Äh, Gypten?

Die Welt konnte in den letzten Tagen und Wochen wieder einmal von Ägypten lernen. Das kommt in der Weltgeschichte immer mal wieder vor, dieses Mal wurde unter anderem ein für alle Mal die Frage „Wofür soll denn dieses Facebook gut sein, ist das nicht nur so eine Spielerei für computersüchtige Exhbitionisten?“ ins Abseits und in Hollywood drehen die Autoren vermutlich gerade frei, weil die Ideen zu „The Social Network 2“ gerade derart sprudeln, daß das Rothaargebirge vor Neid grün wird.
Mubarak ist nun also zurückgetreten und geflohen. Wie sich das für einen Diktator gehört, dahin, wo es schön ist. Auch wenn ich nicht ausschließen möchte, daß er das Hotel nochmal wechselt, glaube ich alles in allem aber, daß unterkommen wird.
Betrachtet man die hiesigen Reaktionen, scheint Ägypten so etwas wie das Gelobte Land geworden zu sein. Das war früher anders, da mußte man um jeden Preis aus Ägypten fliehen, um ins Gelobte Land zu gelangen (insofern verständlich, daß eben dort die Reaktionen etwas verhaltener sind)*. Ich mag ein Schwarzseher, Defaitist oder eine sonstige Spaßbremse sein: Aber kann mir ganz kurz jemand erklären, wieso es jetzt ein zu bejubelnder Durchbruch für Freiheit, Selbstbestimmung und Demokratie ist, wenn Ägypten jetzt von einer Militärregierung beherrscht wird?
Und es sei darauf hingewiesen, welche Freunde unserer Ordnung noch so alles jubeln. Die Offiziellen des Iran haben sich bereits sehr zeitig auf die Seite der Demonstranten gestellt (hier mal ganz kurz Küppersbusch, der aufzeigt, daß Werte an sich gar nichts Wert sind: „Ich bringe es bei aller „Selbstbestimmung“ nicht übers Herz, das Mullahregime Irans toll zu finden“), weil nämlich der Mubarak ja ein Freund des bösen Amerikas ist und nun das ägyptische Volk sich das endlich nicht mehr bieten lassen wolle. Ganz ähnliche Motive dürften wohl die gestern in Jubelfeiern in Gaza zusammengekommen Hamas-Fans haben, auch wenn die in ihrer Mubarak-Bewertung die Prioritäten eher auf den Israel- und, was wahrscheinlich noch schlimmer ist, Abbas-Freund legen.
Womit wir bei dem Grund wären, der mich derzeit wenig in die Jubelei hierzulande einstimmen läßt (den Ägyptern sei ihr Jubel gegönnt, ihnen ist dort wirklich etwas Großartiges gelungen). Es ist doch überhaupt nicht absehbar, was aus deser Revolution wird. Das wiederum könnten die Ägypter sehr gut von der Weltgeschichte lernen. Keine Gesellschaftsänderung ohne Konzept. Und nichts gegen die Idee, Mubarak loszuwerden, aber „Mubarak muß weg.“ ist kein Konzept (so wie „Hussein muß weg“ auch keines ist, aber das ist ein anderes Thema) – denn jetzt ist er weg und wir kommen zur vielleicht welthistorisch bedeutendsten Frage: „Und nu?“
Dem Sturm auf die Bastille folgten solche Freunde der Meinungsfreiheit wie Saint-Just und Robespierre, der Vertreibung Pahlavis der allsets beliebte ARD-Zuschauer Chomeini und ob die den Sturz der DDR-Regierung auslösende Bürgerrechtsbewegung nun tatsächlich Helmut Kohl als Erfüllung ihrer Sehnsüchte sah, wage ich zumindest in Frage zu stellen.
Die Lage in Ägypten ist derzeit noch viel zu unentschieden, um als Außenstehender tatsächlich schon Freude daran empfinden zu können. Was, wenn die Militärs Gefallen am Bestimmen finden (und berufsbedingt besteht da ganz ernsthafte Gefahr)***? Was, wenn die Islamisten mobilisieren, einen Gottesstaat an der Grenze Israels errichten und uns der Nahe Osten (und dann wahrscheinlich nicht nur der) endgültg um die Ohren fliegt? Oder was, wenn sich einfach ein neuer Kollege findet, der möglicherweise die Unterdrückung besser beherrscht? Sprich: Wenn eben die Leute zum Zuge kommen, die ein Konzept haben? So, wie das zu allen Zeiten stets und immer der Fall war, weil Herrschaft immer eine zugrunde liegende Idee braucht?
Hat sich irgendjemand der Jubelnden hier mal die Mühe gemacht, wenigstens ganz kurz die jüngere ägyptische zu rekapitulieren? Daß Nasser als Mitglied eines Offiziersclubs nach dem Sturz des Königs an die Macht kam, diese an einen Kollegen weitergab, woraufhin ein munteres Herrschermorden einsetzte, an dessen bisherigem Ende Mubarak steht? Es gleichzeitig nicht den geringsten Hinweis darauf gibt, daß das ausgerechnet jetzt anders werden soll?

Ich möchte hier nicht mißverstanden werden: Die Demonstranten des Tahrir-Platzes sind zu bewundern und zu beglückwünschen für ihre beeindruckende Leistung, für ihren Mut und für ihre Besonnenheit, allen Provokationen zum Trotz nicht zur Gewalt zu greifen. Und sie haben allen Grund und alles Recht, sich zu feiern.
Doch trotzdem war das erst der leichtere Teil der Aufgabe. Wenn in Ägypten wirklich eine andere Art der Herrschaft aufgebaut werden soll, dann beginnt die wahre Arbeit erst jetzt.
Und für uns hier, die wir bequem von zu Hause beobachteten und mit Hilfe von „Gefällt mir“ und #jan25 uns Revolutionärsattitüden anbastelten, sollte statt Freude Sorge vorherrschen. Denn was dort in Ägypten geschehen wird, ist noch lange nicht ausgemacht und ob es den Ägyptern, ihren Nachbarn und dem Rest der Welt nachher wirklich besser gehen wird, steht bestenfalls in den Sternen.


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Ja, ich weiß, daß das andere Ursachen hat, aber dann funktioniert der Witz nicht.
**Ganz unabhängig davon, daß dieses Muster derart oft vorkam, daß wir schon von einem Regelfall ausgehen dürfen.

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