da etliche Lebewesen (Radioktivität ist ziemlich egal, ob Vögel, Hunde oder Mäuse Atomkraftwerke betreiben), die grad jedes gütige göttliche Eingreifen gut gebrauchen könnten.

4 DA lies der HERR einen grossen wind auffs Meer komen /vnd hub sich ein gros vngewitter auff dem Meer / Das man meinet / das Schiff würde zu brechen.
5 Vnd die Schiffleute furchten sich / vnd schrien / ein jglicher zu seinem Gott / vnd worffen das Gerete / das im Schiff war / ins Meer / das es leichter würde. Aber Jona war hinunter in das Schiff gestiegen / lag vnd schlieff.
6 Da trat zu jm der Schiffherr / vnd sprach zu jm / Was schleffestu? Stehe auff / ruffe deinen Gott an / Ob vieleicht Gott an vns gedencken wolte / das wir nicht verdürben.

aus: Luther-Bibel 1545: Der Prophet Jona. Die Luther-Bibel, S. 3360 (vgl. Jon 1, 4-6)

Jona übrigens kam aus der Sache raus, indem er seinen Fehler einsah und sein Verhalten änderte. Wäre vielleicht auch eine Option. Aber dazu ein anderes Mal mehr. Bis dahin hoffe ich einfach, daß die Sache noch irgendwie glimpflich ausgeht.

Kein Buch zum Sonntag (10)

Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (82)

Für die gestern begonnene Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Frédéric Valin: Randgruppenmitglied

Ich mag ja Erzählungen. Auch wenn ich für diese Aussage viel zu wenige lese. Womit meine Absicht, die hierzulande um sich greifende Idiotie, auf alles „Roman“ zu schreiben, weil es sich sonst angeblich nicht verkaufen ließe, wohl bereits trefflich torpediert wäre. Wobei: Für einen Verlag ist ja völlig zweitrangig, ob gelesen wird. Entscheidend ist ja eine ganz andere Handlung des menschlichen Aktionsspektrums. Insofern sei es gern noch einmal wiederholt: Ich mag ja Erzählungen.
Und ich mag sie besonders deshalb, wenn sie, nunja, erzählen. Sie sollen mich nicht läutern, mich nicht belehren, mir nichts vorführen. Eine Erzählung, die mir gefällt, zeigt mir Menschen, Begebenheiten, Dinge – völlig voraussetzungslos. Und ohne mir etwas zu erklären. Ich möchte nur mal kurz zuschauen, hineinsehen in die merkwürdige Welt, die sich mir dort bietet. Vielleicht bringt sie mich auf Gedanken, auf die ich vorher nicht gekommen wäre, vielleicht läßt sie mich träumen, vielleicht auch tatsächlich Dinge meines Lebens und meiner Welt in anderem Licht sehen. Vielleicht berührt sie mich auch einfach nur und ich bleibe in diesem Gefühl zurück.
Deshalb mag ich Erzählungen. Sie sind ein Angebot, ein „Komm mal mit, ich möchte Dir was zeigen.“ – und dann schaut man eben.*
Valins Erzählungen nun sind sehr gute Angebote. Seine Protagonisten sind nicht unbedingt die strahlenden Helden des urbanen Alltags, sie sind keine Kristallisationspunkte blühenden Lebens. Sie stehen eher am Rande, wenn auch an unterschiedlichen Rändern und aus unterschiedlichen Gründen.
Ich bin ja in urbanen Zusammenhängen aufgewachsen, daher kann ich Stellen wie diese immer nur mit einer gewssen Faszination lesen, Provinzkindheit scheint jedenfalls kein leichtes Schcksal gewesen zu sein:

In einer idyllischen süddeutschen Kleinstadt mit spitzen Kirchen und Lateinleistungskursen, mit den ganzen Audis als Zweitwagen, mit Wäldern und Wiesen, mit Kühen auf der Weide und Ochsen im Rathausen, war das anders. Wir waren so sehr Provnz, wir hatten noch nicht einmal Subkultur. Der nächste soziale Brennpunkt war ein Asylbewerberheim in vierzig Kilometer Entfernung, München und Stuttgart hielten wir für Großstädte.

(S. 77)**

Ja, ich weiß, auf der Provinz und süddeutschen Städten mit Geltungsdrang herumzuhacken, ist einfach. Aber ich bin mir sicher, die geneigte Leserschaft assoziierte sofort ein gültiges Bild samt Einwohnerschaft. Was kannn man mehr verlangen? Und es sind immer wieder solche Miniaturen, die mich sehr für diesen Band einnahmen.

Anders wurde es irgendwann in der siebten Klasse. Unser allererste Party. Bei einem Lehrerkind. Sie hieß marie, und wir dachten alle, dass sie Jochen sehr gerne mögen musste, denn ihm hatte sie als allererstem von der Party erzählt, mit hochrotem Kopf zwar, doch immerhin. Okay, nachdem sie ihren Freundinnen davon erzählt hatte. Und nachdem ihre Freundinnen davon die gesamte Stufe in Kenntns gesetzt hatten. Aber immerhin.
Wir waren alle eingeladen und bereiteten uns minitiös auf diese Party, oder, wie manche, die man dann am liebsten wieder ausgeladen hätte, es nannten: auf dieses „Feschdle“.

(S. 81f.)

Doch Valin erzählt keineswegs nur von Schwabenprovinzjugend, und auch davon nicht vorrangig. Seine Protagonisten stehen oft an einer Schwelle, in einem Schwebezustand zwischen „noch nicht“, „nicht mehr“ oder „vielleicht doch“. Zumindest gibt es Anlaß, das eigene Leben und Handeln Revue passieren zu lassen und ins Verhältnis zu setzen zu anderen Leben, die auf anderem Handeln beruhen.
In meiner hiermit spontan zur Lieblingsgeschichte erklärten titelgebenden Erzählung „Randgruppenmitglied“ sinniert der Protagonist über sich, sein Verhältnis zu Frauen und Sexualität im allgemeinen und besonderen nach. Ich zitiere einmal einfach zwei Stellen, als Angebot, als Einladung:

(Am Anfang ihrer Beziehung war das noch anders gewesen; Es hatte ihn genervt, wenn sie fünf Minuten von Ameisen und Kirchen sprach, ohne zum Punkt zu kommen. Jetzt aber freute er sich, wenn er merkte, wie sehr sie sich verhaspelte.)
Sie zu mögen war einfach: Denn sie war launisch und unausgeglichen, aufbrausend und gegenwärtig. Sie hatte Charakter. „Ich finde das gut“, sagte er wieder, „sehr gut.“ Sie war eine Person. Sie war nicht handzahm, sondern eigen. Bei ihr fühlte er sich gebraucht: Wenn er unachtsam war oder abwesend, wurde sie knurrig. Sie forderte ihn: Wenn er nicht ganz bei ihr war, dann drohten Krisen. Er empfand das als Herausforderung.

(S. 100)

Eigentlich, das wusste auch er, war die Zeit der Liebesbriefe mit 16 bereits passé, aber er war auf Grund seiner ungewöhnlichen Lektüre und dem Eindruck, den diese bei ihm hinterlassen hatte, unempfindlich gegenüber solchen Moden; wann Liebesbriefe albern wurden und wann sie angebracht waren, hatte er zu entscheiden, und zwar er allein. Es handelte sich schließlich um seine Leidenschaft.

(S. 112)

Wer die Einladung annehmen möchte, kann das mit Hilfe dieser

lieferbaren Ausgabe

bewerkstelligen.

P.S. Dank Hans Ulrich Gumbrecht hat ja nun endgültig die Sportbegeisterung auch den Status der gehobenen Intellektualität erreicht und sei auf die mehr als nur lesenswerten Spielberichte Frédéric Valins bei Spreeblick hingewiesen. Ganz große Kunst.


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*Ein Roman, zum Beispiel, mit seiner viel komplexeren Form, seinen vielen Erzählsträngen, seinen unterschiedlichen Charakteren, die in nicht immer leicht zu durchschauenden Verbindungen zueinander stehen, ist da ganz anders. Da geht es um ein ganz anderes Leseerlebnis.
**zitiert nach: Frédéric Valin: Randgruppenmitglied. Verbrecher Verlag. Berlin 2010.

Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (82)