Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (79)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Aldous Huxley: Schöne neue Welt

Utopien sind eine sehr eigene Gattung menschlicher Schaffenskraft. Zum einen entsprechen Utopien dem menschlichen Geist wie kaum etwas anderes, denn in der Suche und dem Streben nach dem Besseren, Vollkommeneren, Perfekten offenbart sich die entscheidende Triebfeder der menschlichen Zivilisation. Zum anderen aber, und für diese These mag der heute empfohlene Roman einen Denkanstoß bieten, gibt es vielleicht nichts furchtbareres als eine wahr gewordene Utopie, eine wirklich und real existierende bessere Welt.

Ein grauer gedrungener Bau, nur vierunddreißig Stockwerke hoch. Über dem Haupteingang die Worte: BRUT- UND NORMZENTRALE BERLIN-DAHLEM. Darunter, auf einer Tafel, der Wahlspruch des Weltstaats: GEMEINSCHAFTLICHKEIT, EINHEITLICHKEIT, BESTÄNDIGKEIT.

(S. 20)*

Die schöne neue Welt erfüllt tatsächlich so einige langgehegte Menscheitsträume: Weltfrieden, lebenslange Gesundheit, Zufriedenheit aller mit sich und der Welt. Durch ein höchst augeklügeltes System wird jedem Menschen schon im Embryonalstadum sein späterer Platz im Gesellschaftssystem zugewiesen. Durch ein nicht weniger effizientes System werden sie im Kindesalter „genormt“, was den Effekt hat, daß sie sehr zufrieden mit ihrer Position sind und nie etwas anderes sein wollen als das, was sie eben sind.

„Hypnopädie ist das beste Mittel zur Stärkung der sittlichen und sozialen Gefühle, das es je gegeben hat.“
Die Studenten vermerken es in ihren Heften. Aus erster Quelle.
Der BUND drehte noch einmal an dem Knopf.
„-weil sie so schrecklich klug sind“, sagte die leise, eindringliche Stimme ohne Unterlaß. „Oh, wie froh bin ich, daß ich ein Beta bin-“
Nicht wie Wassertropfen, wenngleich Wasser Löcher in den härtesten Granit zu höhlen vermag, sondern eher wie Tropfen flüssigen Siegelwachses, die kleben, sich verkrusten und mit dem, worauf sie fallen, verschmelzen, bis der Felsblock ein einziger scharlachroter Klumpen ist.
„Bis schließlich der Geist des Kindes aus lauter solchen Einflüsterungen besteht und die Summe dieser Einflüsterungen den Geist des bildet. Und nicht nur den des Kindes, auch den des Erwachsenen – zeit seines Lebens. Der urteilende, begehrende abwägende Verstand – er ist aus diesen Einflüsterungen aufgebaut. Und alle diese Einflüsterungen sind unsere Einflüsterungen!“

(S. 43f.)

Na, unheimlich? Aber wenn ja, warum? Was ist daran unheimlich? Jedes dieser Kinder wird ein rundum zufriedenes Leben führen, jederzeit mit Freuden arbeiten und ebenso freudig konsumieren, um eines fernen Tages im Alter zwischen 60 und 70, nach einem krankheitsfreien, vitalen Leben zu sterben. Was kann man mehr wollen? Frieden, Gesundheit und Wohlstand für alle. Ist doch super.**
Es ist zu Huxley literarischer Qualität und vor allem zu seinen Motiven beim Schreiben dieses Werkes verschiedenes gesagt worden. Letztlich aber gilt für diese Utopie dasselbe, was für alle Utopien gilt: Ob die nun erstrebenswert sind oder nicht, liegt ganz allein im Auge des Betrachters. Nach meiner ganz persönlichen Sicht aber sollten Utopien lieber nicht Wirklichket werden, denn ihnen allen wohnt ein Absolutheitsanspruch inne, der mir zutiefst widerstrebt. Das liegt natürlich in der Natur der Sache, ein Ideal kennt keine Kompromisse.
Meine sehr wunderbare Englisch-Lehrerin (die ich heute aus durchaus anders gewichteten Motiven schätze als seinerzeit) bemühte sich sehr redlich, uns zu erklären, wie und warum es sich bei diesem Roman um eine Satire handele. Trotz einiger unverkennbarer satirischer Elemente, insbesondere bei der Charakterzeichnung seiner Protagonisten, kann ich mich dieser Einschätzung beim besten Willen nicht anschließen.*** Zumindest heute lese ich hier sehr viel mehr eine nahende Zukunftsvision, die sehr viel schneller und leichter Wirklichkeit werden kann. Eine Welt, in der weder Zensur noch Spionage nötig ist, weil sich jegliches Leben derart öffentlich und mit gegenseitiger sozialer Kontrolle abläuft, daß deviantes Verhalten unmöglich wird, scheint mir gar nicht so abwegig zu sein (nein, ich bin kein Fan der Postprivacy, aber dazu ein ander Mal mehr). Eine Welt, in der unsere einzige Aufgabe ist, bis ins hohe Alter glücklich und gesund zu sein und zu konsumieren – ist die so weit weg? Ist die so unmöglich?
Wie gesagt, ich weiß nicht, welche Motive Huxley bewogen, diese Vision zu entwerfen, es scheint einiges darauf hinzudeuten, daß er se weit weniger abstoßend fand als er späterhin bekundete, aber für mich wäre der Preis, den wir für eine perfekte Welt zahlen müßten, zu hoch (und dies ganz unabhängig davon, daß ich dies gar nicht so empfinden könnte, lebte ich in einer solchen).

„Ich fühle, ich könnte viel Bedeutenderes, Leidenschaftlicheres, Wirkungsvolleres leisten. Aber was? Was gibt es Bedeutungsvolleres zu sagen? Und wie kann man bei unseren herkömmlichen Themen Leidenschaft entwickeln? Worte können Röntgenstrahlen gleichen, wenn man sie richtig anwendet, können alles durchdringen. Man liest und ist durchdrungen. Das versuche ich immer, menen Studenten beizubringen. Wie schreibe ich durchdringen? Aber wozu in aller Welt ist es gut, von einem Artikel über einen Vereinigungschor oder über die neuesten Verbesserungen des Duftorgelbaus durchdrungen zu sein? Können denn überhaupt Worte durchdringend wie die stärksten Röntgenstrahlen sein, wenn man über solche Dinge schreibt? Kann man etwas über nichts sagen? Darauf läuft am Ende alles hinaus. Ich versuche und versuche…“

(S. 81)

Was in der schönen neuen Welt mit Zweiflern geschieht, verrate ich hier mal lieber nicht, auch nicht, warum es überhaupt welche geben kann, denn es soll ja noch Gründe geben, das Buch zu lesen. 😉
Aber eine Stelle möchte ich noch zitieren, weil sie sehr schön illustriert, daß jegliche Weltsicht immer nur eine Frage der Perspektive ist, es eine wahre, für alle gültige schöne und gute, lebenswerte Welt einfach nicht gibt:

Ein Heim, ein trautes Heim: ein paar enge Räume, zum Ersticken vollgepropft mit Bewohnern, als da waren: ein Mann, ein in regelmäßigen Abständen trächtiges Weib, eine Horde Jungen und Mädchen aller Altersstufen. Keine Luft, kein Platz: ein verseuchter Kerker; Finsternis, Krankheit, Gestank.

(S. 51)

„Du darfst wählen, aber du zahlst dafür.“ schließt Huxley sein Vorwort aus dem Jahr 1946. Wir sollten klug wählen.

Wenig Wahl läßt allerdings der deutsche Buchmarkt, der derzeit nur eine

lieferbare Ausgabe

bereithält.


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*zitiert nach: Huxley, Aldous: Schöne neue Welt. übersetzt von Herbert E. Herlitschka. Fischer Taschenbuch Frankfurt/Main. 66. Aufl. 2009
**Douglas Adams wirft im „Anhalter“ übrigens eine ganz ähnliche Frage auf, als er Arthur im Restaurant am Rande des Universums ein Tier treffen läßt, das aufgrund seiner Züchtung nichts lieber möchte als von ihm verspeist zu werden und ihm ganz ungeniert seine besten Teile empfiehlt.
***Und daß obwohl ich meiner hervorragenden Englisch-Lehrerin, die ich heute aus ganz anders gewichteten Motiven hoch schätze, seinerzeit so ziemlich überall hin gefolgt wäre. Im Übrigen konnte man anhand der Eigenart der Herlitschka-Übersetzung, Namen und Orte an Deutschland anzupassen, sehr gut erkennen, wer das Buch tatsächlich auf Englisch gelesen hatte. 😉

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