Das Buch zum Sonntag (81)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Gert Prokop: Wer stiehlt schon Unterschenkel?

Diese Woche gibt es mal wieder etwas entspannende Lektüre, denn die Frage, was die Welt im Innersten zusammenhält, läßt Prokop weitgehend unbeantwortet.
Im Mittelpunkt der Erzählungen steht der Privatdetektiv Timothy Truckle, der in den USA der Zukunft lebt. Eine der interessanten Ideen bei Prokops Zukunftsentwurf scheint mir dabei zu sein, daß es der Welt irgendwann einfach mal reicht und sie bereits zu Beginn des 21. Jahrhunderts die USA unter einer riesigen Käseglocke verschwinden läßt. Es gibt also zwei Welten, die isolierten USA und DRAUSSEN. Natürlich spielt bei Prokops dystopischer Zukunftsvision, in der Gods own Country ohne Hilfe von außen gar nicht mehr lebensfähig wäre (was jetzt nicht heißt, daß man sich um sie kümmern würde – man läßt sie halt leben) und sich zudem die Bürger im festen Würgegriff von alleswissenden und alleskontrollierenden Staats- und Wirtschaftsinstitutionen befinden, unbedingt eine bestimmte Weltsicht mit. Und natürlich laufen Science-Fiction-Geschichten immer Gefahr, von der Realität überholt zu werden und damit merkwürdig angestaubt oder gar lächerlich zu wirken. Das gilt sicherlich, soweit wir utopische Literatur als konkrete Prophezeiung auffassen. Doch genauso wenig wie Khan Noonien Singh lächerlich wurde, als klar wurde, daß das mit den eugenischen Kriegen bs 1996 wohl nix mehr werden würde, oder Jules Vernes Mondreise weniger faszinierend, nachdem sich herausstellte, daß Schießbaumwolle wohl nicht der entscheidende Treibstoff würde, wird Timothy Truckle zu einer abwegigen Figur, nur weil sich die Weltpolitik seit 1978 in andere Richtungen entwickelte.
Überhaupt gilt für Science-Fiction ähnliches wie zu einem anderen Genre:

Jeder historische Roman vermittelt ein ausgezeichnetes Bild von der Epoche des Verfassers.

*

Das Verlegen einer Handlung in andere Welten und Zeiten ist ein probates Mittel, Aussagen über die eigene Welt und Zeit zu treffen. Mit dem wunderbaren Vorteil, sich um deren exaktes Abbild keine Gedanken machen zu müssen (daran hätte der Biller mal denken sollen). Aber zurück zum Buch, das den Untertitel „und andere unglaubliche Kriminalgeschichten“ trägt. Kriminalgeschichten behauptet Prokop also zu erzählen. Nun, das ist technisch nicht völlig unzutreffend, Truckle löst tatsächlich Kriminalfälle unterschiedlicher Art (das bringt der Beruf eines Privatdetektivs ja konstitutiv mit sich), andererseits:

„Aber es gibt anscheinend in ganz Chicago auch keinen Patienten, der auf einen zweiundfünfziger Unterschenkel wartet. Zumindest steht niemand auf den Wartelisten der offiziellen Kliniken und der registrierten Ärzte. Vielleicht bei den CAPOs, sollten die keine eigenen Kliniken haben?“
„Die CAPOs!“ Timothy lachte, daß ihm fast die Tasse aus der Hand gefallen wäre. „Was sind Sie doch für ein braver Bürger, Edward! Sie glauben wohl alles, was über Video flimmert? Die CAPOs sind nichts als eine Erfindung cleverer Journalisten und Public-Relations-Manager.“
„Wollen Sie behaupten, der ganze Kampf gegen die CAPOs sein nur -“
„Ein Märchen“, ergänzte Timmothy, „eine hübsche Geschichte für naive Gemüter, damit die etwas zum Gruseln haben und nicht soviel über andere Dinge nachdenken.“
„Und die CASA NOSTRA, die MAFIA?“
„Das war einmal. Im vorigen Jahrhundert. Glauben Sie mir, Edward, es gibt längst keine Unterscheidung mehr zwschen saubern und schmutzigen Unternehmen. Zumal die Ausnutzung der heutigen Gesetze in der Regel mehr Geld einbringt als ihre Verletzung.

(S. 27)**

Ich weiß, völlig absurd. Als ob eine Welt existieren könnte, in der ein Popanz aufgebaut wird, um alle gesellschaftlichen Aktivitäten unter dem Argument der Sicherheit zu kontrollieren. Diese Literaten… *kopfschüttel*
Unabhängig davon aber, denn wie eingangs erwähnt, empfehle ich Prokop ja nicht, weil er essentiell Neues und Sensationelles zur Großen Frage beizutragen hat***, sondern vorrangig, weil er, ohne platt zu werden, Freude macht. Es steckt eine Menge Phantasie in diesem Band, durchaus mit einem Hang zum Absurden, es werden hier nicht nur Körperteile gestohlen, sondern auch freigewählte Todesarten diskutiert (mit interessanten Optionen) und Identitätsfragen auf diversen Ebenen durchdekliniert. Mhm. Wenn ich es mir recht überlege, stecken vielleicht doch ein paar Antworten oder zumindest ein paar sehr interessante Fragen in den sich harmlos gebärdenden Geschichten.

Derzeit lieferbar ist nur der Fortsetzungsband „Der Samenbankraub„. Die Kollegen und Kolleginnen im Antiquariat haben allerdings eine Auswahl

verschiedener Ausgaben

vorrätig.


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P.S. Eins noch:

Als Timothy schon im Mausoleum verschwinden wollte, räusperte sich Napoleon. Im Geber lag noch ein Streifen.
+ + aus der anleitung für die bedienung von electronicgehirnen + 12c3 merke: dein computer ist nicht allwissend + n. + + +

(S. 87)

* aus: Schnipsel. in: Werke und Briefe: 1932, S. 209. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 8925 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 10, S. 98)
**zitiert nach: Prokop, Gert: Wer stiehlt schon Unterschenkel. Das Neue Berlin. Berlin 2006
***Wobei auch das natürlich eine Frage der eigenen Welterfahrung ist. Ich möchte mitnichten ausschließen, daß sich hier ganz wunderbare Ansätze zum Weiter- und Neudenken finden lassen. Ein reines Plauderbüchlein ist es nun auch wieder nicht.

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